# taz.de -- Psyche und Job: Kein Problem, Chef! Ahhhhhhhhhh!!!
> Stress, Burn-out, Depression: Trotz Digitalisierung und KI ist die
> Arbeitslast hoch – und die Politik erhöht den Druck.
Dass sein Job ihn krank gemacht haben könnte, daran wollte Tobias zunächst
gar nicht glauben. Als er eine Stelle als Sachbearbeiter in einer
Bildungseinrichtung annahm, war er Mitte 30, fertig studiert, hatte
Arbeitserfahrung. „Meine Tätigkeit hatte hohen Projektcharakter. Meine
Arbeit war über lange Zeit weniger von Routinearbeiten geprägt, sondern von
stetig neu zu lösenden Aufgaben“, beschreibt Tobias die Stelle.
Seinen richtigen Namen möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen, genauso
wenig wie eine allzu wiedererkennbare Beschreibung seiner Position. Noch
immer arbeitet er im selben Unternehmen, noch immer könnten sich ehemalige
Vorgesetzte in seinen Beschreibungen wiedererkennen und die Konflikte
erneut aufflammen lassen.
Auf den ersten Blick ist Tobias’ Stelle ein Bürojob. Er vereinbart Termine,
koordiniert Meetings, pflegt Datenbanken, kommuniziert viel. Pflichtbewusst
stürzt er sich auf jedes Problem, das auf dem Weg zum Gelingen des Projekts
auftaucht. Zuständig war er für so ziemlich alles, was damit zusammenhängt.
Dann artet es aus: „Irgendwann wurden die Aufgaben so komplex und zugleich
so stark von mir und meinem Wissen abhängig, dass ich während Krankheits-
und Urlaubstagen arbeiten sollte. Es hieß, wenn ich die Arbeit nicht
erledigen würde, könne es niemand anderes tun.“
Also arbeitet Tobias, ist ansprechbar, auch im Urlaub, auch bei Krankheit.
Die Arbeit wurde nicht weniger, genau wie die Sorgen, sie nicht mehr
bewältigen zu können. Auch in seiner Freizeit spricht Tobias nun ständig
über seine Überlastung. Das Grübeln raubt ihm den Schlaf. Freund*innen und
Bekannte werden langsam hellhörig.
Nicht nur Tobias wird es zu viel, seine gesamte Abteilung schreibt eine
Überlastungsanzeige. Er spricht außerdem mit seinem Chef, wünscht sich,
künftig im Urlaub und bei Krankheit nicht kontaktiert zu werden. Im
nächsten Urlaub erreichen ihn wieder Text- und Sprachnachrichten von seinem
Vorgesetzten. Tobias’ Freunde und Familie raten ihm, sich krankschreiben zu
lassen, um Abstand zu gewinnen – ein Schritt, für den er sich „unglaublich
geschämt“ habe, wie er berichtet. „Ich hatte ja keine offensichtliche
Erkrankung, also kein gebrochenes Bein, keine Grippe.“
Sein Hausarzt sieht das anders. Nach einer Begutachtung seines psychischen
Zustands schreibt er Tobias für volle drei Monate krank. Außerdem rät der
Arzt ihm, auf Kontaktaufnahmen seitens des Arbeitgebers nicht einzugehen:
„Mein Arzt war zu meiner Überraschung erleichtert darüber, dass ich zu
diesem Zeitpunkt in die Praxis kam und nicht wenn ich ‚nicht mehr
rehabilitierbar‘ gewesen wäre.“ Auf der Krankschreibung steht: akute
Belastungsreaktion.
Tobias’ Krankmeldung fließt in eine Statistik ein, die derzeit viel zitiert
wird. Immer mehr Menschen sind wegen psychischer Beschwerden
krankgeschrieben. Laut neuestem [1][„Fehlzeiten-Report“ der AOK] stiegen
die Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Beschwerden unter den Versicherten
in den letzten zehn Jahren um 42 Prozent. Ein erheblicher Teil geht laut
AOK auf Stress und Überlastungen zurück: „Die längsten Ausfallzeiten bei
den psychischen Erkrankungen entfielen laut Report auf die Diagnose
‚Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen‘, gefolgt von
depressiven Episoden und wiederkehrenden depressiven Störungen.“
Auch gemäß einem [2][Report der Krankenkasse DAK] sind psychische
Krankheiten neben Atemwegs- und Muskel-Skelett-Erkrankungen im Jahr 2026
erstmalig die häufigsten Ursachen von Arbeitsausfällen. Zudem dauern
Krankschreibungen wegen psychischer Beschwerden oft überdurchschnittlich
lang. Laut DAK standen 2024 die meisten Fehltage im Zusammenhang mit
Depressionen, im zweiten Jahr in Folge.
Es scheint aber auch eine längerfristige Entwicklung innerhalb der
„Diagnosegruppe Z73“ zu geben. Z73 ist ein Code des in der Medizin
weitverbreiteten Klassifizierungssystems für Krankheiten ICD (International
Classification of Diseases). Zu der Gruppe gehören eine Reihe von
Phänomenen unter dem Titel „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der
Lebensbewältigung“, darunter das „Ausgebranntsein“, „körperliche oder
psychische Belastungen“ und „Mangel an Entspannung oder Freizeit“.
Umgangssprachlich werden diese Phänomene oft mit einem anderen Begriff
abgekürzt: Burn-out.
Laut AOK sind die Gründe für diese Entwicklung vielfältig. Während im
aktuellen Report unter anderem eine „zunehmend angespannte wirtschaftliche
Situation“ und die „Angst vor Arbeitslosigkeit“ als Gründe für psychische
Belastungen beschrieben werden, [3][hieß es noch 2024]: „Als Ursache
vermuten wir ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren – von der Zunahme
psychischer Belastungen durch globale Krisen bis zu Veränderungen in der
Arbeitswelt wie Verdichtung und Entgrenzung der Arbeit durch ständige
Erreichbarkeit.“
Was Verdichtung und Entgrenzung bedeuten können, musste auch Helena
erfahren. Auch sie möchte lieber nur mit einem Pseudonym genannt werden.
Nach ihrer Ausbildung zur Mediengestalterin fand sie einen Job in einem
Bekleidungsgeschäft. „Ich war als Grafikerin angestellt“, erzählt sie,
„habe aber viel mehr Jobs gemacht als ‚nur‘ das.“ Nach und nach wurden ihr
etliche Aufgaben zugeteilt, von denen zuvor nicht die Rede war: „Ich war
Grafikerin, aber auch Fotografin, Kundenbetreuerin, habe das Shopsystem
gepflegt und umgestaltet, Waren verbucht und Retouren abgewickelt für
sämtliche Filialen und den Onlineshop.“
Helena kann die Arbeit kaum noch bewältigen. Das beschäftigt sie bald auch
außerhalb der Arbeitszeit. „Abends konnte ich kaum einschlafen, weil ich an
den nächsten Tag und an meine nicht zu schaffenden Aufgaben denken musste“,
sagt sie. „Ich habe auch oft geweint, selbst bei der Arbeit.“ Ans Aufhören
will die Anfang 30-Jährige aber zunächst genauso wenig denken wie an eine
Krankschreibung, obwohl ihr persönliches Umfeld sie dazu ermutigt: „Ich bin
in einer Familie mit hoher Arbeitsmoral aufgewachsen, da muss schon der Arm
abfallen, wenn man nicht mehr arbeiten kann. Auf dem Dorf, wo ich herkomme,
gibt es so etwas wie mentale Probleme nicht.“
Helena entscheidet sich zunächst für einen anderen Schritt. Für das
deutlich gewachsene Aufgabenprofil will sie mehr Geld. „Ich wurde
hingehalten mit den Worten: ‚Ja, da können wir auf jeden Fall was machen‘,
nur um mir nach sechs Wochen zu sagen, dass es nicht drin ist.“ Helena
kündigt.
## Wie Soft Skills zur Belastung wurden
Was Tobias und Helena in ihren Jobs widerfahren ist, kann als Ausdruck
einer Entwicklung betrachtet werden, welche die Sozialforschung seit
Jahrzehnten kennt. Der Soziologe Richard Sennett etwa beschreibt sie in
seinem 1998 erschienenen Buch „Der flexible Mensch“: Weil im
fortschreitenden Kapitalismus immer mehr Tätigkeiten von Maschinen
übernommen werden können, so Sennett, veränderten sich auch die Ansprüche
der Unternehmen. Wo von Mitarbeiter*innen vormals verlangt wurde, dass sie
eine konkrete Tätigkeit beherrschen und möglichst lange ausführen, sollen
sie sich nun auf immer neue Anforderungen einstellen, lebenslang lernen und
in einem gewissen Maße ihr eigener Chef sein.
In der Folge wurden Soft Skills wie Diszipliniertheit, Organisationstalent
oder Stressresistenz immer gefragter. Parallel lernten Unternehmen, die
neuen Arbeitsnormen als progressiv anzupreisen. Das, so Sennett, belaste
die Tätigen in der „new work“, vor allem psychisch. Sie erleben die neuen
Verhältnisse nicht nur als Freiheit und Flexibilität, sondern auch als
Unsicherheit, und sind weniger in der Lage, aus ihrem Job Selbstwert zu
schöpfen.
Die Unternehmen sind somit agiler und dynamischer geworden, können
schneller auf die Boom- und Krisenlagen des Markts reagieren – aber zu
welchem Preis? „Die heutige Gesellschaft versucht, die Übel der Routine zu
zerstören, indem sie flexiblere Institutionen schafft. Die Praxis der
Flexibilität konzentriert sich aber mehrheitlich auf jene Kräfte, die
Menschen verbiegen“, schreibt Sennett.
Was Sennett und andere Autor*innen wie die US-amerikanische Soziologin
Arlie Hochschild oder der französische Soziologen Alain Ehrenberg vor der
Jahrtausendwende noch als exotische Blüten eines neoliberalen Kapitalismus
beschreiben, ist heute zum neuen Standard verwuchert. Hochschild schrieb in
ihrer Monografie „Das gekaufte Herz“ (1983) darüber, dass ein neuer Typus
Job von Menschen nicht mehr nur verlangt, ihren Körper und ihre Muskelkraft
der Arbeit anzudienen. Zunehmend verlangten Unternehmen auch eine
emotionale, psychische Anpassung an die Arbeit. So führt die Autorin etwa
Stewards und Stewardessen an, die nicht nur einen speziellen Kleidungsstil
tragen, sondern auch stets freundlich sein und immer lächeln sollen.
Auch Alain Ehrenberg machte in seinem bekanntesten Werk „Das erschöpfte
Selbst“ (1998) einen gesellschaftlichen Wandel aus. Jobs, wie sie noch Marx
und Engels in der Arbeiterklasse des 19. Jahrhunderts beobachteten, wurden
immer seltener. Der Arbeitsalltag dieser Klasse war überwiegend von
Anweisungen und Verboten geprägt, die Schicht wurde durch das Klingeln
einer Uhr oder das Kommando des Schichtleiters strukturiert. Fehler und
Disziplinlosigkeit erfuhren direkte Ahndung.
Die moderne Gesellschaft zeichnet sich laut Ehrenberg hingegen dadurch aus,
dass von Individuen immer weniger Gehorsam und Disziplin, dafür aber
zunehmend unternehmerische Kreativität und Eigenständigkeit erwartet wird.
Das, so Ehrenberg, erschöpfe sie, unter anderem weil dadurch der vormals
zwar rigidere, aber immerhin endliche Arbeitstag einer tendenziell
permanenten, nie abgeschlossenen Arbeit am eigenen Selbst wich.
Anzutreffen ist dieser Jobtyp, der Eigeninitiative, Anpassungsfähigkeit und
eine gewisse Rollenperformance voraussetzt, aber nicht nur im Kundenservice
oder in den Branchen Marketing, PR, Finanzwesen. Auch in anderen
Tätigkeitsfeldern und abseits der mittleren und höheren Managementebenen
wird vermehrt nach Allroundern gesucht, die vielerlei Fähigkeiten in sich
vereinen sollen. Öffentliche Einrichtungen wie Kirchen, Schulen und
Universitäten suchen sie genauso wie private Dienstleister, von der
Deutschen Bahn über Wohnungsbaugesellschaften bis zum Ingenieurbüro.
Oft fangen die Bezeichnungen dieser Jobs mit „Projekt-“ an, sei es
Projektmanagement, Projektentwicklung oder Projektassistenz. In den
dazugehörigen Stellenausschreibungen wird nach „belastbaren, zuverlässigen
Teamplayern“ gesucht, die sich „schnell in neue Aufgaben einarbeiten“
können und durch „ein hohes Maß an Eigenverantwortung“ auszeichnen.
Im ausgehenden 20. Jahrhundert traten an die Stelle von Gehorsam und
Disziplin laut Ehrenberg Begriffe wie „Projekt, Motivation, Kommunikation“.
Vorgesetzte gaben weniger und abstraktere Arbeitsanweisungen, damit
verschwanden Hierarchien, und es entstanden neue Freiheiten und
Gestaltungsmöglichkeiten für die Arbeiter*innen.
Damit einher gingen aber auch neue Unsicherheiten. So wurde es schwieriger
festzustellen, ob und wann eine Aufgabe wirklich als erledigt gelten kann –
und wie die Qualität der eigenen Arbeit einzuschätzen ist. In vielen Fällen
bedeutete dieser Strukturwandel aber schlicht eine Verlagerung von Arbeit.
In den Augen ihrer Chefs sollen die „eigenverantwortlichen“ Arbeiter*innen
ihren Bedarf nach äußerer Steuerung möglichst klein halten, Blockaden und
Überlastungen selbst „managen“. Von ihnen wurde schlicht mehr verlangt als
zuvor, nur verlagerte sich diese Anforderungen zunehmend in den
unsichtbaren, mentalen Bereich.
## Wie die Auswirkungen auf das Individuum sind
Diese neuen Arbeitsnormen galten Alain Ehrenberg als Boden, auf dem eine
neue Volkskrankheit wachsen konnte. „Die Depression [….] ist Krankheit
einer Gesellschaft, deren Verhaltensnorm nicht mehr auf Schuld und
Disziplin gründet, sondern auf Verantwortung und Initiative“, heißt es in
„Das erschöpfte Selbst“. Konkrete Arbeitsanweisungen, Verbote und Strafen
gehören der Vergangenheit an. Der moderne Arbeiter soll sich stets selbst
befragen, was als Nächstes zu tun sei. Damit ist er autonomer, aber auch
abhängiger von seinen psychischen Ressourcen. Zudem ist er nie wirklich
„fertig“.
Ehrenbergs Analyse bleibt nicht bei der Arbeitswelt stehen. Ausgehend von
seinen Beobachtungen stellt er eine Diagnose für eine Gesellschaft, deren
Normen sich grundsätzlich verändert haben. Andere Autor*innen folgten
seiner Einschätzung. Der südkoreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han
schreibt in seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“ (2010), dass das
Nicht-mehr-können-Können zu einem destruktiven Selbstvorwurf und zur
Autoaggression führe.
Die permanente, nach innen gerichtete Schuldzuweisung wird in der
Psychologie auch internaler Attributionsstil genannt. Sie gilt als typisch
für die Depression. Auch der Depressive sucht die Schuld eher nicht bei
anderen, verlangt nicht nach Hilfe, hält sich im Extremfall allein für den
Verursacher und gleichzeitig einzigen Ausweg aus seiner Misere. Aus „Von
mir wird zu viel verlangt“ wird „Ich bin dem nicht gewachsen“.
Auch der Fokus auf die Teamfähigkeit kommt zunächst harmlos daher.
Einerseits sollen die neuen Arbeitenden möglichst autonom agieren,
andererseits aber auch stets mit anderen „eigenverantwortlichen
Teamplayern“ zurechtkommen, die obendrein meist untereinander
gleichgestellt sind. Im Ergebnis entsteht noch mehr
Verantwortungsverlagerung von Führungs- auf Angestelltenpositionen.
Richard Sennett beschreibt, wie klassische Autoritätsfiguren dem egalitären
Teamwork gewichen sind. Dabei entstehe „Macht ohne Autorität“: Die
Angestellten schieben sich oft in hierarchielosen Teams untereinander
Aufgaben zu, ohne weisungsbefugt zu sein. Eine Win-win-Situation für die
Chefetage. Sie ist für weniger verantwortlich und kann gleichzeitig darauf
hoffen, dass der interne Wettbewerb die Teams von selbst zu mehr
Produktivität anstachelt.
Das zunehmende Aufkommen des Begriffs Management, selbst bei Einstiegs-
oder Teilzeitjobs, scheint Sennetts Thesen zu bestätigen. Die Endung
„-manager“ suggeriert die Position eines Minichefs, der Zuständigkeiten und
auch Konflikte in Teams selbst aushandelt. Damit wird es auch auf weniger
gut bezahlten Arbeitsplätzen möglich, dass eine Form von unternehmerischer
Kreativität, persönlichem Einsatz und emotionaler Belastbarkeit erwartet
wird, die vormals eher für gut entlohnte Führungspositionen vorgesehen war.
Die Projektmanager*innen leisten Leitungsaufgaben, aber für ihre
Mehrleistung erhalten sie kaum mehr als eine gewichtig klingende
Arbeitsbezeichnung.
Mazda Adli forscht seit über 20 Jahren zum Thema Stress. Auf die Frage, ob
er finde, dass die Menschen gestresster geworden seien, antwortet der
Universitätsprofessor und Psychiater ohne langes Überlegen. „Ja, die Leute
sind angespannter, angestrengter, weniger gelassen als noch vor sieben,
acht Jahren.“ Eine „Aneinanderreihung von Krisen“ habe dazu beigetragen,
dass viele Menschen nervöser geworden seien, vor allem, wenn diese aufs
Budget schlagen: „Wenn man sich nicht sicher sein kann, ob das Geld zum
Leben reicht, ob man die Miete zahlen kann – das sind Sachen, die machen
ordentlich Stress.“
Adli ist Chefarzt an der Fliedner Klinik Berlin, einer privaten
psychiatrischen Klinik. Außerdem leitet er den Forschungsbereich „Affektive
Störungen“ an der Berliner Charité und ist Autor mehrerer Bücher zum Thema
psychische Erkrankungen und Stress. 2017 erschien seine Studie „Stress in
the City“ über die Stressoren und Potenziale der Großstadt. In seiner
jüngeren Forschung beschäftigt er sich mit „therapieresistenten
Depressionen“.
Stress am Arbeitsplatz ist für Adli kein neues Phänomen: „Seitdem ich mich
mit Stress beschäftige, ist das ein Thema. Ungefähr Anfang der 2000er Jahre
machte der Begriff Burn-out Karriere. Seitdem kommen nahezu jährlich
Statistiken der großen Krankenkassen heraus, die zeigen, dass Stress am
Arbeitsplatz zu den großen Krankmachern unserer Zeit gehört.“
Auch er beobachtet eine Veränderung. „Mit der Digitalisierung hat eine
große Wende in der Arbeitswelt Einzug gehalten“, sagt Adli. „Die bietet
viele Freiheiten, aber mündete auch darin, dass Prozesse komplexer und
Unterbrechungen wahrscheinlicher geworden sind, Multitasking vermehrt
eingefordert wird und die Grenze zwischen Arbeit und Nichtarbeit immer mehr
verschwimmt – weil fast jeder Arbeitsplatz mittlerweile in die Hosentasche
passt.“ Trotzdem, so Adli, sei die Schuld für die Überlastung nicht allein
auf Arbeitgeberseite zu suchen: „Unsere Realität hat sich verändert und
damit die Rahmenbedingungen von Arbeit. Und das fordert von allen eine
Anpassungsleistung.“
Verändert hat sich die Arbeitsrealität für viele Menschen schleichend. Im
Zuge der digitalen Transformation wurden vielerorts vormals getrennte
Arbeitsbereiche mal mehr, mal weniger offensichtlich entgrenzt, weil sie
vermeintlich leichter zu erledigen sind. Auch Tobias und Helena berichten
davon, dass sie Tätigkeiten wie die Pflege von Kundendatenbanken oder die
Verwaltung eines Onlineshops erledigen sollten, zum Teil, ohne in die
Systeme eingearbeitet worden zu sein.
Eine [4][Studie des Gewerkschaftsverbunds Verdi] aus dem Jahr 2022 kommt zu
dem Schluss, dass der Digitalisierungsschub infolge der Coronapandemie eher
nicht dazu geführt hat, dass sich Belastungen am Arbeitsplatz verringerten.
Knapp die Hälfte aller befragten „digital Arbeitenden“ gab an, dass sich
„die zu bewältigende Arbeitsmenge infolge der Digitalisierung vergrößert
habe“. Nur für einen kleinen Teil, 6 Prozent, sei die Arbeit im Zuge der
Digitalisierung einfacher geworden. Als Hauptgründe für die gestiegenen
Belastungen geben die Beschäftigten die „Anzahl an gleichzeitig zu
bearbeitenden Vorgängen“ und eine zunehmende Überwachung ihrer Tätigkeiten
seitens ihrer Vorgesetzten an.
Ähnliches lässt sich auch am jüngsten Digitalisierungsschub beobachten.
[5][„KI reduziert Arbeit nicht, sondern intensiviert sie“], lautet der
übersetzte Titel eines Artikels, der Anfang des Jahres im US-amerikanischen
Managementmagazin Harvard Business Review erschien. Die Autor*innen hatten
dafür acht Monate die Arbeitsprozesse in einem Techunternehmen mit 200
Angestellten beobachtet. Laut ihren Beobachtungen hat die KI dort zwar
durchaus dazu beigetragen, Abläufe effizienter zu gestalten; gleichzeitig
arbeiteten die Angestellten aber auch mehr, nahmen sich einer breiteren
Vielfalt von Tätigkeiten an und weiteten die Arbeit zunehmend auf Zeiten
aus, die vormals als Pausen oder Freizeit galten.
„Viele fragten die KI während des Mittagessens, in Meetings oder während
sie auf das Herunterladen einer Datei warteten. Manche beschrieben, wie sie
kurz vor Feierabend noch einen ‚letzten kleinen Prompt‘ abschickten, damit
die KI arbeiten kann, während sie nicht am Schreibtisch sind.“ In
Managementkreisen kursiert spätestens seit dieser Beobachtung das Stichwort
[6][AI-Burn-out].
Weil nun vermeintlich vieles einfacher geht, werden vielerorts Stellen
gekürzt. Die Angst, womöglich bald ersetzt zu werden, plagt durch die
gleichzeitigen Fortschritte in der Robotik längst nicht mehr nur
„Kopfberufe“. Parallel dazu kann von denen, die noch nicht eingespart
wurden, mehr verlangt werden. Während eine überwältigende Mehrheit des
Leitungspersonals in Umfragen angibt, [7][sich von KI Produktivitätsgewinne
zu versprechen], glaubt ein großer Teil der Arbeitnehmer*innen, dass die
Technologie ihr Pensum erhöht hat.
Nichtsdestotrotz gibt es auch Hinweise darauf, dass der Einsatz künstlicher
Intelligenz tatsächlich dazu führt, dass Unternehmen mehr schaffen. Laut
einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft
berichten 82 Prozent der deutschen Unternehmen von
Produktivitätssteigerungen durch den Einsatz von KI. Betrachtet man diese
Ergebnisse im Zusammenhang, wirft das aber die Frage auf: Hat hier wirklich
die Technik ihr Versprechen gehalten – oder leisten diejenigen, die mit den
Systemen arbeiten, schlicht mehr als vorher?
## Was dem Bundeskanzler zu alldem einfällt
Obwohl die neuen Ausbeutungsdynamiken bekannter werden, scheint das Thema
Arbeitsverdichtung für die Gewerkschaften noch keine große Rolle zu
spielen. Dass immer mehr Menschen in Deutschland durch Überlastung
erkranken, hat dafür die Politik erreicht – aber auf einer ganz anderen
Ebene. [8][„Ist das wirklich notwendig?“], fragte Bundeskanzler Friedrich
Merz im Januar im Nachgang zu einer Sitzung des CDU-Bundesvorstands. Ihn
irritierte eine Statistik. Für das Jahr 2024 ermittelte das Statistische
Bundesamt, dass die Arbeitnehmer*innen durchschnittlich [9][14,8 Tage im
Jahr krankgeschrieben] waren – ein Anstieg von knapp 3,5 Arbeitstagen
gegenüber 2021.
„Zu hoch“ für Merz: Verantwortlich für die Ausfälle machte der Kanzler die
seit 2020 bestehende Regelung zur telefonischen Krankschreibung.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken verkündet[10][e daraufhin an], die
Regelung überprüfen zu wollen. Tatsächlich werden derzeit nur etwa 1
Prozent der Krankschreibungen telefonisch vorgenommen.
Parallel dazu erhöht die Regierung auch den Druck auf die Beschäftigten,
mehr Leistung zu erbringen. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD steht,
dass der bislang arbeitsrechtlich übliche Achtstundentag einer Neuregelung
weichen soll, nach der eine wöchentliche Höchstarbeitszeit gelten würde.
Expert*innen haben indes berechnet, dass diese Reformvorschläge im
Extremfall auf eine arbeitsrechtlich erlaubte [11][wöchentliche Arbeitszeit
von über 70 Stunden hinauslaufen könnte.]
Dass der Kanzler gern den Druck auf die Arbeitnehmer*innen erhöhen würde,
lässt er recht regelmäßig verlautbaren: Mit „Viertagewoche und
Work-Life-Balance“ könne man „den Wohlstand unseres Landes nicht erhalten“,
sagte Merz im Mai auf einer Tagung des CDU-Wirtschaftsrats. Dabei spielte
er auf die im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hohe Teilzeitquote
in Deutschland an. Zwar ist sie tatsächlich vergleichsweise hoch – fast ein
Drittel der Beschäftigten in Deutschland arbeitet in Teilzeit –, sie sagt
aber wenig über die Produktivität aus.
Die OECD-Statistik, auf die sich Merz hier berief, enthält einen Hinweis,
den er unterschlägt: Für Vergleiche zwischen Ländern seien die Zahlen
aufgrund der Methodik nicht geeignet. In Spanien mag zum Beispiel rein
quantitativ mehr, aber anders gearbeitet werden. Die reine Arbeitszeit
trägt daher nicht gleichermaßen zum Bruttoinlandsprodukt bei wie in
Frankreich. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung griff die
Merz-Aussagen daher in seiner Reihe [12][„Unstatistik des Monats“] auf und
stellte eher Gegenteiliges fest: „Im europäischen Vergleich schafft eine in
Deutschland geleistete Arbeitsstunde einen überdurchschnittlich hohen
Wert.“
Auch die [13][Teilzeitquote in Deutschland] rührt daher, dass hierzulande
vor allem Frauen nicht Vollzeit arbeiten. Mit etwa 49 Prozent liegt
Deutschland im europäischen Vergleich auf Platz vier hinter der Schweiz,
den Niederlanden und Österreich. Arbeitszeit reduzieren Frauen vor allem,
um der Kindererziehung nachgehen zu können: 68 Prozent der Mütter mit
Kleinkindern arbeiten in Teilzeit – im Vergleich zu nur 12 Prozent der
Männer. Zudem arbeiten Frauen überproportional oft in Berufen, in denen die
Teilzeitquote aufgrund der Belastungen besonders hoch ist, etwa in der
Kranken- und Altenpflege.
Mit knapp 28 Krankheitstagen im Jahr gehören Pflegekräfte zu den am
längsten krankgeschriebenen Berufsgruppen in Deutschland. Laut Angaben der
Techniker Krankenkasse sind auch hier „psychische Diagnosen“ wie
Depressionen, Burn-out und Angststörungen [14][mittlerweile der häufigste
Krankschreibungsgrund].
Für die Flexibilisierung vieler Jobs bezahlen Arbeitnehmer*innen,
Unternehmen und letztlich der Staat also einen hohen Preis. Zwar können
sich Chefs nun leichter um Verantwortung drücken und
Arbeitnehmer*innenrechte umgehen. Die psychischen Schäden, die aus den
neuen Arbeitsverhältnissen bereits resultieren, lassen sich jetzt schon
aber nicht mehr übersehen.
Helena und Tobias haben mittlerweile wieder neue Jobs. Beide beschreiben,
wie die Belastungen der alten Stelle aber noch lange an ihrem Selbstwert
gekratzt haben. Tobias’ alte Stelle wurde unterdessen neu ausgeschrieben –
und diesmal auf mehrere Personen aufgeteilt. Für seine Krankschreibung
schämt er sich mittlerweile nicht mehr, im Gegenteil: „Weil es Leute gibt,
die das alles mit sich machen lassen, wird auch so viel fehlgeplant“, sagt
er.
18 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.aok.de/fk/betriebliche-gesundheit/grundlagen/fehlzeiten/ueberblick-fehlzeiten-report/
(DIR) [2] https://www.dak.de/presse/bundesthemen/gesundheitsreport/krankenstand-im-ersten-halbjahr-2026-leicht-gesunken_223354
(DIR) [3] http://www.zeit.de/news/2024-10/08/beschaeftigte-sind-rekordverdaechtig-oft-krankgeschrieben
(DIR) [4] https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/neue-studie-zur-digitalisierung-beschaeftigte-sind-zunehmender-belastung-ausgesetzt-betroffene
(DIR) [5] https://hbr.org/2026/02/ai-doesnt-reduce-work-it-intensifies-it
(DIR) [6] https://www.melissadoman.com/blog/ai-burnout
(DIR) [7] https://investors.upwork.com/news-releases/news-release-details/upwork-study-finds-employee-workloads-rising-despite-increased-c
(DIR) [8] https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/Politik__Inland_/article696e3dba173ea7f40d17e219/warken-ueberprueft-regeln-fuer-telefonische-krankschreibung.html
(DIR) [9] https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Indikatoren-Qualitaet-Arbeit/Dimension-2/krankenstand.html
(DIR) [10] https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/telefonische-krankschreibung-122.html
(DIR) [11] https://www.boeckler.de/de/auf-einen-blick-17945-debatte-um-die-arbeitszeit-69628.htm
(DIR) [12] https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-mythos-von-den-faulen-deutschen-ein-remake
(DIR) [13] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_175_13.html
(DIR) [14] https://www.tk.de/presse/themen/pflege/pflegepolitik/krankenstand-bei-pflegekraeften-auf-rekordhoch-2149302?tkcm=aaus
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