# taz.de -- Reform der Energiewende: Bundestag verhandelt über Zukunft der Erneuerbaren
> Wirtschaftsministerin Reiche will die Kosten der Energiewende senken. Was
> die geplanten Gesetze der Bundesregierung für die Privathaushalte
> bedeuten.
(IMG) Bild: Für Wirtschaftsministerin Reiche sind die Kosten für Strom aus erneuerbaren Energien zu hoch
Ein Umbruch steht den erneuerbaren Energien bevor. Diesen dürften die
Gesetzentwürfe der Regierungskoalition auslösen, die der Bundestag jetzt
verhandelt. Die Botschaft lautet: Für zunehmende Strommengen bekommen die
Produzenten erneuerbarer Energie künftig kein Geld mehr.
„Die vorgesehenen Einschnitte“ würden kleinen Photovoltaik-Anlagen „die
Investitionsgrundlage entziehen“, schreibt der Verband der Solarfirmen in
seiner Stellungnahme zur Anhörung des Wirtschaftsausschusses im Bundestag
am Montag.
Man kann [1][die Vorschläge der Regierung] als Abkehr von der Logik des
mittlerweile 26 Jahre alten Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) verstehen.
Bisher galt im Prinzip, dass jede Kilowattstunde regenerativer Elekrizität,
die Windräder, Solaranlagen, Biogasreaktoren oder Wasserkraftwerke
produzieren, ins öffentliche Netz eingespeist werden darf. Dadurch sinkt
der Anteil fossilen, klimaschädlichen Stroms. Außerdem wird die erneuerbare
Elektrizität angemessen bezahlt oder entschädigt. Von beiden Regeln jedoch
hat sich die Regierung in ihrem Entwurf des neuen EEG deutlich
verabschiedet.
Noch sind [2][die Debatten im Gange]. Der Gesetzentwurf stammt aus dem Haus
von Wirtschaftsministerin [3][Katherina Reiche] (CDU). Die SPD-Verhandlerin
Nina Scheer will einige Paragrafen nicht einfach durchwinken – was dabei
herauskommt, ist noch nicht klar. Setzte sich die Union jedoch durch, wären
dies die wesentlichen Änderungen: Neue, kleine Solaranlagen auf Dächern von
Wohnhäusern erhielten dann keine feste Einspeisevergütung mehr, die heute
um die acht Cent pro Kilowattstunde beträgt.
Für eine Übergangszeit von drei Jahren bekämen die Hausbesitzer nur noch
gut fünf Cent. Danach gäbe es keinen festen Betrag mehr, sondern die
Immobilienbesitzer müssten den Strom selbst verbrauchen, speichern oder an
Händler verkaufen. In dieser sogenannten Direktvermarktung erhalten sie den
Marktpreis, der bei großem Angebot auch gegen null tendieren kann. Und die
Händler müssen auch nicht jede produzierte Kilowattstunde abnehmen.
## Große Dachsolaranlagen könnten sich nicht mehr lohnen
Seit dieser Vorschlag in der Welt ist, wird über seine Folgen heftig
diskutiert. „Für viele kleine Anlagen“ sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit
dauerhaft kein wirtschaftlicher Betrieb zu erwarten“, sagte Manfred
Fischedick, der Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt,
Energie dem Science Media Center, einem wissenschaftlichen
Informationsdienst.
In dieser Sichtweise verursacht der Wegfall der Einspeisevergütung eine
finanzielle Einbuße, die die Hausbesitzer durch den Eigenverbrauch des
Stroms nicht ausgleichen können, selbst wenn sie größere Speicher
installieren. Eine mögliche Folge: Neue Dachsolaranlagen werden kleiner
gebaut, wodurch die Produktion erneuerbarer Elektrizität geringer ausfällt,
als sie sein könnte.
Die Gegenposition nimmt zum Beispiel Andreas Löschel vom RWI-Institut für
Wirtschaftsforschung in Essen ein. „In sehr vielen Konstellationen wird
sich eine Solaranlage auf dem Dach trotzdem lohnen“, betont er. Das
allerdings dürfte unter anderem davon abhängen, wie sich die
Direktvermarktung entwickelt. Momentan gibt es dafür kaum Angebote. Und
auch die technischen Voraussetzungen sind meist noch nicht vorhanden. Wobei
die Regierung Dampf machen und den Einbau intelligenter Stromzähler
beschleunigen will, die den Stromverkauf automatisch abwickeln.
## Weniger Erlöse für Windräder und Solarparks
Ein anderer zentraler Punkt betrifft neue Windräder und Solarparks.
Errichten die Betreiber sie künftig dort, wo die Stromleitungen noch nicht
ausreichen, sollen sie von den Netzfirmen weniger Entschädigung erhalten
als heute, falls produzierte Elektrizität nicht abtransportiert werden
kann. Das könnte die zu erwartenden Erlöse um bis zu 20 Prozent reduzieren.
Mögliche Folge für die Wind- und Solarparks: Wegen des steigenden Risikos
verlangen die Geldgeber höhere Zinsen, was manches Bauprojekt vereiteln
mag.
Wirtschaftsministerin Reiche wählt diesen Weg, weil sie die Kosten des
Ausbaus der erneuerbaren Energien insgesamt reduzieren will. In ihrer Rede
vor dem Bundestag argumentierte sie kürzlich, den Bundeshaushalt koste die
Energiewende 36 Milliarden Euro pro Jahr, vor allem verursacht durch die
Einspeisevergütung, die der Staat trägt. Indem neue kleine Dachsolaranlagen
künftig keine Vergütung mehr bekommen, sollen diese Ausgaben sinken. Die
Steuerzahlerinnen und Steuerzahler würden entlastet.
Auch bei den Netzkosten setzt Reiche an, die ungefähr ein Viertel der
Stromrechnungen der Privathaushalte und Firmen ausmachen. Wenn neue Solar-
und Windparks weniger Entschädigung von den Netzbetreibern erhalten, sinkt
auch dieser Posten, so das Kalkül der Wirtschaftsministerin. Die
Energiewende würde für alle billiger. Die Kritikerinnen und Kritiker
befürchten dagegen, dass Reiche und die Regierung das Tempo der
Energiewende bremsen – gerade jetzt, wo es endlich gut läuft.
Durch die Reform würden Privathaushalte und Unternehmen weniger
Ökokraftwerke bauen als bisher. Das stelle einen Vorteil der Energiewende
infrage: Solar und Wind seien mittlerweile die billigsten Energiequellen.
Mehr davon bedeute insgesamt niedrigere Energiepreise für alle, weniger
Ökoenergie dagegen höhere. Die Wirtschaftsministerin bleibt trotzdem bei
ihrem Argument sinkender Kosten: Der Ausbau der erneuerbaren Energie solle
ja weitergehen wie geplant, nur effizienter.
5 Oct 2026
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