# taz.de -- Psyche und Job: Kein Problem, Chef! Ahhhhhhhhhh!!!
       
       > Stress, Burn-out, Depression: Trotz Digitalisierung und KI ist die
       > Arbeitslast hoch – und die Politik erhöht den Druck.
       
       Dass sein Job ihn krank gemacht haben könnte, daran wollte Tobias zunächst
       gar nicht glauben. Als er eine Stelle als Sachbearbeiter in einer
       Bildungseinrichtung annahm, war er Mitte 30, fertig studiert, hatte
       Arbeitserfahrung. „Meine Tätigkeit hatte hohen Projektcharakter. Meine
       Arbeit war über lange Zeit weniger von Routinearbeiten geprägt, sondern von
       stetig neu zu lösenden Aufgaben“, beschreibt Tobias die Stelle.
       
       Seinen richtigen Namen möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen, genauso
       wenig wie eine allzu wiedererkennbare Beschreibung seiner Position. Noch
       immer arbeitet er im selben Unternehmen, noch immer könnten sich ehemalige
       Vorgesetzte in seinen Beschreibungen wiedererkennen und die Konflikte
       erneut aufflammen lassen.
       
       Auf den ersten Blick ist Tobias’ Stelle ein Bürojob. Er vereinbart Termine,
       koordiniert Meetings, pflegt Datenbanken, kommuniziert viel. Pflichtbewusst
       stürzt er sich auf jedes Problem, das auf dem Weg zum Gelingen des Projekts
       auftaucht. Zuständig war er für so ziemlich alles, was damit zusammenhängt.
       Dann artet es aus: „Irgendwann wurden die Aufgaben so komplex und zugleich
       so stark von mir und meinem Wissen abhängig, dass ich während Krankheits-
       und Urlaubstagen arbeiten sollte. Es hieß, wenn ich die Arbeit nicht
       erledigen würde, könne es niemand anderes tun.“
       
       Also arbeitet Tobias, ist ansprechbar, auch im Urlaub, auch bei Krankheit.
       Die Arbeit wurde nicht weniger, genau wie die Sorgen, sie nicht mehr
       bewältigen zu können. Auch in seiner Freizeit spricht Tobias nun ständig
       über seine Überlastung. Das Grübeln raubt ihm den Schlaf. Freund*innen und
       Bekannte werden langsam hellhörig.
       
       Nicht nur Tobias wird es zu viel, seine gesamte Abteilung schreibt eine
       Überlastungsanzeige. Er spricht außerdem mit seinem Chef, wünscht sich,
       künftig im Urlaub und bei Krankheit nicht kontaktiert zu werden. Im
       nächsten Urlaub erreichen ihn wieder Text- und Sprachnachrichten von seinem
       Vorgesetzten. Tobias’ Freunde und Familie raten ihm, sich krankschreiben zu
       lassen, um Abstand zu gewinnen – ein Schritt, für den er sich „unglaublich
       geschämt“ habe, wie er berichtet. „Ich hatte ja keine offensichtliche
       Erkrankung, also kein gebrochenes Bein, keine Grippe.“
       
       Sein Hausarzt sieht das anders. Nach einer Begutachtung seines psychischen
       Zustands schreibt er Tobias für volle drei Monate krank. Außerdem rät der
       Arzt ihm, auf Kontaktaufnahmen seitens des Arbeitgebers nicht einzugehen:
       „Mein Arzt war zu meiner Überraschung erleichtert darüber, dass ich zu
       diesem Zeitpunkt in die Praxis kam und nicht wenn ich ‚nicht mehr
       rehabilitierbar‘ gewesen wäre.“ Auf der Krankschreibung steht: akute
       Belastungsreaktion.
       
       Tobias’ Krankmeldung fließt in eine Statistik ein, die derzeit viel zitiert
       wird. Immer mehr Menschen sind wegen psychischer Beschwerden
       krankgeschrieben. Laut neuestem [1][„Fehlzeiten-Report“ der AOK] stiegen
       die Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Beschwerden unter den Versicherten
       in den letzten zehn Jahren um 42 Prozent. Ein erheblicher Teil geht laut
       AOK auf Stress und Überlastungen zurück: „Die längsten Ausfallzeiten bei
       den psychischen Erkrankungen entfielen laut Report auf die Diagnose
       ‚Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen‘, gefolgt von
       depressiven Episoden und wiederkehrenden depressiven Störungen.“
       
       Auch gemäß einem [2][Report der Krankenkasse DAK] sind psychische
       Krankheiten neben Atemwegs- und Muskel-Skelett-Erkrankungen im Jahr 2026
       erstmalig die häufigsten Ursachen von Arbeitsausfällen. Zudem dauern
       Krankschreibungen wegen psychischer Beschwerden oft überdurchschnittlich
       lang. Laut DAK standen 2024 die meisten Fehltage im Zusammenhang mit
       Depressionen, im zweiten Jahr in Folge.
       
       Es scheint aber auch eine längerfristige Entwicklung innerhalb der
       „Diagnosegruppe Z73“ zu geben. Z73 ist ein Code des in der Medizin
       weitverbreiteten Klassifizierungssystems für Krankheiten ICD (International
       Classification of Diseases). Zu der Gruppe gehören eine Reihe von
       Phänomenen unter dem Titel „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der
       Lebensbewältigung“, darunter das „Ausgebranntsein“, „körperliche oder
       psychische Belastungen“ und „Mangel an Entspannung oder Freizeit“.
       Umgangssprachlich werden diese Phänomene oft mit einem anderen Begriff
       abgekürzt: Burn-out.
       
       Laut AOK sind die Gründe für diese Entwicklung vielfältig. Während im
       aktuellen Report unter anderem eine „zunehmend angespannte wirtschaftliche
       Situation“ und die „Angst vor Arbeitslosigkeit“ als Gründe für psychische
       Belastungen beschrieben werden, [3][hieß es noch 2024]: „Als Ursache
       vermuten wir ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren – von der Zunahme
       psychischer Belastungen durch globale Krisen bis zu Veränderungen in der
       Arbeitswelt wie Verdichtung und Entgrenzung der Arbeit durch ständige
       Erreichbarkeit.“
       
       Was Verdichtung und Entgrenzung bedeuten können, musste auch Helena
       erfahren. Auch sie möchte lieber nur mit einem Pseudonym genannt werden.
       Nach ihrer Ausbildung zur Mediengestalterin fand sie einen Job in einem
       Bekleidungsgeschäft. „Ich war als Grafikerin angestellt“, erzählt sie,
       „habe aber viel mehr Jobs gemacht als ‚nur‘ das.“ Nach und nach wurden ihr
       etliche Aufgaben zugeteilt, von denen zuvor nicht die Rede war: „Ich war
       Grafikerin, aber auch Fotografin, Kundenbetreuerin, habe das Shopsystem
       gepflegt und umgestaltet, Waren verbucht und Retouren abgewickelt für
       sämtliche Filialen und den Onlineshop.“
       
       Helena kann die Arbeit kaum noch bewältigen. Das beschäftigt sie bald auch
       außerhalb der Arbeitszeit. „Abends konnte ich kaum einschlafen, weil ich an
       den nächsten Tag und an meine nicht zu schaffenden Aufgaben denken musste“,
       sagt sie. „Ich habe auch oft geweint, selbst bei der Arbeit.“ Ans Aufhören
       will die Anfang 30-Jährige aber zunächst genauso wenig denken wie an eine
       Krankschreibung, obwohl ihr persönliches Umfeld sie dazu ermutigt: „Ich bin
       in einer Familie mit hoher Arbeitsmoral aufgewachsen, da muss schon der Arm
       abfallen, wenn man nicht mehr arbeiten kann. Auf dem Dorf, wo ich herkomme,
       gibt es so etwas wie mentale Probleme nicht.“
       
       Helena entscheidet sich zunächst für einen anderen Schritt. Für das
       deutlich gewachsene Aufgabenprofil will sie mehr Geld. „Ich wurde
       hingehalten mit den Worten: ‚Ja, da können wir auf jeden Fall was machen‘,
       nur um mir nach sechs Wochen zu sagen, dass es nicht drin ist.“ Helena
       kündigt.
       
       ## Wie Soft Skills zur Belastung wurden
       
       Was Tobias und Helena in ihren Jobs widerfahren ist, kann als Ausdruck
       einer Entwicklung betrachtet werden, welche die Sozialforschung seit
       Jahrzehnten kennt. Der Soziologe Richard Sennett etwa beschreibt sie in
       seinem 1998 erschienenen Buch „Der flexible Mensch“: Weil im
       fortschreitenden Kapitalismus immer mehr Tätigkeiten von Maschinen
       übernommen werden können, so Sennett, veränderten sich auch die Ansprüche
       der Unternehmen. Wo von Mitarbeiter*innen vormals verlangt wurde, dass sie
       eine konkrete Tätigkeit beherrschen und möglichst lange ausführen, sollen
       sie sich nun auf immer neue Anforderungen einstellen, lebenslang lernen und
       in einem gewissen Maße ihr eigener Chef sein.
       
       In der Folge wurden Soft Skills wie Diszipliniertheit, Organisationstalent
       oder Stressresistenz immer gefragter. Parallel lernten Unternehmen, die
       neuen Arbeitsnormen als progressiv anzupreisen. Das, so Sennett, belaste
       die Tätigen in der „new work“, vor allem psychisch. Sie erleben die neuen
       Verhältnisse nicht nur als Freiheit und Flexibilität, sondern auch als
       Unsicherheit, und sind weniger in der Lage, aus ihrem Job Selbstwert zu
       schöpfen.
       
       Die Unternehmen sind somit agiler und dynamischer geworden, können
       schneller auf die Boom- und Krisenlagen des Markts reagieren – aber zu
       welchem Preis? „Die heutige Gesellschaft versucht, die Übel der Routine zu
       zerstören, indem sie flexiblere Institutionen schafft. Die Praxis der
       Flexibilität konzentriert sich aber mehrheitlich auf jene Kräfte, die
       Menschen verbiegen“, schreibt Sennett.
       
       Was Sennett und andere Autor*innen wie die US-amerikanische Soziologin
       Arlie Hochschild oder der französische Soziologen Alain Ehrenberg vor der
       Jahrtausendwende noch als exotische Blüten eines neoliberalen Kapitalismus
       beschreiben, ist heute zum neuen Standard verwuchert. Hochschild schrieb in
       ihrer Monografie „Das gekaufte Herz“ (1983) darüber, dass ein neuer Typus
       Job von Menschen nicht mehr nur verlangt, ihren Körper und ihre Muskelkraft
       der Arbeit anzudienen. Zunehmend verlangten Unternehmen auch eine
       emotionale, psychische Anpassung an die Arbeit. So führt die Autorin etwa
       Stewards und Stewardessen an, die nicht nur einen speziellen Kleidungsstil
       tragen, sondern auch stets freundlich sein und immer lächeln sollen.
       
       Auch Alain Ehrenberg machte in seinem bekanntesten Werk „Das erschöpfte
       Selbst“ (1998) einen gesellschaftlichen Wandel aus. Jobs, wie sie noch Marx
       und Engels in der Arbeiterklasse des 19. Jahrhunderts beobachteten, wurden
       immer seltener. Der Arbeitsalltag dieser Klasse war überwiegend von
       Anweisungen und Verboten geprägt, die Schicht wurde durch das Klingeln
       einer Uhr oder das Kommando des Schichtleiters strukturiert. Fehler und
       Disziplinlosigkeit erfuhren direkte Ahndung.
       
       Die moderne Gesellschaft zeichnet sich laut Ehrenberg hingegen dadurch aus,
       dass von Individuen immer weniger Gehorsam und Disziplin, dafür aber
       zunehmend unternehmerische Kreativität und Eigenständigkeit erwartet wird.
       Das, so Ehrenberg, erschöpfe sie, unter anderem weil dadurch der vormals
       zwar rigidere, aber immerhin endliche Arbeitstag einer tendenziell
       permanenten, nie abgeschlossenen Arbeit am eigenen Selbst wich.
       
       Anzutreffen ist dieser Jobtyp, der Eigeninitiative, Anpassungsfähigkeit und
       eine gewisse Rollenperformance voraussetzt, aber nicht nur im Kundenservice
       oder in den Branchen Marketing, PR, Finanzwesen. Auch in anderen
       Tätigkeitsfeldern und abseits der mittleren und höheren Managementebenen
       wird vermehrt nach Allroundern gesucht, die vielerlei Fähigkeiten in sich
       vereinen sollen. Öffentliche Einrichtungen wie Kirchen, Schulen und
       Universitäten suchen sie genauso wie private Dienstleister, von der
       Deutschen Bahn über Wohnungsbaugesellschaften bis zum Ingenieurbüro.
       
       Oft fangen die Bezeichnungen dieser Jobs mit „Projekt-“ an, sei es
       Projektmanagement, Projektentwicklung oder Projektassistenz. In den
       dazugehörigen Stellenausschreibungen wird nach „belastbaren, zuverlässigen
       Teamplayern“ gesucht, die sich „schnell in neue Aufgaben einarbeiten“
       können und durch „ein hohes Maß an Eigenverantwortung“ auszeichnen.
       
       Im ausgehenden 20. Jahrhundert traten an die Stelle von Gehorsam und
       Disziplin laut Ehrenberg Begriffe wie „Projekt, Motivation, Kommunikation“.
       Vorgesetzte gaben weniger und abstraktere Arbeitsanweisungen, damit
       verschwanden Hierarchien, und es entstanden neue Freiheiten und
       Gestaltungsmöglichkeiten für die Arbeiter*innen.
       
       Damit einher gingen aber auch neue Unsicherheiten. So wurde es schwieriger
       festzustellen, ob und wann eine Aufgabe wirklich als erledigt gelten kann –
       und wie die Qualität der eigenen Arbeit einzuschätzen ist. In vielen Fällen
       bedeutete dieser Strukturwandel aber schlicht eine Verlagerung von Arbeit.
       In den Augen ihrer Chefs sollen die „eigenverantwortlichen“ Arbeiter*innen
       ihren Bedarf nach äußerer Steuerung möglichst klein halten, Blockaden und
       Überlastungen selbst „managen“. Von ihnen wurde schlicht mehr verlangt als
       zuvor, nur verlagerte sich diese Anforderungen zunehmend in den
       unsichtbaren, mentalen Bereich.
       
       ## Wie die Auswirkungen auf das Individuum sind
       
       Diese neuen Arbeitsnormen galten Alain Ehrenberg als Boden, auf dem eine
       neue Volkskrankheit wachsen konnte. „Die Depression [….] ist Krankheit
       einer Gesellschaft, deren Verhaltensnorm nicht mehr auf Schuld und
       Disziplin gründet, sondern auf Verantwortung und Initiative“, heißt es in
       „Das erschöpfte Selbst“. Konkrete Arbeitsanweisungen, Verbote und Strafen
       gehören der Vergangenheit an. Der moderne Arbeiter soll sich stets selbst
       befragen, was als Nächstes zu tun sei. Damit ist er autonomer, aber auch
       abhängiger von seinen psychischen Ressourcen. Zudem ist er nie wirklich
       „fertig“.
       
       Ehrenbergs Analyse bleibt nicht bei der Arbeitswelt stehen. Ausgehend von
       seinen Beobachtungen stellt er eine Diagnose für eine Gesellschaft, deren
       Normen sich grundsätzlich verändert haben. Andere Autor*innen folgten
       seiner Einschätzung. Der südkoreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han
       schreibt in seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“ (2010), dass das
       Nicht-mehr-können-Können zu einem destruktiven Selbstvorwurf und zur
       Autoaggression führe.
       
       Die permanente, nach innen gerichtete Schuldzuweisung wird in der
       Psychologie auch internaler Attributionsstil genannt. Sie gilt als typisch
       für die Depression. Auch der Depressive sucht die Schuld eher nicht bei
       anderen, verlangt nicht nach Hilfe, hält sich im Extremfall allein für den
       Verursacher und gleichzeitig einzigen Ausweg aus seiner Misere. Aus „Von
       mir wird zu viel verlangt“ wird „Ich bin dem nicht gewachsen“.
       
       Auch der Fokus auf die Teamfähigkeit kommt zunächst harmlos daher.
       Einerseits sollen die neuen Arbeitenden möglichst autonom agieren,
       andererseits aber auch stets mit anderen „eigenverantwortlichen
       Teamplayern“ zurechtkommen, die obendrein meist untereinander
       gleichgestellt sind. Im Ergebnis entsteht noch mehr
       Verantwortungsverlagerung von Führungs- auf Angestelltenpositionen.
       
       Richard Sennett beschreibt, wie klassische Autoritätsfiguren dem egalitären
       Teamwork gewichen sind. Dabei entstehe „Macht ohne Autorität“: Die
       Angestellten schieben sich oft in hierarchielosen Teams untereinander
       Aufgaben zu, ohne weisungsbefugt zu sein. Eine Win-win-Situation für die
       Chefetage. Sie ist für weniger verantwortlich und kann gleichzeitig darauf
       hoffen, dass der interne Wettbewerb die Teams von selbst zu mehr
       Produktivität anstachelt.
       
       Das zunehmende Aufkommen des Begriffs Management, selbst bei Einstiegs-
       oder Teilzeitjobs, scheint Sennetts Thesen zu bestätigen. Die Endung
       „-manager“ suggeriert die Position eines Minichefs, der Zuständigkeiten und
       auch Konflikte in Teams selbst aushandelt. Damit wird es auch auf weniger
       gut bezahlten Arbeitsplätzen möglich, dass eine Form von unternehmerischer
       Kreativität, persönlichem Einsatz und emotionaler Belastbarkeit erwartet
       wird, die vormals eher für gut entlohnte Führungspositionen vorgesehen war.
       Die Projektmanager*innen leisten Leitungsaufgaben, aber für ihre
       Mehrleistung erhalten sie kaum mehr als eine gewichtig klingende
       Arbeitsbezeichnung.
       
       Mazda Adli forscht seit über 20 Jahren zum Thema Stress. Auf die Frage, ob
       er finde, dass die Menschen gestresster geworden seien, antwortet der
       Universitätsprofessor und Psychiater ohne langes Überlegen. „Ja, die Leute
       sind angespannter, angestrengter, weniger gelassen als noch vor sieben,
       acht Jahren.“ Eine „Aneinanderreihung von Krisen“ habe dazu beigetragen,
       dass viele Menschen nervöser geworden seien, vor allem, wenn diese aufs
       Budget schlagen: „Wenn man sich nicht sicher sein kann, ob das Geld zum
       Leben reicht, ob man die Miete zahlen kann – das sind Sachen, die machen
       ordentlich Stress.“
       
       Adli ist Chefarzt an der Fliedner Klinik Berlin, einer privaten
       psychiatrischen Klinik. Außerdem leitet er den Forschungsbereich „Affektive
       Störungen“ an der Berliner Charité und ist Autor mehrerer Bücher zum Thema
       psychische Erkrankungen und Stress. 2017 erschien seine Studie „Stress in
       the City“ über die Stressoren und Potenziale der Großstadt. In seiner
       jüngeren Forschung beschäftigt er sich mit „therapieresistenten
       Depressionen“.
       
       Stress am Arbeitsplatz ist für Adli kein neues Phänomen: „Seitdem ich mich
       mit Stress beschäftige, ist das ein Thema. Ungefähr Anfang der 2000er Jahre
       machte der Begriff Burn-out Karriere. Seitdem kommen nahezu jährlich
       Statistiken der großen Krankenkassen heraus, die zeigen, dass Stress am
       Arbeitsplatz zu den großen Krankmachern unserer Zeit gehört.“
       
       Auch er beobachtet eine Veränderung. „Mit der Digitalisierung hat eine
       große Wende in der Arbeitswelt Einzug gehalten“, sagt Adli. „Die bietet
       viele Freiheiten, aber mündete auch darin, dass Prozesse komplexer und
       Unterbrechungen wahrscheinlicher geworden sind, Multitasking vermehrt
       eingefordert wird und die Grenze zwischen Arbeit und Nichtarbeit immer mehr
       verschwimmt – weil fast jeder Arbeitsplatz mittlerweile in die Hosentasche
       passt.“ Trotzdem, so Adli, sei die Schuld für die Überlastung nicht allein
       auf Arbeitgeberseite zu suchen: „Unsere Realität hat sich verändert und
       damit die Rahmenbedingungen von Arbeit. Und das fordert von allen eine
       Anpassungsleistung.“
       
       Verändert hat sich die Arbeitsrealität für viele Menschen schleichend. Im
       Zuge der digitalen Transformation wurden vielerorts vormals getrennte
       Arbeitsbereiche mal mehr, mal weniger offensichtlich entgrenzt, weil sie
       vermeintlich leichter zu erledigen sind. Auch Tobias und Helena berichten
       davon, dass sie Tätigkeiten wie die Pflege von Kundendatenbanken oder die
       Verwaltung eines Onlineshops erledigen sollten, zum Teil, ohne in die
       Systeme eingearbeitet worden zu sein.
       
       Eine [4][Studie des Gewerkschaftsverbunds Verdi] aus dem Jahr 2022 kommt zu
       dem Schluss, dass der Digitalisierungsschub infolge der Coronapandemie eher
       nicht dazu geführt hat, dass sich Belastungen am Arbeitsplatz verringerten.
       Knapp die Hälfte aller befragten „digital Arbeitenden“ gab an, dass sich
       „die zu bewältigende Arbeitsmenge infolge der Digitalisierung vergrößert
       habe“. Nur für einen kleinen Teil, 6 Prozent, sei die Arbeit im Zuge der
       Digitalisierung einfacher geworden. Als Hauptgründe für die gestiegenen
       Belastungen geben die Beschäftigten die „Anzahl an gleichzeitig zu
       bearbeitenden Vorgängen“ und eine zunehmende Überwachung ihrer Tätigkeiten
       seitens ihrer Vorgesetzten an.
       
       Ähnliches lässt sich auch am jüngsten Digitalisierungsschub beobachten.
       [5][„KI reduziert Arbeit nicht, sondern intensiviert sie“], lautet der
       übersetzte Titel eines Artikels, der Anfang des Jahres im US-amerikanischen
       Managementmagazin Harvard Business Review erschien. Die Autor*innen hatten
       dafür acht Monate die Arbeitsprozesse in einem Techunternehmen mit 200
       Angestellten beobachtet. Laut ihren Beobachtungen hat die KI dort zwar
       durchaus dazu beigetragen, Abläufe effizienter zu gestalten; gleichzeitig
       arbeiteten die Angestellten aber auch mehr, nahmen sich einer breiteren
       Vielfalt von Tätigkeiten an und weiteten die Arbeit zunehmend auf Zeiten
       aus, die vormals als Pausen oder Freizeit galten.
       
       „Viele fragten die KI während des Mittagessens, in Meetings oder während
       sie auf das Herunterladen einer Datei warteten. Manche beschrieben, wie sie
       kurz vor Feierabend noch einen ‚letzten kleinen Prompt‘ abschickten, damit
       die KI arbeiten kann, während sie nicht am Schreibtisch sind.“ In
       Managementkreisen kursiert spätestens seit dieser Beobachtung das Stichwort
       [6][AI-Burn-out].
       
       Weil nun vermeintlich vieles einfacher geht, werden vielerorts Stellen
       gekürzt. Die Angst, womöglich bald ersetzt zu werden, plagt durch die
       gleichzeitigen Fortschritte in der Robotik längst nicht mehr nur
       „Kopfberufe“. Parallel dazu kann von denen, die noch nicht eingespart
       wurden, mehr verlangt werden. Während eine überwältigende Mehrheit des
       Leitungspersonals in Umfragen angibt, [7][sich von KI Produktivitätsgewinne
       zu versprechen], glaubt ein großer Teil der Arbeitnehmer*innen, dass die
       Technologie ihr Pensum erhöht hat.
       
       Nichtsdestotrotz gibt es auch Hinweise darauf, dass der Einsatz künstlicher
       Intelligenz tatsächlich dazu führt, dass Unternehmen mehr schaffen. Laut
       einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft
       berichten 82 Prozent der deutschen Unternehmen von
       Produktivitätssteigerungen durch den Einsatz von KI. Betrachtet man diese
       Ergebnisse im Zusammenhang, wirft das aber die Frage auf: Hat hier wirklich
       die Technik ihr Versprechen gehalten – oder leisten diejenigen, die mit den
       Systemen arbeiten, schlicht mehr als vorher?
       
       ## Was dem Bundeskanzler zu alldem einfällt
       
       Obwohl die neuen Ausbeutungsdynamiken bekannter werden, scheint das Thema
       Arbeitsverdichtung für die Gewerkschaften noch keine große Rolle zu
       spielen. Dass immer mehr Menschen in Deutschland durch Überlastung
       erkranken, hat dafür die Politik erreicht – aber auf einer ganz anderen
       Ebene. [8][„Ist das wirklich notwendig?“], fragte Bundeskanzler Friedrich
       Merz im Januar im Nachgang zu einer Sitzung des CDU-Bundesvorstands. Ihn
       irritierte eine Statistik. Für das Jahr 2024 ermittelte das Statistische
       Bundesamt, dass die Arbeitnehmer*innen durchschnittlich [9][14,8 Tage im
       Jahr krankgeschrieben] waren – ein Anstieg von knapp 3,5 Arbeitstagen
       gegenüber 2021.
       
       „Zu hoch“ für Merz: Verantwortlich für die Ausfälle machte der Kanzler die
       seit 2020 bestehende Regelung zur telefonischen Krankschreibung.
       Bundesgesundheitsministerin Nina Warken verkündet[10][e daraufhin an], die
       Regelung überprüfen zu wollen. Tatsächlich werden derzeit nur etwa 1
       Prozent der Krankschreibungen telefonisch vorgenommen.
       
       Parallel dazu erhöht die Regierung auch den Druck auf die Beschäftigten,
       mehr Leistung zu erbringen. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD steht,
       dass der bislang arbeitsrechtlich übliche Achtstundentag einer Neuregelung
       weichen soll, nach der eine wöchentliche Höchstarbeitszeit gelten würde.
       Expert*innen haben indes berechnet, dass diese Reformvorschläge im
       Extremfall auf eine arbeitsrechtlich erlaubte [11][wöchentliche Arbeitszeit
       von über 70 Stunden hinauslaufen könnte.]
       
       Dass der Kanzler gern den Druck auf die Arbeitnehmer*innen erhöhen würde,
       lässt er recht regelmäßig verlautbaren: Mit „Viertagewoche und
       Work-Life-Balance“ könne man „den Wohlstand unseres Landes nicht erhalten“,
       sagte Merz im Mai auf einer Tagung des CDU-Wirtschaftsrats. Dabei spielte
       er auf die im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hohe Teilzeitquote
       in Deutschland an. Zwar ist sie tatsächlich vergleichsweise hoch – fast ein
       Drittel der Beschäftigten in Deutschland arbeitet in Teilzeit –, sie sagt
       aber wenig über die Produktivität aus.
       
       Die OECD-Statistik, auf die sich Merz hier berief, enthält einen Hinweis,
       den er unterschlägt: Für Vergleiche zwischen Ländern seien die Zahlen
       aufgrund der Methodik nicht geeignet. In Spanien mag zum Beispiel rein
       quantitativ mehr, aber anders gearbeitet werden. Die reine Arbeitszeit
       trägt daher nicht gleichermaßen zum Bruttoinlandsprodukt bei wie in
       Frankreich. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung griff die
       Merz-Aussagen daher in seiner Reihe [12][„Unstatistik des Monats“] auf und
       stellte eher Gegenteiliges fest: „Im europäischen Vergleich schafft eine in
       Deutschland geleistete Arbeitsstunde einen überdurchschnittlich hohen
       Wert.“
       
       Auch die [13][Teilzeitquote in Deutschland] rührt daher, dass hierzulande
       vor allem Frauen nicht Vollzeit arbeiten. Mit etwa 49 Prozent liegt
       Deutschland im europäischen Vergleich auf Platz vier hinter der Schweiz,
       den Niederlanden und Österreich. Arbeitszeit reduzieren Frauen vor allem,
       um der Kindererziehung nachgehen zu können: 68 Prozent der Mütter mit
       Kleinkindern arbeiten in Teilzeit – im Vergleich zu nur 12 Prozent der
       Männer. Zudem arbeiten Frauen überproportional oft in Berufen, in denen die
       Teilzeitquote aufgrund der Belastungen besonders hoch ist, etwa in der
       Kranken- und Altenpflege.
       
       Mit knapp 28 Krankheitstagen im Jahr gehören Pflegekräfte zu den am
       längsten krankgeschriebenen Berufsgruppen in Deutschland. Laut Angaben der
       Techniker Krankenkasse sind auch hier „psychische Diagnosen“ wie
       Depressionen, Burn-out und Angststörungen [14][mittlerweile der häufigste
       Krankschreibungsgrund].
       
       Für die Flexibilisierung vieler Jobs bezahlen Arbeitnehmer*innen,
       Unternehmen und letztlich der Staat also einen hohen Preis. Zwar können
       sich Chefs nun leichter um Verantwortung drücken und
       Arbeitnehmer*innenrechte umgehen. Die psychischen Schäden, die aus den
       neuen Arbeitsverhältnissen bereits resultieren, lassen sich jetzt schon
       aber nicht mehr übersehen.
       
       Helena und Tobias haben mittlerweile wieder neue Jobs. Beide beschreiben,
       wie die Belastungen der alten Stelle aber noch lange an ihrem Selbstwert
       gekratzt haben. Tobias’ alte Stelle wurde unterdessen neu ausgeschrieben –
       und diesmal auf mehrere Personen aufgeteilt. Für seine Krankschreibung
       schämt er sich mittlerweile nicht mehr, im Gegenteil: „Weil es Leute gibt,
       die das alles mit sich machen lassen, wird auch so viel fehlgeplant“, sagt
       er.
       
       18 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.aok.de/fk/betriebliche-gesundheit/grundlagen/fehlzeiten/ueberblick-fehlzeiten-report/
 (DIR) [2] https://www.dak.de/presse/bundesthemen/gesundheitsreport/krankenstand-im-ersten-halbjahr-2026-leicht-gesunken_223354
 (DIR) [3] http://www.zeit.de/news/2024-10/08/beschaeftigte-sind-rekordverdaechtig-oft-krankgeschrieben
 (DIR) [4] https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/neue-studie-zur-digitalisierung-beschaeftigte-sind-zunehmender-belastung-ausgesetzt-betroffene
 (DIR) [5] https://hbr.org/2026/02/ai-doesnt-reduce-work-it-intensifies-it
 (DIR) [6] https://www.melissadoman.com/blog/ai-burnout
 (DIR) [7] https://investors.upwork.com/news-releases/news-release-details/upwork-study-finds-employee-workloads-rising-despite-increased-c
 (DIR) [8] https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/Politik__Inland_/article696e3dba173ea7f40d17e219/warken-ueberprueft-regeln-fuer-telefonische-krankschreibung.html
 (DIR) [9] https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Indikatoren-Qualitaet-Arbeit/Dimension-2/krankenstand.html
 (DIR) [10] https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/telefonische-krankschreibung-122.html
 (DIR) [11] https://www.boeckler.de/de/auf-einen-blick-17945-debatte-um-die-arbeitszeit-69628.htm
 (DIR) [12] https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-mythos-von-den-faulen-deutschen-ein-remake
 (DIR) [13] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_175_13.html
 (DIR) [14] https://www.tk.de/presse/themen/pflege/pflegepolitik/krankenstand-bei-pflegekraeften-auf-rekordhoch-2149302?tkcm=aaus
       
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 (DIR) Konstantin Nowotny
       
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