# taz.de -- Essay über die Macht der AfD: Das Ganze ist wieder das Unwahre
       
       > Das Momentum liegt auf der Seite der Rechten. In dieser Lage die
       > Hoffnungen auf den politischen Betrieb zu richten, springt zu kurz.
       
 (IMG) Bild: Falsche Normalität: AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund (Mitte, aber in Wirklichkeit ganz rechts) im Kreise seiner Anhänger
       
       Noch die düsterste, auf die Lage der Dinge wütendste, angepissteste oder
       auch traurigste Einlassung auf den sozialen Medien transportierte vor der
       Landtagswahl in Sachsen-Anhalt untergründig eine Hoffnung: die Hoffnung,
       gehört zu werden. Und dass es etwas bewirkt, womöglich sogar einen
       Unterschied macht, wenn dieses Statement gelesen, gehört, verstanden wird
       und auf Resonanz stößt. Sonst müsste man es ja gar nicht ins Handy tippen.
       
       Doch das geschah nicht, kein Gehörtwerden, jedenfalls nicht aufs Ganze
       gesehen. Mit viel Einsatz konnten zwar die Grünen über die Fünfprozenthürde
       gehievt werden, die absolute Mehrheit konnte gerade so verhindert werden.
       Doch das Verhängnis des Wahlergebnisses ist da und geht so leicht nicht
       wieder weg.
       
       Das Ganze scheint die vielfältigen klugen kritischen Interventionen – die
       Aufklärung über das völkische Gesellschaftsbild, die Analysen des
       hanebüchen reaktionären Kulturprogramms der AfD – einfach zu schlucken. Als
       zählte Aufklärung gar nicht. Mehr noch, als könnte die von der AfD gesetzte
       Realität kritische Analysen schlicht umdrehen, sich von ihnen geradezu
       nähren.
       
       ## Aufklärung? Scheißegal
       
       Am deutlichsten beobachtbar war das bei diesem kritisch gemeinten
       [1][Spiegel-Titel] zu Ulrich Siegmund („Der gefährlichste Mann
       Deutschlands“), das die AfD im Wahlkampf für sich nutzen und als Fetisch
       und Fanartikel einsetzen konnte. Es wurde dem Mann von seinen Anhängern
       freudestrahlend zum Signieren hingehalten. Den AfD-Wählern war all die
       Aufklärung nicht nur scheißegal, sie wollten genau das antiaufklärerische
       Gegenprogramm.
       
       Ähnliches gilt jetzt nach der Wahl für Überschriften in den Zeitungen, die
       mit dem Begriff „Ernstfall“ prunken. Es stimmt zwar, jetzt ist der
       Ernstfall. Aber wer sich überlegt, wie gern AfDler das selbst hören, wird
       diese Analyse nicht ganz so schmetternd als Clickbait herumposaunen.
       
       Es hilft eben alles nichts, das Ganze der AfD-Realität ist geschlossen.
       Interne Machtkämpfe, Verfassungsfeindschaft, realitätswidrige Aussagen,
       alles wurscht. Da ist kein Spalt, an dem Kritik diesem Ganzen etwas anhaben
       könnte. Dieses Ganze ist unwahr und [2][gleichzeitig immens real.]
       
       ## Intellektuelle Verzweiflung
       
       „Das Ganze ist das Unwahre“ lautet ein Satz des Philosophen [3][Theodor W.
       Adorno.] Er ist viel zu abstrakt, um direkt für eine konkrete Analyse der
       Gegenwart zu taugen. Doch man sollte ihn wieder im Hinterkopf haben, und
       sei es als Hintergrund oder als Rahmen, in den sich die Analysen einfügen
       ließen.
       
       Der Satz kommt aus den Höhen der Philosophiegeschichte – eine Umkehrung von
       Hegels Diktum „Das Ganze ist das Wahre“ –, und er transportiert in all
       seiner Düsternis eine intellektuelle Verzweiflung nach dem Holocaust und
       dem Umschlagen von Aufklärung in Barbarei im Nationalsozialismus, wie
       Adorno das nannte.
       
       Nach den 1968er Unruhen entfaltete der Satz in der alten Bundesrepublik
       eine immense Breitenwirkung. Hoch und runter wurde er in den (damals noch
       verrauchten) WG-Küchen und Studentenkneipen diskutiert. Mit ihm ließ sich
       die irritierende Erfahrung verarbeiten, dass der Kapitalismus in der Lage
       war, noch die grundsätzlichste Kritik an ihm zu seiner eigenen
       Modernisierung zu nutzen.
       
       Die Gegenkultur wurde nicht mehr als Bedrohung der öffentlichen Ordnung,
       sondern als kapitalisierbare Bereicherung gesehen. Kritik war nicht mehr
       etwas, was der Macht gegenübertrat, sie wurde ein Motor des
       flexibilisierten Kapitalismus selbst. Im Rahmen dessen wurden soziale
       Bewegungen ins System integriert. Und die Individuen bekamen mehr
       Freiheiten, mussten sich dafür aber auch mehr selbst disziplinieren.
       
       ## Aktuelles Lebensgefühl
       
       So richtig verblasste der Satz erst nach 1989. Er passte nicht zur
       Aufbruchstimmung nach dem Mauerfall und dem Ende der Zweiteilung der Welt
       in Ost und West, mit der auch immer die Drohung eines nuklearen Overkills
       im Atomkrieg verbunden gewesen war. In Essays und Romanen, etwa bei Michael
       Kleeberg, wurde David Bowies Hit „Let’s dance“ als aktuelleres Lebensgefühl
       gesehen und gegen Adornos Negativität ausgespielt.
       
       Gleichzeitig wurde das Ganze kleinteilig dekonstruiert. Es wurde auf der
       linken Seite zu einem Patchwork der Minderheiten, das allerdings nie recht
       zusammenpasste und in seine Einzelteile zerfiel. So dass in der Gegenwart
       das Ganze als Negatives zurückgekommen sein mag, so ungenau diese Analyse
       erst einmal auch ist, ohne dass sich ein positiv besetzbares Ganzes
       dagegenhalten ließe.
       
       Regenbogenbunt sein und den Zusammenhalt beschwören reicht allein
       offensichtlich leider nicht, so bedeutsam es für den Gefühlshaushalt der
       Communitys ist (was nicht zu unterschätzen ist). Das Bild einer bunten
       Gesellschaft kommt gegen das unwahre Ganze nicht an, solange es dem – mit
       freundlicher Unterstützung der angeblichen Mitte (Regenbogenflaggen vom
       Reichstag nehmen, NGOs wegkürzen) – leichtgemacht wird, Marginalisierte als
       linksgrün versifft zu denunzieren.
       
       Dazu, den Ernst der Lage zu erkennen, gehört es, das unwahre Ganze als real
       und wirkmächtig anzuerkennen. Die Rechten reagieren nicht einfach, sie
       sind, wenn sie es je gewesen sind, längst keine Opfer des Sozialabbaus,
       einer angeblich verfehlten Migrationspolitik, eines angeblichen
       Medienversagens mehr. Vielmehr sind sie etwas Aktives, und sie haben das
       Momentum. Aus der Mischung aus von den Tech-Bros gekaperten sozialen
       Medien, einem weltweiten Trend zum Autoritarismus, zu Vibeshift-Fantasien,
       Neoliberalismus, überkommenem Rassismus und jahrelanger kulturkämpferischer
       Kärrnerarbeit durch AfD-Kader hat sich aktiv etwas entwickelt. Und es hat
       sich längst verselbstständigt.
       
       ## Beschwörungen der Mitte
       
       In dieser Lage die Hoffnungen auf den politischen Betrieb zu richten,
       springt zu kurz. So sehr Friedrich Merz zur aktuellen gesellschaftlichen
       Krise beigetragen haben mag [4][(Stadtbilddebatte] und anderes) – ob er nun
       Kanzler bleibt oder nicht, ist bedeutsam für die Sozialpolitik, die
       Außenpolitik und für die CDU, aber an dem Momentum für die AfD wird das
       nichts ändern.
       
       Wahrscheinlich ist das gesellschaftliche Subsystem Politik mit seinem Zwang
       zu kurzfristigen zweckrationalen Lösungen allein sowieso keine passende
       Basis, um angemessen verzweifelt auf die Lage zu reagieren. Hört man nicht
       bei den Beschwörungen der „Mitte“ die Weidels leise kichern?
       
       Man sollte schon auch in den Blick nehmen, was alles zum Momentum der
       Rechten und Rechtsradikalen beiträgt. Dass Kritik verpufft und all die
       vielen Sachbücher, in denen die AfD mit allem soziologischen und
       politikwissenschaftlichen Besteck durchanalysiert wird, nichts bringen, hat
       auch damit zu tun, dass die Geisteswissenschaft insgesamt gegenüber den
       technisch-mathematischen Zweigen abgewertet werden.
       
       Mit ihrem gebannten Blick aufs rechte Personal, durchaus gelegentlich von
       einer Faszination des Bösen getrieben, haben auch viele Medien an der
       Realität des unwahren Ganzen gezimmert. Und die User dieser Medien
       verstärken das noch, indem sie darauf starren, was Weidel, Siegmund,
       Tillschneider, Trump, Musk und so weiter jetzt schon wieder gemacht haben.
       
       Damit längst noch nicht genug. Viele Verantwortliche der
       öffentlich-rechtlichen Medien lassen es zu, dass es die Rechten sind, die
       bestimmen, was als politisch neutral gilt, wobei, zumindest untergründig,
       schon der Einsatz für Demokratie und Minderheitenrechte als links
       konnotiert wird. Noch das empörteste Posting im Netz, auf welcher Plattform
       auch immer, füttert ein System der sozialen Medien, das nicht nur
       kapitalisierbar und manipulierbar ist, sondern von den Rechten geschickt
       zur Setzung ihrer falschen Realität verwendet werden kann. Und warum auch
       viele Leute, die auf der einen Seite Fake News beklagen, auf der anderen
       Seite ausgerechnet KI-Tools zum Nachschlagen verwenden, ist sowieso ein
       Rätsel.
       
       ## Solidarität mit den Betroffenen
       
       Das unwahre Ganze affiziert die Gesellschaft im Ganzen und verstrickt die
       Einzelnen in Widersprüche – das ist das, was es nun einmal tut. Klar, Ärmel
       hochkrempeln, Dagegenhalten, Mobilisieren, Bündnisse schließen,
       Antifa-Arbeit vor Ort, dichtes Beschreiben, wie es zur rechten Hegemonie in
       Teilen unserer Gesellschaft kam und so weiter, das muss jetzt alles sein.
       Aber ein Moment von intellektueller Verzweiflung angesichts der massiven
       Realität des unwahren Ganzen gehört auch dazu. Es ist auch eine Form der
       intellektuellen Solidarität mit den Betroffenen: all den Menschen, die
       ausgegrenzt werden sollen und denen ihr Existenzrecht in dieser
       Gesellschaft, ihre Lebensweise oder ihre Identität abgesprochen werden
       sollen.
       
       Man wird den Rechten das Momentum nicht gleich wieder entreißen können; so
       schnell geht das nicht. Aber vielleicht gelingt es, bei sich zu bleiben und
       sich von ihnen nicht vor sich hertreiben und in den Bann schlagen zu
       lassen.
       
       12 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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