# taz.de -- UN-Vollversammlung: Deutschland legt kontraproduktive Klimaschutzpläne vor
> Deutschland meldet einen Klimaschutzplan bei der UNO an, der nicht
> umsetzbar sein dürfte: Sabotiert Wirtschaftsministerin Reiche doch die
> Eneuerbaren?
(IMG) Bild: Für die Wirtschaftsministerin wohl kein Zukunftsprojekt: Windenergie, hier in Brandenburg
„Roadmap for Transitioning Away from Fossil Fuels“ nennt sich ein Beschluss
der Internationalen Klimakonferenz COP28 von 2023. Damals einigten sich die
Vertragsstaaten darauf, dass jedes Land einen Fahrplan zum Ausstieg aus den
fossilen Energien vorlegt.
Und weil die brasilianische Präsidentschaft bei der jüngsten Klimakonferenz
diese „Roadmaps“ einforderte, musste nun auch Deutschland liefern: In der
Nacht zum Donnerstag brachte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD)
[1][das deutsche Programm bei den Vereinten Nationen] (UN) ein.
„Unser Fahrplan soll international ein Zeichen setzen“, sagte Schneider am
Rande der UN-Vollversammlung in New York. „Ich bin sicher, dass viele
weitere Länder folgen werden.“ Was freilich ziemlich frech ist: Denn 115
Länder haben [2][ihre Roadmaps bereits eingereicht], die Bundesrepublik ist
Nummer 116.
Im deutschen Fahrplan heißt es: „In Deutschland decken erneuerbare Energien
bereits rund 55 Prozent des Bruttostromverbrauchs; dieser Anteil soll bis
2030 auf mindestens 80 Prozent steigen.“ Um das zu erreichen, müsste
allerdings ein Investitionsfeuerwerk gezündet werden: Seit dem Jahr 2000
treibt das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) den Ausbau voran, jährlich
kamen damit durchschnittlich gut 2 Prozent mehr Windräder, Solarpaneele und
Co. hinzu. Um nun aber auf 80 Prozent zu kommen, müssten in den nächsten
vier Jahren jährlich mehr als 6 Prozent zugebaut werden – das wäre eine
Verdreifachung des Tempos.
Insofern wurde in Deutschland der Gesetzentwurf für die Reform des EEG mit
Spannung erwartet, den Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU)
am späten Donnerstagnachmittag – nach Redaktionsschluss dieses Textes –
[3][zur ersten Lesung in den Bundestag einbringen wollte.] Flankiert wird
dieses „EEG 2027“ von einem [4][Netzanschlusspaket].
## Kontraproduktive Pläne
Offensichtlich kennt Reiche die deutsche Roadmap nicht: Statt
Verbesserungen sieht der Entwurf aus ihrem Ministerium vor, die Bedingungen
für den Ausbau massiv zu verschlechtern.
Da ist zuerst das Ende der [5][Förderung für kleine
Dach-Photovoltaikanlagen]: Um deren Refinanzierung planbar zu machen, gab
es bislang für eingespeisten Strom über 20 Jahre lang eine Vergütung,
aktuell 12,22 Cent je Kilowattstunde. Diese Vergütung soll wegfallen. Wer
sich ein Sonnenkraftwerk auf das Dach bauen will, muss künftig seinen Strom
ab dem dritten Jahr direkt auf dem Strommarkt verkaufen.
Der Bundesverband Solarwirtschaft kritisiert, dass dafür „absehbar weder
die technischen noch wirtschaftlichen Voraussetzungen gegeben sind“. Die
Folgen sind kalkulierbar: Der private Ausbau der Photovoltaik wird
zusammenbrechen, statt zu wachsen.
## Willkürliche Verunsicherung
Da ist zweitens der teilweise Wegfall von Entschädigungszahlungen bei
netzbedingten Abregelungen: Wenn das Netz den Strom nicht abtransportieren
kann, sind die Netzbetreiber berechtigt, große Solarparks oder Windräder
vom Netz zu nehmen. Weil für den [6][unterbliebenen Netzausbau] aber die
Netzbetreiber verantwortlich sind, bekamen die Sonnen- oder
Windstromproduzenten bislang eine Entschädigung. Diese soll nun wegfallen.
Weil niemand weiß, wie oft seine Anlage entschädigungslos abgeriegelt wird,
schafft das Unsicherheit bei Investoren: Diesen sogenannten
[7][Redispatch-Vorbehalt] kritisiert die Ökostrombranche genauso wie die
fossile Energiewirtschaft und Energiekonzerne wie EnBW, LEAG und RWE. Nicht
allerdings Eon: Das Konzept stammt vom Essener Großkonzern – und bis zu
ihrem Amtsantritt war Reiche Vorsitzende der Geschäftsführung von
Westenergie, der größten Tochterfirma von Eon.
Drittens sieht das neue EEG vor, die Pacht von Windradflächen zu deckeln –
das kommt ausgerechnet von jener Ministerin, die sich auf Ludwig Erhards
„Mehr Wettbewerb, weniger Staat“ beruft. Auf der Suche nach freien Flächen
konnten Investoren bislang den Preis etwa mit einem Bauern selbst
aushandeln. Selbst der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft
(BDEW), also der Lobbyverband der fossilen Stromwirtschaft, kritisiert
diesen Pachtdeckel. BDEW-Chefin Kerstin Andreae: „Ein künstlicher Deckel
gefährdet die Verfügbarkeit von Flächen und die Projektpipeline.“
Bei der Solarenergie soll „zukünftig ein stärkerer Fokus auf kostengünstige
Freiflächenanlagen“ gelten, wie es im Gesetz heißt. Zudem soll mehr
Windenergie durch zusätzliche Ausschreibungen erreicht und sogenannte
Bioenergie ausgebaut werden – die Vermaisung der Landschaft geht also
weiter. Allerdings ist sich die Branche einig: „Sollten die Gesetze nicht
noch deutlich nachgebessert werden, droht Deutschland Stillstand in der
Energiepolitik“, urteilt Ursula Heinen-Esser, die Präsidentin des
Bundesverbandes Erneuerbare Energie. Im Kabinett abgesegnet hatte die zuvor
übrigens auch Umweltminister Schneider.
24 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bundesumweltministerium.de/download/deutschlands-roadmap-fuer-die-schrittweise-abkehr-von-fossilen-energien
(DIR) [2] https://cop30.br/en/2026-priorities/transitioning-away-from-fossil-fuels-roadmap
(DIR) [3] https://dserver.bundestag.de/btd/21/078/2107867.pdf
(DIR) [4] https://dserver.bundestag.de/btd/21/078/2107866.pdf
(DIR) [5] /EEG-und-Netzentgelte/!6200119
(DIR) [6] /Umweltministerin-Walker-ueber-EEG-Reform/!6199376
(DIR) [7] /Wie-Reiche-die-Energiewende-bremst/!6197349
## AUTOREN
(DIR) Nick Reimer
## TAGS
(DIR) Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)
(DIR) Erneuerbare Energien
(DIR) Umweltminister
(DIR) Vereinte Nationen
(DIR) Klimaschutz
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Windkraft: Das Ziel ist, Klimaschutz und gute Arbeitsplätze zu vereinen
Von Fridays for Future zum Ausbildungsplatz in der Windenergie: Pawel
Bechthold setzt sich für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien ein.
(DIR) UN-Hochseeschutzabkommen: Deutschland ist wichtigem Umweltabkommen beigetreten
Schutzgebiete, nachhaltige Nutzung, gerechte Verteilung der Ressourcen –
das UN-Hochseeabkommen gilt als Meilenstein für den Schutz der Ozeane.
(DIR) Kritik am Verpackungsgesetz: Bundesregierung reagiert auf Proteste
Mit Sonderregelungen sollen kleine Unternehmen entlastet werden.
Wirtschaftsverbände loben den Vorstoß, fordern aber weitere Maßnahmen.
(DIR) Der Klimaschmutzminister: Was macht eigentlich Carsten Schneider?
Die Bundesregierung bremst beherzt beim Klimaschutz. Noch schlimmer ist
fast, dass sich der zuständige Minister nicht dafür zu interessieren
scheint.