# taz.de -- Epidemiologe über Gesundheitsprävention: „Das System setzt erst ein, wenn wir krank werden“
> Der Epidemiologie Hajo Zeeb führt die im OECD-Vergleich niedrige
> Lebenserwartung in Deutschland auf zu viel Toleranz bei Tabak und Alkohol
> zurück.
(IMG) Bild: Vom gesundheitlichen Standpunkt aus ist Bier mit Korn nicht anzuraten: Lüttje Lage
taz: Herr Zeeb, fehlt in dem reißerischen Veranstaltungstitel „Warum
sterben die Deutschen früher?“ nicht ein Satzteil, der mit dem Wort „als“
beginnen sollte?
Hajo Zeeb: Ja, das stimmt! Es geht um den Vergleich mit Industrieländern
auf dem OECD-Niveau. Da stehen wir in Deutschland im unteren Drittel der
Lebenserwartung. Und das ist überraschend angesichts des vielen Geldes, das
wir in unser Gesundheitssystem stecken.
taz: Was sind die Faktoren, durch die wir da so ungünstig dastehen?
Zeeb: Wenn man krank ist und eine Therapie braucht, dann ist bei uns viel
da und man wird auch relativ prompt behandelt. Und das ist durch unser
Sozialversicherungssystem auch gut kostengesichert. Aber das System setzt
erst ein, wenn wir krank werden. Und bei allem, was davor nötig ist, um
unsere Gesundheit zu erhalten, geschieht zu wenig. Darum sehen wir, dass
wir zu viele Herz- und Kreislauferkrankungen behandeln müssen, die durch
Vorsorge eventuell hätten vermieden werden können.
taz: Ist das der entscheidende Faktor in den entsprechenden Statistiken?
Zeeb: Ja! Die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit ist der Treiber dieser etwas
geringeren Lebenserwartung. Da geht es ja im Vergleich nur um halbe oder
einzelne Jahre. Aber auf die Gesamtbevölkerung bezogen ist das natürlich
viel verlorene Lebenszeit.
taz: Welche Gründe gibt es dafür?
Zeeb: Das wird durch die Lebensumstände bedingt, also die Ernährung, das
Rauchen und Alkohol. Da steht es in Deutschland europaweit besonders
schlecht.
taz: Was machen wir da nicht so gut wie andere?
Zeeb: Der Pro-Kopf-[1][Verbrauch von Alkohol ist in Deutschland sehr hoch.
Wir haben zum Beispiel sehr niedrige Steuern]. Und es ist kein Naturrecht,
dass man in jeder Tankstelle hochprozentigen Sprit kaufen kann. Das wird
hier sehr liberal gehandhabt und dies macht sich in den
Gesundheitsstatistiken bemerkbar.
taz: Gibt es denn Beispiele, bei denen politische Eingriffe für eine
niedrigere Sterblichkeitsrate gesorgt haben?
Zeeb: Vor einigen Jahren hat die Politik in Litauen erkannt, dass der
Pro-Kopf-Verbrauch an Alkohol dort mit um die 15 Liter viel zu hoch war.
Dann haben sie höhere Steuern, Verkaufsverbote und den auf bestimmte Läden
zentrierten Verkauf eingeführt. Dadurch ist in wenigen Jahren der
Alkoholverbrauch deutlich heruntergegangen. Und das schlägt sich in den
Erkrankungsraten etwa für Herzinfakte nieder.
taz: Gibt es auch positive Beispiele für den Tabakkonsum?
Zeeb: Ja, in den Niederlanden haben sie jetzt sehr stark [2][beim
Tabakkonsum eingegriffen], und die sind jetzt ein wenig betrübt darüber,
dass wir das nicht so machen. Denn viele Niederländer kommen jetzt über die
Grenze nach Deutschland, um dort billiger Tabak einzukaufen.
taz: Ach, das war doch früher genau andersherum. Da haben die Deutschen in
den Niederlanden legal ihr Cannabis gekauft.
Zeeb: Genau! Auch in Großbritannien oder Irland kostet eine Schachtel
Zigaretten inzwischen um die 20 Euro. Das macht es dann natürlich nicht
mehr so attraktiv zu rauchen.
taz: Gibt es strukturelle Gründe für die ungünstigen Vergleichsdaten?
Zeeb: Ja! Es fehlt bei uns an guten Netzwerken zwischen ärztlicher
Versorgung und lokalen präventiven und gesundheitsförderlichen Strukturen.
Manche Kommunen sind da schon gut aufgestellt, aber in der Summe ist es
noch zu wenig.
taz: Ist unsere Gesundheitspolitik also zu unflexibel?
Zeeb: Ja! Da mangelt es auch oft an politischem Mut. Wir diskutieren zum
Beispiel [3][gerade über eine Zuckersteuer]. Die gibt es weltweit schon in
über 100 Ländern, und Deutschland macht sich erst jetzt auf den Weg, sie
einzuführen. Vorneweg sind wir bei solchen Sachen so gut wie nie. Und so
kommt es zu diesem [4][harten Endergebnis bei der Lebenserwartung].
31 Aug 2026
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(DIR) [3] /Zuckersteuer-Eine-Idee-die-Krankenkassen-sowie-der-Bevoelkerung-hilft/!6167380
(DIR) [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_durchschnittlicher_Lebenserwartung
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(DIR) Wilfried Hippen
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