# taz.de -- Stichwahlen in Niedersachsen: In Minischritten zur feministischen Revolution
       
       > Jeder vierte der 36 Landratsposten Niedersachsens wird nach den
       > Direktwahlen von einer Frau wahrgenommen werden. Bislang waren es nur
       > rund 14 Prozent.
       
 (IMG) Bild: Von den 123 Stichwahlen auf allen Ebenen in Niedersachsen gab es nur bei 56 eine weibliche Beteiligung
       
       Von der feministischen Revolution ist Niedersachsen noch ein ganzes Stück
       weit entfernt. Aber die Stichwahlen weisen immerhin darauf hin, dass es
       vorangeht, wenn auch in Minischritten. Jeder vierte der 36 Landratsposten
       Niedersachsens wird nach den diesjährigen Direktwahlen von einer Frau
       wahrgenommen werden. Bislang waren es nur rund 14 Prozent gewesen.
       
       Am Amtsbonus kann das allenfalls in den Kreisen Osnabrück und
       Lüchow-Dannenberg gelegen haben, denn nur Anna Kebschull und Dagmar Schulz
       waren zur Wiederwahl angetreten. In Schaumburg, Peine, im Heidekreis, in
       Göttingen, Bentheim sowie Nienburg und in der Region Hannover, wo der Job
       unter der Amtsbezeichnung Regionspräsident firmiert, sind die Siegerinnen
       die jeweils erste Frau auf dem Posten.
       
       Das ist relevant. Denn Wahlen auf Ebene der Städte, Kreise und Gemeinden
       sind ohnehin stets besonders stark von der Persönlichkeit geprägt. Das
       hatte zuletzt das Niedersachsen-Panel, ein hochschulübergreifendes
       Forschungsprojekt, das untersucht, wie Menschen in Niedersachsen
       Entscheidungen fällen bestätigt. Mit [1][Blick auf die Kommunalwahlen hatte
       es festgestellt], dass für mehr als die Hälfte der Befragten „die
       Kandidatinnen und Kandidaten vor Ort wichtiger als deren
       Parteizugehörigkeit“ sei.
       
       Und, logisch: Bei den 395 Direktwahlen für die Top-Ämter der Gemeinden wird
       das noch einmal auf die Spitze getrieben. Denn das sind ja fast reine
       Persönlichkeitswahlen, ganz auf die Kandidatin oder den Kandidaten
       zugespitzt. Über die Auswirkungen des Gender-Faktors liegen Mario Mechtel,
       der die Federführung des Panels hat, keine verwertbaren Daten vor.
       
       „Wir wissen, dass der Beruf der Kandidaten für den Wahlerfolg ein wichtiger
       Faktor ist“, so der Professor für Volkswirtschaftslehre. Und der Grad der
       Bekanntheit. Übers Geschlecht weiß er nichts zu sagen.
       
       Insgesamt aber sind Direktwahlen kaum erforscht. Das liegt auch an einer
       mangelhaften Zugänglichkeit der Daten: Es ist nötig, sie bei den Kommunen
       selbst zu eruieren. [2][Eine lückenhafte Übersicht stellt in Niedersachsen
       wenigstens der NDR] bereit. Auf Landesebene wird behördlicherseits
       verzichtet, die Ergebnisse bereit zu stellen.
       
       Weil auch andere Bundesländer diese basale Ebene politischer Mitbestimmung
       stiefmütterlich behandeln, werden die Ergebnisse publizistisch dann meist
       recht freihändig als parteipolitische Signale und Hinweise auf
       bundespoltisiche Stimmungen gedeuet. Dafür spricht allerdings so viel
       nicht.
       
       Von den 123 Stichwahlen auf allen Ebenen in Niedersachsen gab es nur bei 56
       eine weibliche Beteiligung. Gemessen daran, dass nur gut 20 Prozent der
       1.123 Kandidierenden weiblich waren und die Mehrheit der Kommunen gar nicht
       auf die Idee gekommen war, eine Bewerberin für den Chefposten in Betracht
       zu ziehen, ist auch das fast schon ein Statement.
       
       ## Im Duell sind Frauen stärker
       
       Noch gewichtiger: Bei den gemischt-geschlechtlichen Duellen schneiden
       Frauen deutlich besser ab als Männer. Klar, es gibt Ausnahmen. Dort, wo die
       AfD mit einer Frau in der ersten Runde die zweitmeisten Stimmen erhalten
       hatte, wie in Salzgitter, hat sich die prodemokratische Front zuverlässig
       formiert: Apothekerin und Tierfreundin Patricia Mair, AfD-Chefin im
       Stadtrat, hat ihre 25 Prozent Zustimmung aus der ersten Runde lediglich
       wiederholen können – obwohl Frau und ihrem achtbaren Beruf zum Trotz.
       
       Prodemokratische Einstellungen sind dann vielleicht doch
       Persönlichkeitsmarker, die alle übrigen überragen: So hat sich in Munster
       die parteilose Verwaltungsmitarbeiterin Anna Adamczak mit 80 Prozent gegen
       den AfD-Kandidaten durchgesetzt: Christoph Weynand ist Berufssoldat und das
       wird in Munster nun wahrlich nicht als Makel wahrgenommen.
       
       Von den 54 männlich-weiblich-Stichwahlen haben jedenfalls nur 19 die
       männlichen Bewerber für sich entscheiden können. Mit Gemeindemerkmalen
       lässt sich das nicht in Verbindung bringen: In der Samtgemeinde Mittelweser
       hat die parteilose Sandra Wiechmann CDU-Mann Malte Flamme in der zweiten
       Runde ausgeknockt.
       
       Und während die CDU in der auch nicht sonderlich urbanen Stadt Syke nahe
       Bremen ihre Fraktion noch hat vergrößern können, war ihr
       Bürgermeister-Bewerber, ein honoriger Bauer und ehrenamtlicher
       Ortsbürgermeister im Stadtteil Heiligenfelde, in der Stichwahl von der
       Newcomerin Claudia Schuch distanziert worden.
       
       ## Gewählt trotz krasser Jobs
       
       Die Bankkauffrau hatte in ihrem Werdegang nicht verschwiegen, dass sie in
       der Vergangenheit [3][für Inkasso-Unternehmen gearbeitet hatte, eine
       Branche, die selbst von Börsen-Fachzeitungen skeptisch beäugt wird.] Ebenso
       hatte sie [4][darauf hingewiesen], gegenwärtig bei der örtlichen Sparkasse
       fürs Forderungsmanagement zuständig zu sein. Aber vielleicht hat das in
       Syke einen besseren Klang als Landwirt.
       
       Noch deutlicher stützen die Osnabrücker Ergebnisse die Bedeutung des
       Geschlechterfaktors. So firmierten dort bei der Kreistagswahl die Grünen
       eher unter ferner liefen, und doch hat Anna Kebschull, [5][deren taktisch
       motivierte Parteilosigkeit niemanden so recht täuschen kann], ihr Amt klar
       verteidigen können. Im Stadtrat hingegen [6][sind die Grünen stärkste
       Fraktion] – und links der CDU ergäbe sich rechnerisch eine Mehrheit von
       fast 60 Prozent.
       
       Trotzdem hatte der grüne Vollblutpolitiker Volker Bajus gegen die [7][nicht
       unumstrittene] christdemokratische Amtsinhaberin Katharina Pötter keine
       Chance: Im zweiten Wahlgang war er mit 43 Prozent klar unter dem
       progressiven, sozialökologischen Wählerpotenzial. Pech für ihn. Aber gut,
       dass Männlichkeit anfängt, manchmal ein Nachteil zu sein.
       
       28 Sep 2026
       
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 (DIR) [2] https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/kommunalwahl/kommunalwahl-niedersachsen-2026,kommunalwahlergebnisse-100.html
 (DIR) [3] https://www.boerse-online.de/nachrichten/aktien/die-rueden-methoden-der-geldeintreiber-und-was-man-dagegen-tun-kann-20286112.html
 (DIR) [4] https://claudia-fuer-syke.de/
 (DIR) [5] /Gruene-in-der-Kommunalpolitik/!6203551
 (DIR) [6] /Kommunalwahl-in-Niedersachsen/!6212969
 (DIR) [7] /Debatte-ueber-Machtstrukturen-gefordert/!6115351
       
       ## AUTOREN
       
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