# taz.de -- Kneipenkollektiv hat Geldprobleme: Liebe, Schnaps und Revolution
       
       > Das Café Cralle wird nächstes Jahr fünfzig. Doch die queerfeministische
       > Kneipe möchte die Getränkepreise nicht erhöhen und ist auf Spenden
       > angewiesen.
       
 (IMG) Bild: Die Bar des Café Cralle
       
       Gedämmtes Licht, auf Sesseln und Holzstühlen hat es sich eine Gruppe junger
       Erwachsener gemütlich gemacht und lacht über ein Kartenspiel. Im
       Hintergrund läuft leise spanische Musik. Am Tresen werden persönliche
       Geschichten, Sorgen und Anekdoten ausgetauscht: der anstehende
       Friseurtermin, die [1][Präsidentschaftswahl in Brasilien] Ende Oktober,
       eine Einladung zu einer Kundgebung. Durch die Einrichtung und die familiäre
       Atmosphäre wirkt das Café Cralle wie ein großes Wohnzimmer.
       
       Trotzdem kommen und gehen Gäste früh – bleiben oft für nur ein Getränk. Das
       passiere immer öfter seit [2][Corona], erst schleichend, dann immer
       auffälliger, so erzählt es Pola, selbsterklärte Stammgästin und
       Kollektivmitglied des Cralle, das nur acht Gehminuten vom Leopoldplatz
       entfernt liegt.
       
       Das Cralle als Ort, an dem so wenig wie möglich profitorientiert gearbeitet
       wird, bietet eine Möglichkeit des Zusammentreffens, unabhängig vom
       Einkommen. Daher sind auch die Getränkepreise niedrig, das billigste große
       Bier kostet zwei Euro, der günstigste Kaffee drei. „Doch das zu
       gewährleisten, ist immer schwieriger. Instandhaltungskosten, Schulden und
       Kreditabzahlungen fallen an, die Reserven dafür fehlen aber. Natürlich
       könnten wir die Preise erhöhen“, sagt Mo, Kollektivmitglied seit Anfang des
       Jahres. Doch das ist nicht erwünscht – neben der eigenen Integrität büße
       man dann auch Stammgäste ein. „Erschwinglich zu bleiben, ist ein Teil
       unserer politischen Überzeugung“, fügt Mo an.
       
       ## Spendenaufruf zum Erhalt des Cralle
       
       Um die anfallenden Kosten decken zu können, hat das Cralle einen
       Spendenaufruf gestartet, der am 9. Oktober endete. Wohin das Geld dann
       genau fließt, muss das Kollektiv unter sich ausmachen. Genug zu reparieren
       und abzuzahlen gäbe es, von dem Kauf einer neuen Kaffeemaschine bis hin zu
       den Heizkosten im Winter. Bis zum Ende des Aufrufs wurden 8.683 Euro
       gespendet.
       
       Über die [3][Höhe der Miete] will sich das Kollektiv nicht äußern, mit dem
       Vermieter, dem skandinavischen Immobilienunternehmen Heimstaden, gäbe es
       aber keine Probleme, sagt Mo. Mehrere Collectivistas, so nennen sich die
       Angestellten des Kollektivs, seien Teil einer Gesellschaft bürgerlichen
       Rechts (GbR), die die Räumlichkeiten mietet.
       
       „Noch vor fünf Jahren sind hier nächtelang rauschende linke Feste gefeiert
       worden.“ Dass mittlerweile die meisten Abende um zwölf enden, habe, laut
       Pola, nicht nur mit dem verhaltenen Alkoholkonsum unter jungen Erwachsenen
       zu tun, sondern auch mit den veränderten Lebensumständen: „Wenn du kein
       Geld mehr für Essen im Kühlschrank hast, hast du erst recht keins für
       Bier.“
       
       Das macht sich in Kneipen und Bars schneller bemerkbar als an anderen
       Orten. Besonders dort, wo es erschwinglich für alle bleiben soll, wie eben
       im Cralle. Seit 1977 steht es, ursprünglich als Café, allen offen – auch
       damals schon mit feministischem Fokus. Heute versteht sich das Kollektiv
       als linksradikal und queerfeministisch. Doch der Anspruch ist der gleiche
       geblieben: einen nachbarschaftlichen Marktplatz und Treffpunkt für
       unterschiedlichste Menschen zu bieten, besonders für die mit geringem
       Einkommen.
       
       Der Erhalt des Cralle ist den Collectivistas auch ein persönliches
       Anliegen. „Linke Vereinigungen, Plena und AktivistInnen brauchen Ausruh-
       und Ausgehorte, die sie schützen und in denen sie sich nicht zu erklären
       brauchen“, sagt Mo. Das gilt auch für FLINTA- und queere Personen, für und
       von denen der Raum zur Verfügung gestellt wird. „Das ist wichtig, in einer
       Zeit, in der Kollektive ums Überleben kämpfen und linke Kiezkneipen
       aussterben“, berichtet Mo. „Besonders, wenn es brenzlig wird in politisch
       angespannten Zeiten“, sei der Bestand queerfeministischer Räume essenziell.
       
       14 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Mayer
       
       ## TAGS
       
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