# taz.de -- Sean Scully im Kunstmuseum Magdeburg: Der Geist kann in Farben leuchten
> Das Kunstmuseum Magdeburg zeigt Sean Scully. Seine abtrakte Malerei lässt
> ins Schwärmen geraten, auch weil in ihr ein tiefer Humanismus steckt.
(IMG) Bild: Sean Scully, „Wall 3“ von 2017, Öl auf Kupfer
Magdeburg. Drei Tage Kaiser-Otto-Fest rund um den Tag der Deutschen
Einheit. Auf dem Domplatz, vor dem Landtag Sachsen-Anhalts. Wer
mittelalterlich kostümiert erscheint, erhält freien Eintritt. Ist das der
Vorbote einer neuen Kulturpolitik, Stichwort: #deutschdenken? Das Fest gibt
es seit 2010. Und Otto der Große (912–973) war, trotz lokaler Bedeutung,
ein Herrscher gewichtigeren Formats.
Als seine sterblichen Überreste noch wenigen Wochen nach der Sanierung
seiner Grablege im Dom feierlich wieder beigesetzt wurden, warnten
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) und
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) in ihren Wortbeiträgen vor
seiner Vereinnahmung für ideologische Zwecke. Weimer sah Otto in erster
Linie als Europäer: Ottos Staatsbild sei nicht völkisch, sondern
christlich-inklusiv gewesen.
Einen Steinwurf vom Dom entfernt liegt das ehemalige Kloster Unser Lieben
Frauen, sein vornehmlich romanischer Bau wurde bereits in der DDR zum
Kunstmuseum der Stadt Magdeburg ausgebaut. Seit 2001 wird es von der
Kunsthistorikerin Annegret Laabs, gebürtig aus Eisleben, geführt, mit
dezidiertem Schwerpunkt auf internationaler Kunst der Gegenwart. Derzeit
wird in einer großen thematischen Ausstellung der aus Irland kommende,
zwischen Großbritannien, Deutschland und den USA lebende Künstler Sean
Scully präsentiert.
Die Ausstellung ist keine Retrospektive des 1945 geborenen [1][Scully, wie
etwa vor einem Jahr in Hamburg]. Vielmehr widmet sie sich seiner
Beschäftigung mit der Farbe, als Ausdrucksträger auch der Emotionen. Der
Rundgang, kongenial in den vier Obergeschossflügeln des Kreuzgangs
inszeniert, beginnt so karg und monumental wie die Architektur der Räume.
Scully setzte rund vier Meter lange Triptychen aus seiner 2008 begonnenen
Serie der „Dorics“ an den Anfang. Sie zeigen verschachtelte, horizontal und
vertikal ausgerichtete Blöcke aus Farbfeldern, die für ihn die Proportionen
und Materialität griechischer Architekturen widerspiegeln.
## Griechenland und Aluminium
Scully ist fasziniert von Griechenland, das Werk somit eine Hommage, denn
er sieht in Athen die Wiege unserer Demokratie und gemeinsamer
humanistischer Werte. In subtilen Farbskalen dekliniert er Grautöne durch:
Im ersten Triptychon sind es kalte, in zweiten erdig warme. Dann kommt ein
Grau, in dem man meint, es beinhalte immer noch etwas Rot. Und dann sind es
sehr dunkle Grauwerte. Alle Grautöne sind in mehreren übereinander
gelagerten Farbaufträgen entstanden.
Als Trägermaterial dient Aluminium, das nur die Textur des Farbauftrags
zulässt, also kein materielles Eigenleben wie etwa die Leinwand entwickelt.
Das glatte Metall verleiht den Farben eine leichte Reflektion, lässt sie
aus ihrem Inneren heraus leuchten.
## Nie ein vollkommenes Schwarz
Aber Scully geht noch weiter: Die Farben entwickeln sich erst im Licht, im
Raum und aus ihrer Entstehung. Ein Schwarz etwa, das über ein Gelb
aufgetragen wird, kann nie ein vollkommenes Schwarz werden. Es bleibt immer
ein Schwarz mit gelber Vorgeschichte. Eine direkt physisch spürbare
Intensität geht von den Arbeiten aus, man geht magisch angezogen vor ihnen
auf und ab, lässt die Tonwerte, Texturen und besonders die Komposition auf
sich wirken.
Diese lässt waage- und senkrechte Begrenzungslinien, ohnehin offengehalten
und den Untergrund durchblitzen lassend, nie plump aufeinander einrasten.
Immer sorgt der minimale Versatz für leichte Irritationen. Scully zeigte
sechs seiner „Dorics“ erstmals 2012 in Athen, sah sie als Kommentar zu dem
damals von einer Finanzkrise und starken Sparpolitik gebeutelten
Griechenland.
Wer also meint, abstrakte Kunstformen kreisten nur selbstverliebt um ihre
eigenen Formalismen, wird durch Sean Scully eines Besseren belehrt. Seine
Serie „Wall of Light“, darunter auch seine in der Ausstellung gezeigte
„Königin der Nacht“ von 2003 mit intensiven Gelb-, Orange- und Rottönen,
verarbeitet das Kolorit Mexikos sowie das starke Spiel von Licht und
Schatten auf den Ruinen seiner Maya-Architekturen.
Oder sein Selbstversuch, in dem fünfteiligen Auszug aus „The 12
(Landline)“: Scully blickt von der Küste Irlands Richtung Amerika. Der
Horizont ist nicht klar auszumachen, er oszilliert zwischen Erde, Meer und
Himmel. Kaum verwunderlich, dass Scully die elementare Naturgewalt des
Lichts stets auch metaphorisch interpretiert, als Ausdruck unserer
gegenwärtigen Hoffnung und unserer zukünftigen Möglichkeiten, die er
„solide in Stein“ zu manifestieren wünscht. Wie wäre es denn: statt einer
Brandmauer besser eine Mauer aus Licht?
## Nietzsche kontern
Unter den ausgestellten 32 großformatigen Werken befindet auch sein
figurativer und farbfroher, an einen deutschen Expressionismus erinnernder
Zyklus „Eleuthera“ von 2016/17. Er zeigt den damals siebenjährigen Sohn
Scullys beim Spiel am Strand auf der gleichnamigen Bahamas-Insel. In
Seitenkabinetten lassen sich kleinformatige Skizzen, Vorstudien und viel
Assoziatives entdecken. So auch der Hinweis, dass der von Scully verehrte
[2][französische Ozeanforscher Jacques Cousteau] ebenfalls die Insel
Eleuthera liebte.
Direkt daneben hängt ein Blatt zu Friedrich Nietzsche. Dieser meinte, die
Ordnung der Welt lässt sich nicht erfassen. Scully kontert selbstbewusst,
dass er es zumindest versucht, im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen.
Vielschichtig, tiefgründig, humorvoll, intellektuell fordernd ist die Kunst
des Sean Scully, geht weit über eine pure Ansprache durch Farbe, Format,
Motiv hinaus. Nichts für schlichte Gemüter – und umso hellsichtiger, sie
gerade jetzt und hier in Magdeburg zu zeigen.
5 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Bettina Maria Brosowsky
## TAGS
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(DIR) Abstrakte Malerei
(DIR) Phänomenologie der Kunst
(DIR) Magdeburg
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