# taz.de -- Kommunalwahlen auf dem Dorf: Das gute alte „Weiter so“
       
       > Dank AfD-Ständen und Gegendemo ist die Stimmung auch auf dem Land bei
       > Bremen ein bisschen aufgekratzt. Danach ist aber alles wie immer.
       
 (IMG) Bild: Das Auftreten der AfD und die Demos dagegen politisieren das Dorfgespräch
       
       Das alte Hotel ist längst geschlossen. Und auch im Gasthof die Straße
       runter, in dessen Saal meine halbe Nachbarschaft Taufe, Konfirmation,
       Hochzeit und diverse Beerdigungen gefeiert hat, wird schon lange nicht mehr
       getanzt. Auch der Einzelhandel hier draußen im Speckgürtel hat es schwer,
       und selbst gegenüber vom Bahnhof, wo vor ein paar Wochen noch ein gar nicht
       so alter Kung-Fu-Meister seine Lehren anbot – da kann man sich heute die
       Wimpern verlängern lassen. Bis auf Weiteres.
       
       Die Geschichte geht hier genauso wie überall auf dem Planeten Speckgürtel:
       ob nun um Hamburg, Frankfurt oder München. Die Leute sind da, das Geld
       eigentlich auch. Doch konkurriert man als Unternehmer:in nicht nur mit
       dem Versandhandel aus dem Internet, sondern auch mit den Einkaufszentren
       der nahen Metropole, weshalb samstags der Stau sogar noch schlimmer ist als
       im Berufsverkehr unter der Woche.
       
       Obwohl das Problem nicht neu ist, stand es trotzdem ziemlich weit oben bei
       den Kommunalwahlen vergangener Woche. Eigentlich gleich doppelt: Die einen
       wollen die Innenstadt aufwerten, die anderen den Verkehr geschmeidiger
       fließen lassen, damit man leichter hier wegkommt. Oder so ähnlich.
       
       Der Rest ist Ideologie: Um Herkunft ging es natürlich auch im hiesigen
       Wahlkampf, noch mehr aber um die „Politik per Handschlag“ versus
       technokratische Gesellschaftsorganisation. Man muss den Unfug nicht allzu
       hoch hängen, aber es ist trotzdem mehr als nur eine Typenfrage zwischen dem
       einen Kandidaten und der anderen.
       
       ## Im Sumpf der Listenstimmen
       
       Und noch einen Schritt weiter, also gänzlich unterhalb der inhaltlichen und
       personellen Ebene, aalt sich auch hier die AfD im Sumpf der Listenstimmen.
       Insgesamt braucht es jedenfalls schon reichlich guten Willen, sich
       konstruktiv mit dem „notwendig falschen Bewusstsein“ herumzuschlagen, wie
       der Marxist sagt. Aber auch den hat man hier lange nicht mehr gesehen.
       
       Ich habe mir ehrlich gesagt nicht die Mühe gemacht, nach Analysen des
       Wahlausgangs zu suchen. Die Lokalzeitung war sehr rührig um die Wahl,
       vielleicht haben sie sogar wirklich eine versucht. Was in dieser
       Untersuchung vorkommen müsste, wenn es sie denn gäbe, wäre auf jeden Fall
       die Frage, was eigentlich aus der guten alten Politikverdrossenheit
       geworden ist.
       
       Denn nicht nur die Wahlbeteiligung war hoch, sondern auch das Stadtgespräch
       der vergangenen Wochen wirkte sonderbar politisiert. Zwar – wie gesagt –
       über weite Strecken inhaltsbefreit, aber eben doch ungewöhnlich energisch.
       Manche orakelten gar von Zeitenwende und großen Entwicklungen, auch wenn
       niemand erklären mochte, was eigentlich gemeint sei.
       
       Ein Teil der Aufgekratztheit liegt natürlich an der AfD. Die kam
       gelegentlich mit einem Stand vorbei, der Aufmerksamkeit generierte –
       hauptsächlich wohl wegen der Gegenkundgebungen auf der anderen
       Straßenseite. Im Ergebnis war’s dann halb so wild: Die AfD hat im Vergleich
       zum letzten Mal zwar massiv zugelegt, bleibt aber genauso deutlich
       unterhalb des Bundestrends. Es sind die kleinen Dinge …
       
       ## Hass sticht Eigennutz
       
       Was nicht nur bei dieser Wahl paradox scheint: Wenn einfach jede:r
       kaltherzig nach materialistischen Eigeninteressen stimmte, dann gäbe es gar
       keine AfD, weil die schließlich weder zum Einzelhandel noch zum Verkehr
       irgendwas beizutragen hat. Abstrakter Hass sticht offenbar sogar den
       Eigennutz aus.
       
       Ein schlichtes „Weiter so“, muss man heute sagen, ist vielleicht nicht
       unbedingt das schlechteste. Kommende Woche steht nun noch die Stichwahl
       zwischen Bürgermeisterkandidat und -kandidatin ins Haus. Die AfD spielt da
       keine Rolle mehr – und es würde mich nicht wundern, wenn die Beteiligung
       dann wieder im Keller ist.
       
       19 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan-Paul Koopmann
       
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