# taz.de -- Zuckersteuer liegt auf Eis: Kanzleramt pfeift Klingbeil zurück
       
       > Es ist ein außerordentlicher Rüffel: Das Kanzleramt bremst Steuerpläne
       > des Vizekanzlers aus. Wie es weitergeht – und was das über die Koalition
       > aussagt.
       
 (IMG) Bild: Lass zischen: Die Zuckersteuer ist nicht mehr
       
       dpa/taz | Die Zuckersteuer von Finanzminister Lars Klingbeil liegt vorerst
       auf Eis. Das Kanzleramt hat den Plänen des SPD-Vizekanzlers einen Riegel
       vorgeschoben. Die Begründung: Klingbeil halte sich nicht an die
       Vereinbarung. Die Unionsfraktion dürfte das freuen – denn da hat die Steuer
       generell wenig Fans. Es ist aber auch ein außergewöhnlich deutlicher Rüffel
       des Kanzlers an den Vizekanzler.
       
       Worum es genau geht: Ursprünglich hatte ein von der Bundesregierung
       eingesetztes Expertengremium die neue Steuer auf zuckerhaltige Getränke
       empfohlen. Die Spitzen der schwarz-roten Koalition haben gemeinsam
       vereinbart, das so umzusetzen. Hauptsächliches Ziel sind nicht zusätzliche
       Einnahmen für den löchrigen Bundeshaushalt, sondern Anreize für
       Getränkehersteller, den Zuckergehalt ihrer Produkte zu senken und sie
       [1][so gesünder zu machen].
       
       Klingbeil hat nun einen Entwurf vorgelegt, nach dem die Steuer ab dem 1.
       Juli 2027 auf alle Getränke anfallen soll, die einen Zuckergehalt von
       mindestens 5 Gramm pro 100 Milliliter haben. Im Vergleich zu ersten
       Überlegungen von Beamten des Finanzministeriums ist das schon deutlich
       entschärft: Für Zero-Getränke, die mit Ersatzstoffen gesüßt sind, soll
       anders als zunächst erwogen keine Zuckersteuer gelten. Auch reine Frucht-
       und Gemüsesäfte, alkoholfreies Bier und alkoholfreier Wein sind
       ausgenommen.
       
       Die Höhe der Steuer soll vom Zuckergehalt abhängen und in drei Stufen
       zwischen 26 und 38 Cent pro Liter betragen. Das Finanzministerium erwartet
       jährliche Einnahmen von rund einer Milliarde Euro. Konkret: 945 Millionen
       Euro im kommenden Jahr, im zweiten Jahr dann 1,155 Milliarden Euro. Bis zum
       Jahr 2031 sollen die Einnahmen auf 1,18 Milliarden Euro steigen.
       
       ## Was sagt das Kanzleramt?
       
       Klingbeil hat seinen Entwurf in die Abstimmung unter den Ministerien
       gegeben, danach sollte er im Kabinett beschlossen werden. Doch dazu wird es
       erst einmal nicht kommen. Die Regierungszentrale von Kanzler Friedrich Merz
       (CDU) stoppte die Pläne vorerst. Klingbeil halte sich damit nicht an den
       Vorschlag der Finanzkommission Gesundheit, den die Regierung eigentlich als
       Vorbild nehmen wollte, heißt es in Regierungskreisen. Klingbeils Entwurf
       sei deshalb „in dieser Form in der Regierung nicht mehrheitsfähig“.
       
       Tatsächlich weicht der Entwurf des Finanzministeriums in Details vom
       Vorschlag der Kommission ab. Diese hat zwar die Einführung einer [2][nach
       Zuckergehalt gestaffelten Steuer auf zuckergesüßte Getränke] empfohlen –
       jedoch mit anderen Steuersätzen. Bei einem Zuckergehalt von 5 bis 8 Gramm
       pro 100 Milliliter sollten 26 Cent pro Liter verlangt werden, bei einem
       Zuckergehalt von mehr als 8 Gramm dann 32 Cent pro Liter. Das
       Finanzministerium schlägt nun drei Stufen vor, mit einem maximalen
       Steuersatz von 38 Cent bei Getränken mit 10 Gramm Zucker pro 100 Milliliter
       wie der klassischen Cola.
       
       Unter anderem wegen der unterschiedlichen Steuersätze rechnet die
       Kommission auch mit deutlich weniger Einnahmen, genauer: nur mit 450
       Millionen statt 1 Milliarde Euro im Jahr.
       
       Politisch tot ist die Zuckersteuer damit noch nicht – auch wenn
       Ministerpräsidenten der Union und Agrarpolitiker der Unionsfraktion sie
       generell ablehnen. Klingbeil kann nun nachbessern und seinen Entwurf noch
       mal entschärfen. Sein Ministerium kommentierte die Blockade nicht. Es
       liefen Abstimmungen, wie genau die Zuckersteuer umgesetzt werde, hieß es
       lediglich.
       
       ## Was sagt der Fall über die Zusammenarbeit der Koalition?
       
       Ob ein neuer Entwurf im Bundestag durchkäme, ist allerdings auch
       zweifelhaft: Rübenanbauer und Lebensmittelbranche lobbyieren vehement
       dagegen. Dem Vernehmen nach haben sie die Agrarpolitiker der Union auf
       ihrer Seite – und die Mehrheit der Koalition beträgt ohnehin nur wenige
       Stimmen.
       
       Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) warnte neulich vor einer
       Belastung der Verbraucher: „In einer Zeit, in der viele Menschen mit hohen
       Preisen zu kämpfen haben, darf der Staat Lebensmittel und Getränke nicht
       noch teurer machen.“
       
       Dass ein Vizekanzler so öffentlich von oberster Ebene zurückgepfiffen wird,
       ist außergewöhnlich. Zwar hat das Kanzleramt schon häufiger Gesetzentwürfe
       blockiert, meist hält man das aber möglichst lange geheim, um hinter den
       Kulissen Kompromisse auszuhandeln. Jetzt dringt der Vorfall sofort an die
       Öffentlichkeit.
       
       Luise Molling von der [3][Verbraucherschutzorganisation Foodwatch] sagt
       dazu: „Während die Koalition streitet, freut sich die Zuckerlobby – und die
       Kindergesundheit leidet.“ Die Koalition habe sich längst darauf geeinigt,
       die Hersteller überzuckerter Getränke in die Verantwortung zu nehmen. Der
       aktuelle Gesetzentwurf setze den Vorschlag der Finanzkommission Gesundheit
       um. „Er wäre ein Meilenstein im Kampf gegen ernährungsbedingte
       Erkrankungen“, meint Molling.
       
       ## „Tanzt nach der Pfeife der Zuckerlobby“
       
       60 Prozent der Menschen in Deutschland sprächen sich für eine Limosteuer
       aus – und [4][Großbritannien zeige seit Jahren], dass eine nach
       Zuckergehalt gestaffelte Abgabe wirkt. Deshalb müsse die Bundesregierung
       sie schnell auf den Weg bringen, fordert Molling. „Wer jetzt blockiert,
       tanzt nach der Pfeife der Zuckerlobby.“
       
       „Der Stopp der Zuckersteuer ist ein fatales Signal“, sagte am Donnerstag
       auch Grünen-Politiker Johannes Wagner, Arzt und Mitglied des
       Gesundheitsausschusses des Bundestages. Wagner glaubt, dass die offizielle
       Begründung – das Abweichen des Entwurfes vom Kommissionsvorschlag – nur
       vorgeschoben ist. „Die wahren Bremser sitzen in der Union. Das ist Angst
       vor der eigenen Verantwortung, Angst vor der Lobby, Angst vor einer
       richtigen Entscheidung.“
       
       Wagner verweist außerdem darauf, dass dem Bundeshaushalt ohne Zuckersteuer
       erhebliche Mittel fehlen. „Das Finanzministerium hatte für das erste Jahr
       nach Einführung 795 Millionen Euro und für das zweite Jahr bereits 1,215
       Milliarden Euro eingeplant. Ich habe die Befürchtung, dass diese Lücke am
       Ende durch weitere soziale Kürzungen geschlossen werden soll.“
       
       1 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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