# taz.de -- Peggy Mädler: In der totalen Ordnung
       
       > Peggy Mädlers neuer Roman erzählt feinfühlig vom Leben in der DDR, von
       > Arbeitern und Künstlerinnen, die das „Drecksleben“ aushalten.
       
 (IMG) Bild: Die 1976 in Dresden geborene Autorin Peggy Mädler
       
       Wie bleibt der Mensch in Bewegung, wenn er eingesperrt ist? Wenn die
       Diktatur allem Lebendigen misstraut, weil es die Ordnung zu sprengen droht?
       Vielleicht in Gedanken und Gefühlen. Im inneren Aufbegehren gegen das
       Bestehende und im Träumen vom Besseren, in dem, was [1][Peggy Mädler]
       „Momente intensiver Anwesenheit“ nennt.
       
       In ihrem neuen, für den Deutschen Buchpreis nominieren Roman
       „Selbstregulierung des Herzens“ nimmt sie die Lesenden über drei Jahrzehnte
       hinweg mit zu Georg und Roland, Helga, Marlies, Mona und Konrad. Man liest
       von ihrem Aufbruchwillen in den 1960ern, dem Willen, die DDR
       mitzugestalten, dann vom Schock angesichts der Gewalt in Reaktion auf den
       Prager Frühling.
       
       Von der Flucht von Roland, von Heirat, Geburt und Scheidung, der Anpassung
       und der Resignation. Vor allem erzählt Mädler aber davon, wie die Menschen
       auch in der totalen Ordnung ökologische Nischen der Unangepasstheit finden.
       Das Herz fügt sich nun mal nicht der Planwirtschaft.
       
       ## „Vorzeigepaar der Deutschen Demokratischen Republik“
       
       Da ist zum Beispiel die Geschichte von Mona und Konrad, ein junges
       Künstlerpaar aus Ostberlin, die in den 1960ern eine Datsche außerhalb der
       Stadt suchen. Vor den Behörden geben sie das „Vorzeigepaar der Deutschen
       Demokratischen Republik“ und dürfen das Haus kaufen. Sie nutzen es mit
       Freunden als Refugium, in dem diskutiert und gestritten und geliebt werden
       darf, wie sie wollen.
       
       Das Buch hat in diesen Passagen viel von [2][Christa Wolfs] „Sommerstück“,
       nur kommt man nicht so durcheinander mit den Figuren. Peggy Mädler glänzt
       hier mit präzisen Beobachtungen sowohl der Menschen – „Mona mochte Elkes
       trockene, raubeinige Art, die Verbindlichkeit dahinter“ – als auch der
       Umgebung: „Wolken, wie frisch gewaschen und am Himmel zum Trocknen
       aufgehängt.“
       
       Auch mit schonungslosen Beschreibungen des Lebens spart das Buch nicht.
       „Selbstregulierung des Herzens“ erzählt von einem Land, in dem der Staat
       sich weder um die Bleireste in den Lungen seiner Fabrikarbeiter noch um im
       Badesee entsorgte Schlachtereiabfälle kümmert. Ein „Drecksleben“ nennen es
       die Mitarbeiterinnen von Helga in der Fabrik. Von den Menschen, die dieses
       Leben ertragen, erzählt das Buch keine Opfergeschichte, sondern beschreibt
       sie als zähe und wache, wenn auch bisweilen verzweifelnde Menschen.
       
       ## Ein Freund flieht, einer tritt in die Partei ein
       
       Immer wieder müssen sie ihre Impulse regulieren, wie ein System, das dem
       Chaos entgegensteuert, sei es ein ungeplantes Verliebtsein oder die Flucht
       eines Freundes. Auch Freundeskreise müssen sich regulieren, etwa, um einen
       Umgang mit einem Parteimitglied in ihrem Umfeld zu finden, sie streiten und
       schließen ihn aus, nehmen viel später aber doch seine handwerkliche Hilfe
       an.
       
       Und Eltern müssen sich regulieren, um das Hadern mit dem eigenen Kind zu
       ertragen, das unbedingt mit kurz geschnittenem Haar und Pionierkleidung
       hineinpassen will ins sozialistische Schulsystem.
       
       Dabei, und das macht den Roman angenehm zu lesen, erzählt Mädler keine
       Heldengeschichten. Ihre Figuren müssen sich dem Regime anpassen, viele
       wollen es aber auch. So entscheidet sich Mona zunächst für den Beruf als
       Werbegrafikerin und gegen die freiere Malerei.
       
       Was opportun erscheint, ist im Roman das Ergebnis einer nachvollziehbaren
       Abwägung: „In den ersten Tagen ihrer Anstellung saß sie lange vor dem
       leeren Papier, den Bleistift in der Hand, ohne einen Strich zu setzen. In
       ihrem Kopf ein einziges Suchen. Schließlich tauschte sie den Bleistift
       gegen die Zeichenkohle und schwärzte behutsam das Papier, von oben nach
       unten, bis kein Weiß mehr übrig blieb.
       
       ## Das Leben vor und nach 1968
       
       Das war Anfang September 1968 gewesen, kurz nach dem gewaltsamen Einmarsch
       der sowjetischen Truppen in Prag. Es gab ein Leben vor diesem Sommer und
       ein Leben danach. So empfand sie es, so empfanden es alle ihre Freunde. Am
       Ende zerknüllte sie das geschwärzte Papier, wusch sich die Hände und fing
       von vorn an. In der Malerei hätte sie sich nicht so zusammenreißen können.“
       
       Über die Arbeit in der DDR erfährt man überhaupt viel im Roman, vom
       Programmieren mit Lochkarte, von der Steuerung der Infrastruktur
       Ostberlins, von eingefrorenen Toilettenrohren in der Chemiefabrik. Die
       Ausführungen haben Längen, wo sich die Ödnis der äußerlich normierten
       Arbeitswelt auf die Figuren überträgt: „Das Land kam ihm wie eingefroren
       vor, der Glaube an eine mögliche Varianz von Verhaltensweisen erstarrt.“
       
       In Bewegung kommt die Erzählung hingegen dort, wo die Menschen
       zueinanderfinden und sich aneinander abarbeiten, das meist in Diskussionen
       über Politik. Sie streiten über die Richtigkeit von Privat- und
       Kollektiveigentum, über die Verlogenheit der Partei- und
       Abteilungsleitungen, über den „Hasenlauf politischer und ökonomischer
       Entscheidungen übers mangelhaft bestellte Feld“. Mädler beschreibt das
       ständige Suchen und Ringen um Worte für die politische Wirklichkeit, auch
       noch für die Ohnmacht, die schon keine mehr ist, wenn man sich ihr bewusst
       ist.
       
       ## Wie funktioniert Aufarbeitung?
       
       In einem Schlusskapitel führt die Autorin diese Auseinandersetzung in die
       Gegenwart und findet eine Formulierung, die mit ihrer Kritik und
       Feinfühligkeit zugleich selten so zu lesen ist: „Letztlich wurden nicht nur
       Betriebe privatisiert, dachte Mona an diesem Abend, letztlich wurde auch
       die Aufarbeitung privatisiert, mit all ihren Fragen und Erfahrungen blieben
       sie allein, nicht mal am Familientisch oder unter Freunden ließen sich
       immer Worte finden. Und wenn doch: Wie konnte man darüber sprechen, ohne
       sich zu verstellen, zu zerstreiten, sich zu verlieren? Ohne den Verrat, den
       Schmerz, die eigene Grenze im Zuhören aufzugeben?“
       
       Peggy Mädler, die zuletzt mit Annett Gröschner und Wenke Seemann den
       Gesprächsband „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den
       idealen Staat“ veröffentlichte, hat offenbar gut zugehört. Ihr Buch liest
       sich als eine Aufforderung, es ihr gleichzutun und diese Gespräche wieder
       zu führen, über die Notwendigkeit der politischen Ordnung früher und heute
       und die Möglichkeit des freien Lebens, im Privaten wie im Öffentlichen, in
       West und Ost.
       
       27 Sep 2026
       
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