# taz.de -- Windexpertin kritisiert Reiches Reform: „Der erfolgreiche Windenergieausbau wird bestraft“
> Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbands WindEnergie, über
> Katherina Reiches Energiepolitik und den rechten Kulturkampf gegen
> Windkraft.
(IMG) Bild: Vom Winde verweht: Windpark auf ehemaligem Braunkohletagebau bei Cottbus
taz: Frau Heidebroek, Sie warnen davor, dass
[1][Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU)] den Ausbau der
Windenergie mit zwei zentralen Vorhaben ausbremst: mit der Reform des
Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und mit dem sogenannten Netzpaket.
Diese Woche finden die Fachanhörungen im Bundestag dazu statt, Mitte
Oktober sollen sie verabschiedet werden. Was ist das Problem?
Bärbel Heidebroek: Bundeswirtschaftsministerin Reiche sagt, mit den
Gesetzespaketen werde die Energiewende kosteneffizient gemacht und man
wolle den Ausbau der Erneuerbaren auf keinen Fall bremsen. In Wahrheit
geschieht aber das Gegenteil: Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag, wie eine
sinnvollere Nutzung der Netze oder mehr Digitalisierung, fehlen in ihren
Gesetzentwürfen. Stattdessen heißt es nun: Es gibt bestimmte Gebiete, in
denen der Netzausbau nicht ausreichend stattgefunden hat. [2][In diesen
sollen Windenergieanlagen bei einer Abschaltung keine Entschädigung mehr
wie bisher bekommen.] Der erfolgreiche Windenergieausbau wird also
bestraft, weil der Netzausbau nicht Schritt gehalten hat.
taz: Das ist der sogenannte Redispatch-Vorbehalt, einer der umstrittensten
Punkte der Energiereform: Heute bekommen Windradbetreiber:innen eine
Entschädigung, wenn die Anlage abgestellt wird, etwa weil das Netz keinen
Strom mehr aufnehmen kann. Das soll sich ändern. Warum ist das schlecht?
Heidebroek: Dann werden Windenergieanlagen unwirtschaftlich. Wenn
Betreiber:innen auf bis zu 20 Prozent der Einnahmen ersatzlos
verzichten müssen, können viele Projekte nicht mehr realisiert werden. Denn
Banken sind dann nicht mehr bereit, sie zu finanzieren. Außerdem soll es
bundesweit eine sogenannte Wirkleistungsbegrenzung geben. Das heißt, es
soll nicht mehr die gesamte Kapazität eines Windparks ans Netz
angeschlossen werden dürfen. Das soll schon ab 2027 gelten, also auch für
Projekte, die unter anderen Voraussetzungen geplant und finanziert wurden.
Wenn Gesetze rückwirkend in Investitionen eingreifen, dann bekommen wir
eine absolute Investitionsunsicherheit. Das ist nicht akzeptabel.
taz: Aber muss das Problem der fehlenden Netzkapazitäten nicht gelöst
werden?
Heidebroek: Wir können das intelligenter lösen. Aktuell dürfen wir den
Strom, der im Netz nicht transportiert werden kann, gar nicht erst
erzeugen. Wir dürfen ihn nicht nutzen und auch nicht speichern. Das ist ein
Punkt, den wir überhaupt nicht verstehen. Nutzen wir Speicher, kann Strom
aus Erneuerbaren bei Bedarf ins Netz eingespeist werden und so den
Strompreis senken. Aber das wird uns verboten. Die neuen Gesetze werden an
diesem Irrsinn nach derzeitigem Stand auch nichts ändern.
taz: Wäre das technisch möglich?
Heidebroek: Ja, das wäre es. Das bestätigen uns auch Netzbetreiber. Sie
bräuchten dafür einen neuen Prozess. Das ist also Arbeit, die gescheut
wird.
taz: Speicher, die Energie bei Bedarf abgeben, würden das Stromsystem
resilienter machen. Warum ist Frau Reiche dagegen?
Heidebroek: Es bedeutet einen gewissen Aufwand für die Netzbetreiber. Wenn
alles so bleibt, wie jetzt vorgesehen, ist das für sie also einfacher. Wir
verstehen nicht, warum Frau Reiche nicht sagt: „Ihr dürft euch neue
Geschäftsmodelle überlegen, Speicher integrieren und Abnehmer direkt
versorgen.“ Das wäre ja etwas, wovon eine gesamte Region profitieren würde.
Es ist absolut unverständlich, warum die Ministerin hier blockiert.
taz: Gibt es Anzeichen, dass der Bundestag diese Regelung noch ändert und
Speicher an Windrädern zulässt?
Heidebroek: Ich hatte noch nie so viele Gespräche mit Abgeordneten wie in
den vergangenen sechs Monaten. Wir sehen, dass auch bei den
Parlamentarier:innen an vielen Stellen Unverständnis über das
Gesetzespaket und Offenheit für Änderungen besteht. Wir haben ja alle ein
gemeinsames Ziel: Wir wollen die Energiewende und den Wirtschaftsstandort
stärken. Es wird aber noch zu oft ein Gegensatz aufgemacht zwischen
erneuerbaren Energien und Industrie. Den gibt es in Wahrheit nicht. Im
Gegenteil: Wir können die Industrie in Deutschland nur halten, wenn wir
über die Erneuerbaren intelligent mit Batteriespeichern und Flexibilitäten
kostengünstigen und verlässlichen Strom erzeugen.
taz: Das Bundeswirtschaftsministerium sagt, die Stromversorgung ist nicht
dazu da, den Betreibern von Windrädern zweistellige Renditen zu
garantieren.
Heidebroek: Die Zeiten so hoher Renditen sind längst vorbei. Früher hat das
EEG für hohe Erlöse gesorgt, wie es bei jeder Anschubfinanzierung für eine
neue Technologie der Fall ist. Heute sind die Gewinnmargen gering. Ich habe
aber das Gefühl, viele Politiker:innen haben gar nicht mitbekommen,
was alles im Bereich der erneuerbaren Energien passiert ist, wie sehr die
Preise gesunken sind. Und ehrlicherweise brauchen wir im Moment die
EEG-Förderung vor allem noch für die Bank.
taz: Wieso?
Heidebroek: Wenn ein Windpark über eine Ausschreibung einen Zuschlag
bekommt, garantiert das EEG einen Erlös über 20 Jahre – mittlerweile wenig
Erlös, aber eben garantiert. Darauf können Banken die Finanzierung
aufbauen. Wenn diese Garantie durch die neuen Gesetze ausgehebelt wird,
stehen viele Projekte ohne Finanzierung der Banken da und sind nicht mehr
umsetzbar.
taz: Hat die Bundesregierung die Energiebranche in die Diskussion über die
Neuerungen einbezogen?
Heidebroek: Wir finden es äußerst bedauerlich, dass die Bundesregierung die
Betroffenen nicht angehört hat. Bisherige Bundesregierungen haben alle
Beteiligten an einen Tisch geholt und Meinungen aus der Praxis angehört,
haben sie danach abgewogen und ein mehr oder weniger gutes Gesetz daraus
gemacht. Aber das hat jetzt nicht stattgefunden. Das Wissen und die
Bedürfnisse der Branche derart zu ignorieren, ist ein schwerer Fehler.
taz: Ein harter Bruch: Windenergie ist Teil des Kulturkampfs von
rechtsextremer Seite geworden. Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat
Ihr Verband davor gewarnt, dass jetzt der Windausbau in diesem Bundesland
gestoppt werden könnte durch eine AfD-Regierung. Was fürchten Sie konkret?
Heidebroek: Eine AfD-Landesregierung könnte die Windenergie nicht
abschaffen. Aber sie könnte durch Verzögerungstaktik den weiteren Ausbau
blockieren, etwa durch das Nichtbeantworten von Anfragen oder Nichterteilen
von Genehmigungen. Auf dieser Ebene kann sie viel Schaden anrichten.
taz: Im Landkreis Stendal, dem Landkreis Börde und dem Salzlandkreis zum
Beispiel ist die Windenergie besonders gut ausgebaut. Da waren die
AfD-Ergebnisse besonders hoch. Gibt es einen Zusammenhang?
Heidebroek: Ich glaube nicht, dass die Menschen AfD gewählt haben, weil es
in diesen Regionen viel Windenergie gibt. Es sind strukturschwache
Regionen. Der allgemeine Unmut wegen der Wirtschaftslage und fehlender
Perspektiven ist dort groß. Es ist paradox: Gerade in Sachsen-Anhalt könnte
man in der Windenergie eine Chance sehen.
taz: Wie könnte das aussehen?
Heidebroek: Man kann mithilfe der erneuerbaren Energien Perspektiven
entwickeln und damit Industrieunternehmen anlocken. Es gibt bereits 7
Gigawatt installierter Windenergieleistung in Sachsen-Anhalt, das ist ein
Standortvorteil. 2,3 Gigawatt sind zusätzlich in der Planung. Das Land
könnte damit viel preiswerten Strom erzeugen und weitere Industrien
anwerben. Auch der Chemiesektor, der in Sachsen-Anhalt groß ist, könnte
davon profitieren. Eine Landesregierung müsste Windenergie als Chance
begreifen, um das Land voranzubringen. Sie könnte sagen: Wir schaffen hier
Arbeitsplätze, wir bekommen Gewerbesteuern und stärken die kommunalen
Finanzen.
taz: [3][AfD-Chefin Alice Weidel hat vor einiger Zeit angekündigt], ihre
Partei würde Windräder abreißen lassen. Für die extreme Rechte und auch
etliche Konservative ist Windenergie ein Triggerpunkt. Warum?
Heidebroek: Weil Windkraft sich wunderbar verbinden lässt mit angeblicher
linksgrüner Ideologie, mit Fleischverbot und ähnlichen Kulturkampfthemen.
In rechten Narrativen lässt sich das alles in einen Topf werfen, um diese
wichtige Energieerzeugung grundsätzlich infrage zu stellen. Das reicht bis
hin zu Verschwörungsmythen. Dabei scheint es völlig egal zu sein, welche
wirtschaftlichen Folgen für die Region oder das Land mit einem Ausbaustopp
verbunden wären. Dass Windenergie längst die wichtigste Stromquelle in
Deutschland ist und wir die saubere heimische Energie dringend brauchen,
wird ignoriert.
taz: Was können die Befürworter:innen von Windenergie dagegen tun?
Heidebroek: Wir wollen bei Projekten die Bevölkerung vor Ort teilhaben
lassen. Das können die unterschiedlichsten Modelle sein. Vielerorts haben
sich Bürgerwindparks etabliert, an denen sich die lokale Bevölkerung
beteiligen kann. Dabei fließen zum Beispiel Zuschüsse für das Freibad vor
Ort oder es gibt günstige Stromtarife. Das trägt zur Akzeptanz bei. Und es
ist eben auch möglich, mithilfe erneuerbarer Energien Industrie anzuwerben
und Arbeitsplätze zu schaffen.
taz: Das heißt, sich die Gunst der Windkraftgegner:innen zu erkaufen?
Heidebroek: Darum geht es nicht. Menschen fühlen sich gestört, wenn ihnen
etwas vor die Nase gesetzt wird, von dem nur andere profitieren. Wenn sie
aber die Chance bekommen, selbst am Erfolg der Energiewende teilzuhaben,
ist das anders. Das hat nichts mit erkaufen zu tun. Es geht darum, die
gewaltigen Chancen sichtbar zu machen, welche die Erneuerbaren vor Ort und
für das ganze Land schaffen.
4 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Katherina-Reiche/!t6100268
(DIR) [2] /Lobbykritik-an-Wirtschaftsministerin/!6217323
(DIR) [3] /Weidel-gegen-Windkraft/!6058494
## AUTOREN
(DIR) Anja Krüger
## TAGS
(DIR) Energiewende in Gefahr
(DIR) Energiewende
(DIR) Katherina Reiche
(DIR) Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)
(DIR) Windkraft
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Reform der Energiewende: Bundestag verhandelt über Zukunft der Erneuerbaren
Wirtschaftsministerin Reiche will die Kosten der Energiewende senken. Was
die geplanten Gesetze der Bundesregierung für die Privathaushalte bedeuten.
(DIR) Stabilere Windkraftausbeute: Windenergie aus 365 Metern Höhe
In Schipkau ist die höchste Windanlage der Welt entstanden. Die neue
Technologie der Megaanlage soll doppelt so effizient sein wie andere
Windräder.
(DIR) Windkraft: Das Ziel ist, Klimaschutz und gute Arbeitsplätze zu vereinen
Von Fridays for Future zum Ausbildungsplatz in der Windenergie: Pawel
Bechthold setzt sich für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien ein.
(DIR) UN-Vollversammlung: Deutschland legt kontraproduktive Klimaschutzpläne vor
Deutschland meldet einen Klimaschutzplan bei der UNO an, der nicht
umsetzbar sein dürfte: Sabotiert Wirtschaftsministerin Reiche doch die
Eneuerbaren?