# taz.de -- Dichter Eberhard Häfner im Porträt: Kam einer an, fand im Glück eine Lücke
> Wie lebt er, der einstige DDR-Underground, die
> „Prenzlauer-Berg-Connection“? Ein Besuch beim Dichterschmied und „letzten
> Bohemien Berlins“, Eberhard Häfner.
(IMG) Bild: Eberhard Häfner neben seiner Schrankwand
Dichtung, befand die Philosophin Hannah Arendt in „Vita activa“, sei die
„unweltlichste der Künste“. Dieses Klischee ist auch heute noch in Kraft,
ablesbar an dem, was bepreist und was ignoriert wird. Kunst auf seinen
Handwerkscharakter zu prüfen, ist in Deutschland komplett unproblematisch,
solange es sich nicht um Lyrik handelt. Das gilt in dieser Untersparte des
Literaturbetriebs als anstößig, mindestens aber als prollig.
Eberhard Häfner, 1941 in der thüringischen Provinz geboren, dort
aufgewachsen, von dort zeitig gen Erfurt, dann nach Berlin enteilt, wurde
Rhythmik nicht in Form metrischer Trichter verabreicht. Sein Rhythmusgefühl
beim Schreiben rührt nicht bloß sinnbildlich, sondern tatsächlich vom
Handwerk des Silber- und Kupferschmieds her. Mit den gleich zwei neuen
Publikationen kommt nun unübersehbar die kunsthandwerkliche Domäne zum
Vorschein. Sein kürzlich erschienener Gedichtband „Korinthisches Erz“
strotzt nur so vor anmutiger Zeilen über gelebtes Leben, ist voller
traurigem Trotz: „Kam mal einer an, fand im Glück eine Lücke“, die Zeile
gibt bereits einen Vorschein auf eine in Vorbereitung befindliche Elegie.
Vor zwei Jahren starb Häfners Ehefrau, die Künstlerin Magdalena Häfner. Die
beiden waren seit 1965 verheiratet. Den Einfluss ihrer Kunst auf seine
Literatur betont er mehrfach und mit Nachdruck. Die Wohnung ist voll mit
ihren figürlich surrealen Bildern. Der Blick aus dem Altbau-Doppelfenster
im vierten Stock zeigt einen Kirchturm, dann und wann eine Tram; neben dem
Eingangsportal befindet sich, vielleicht bloß Zufall, ein Goldschmied, ums
Eck ein Silberschmied; einen Häuserblock weiter läuft man vorbei am
Geburtshaus des in der Bonner Republik [1][legendären Showmasters Hans
Rosenthal.] Alles wirkt etwas zu proper, um wirklich in Berlin sein zu
können. Ich mache ein paar private Schnappschüsse von einem urigen
Schustergeschäft und werde gleich im hiesigen Idiom angeraunzt. Aha, das'
hier doch Berlin.
Eberhard Häfner, hochgewachsen, mit Pranken von Händen und wachem Blick,
wünscht sich, als Dichter angeredet zu werden. Mit Lorbeer habe das nichts
zu tun: „Die ersten Dichter waren Schmiede“. Seine Dichtkunst assoziiert er
mit dem „Hammerschlag“. Ein etwas lieblos ediertes Bändchen gleichen Titels
mit Fotos seiner Schmiedekunst für sakrale Zwecke ist Anfang des Jahres bei
Distillery Press erschienen. Es gibt keinerlei Beitexte, weder zu den
verwendeten Materialien noch zur editorischen Absicht. Da wäre mehr möglich
gewesen.
## Kein vergeistigter Eleve
Die entwaffnend offene Art des bald 85-Jährigen, das Zustandekommen der
Publikation zu erläutern, lässt mich ungehörig schmunzeln. Häfner wirkt
überhaupt nicht wie ein vergeistigter Eleve, obwohl die Wohnung einer
Poetenbehausung aufs Haar gleicht: Knarrende Dielen, Bücherwand voll Poesie
und Poetik, im Wohnzimmer prangt das Schild „Schreibzimmer“. Damit habe er
seinerzeit angeben wollen.
Während des Gesprächs tritt der energische Handwerker hervor, beständig ist
ein Wasserglas zur Hand, wird gedreht, gerückt, ab und an sacht auf die
Tischplatte geklopft. Ähnlich eigenwillig war es für den aufmerksamen
Beobachter, dass Häfner nach seinem [2][Gedichtvortrag im Silent Green] in
diesem Sommer nicht ins Publikum zurückkehrte, sondern zwei Meter hinter
den nächsten Auftretenden kerzengerade auf einem Baumstumpf Platz nahm, um
[3][Mirko Bonné] und anderen aufmerksam zuzuhören.
„Connection“ oder nicht „Connection“?
Es scheint mir am ehesten zutreffend für die sympathisch hemdsärmelige Art
von Eberhard Häfner, ihn als Dichterschmied zu bezeichnen, der in einer auf
Solidarität basierenden Szene vom Prenzlauer Berg sozialisiert wurde. Nach
dem Tod der Büchnerpreisträgerin Elke Erb und des [4][als Undergroundpoeten
verehrten Bert Papenfuß], von Adolf Endler wurde die Szene [5][„Prenzlauer
Berg-Connection“] getauft, ist Eberhard Häfner der letzte Bohemien Berlins.
Von einer „Connection“ will er übrigens nichts wissen. Eine ganze Reihe von
Negativerlebnissen aufzählend, ist er auf De-Mystifizierung bedacht. Seine
Stasi-Akte habe er nie gelesen. Er habe sich relativ bald außen vor
gefühlt, als „bestimmte Leute dazukamen“. Namen des einen oder anderen
Neidzwergs und Möchtegern-Nebenbuhlers fallen. Alle, die es betrifft, sind
bereits verstorben.
Die Nachbarschaft eines eigenen Gedichts (samt Porträtfotografie) im oft
zitierten „Text+Kritik“-Sonderband „Die andere Sprache. Neue DDR-Literatur
der 80er Jahre“, erschienen 1990, zum Konterfei von Sascha Anderson samt
Poem, löst in meinem Gegenüber überraschenderweise keinerlei Reaktionen
aus. Emotional wird der ansonsten durchweg relaxt-freundliche und endlos
geduldig Auskunft gebende Greis nur, als ich ihm eine pseudonym („H.
Gurwizz“) verfasste Vignette aus derselben Zeitschriftennummer vorlege:
„Der Häfner (…) Palavervogel genannt (…) Seine Nahrungsgrundlage bilden
Körner, Gräser, Käfer, Schmetterlinge und Spinnen, die er im Laufen von
allen Seiten vom Boden oder aus der Luft greift (…)“
Die Abgefucktheit dieses „Bestiarium literarium“, in dem auch andere
bekannte DDR-Autoren („Der Wawerzinek“ als „Poltergeist“ oder „Das
Grünbein“ als „Gratwanderungsvogel“) in die Pfanne gehauen werden, löst
heute nur noch Fremdscham aus. Kann man den Irrläufern innerhalb der
Prenzlauer-Berg-Szene zum Trotz nicht auch ein paar Lektionen mitnehmen,
frage ich? Häfner verneint das. Ich bleibe bei meiner Ansicht.
## Was ist denn Erfolg als Schriftsteller?
Im Angesicht der bald anstehenden [6][Einführung von
„Patriotismus-Klauseln“] durch eine allein- oder mitregierende AfD dürfte
sich der Blick der [7][betroffenen freien Szenen von heute] auf die
historischen Off-Literatur-Szenen nochmal markant ändern. Deren
künstlerischen Eigensinn, allem voran die in der „Zersammlung“ (Elke Erb)
gipfelnden Wohnzimmer-Performances bloß auf das Desavouiert-Sein durch
konspirierende Poetaster zu reduzieren, tilgt die stilbildenden Impulse,
den Zusammenhalt von Künstler:innen im Angesicht staatlicher Repression.
Sehr zeitig nach dem Ende der DDR setzte eine, gerade auch von damaligen
Szenegängern betriebene Selbstverkleinerung ein, die im Zeichen von
Markt-Klischees soufflierten: Man habe nichts aus sich gemacht. Ich höre
noch einmal nach, was mir Elke Erb vor 15 Jahren belustigt auf Band sprach:
„Was ist denn Erfolg als Schriftsteller? Was meinst du denn damit, hm?“
Mir persönlich erscheint die Prenzlauer-Berg-Szene nicht weniger zu sein
als die Vorhut des heutigen [8][Netzwerks Freie Literaturszene Berlin],
ganz so wie das seit 1995 neu gegründete Leipziger Literaturinstitut nicht
denkbar wäre ohne das Becher-Literaturinstitut, das von 1955 bis 1993
bestand. Häfner erwog dort ein Studium, zog dieser Möglichkeit aber einen
Fernkurs an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein vor; von
volksverbundenen Kursen „Schreibender Arbeiter“ im Rahmen des Bitterfelder
Wegs hielt er sich immer fern. Während seiner Dienstzeit bei der NVA schoss
er, nach eigenem Bekunden, „absichtlich schlecht“, das kostete ihn den
Studienplatz.
Heute „minister für poesie“
Dichterschmied Eberhard Häfner ist mittlerweile und nolens volens der
Nestor dieser historischen Solidargemeinschaft, ob man sie nun Connection
nennt oder nicht, er nimmt großen Anteil am Treiben der jüngeren
Lyrikgenerationen, er ist ein Gesprächspartner und Freund bekannter
GegenwartslyrikerInnen wie Ron Winkler, Karin Fellner und Björn Kuhligk.
Die Lyrikerin Birgit Kreipe gab ihm gar den lobenden Beinamen „minister für
poesie“; sei ein Schelm, wer dabei an Johannes R. Becher, den real
existierenden DDR-Kulturminister und Ex-Expressionisten denkt …
Als Redakteur der [9][bedeutenden Kunstzeitschrift Herzattacke] vermittelte
Eberhard Häfner einer damals noch aufstrebenden Kollegenschaft Kontakte;
ließ und lässt sich aber auch selbst beraten. Häfners Startbedingungen
waren gut: 1989 scharte sich die bundesdeutsche Journaille um ihn, als ihm
in Klagenfurt der 3sat-Preis zuerkannt wurde. Davor und danach wurden seine
Gedichte in renommierten Anthologien, etwa dem Jahrbuch der Lyrik 1986 und
folgenden, publik gemacht.
Besondere Prägnanz haben auch seine Wendezeit-Gedichte, in der von Michael
Lentz herausgegebenen Sammlung „In diesem besseren Land“. Zwischen Hacks
und Hahn findet sich Häfners „Big Ben hat sieben Uhr geschlagen“, das
leider in jedem Schulbuch fehlt: „Ich sehe den Versen nach …/ geschnittene
Zeilen in stoppeligen Reihen (…) einer der auszog und wieder einzog/ sich
schwertut und nicht einloggen will/ das Saatgut der Sprache noch von der
Hand/ in den Mund fristet“.
Das Gedicht könnte glatt eine Galionsfigur fürs windschnittige Gesamtwerk
sein, ganz oft treffen typische Moves aufeinander: Gedichtgedicht auf
flapsiges Bekennertum; Redensarten auf Märchenformeln, die verformt werden:
„Außer Linden nichts gefunden“ oder: „Steter Tropfen trifft den Nerv“ oder:
„No Limerick, echt Leberhart“. Wenn der Jubilar nun am Samstag, dem 24.
Oktober, 85 wird, jubeln nicht nur Connaisseurs. Eberhard Häfner macht aus
Worten die „einzige friedliche Sprache überhaupt: Poesie“.
23 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Hans-Rosenthals-100-Geburtstag/!6076167
(DIR) [2] /Eroeffnung-des-Jungen-Hauses-fuer-Poesie/!6185636
(DIR) [3] /Neue-Gedichte-von-Mirko-Bonne/!6100269
(DIR) [4] /Bibliothek-von-Dichter-Bert-Papenfuss/!6151250
(DIR) [5] /Prenzlauer-Berg-wird-ein-Rentnergetto-sein/!500441/
(DIR) [6] /Einfluss-der-AfD-auf-die-Kultur/!6202665
(DIR) [7] /Alternative-Szene-in-Halle-vor-der-Wahl/!6205488
(DIR) [8] /Die-freie-Literaturszene-in-Berlin/!5614833
(DIR) [9] https://radio-potsdam.de/40-jahre-herzattacke-literatur-und-kunst-aus-potsdam/
## AUTOREN
(DIR) Konstantin Ames
## TAGS
(DIR) Lyrik
(DIR) Prenzlauer Berg
(DIR) DDR
(DIR) Underground
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Die „Wiedervereinigung“ in der Literatur: Stumm ist das Volk
Während mehr ostdeutsche Autor:innen das Ende der DDR in den Blick
nehmen, bleibt die Wiedervereinigung aus westdeutscher Perspektive
unerzählt. Warum ist das so?
(DIR) Neue Ausgabe der „Idiome“: Wo die dark tourists des Literaturbetriebs Urlaub machen
Im Wiener Literaturmagazin „Idiome“ erscheint seit 20 Jahren Abseitiges und
Morbides. Auch die neue Ausgabe glänzt mit schaurig-frechen Texten wenig
bekannter Autor:innen.
(DIR) Peggy Mädler: In der totalen Ordnung
Peggy Mädlers neuer Roman erzählt feinfühlig vom Leben in der DDR, von
Arbeitern und Künstlerinnen, die das „Drecksleben“ aushalten.