# taz.de -- Theaterstück über Simson-Mopeds: Metall bebt, Druck wird Bewegung
       
       > In „Freiheit:Simson“ von Aron Boks und Janek Liebetruth geht es um die
       > Geschichte der Firma Simson. Die spiegelt das zerrupfte deutsch-deutsche
       > 20. Jahrhundert.
       
 (IMG) Bild: Born to be ost: Proben in Suhl zu Aron Boks' und Janek Liebetruths Stück „Freiheit:Simson“
       
       Auf der Simson-Schwalbe macht Paul irgendwann in den 1970ern rüber in den
       Westen – oder vielleicht auch nicht. Ganz erfährt man es nicht in
       [1][Charlotte Gneuß’ Roman „Gittersee“]. Vor einigen Jahren löste Gneuß’
       Debüt über eine Jugendliche im Visier der Stasi eine literaturkritische
       Debatte aus. Ob Gneuß, nach 1990 in Westdeutschland geboren, überhaupt
       authentisch berichten könne über das Leben in der DDR. Wird der Osten zur
       westdeutschen Erfindung?, fragte dann die FAZ.
       
       Blicken wir aufs Detail, auf die DDR-Mopedmarke Simson. Sie hat jenes
       knatternde, röhrende, heute noch greifbare Produkt des DDR-Alltags
       hervorgebracht. Die ist zwar keine Erfindung, aber in diesem Objekt bündeln
       sich alle möglichen Projektionen auf den Osten: [2][Ulrich Siegmund machte
       auf einer AfD-blauen Simson-Schwalbe Wahlkampf in Sachsen-Anhalt], Björn
       Höcke beschwor mit der sportlichen Simson S50 in Thüringen den ostdeutschen
       „Way of Life“.
       
       In der Dinghaftigkeit dieser längst nicht mehr produzierten Retro-Simsons,
       mit denen man einst an die Ostsee fuhr oder auch Republikflucht beging,
       scheint man das Eigentliche von einem Leben zu finden, das in der
       Vergangenheit eines Staates liegt, den es nicht mehr gibt. Die Rechten
       wissen das für ihre Propaganda zu nutzen.
       
       „Ein Funke schlägt in die Enge des Brennraums (…) Das Gemisch zerreißt
       sich, drückt, hämmert, treibt den Kolben hinab. Alles ist geschlossen,
       alles konzentriert sich auf diesen einen Stoß nach unten. Metall bebt.
       Druck wird Bewegung“. Mit dieser erotischen, brachialen Hymne auf das Moped
       beginnt das Theaterstück „Freiheit:Simson“. Es ist eine Textmontage aus
       O-Tönen, Aktenauszügen der Stasi, der Treuhand, TV-Mitschnitten,
       Archivdokumenten. Und es ist der Versuch einer Aufklärung über die
       verklärten Simsons.
       
       ## Familienname von AfD für rechte Propaganda missbraucht
       
       Geschrieben haben „Freiheit:Simson“ [3][Aron Boks, Schriftsteller und
       taz-Autor], und der Theaterregisseur Janek Liebetruth. Simson-Fans, die
       einfach nur Moped fahren wollen und nichts wissen wollen von seiner
       politischen Instrumentalisierung, kommen vor, Werksarbeiter:innen, die noch
       zu DDR-Zeiten Simsons produziert haben, ein Vertragsarbeiter aus Mosambik
       auch – „Ich war mal in der Diskothek und habe ein Mädchen kennengelernt.
       Dann kamen drei, fünf Heranwachsende. Da fielen dann die N-Worte“, zitiert
       ihn die Schauspielerin Chenoa North-Harder bei den Proben zum Stück, es
       geht um die späten 1980er.
       
       Auch Dennis Baum hat Aron Boks für „Freiheit:Simson“ getroffen. Der in den
       USA lebende Nachfahre der jüdischen Simson-Familie, der sich heute dagegen
       wehrt, dass die AfD seinen Familiennamen für ihre rechte Propaganda
       missbraucht. „Freiheit:Simson“ beschreibt die ganze irre
       Unternehmensgeschichte von Simson. Und die wiederum erzählt viel über das
       zerrupfte deutsch-deutsche 20. Jahrhundert. Boks und Liebetruth bringen das
       Stück in der thüringischen Stadt Suhl auf die Bühne, Premiere ist am Abend
       vorm Tag der Deutschen Einheit, Freitag, der 2. Oktober.
       
       Suhl, das ist der Ort, wo die jüdischen Unternehmer Löb und Moses Simson
       1856 ihre Firma gründeten, die zunächst Jagd- und Militärwaffen herstellte,
       später Autos, Fahrräder und Kinderwagen. Als einziges Unternehmen konnte
       Simson in der Weimarer Republik die geschrumpfte Reichswehr mit Handwaffen
       beliefern. So überstand die Firma die Wirtschaftskrise, wuchs in den 1930er
       Jahren gar zu einem kilometerlangen Fabrikationswerk am Rande Suhls an. Das
       wurde zu DDR-Zeiten dann das „VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Ernst
       Thälmann Suhl“.
       
       ## DDR-Garagen und Treuhandanstalt
       
       Heute, zwischen den monumentalen Betonstelen der Talbrücke Hasetal und
       einer geradezu anarchischen Ansammlung aus DDR-Garagen, hochpolierten
       Fachwerkhäusern mit gestutzten Buchsbäumen im Vorgarten und
       Ramschimmobilien sind die ehemaligen Simson-Werke in Besitz der
       Gesellschaft zur Entwicklung und Sanierung von Altstandorten mbH, kurz
       GESA. Die geht zurück auf die frühen 1990er Jahre und die Treuhandanstalt.
       
       Boks und Liebetruth zeigen die Treuhand als überforderte
       Abwicklungsbehörde. Tatsächlich ließ sie 1991 den Betrieb auf dem
       Simson-Gelände einstellen, nach einigen Rettungsversuchen schließt er 2003
       ganz. Heute sind die alten Simson-Werke ein Gewerbepark, wie er in der BRD
       erfunden wurde. Für eine erhoffte, noch kommende Dienstleistungsindustrie
       modulierte man das Gelände um, peppte es einladend mit ein paar
       Event-Architekturen auf – breite Vordächer aus knallbunt beschichtetem
       Stahl, Infotafeln. So was sieht man häufig in Suhl.
       
       Vor den riesigen Plattenbauten etwa. Oder an der Kongresshalle im
       Stadtzentrum, der einstigen Stadthalle der Freundschaft. Mitte der 1970er
       Jahre, nachdem die SED Suhl zur Bezirkshauptstadt erklärt hatte, ließ der
       prominente DDR-Architekt Hermann Henselmann den historischen Stadtkern nach
       sozialistischen Idealen vollkommen umgestalten: Hochhausscheiben, Centrum
       Warenhaus, großer Aufmarschplatz und dazu die kreisrunde, fast schon an das
       New Yorker Guggenheim Museum erinnernde Stadthalle.
       
       Heute würde man solch eine Architektur wieder als ostmodernes Kulturerbe
       schätzen, nur leider hatte Henselmann es auch im Dienste eines Regimes
       geplant, das man in den 90ern schnell hinter sich lassen wollte. Bald hat
       man in Suhl seine sozialistische Moderne mit jener fröhlichen
       „Alles-ist-möglich“-Architektur der Wendezeit überformt, den Beton bunt
       überputzt, der Stadthalle einen postmodern lustigen Glaskegel aufgestülpt
       und ein zackiges Foyer aus Stahlstreben vorgesetzt. All das ist
       mittlerweile in die Jahre gekommen. Die architektonischen Schichten in Suhl
       sind auch die Schichten verstaubter, gesellschaftlicher Versprechungen.
       
       ## Kawasaki oder Vespa? – Nope
       
       Im GESA-Gewerbepark zumindest wollten bis heute die erhofften
       Dienstleistungsbetriebe der neuen gesamtdeutschen Marktwirtschaft nicht
       wirklich einziehen, vielmehr treffen sich dort nun Moped-Fans und brausen
       mit ihren Simsons entlang der Fertigungshallen. Ausschließlich Simson, wie
       eine Jugendliche betont, die bei den Proben für „Freiheit:Simson“ dabei
       ist. Kawasaki oder Vespa? – Nope.
       
       Die Retro-Mopeds der Marke kosten mittlerweile viele Tausender auf dem
       Gebrauchtmarkt. Dank der GESA können Boks und Liebetruth ihr Stück im
       Kultursaal der Simson-Werke aufführen. In seiner Holzvertäfelung, den
       schweren roten Vorhängen und Volkspalast-artigen Bronzekronleuchtern hängt
       noch die DDR-Luft.
       
       „Eine jüdische Waffenfabrik, die der größte Arbeitgeber in der Region ist?
       Das war den Nazis ein echter Dorn im Auge“, schreibt die Historikerin
       Ulrike Schulz über das Unternehmen Simson. 1935 wurden die Simsons von den
       Nazis enteignet. Fritz Sauckel, Gauleiter von Thüringen und
       Reichsstatthalter, „Partei und Staat in einer Person“, wie er im Stück
       auftaucht, hatte die Simsons vor Gericht gebracht und enteignen lassen.
       1936 floh die Familie ins Exil. Die Nazis übernahmen die Werke und stellten
       während des Zweiten Weltkriegs die Produktion komplett auf Waffen um.
       
       ## Der „Dampfhammer“ Simsons
       
       Nach der Kapitulation demontierten die Sowjets erst einmal die
       Rüstungswerke. Und sie erteilten einen Befehl: Es sollte ein
       seitenwagentaugliches Motorrad mit 250-cm³-Viertaktmotor gebaut werden.
       Folglich rollte aus den Simson-Werken 1950 die AWO 425. Man nannte sie auch
       „Dampfhammer“. Der aerodynamische Tank, die kreisrunden Scheinwerfer, der
       weit nach vorn gespreizte Chromlenker – eine KI würde sich heute James Dean
       auf genau so einem Gefährt für die amerikanischen Fifties
       herbeihalluzinieren.
       
       1953 bekam der mittlerweile in den USA lebende Ewald Meyer, dem die Nazis
       1935 noch die Simson-Werke abgezwungen hatten, einen Anruf aus Suhl: Der
       jetzt volkseigene Betrieb wollte den Markennamen Simson kostenfrei für
       sämtliche Mopeds aus Suhler Produktion verwenden. Und so landete der
       Simson-Schriftzug nicht nur auf dem „Dampfhammer“, sondern auf allen
       feschen Mopeds bis zur Werksschließung 2003. Er war auch, nunmehr in
       dicken, farbigen, serifenlosen Lettern auf dem Modell S50. Das ging 1975 an
       den Start, sah besonders motorradähnlich aus, war in der DDR bei
       Jugendlichen beliebt.
       
       Die AfD stellte noch vor wenigen Wochen im Bundestag den Antrag, die
       TÜV-Zulassung für ebendieses Modell zu erleichtern. „Das technische und
       kulturelle Erbe des wiedervereinigten Deutschlands schützen“ forderte sie
       im Titel ihres Antrags. Im Theaterstück markiert die S50 eine Zeit der Enge
       – Materialknappheit, Planwirtschaft. Die Werke wurden von der Stasi
       durchleuchtet. Es war auch ein offenes Geheimnis, dass dort Teile der
       Kalaschnikow hergestellt wurden.
       
       Dennis Baum, der heute 80-jährige Simson-Nachfahre, hatte nach der Wende
       noch versucht, mit der Treuhandanstalt über eine mögliche Rettung der
       Simson-Firmen in der Marktwirtschaft zu verhandeln. Dazu kam es nicht – der
       Prozess mündete nach vielen Jahren in einer großen Restitution. Doch hatte
       es Baum damals vor allem auf die Sport- und Jagdwaffenfertigung abgesehen.
       „Den Versuch zu unternehmen, das Motorradgeschäft wiederzubeleben, oder das
       Fahrzeuggeschäft, das wäre verrückt. Zum Scheitern verurteilt“, wird er im
       Theaterstück zitiert. – Niemand wollte in den 90ern die alten Maschinen und
       neu entworfene Nachfolgemodelle gleich gar nicht. Wer hätte gedacht, dass
       die Simsons noch zum Mythos werden konnten.
       
       2 Oct 2026
       
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