# taz.de -- Philosoph Ernst Bloch: Sozialismus braucht Utopie
       
       > Der Philosoph Ernst Bloch machte schon in den 1930er Jahren darauf
       > aufmerksam, dass die Linke mehr Fantasie braucht. Was würde er wohl heute
       > sagen?
       
 (IMG) Bild: Philosoph Ernst Bloch 1935
       
       Die Nazis sprächen „betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig
       wahr, aber von Sachen“. Dieser Satz stammt vom [1][deutschen Philosophen
       Ernst Bloch], geschrieben in Zeiten der Weimarer Republik. Bloch lebte
       damals mit anderen Kunst- und Kulturschaffenden in der „Künstlerkolonie“ im
       Südwesten Berlins. Laut dem heutigen Künstlerkolonie e. V. waren während
       der Weltwirtschaftskrise 1929 drei Viertel von ihnen arbeitslos. Man habe
       gerochen, [2][erinnert] sich der Schriftsteller Gustav Regler, „wo einer
       Arbeit gehabt hatte und etwas Käse und Speck zu finden war“.
       
       Wie viele der anderen Bewohner stand Bloch den Kommunisten nahe. Gerade
       deshalb ärgerte ihn ihre kalte Sprache. Er warf ihnen vor, Themen wie
       Hoffnung, Mythen und den Wunsch nach Gemeinschaft den Nazis überlassen. Die
       Kommunistische Partei Deutschlands etwa sei gut im Rechnen – Profitrate,
       Kapitalakkumulation –, doch was fehle, sei eine eigene Erzählung. Den
       Weimarer Linken attestierte Bloch eine „Unterernährung an sozialistischer
       Phantasie“.
       
       Bloch war überzeugt, dass die Idee, dass andere Verhältnisse möglich sind,
       von sich aus in den Köpfen der Menschen steckt. Zumindest sofern sie keinen
       Hunger leiden. Dieser Grundgedanke zieht sich auch durch sein Buch „Das
       Prinzip Hoffnung“ das er ab 1938 im Exil verfasste. Darin schreibt er über
       Tagträume, Utopien und Märchen und führt den Begriff „utopische Funktion“
       ein: Sie sei der Punkt, an dem sich Sehnsüchte und Träume zu einer
       konkreten Hoffnung verfeinerten.
       
       Die große Frage der Gegenwart lautet: Nun, da der Faschismus immer stärker
       wird, setzt er die utopische Funktion für die Linke frei, oder gibt er ihr
       den Rest?
       
       Tatsächlich könnte der andauernde Siegeszug der Rechten den Wunsch nach
       einer besseren Welt in eine konkrete linke Hoffnung verwandelt haben. So
       ließe sich zumindest das Ergebnis der Berlin-Wahl lesen. Die
       Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne, [3][die über Mietverhältnisse
       unerlässlich nach oben umverteilen], als linkes Hoffnungspaket im Sinne
       Blochs.
       
       2021 stimmten 58 Prozent der Wählenden pro Vergesellschaftung. Im
       Volksentscheid steckt die politische Hoffnung von mehr als einer Million
       Berliner*innen. Nur wurde diese Hoffnung fünf Jahre lang politisch
       durchgereicht, vielleicht auch mit dem Ziel, sie zu zerstören. Trotzdem
       gaben die Wählenden diesen September der Partei den Regierungsauftrag, die
       sich am deutlichsten für die Vergesellschaftung positionierte.
       
       Bloch hielt die Nazis nie für einen Betriebsunfall der Geschichte. Er
       erkannte, wie es ihnen besser als den Kommunisten gelang, den krisenhaften
       Kapitalismus für sich zu nutzen. Wie sie es schafften, die Sehnsüchte und
       Wünsche der Jugend, der Bauern, des Kleinbürgertums und der verarmten
       Mittelschicht mit ihrer eingängigen, aufpeitschenden Sprache zu
       mobilisieren.
       
       Was Bloch sich heute wünschen würde? Wahrscheinlich, den faschistischen
       Visionen der Gegenwart mit etwas noch Verlockenderem zu begegnen: zum
       Beispiel einer üppigen Diät sozialistischer Fantasie.
       
       8 Oct 2026
       
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