# taz.de -- Debatte um Gaza-Doku: „Naza“ soll kostenlos im Netz zu sehen sein
> Israels ultrarechte Regierung wütet schon vor dem weltweiten Filmstart
> gegen die Gaza-Doku „Naza“. Ab Donnerstag läuft sie in deutschen Kinos.
(IMG) Bild: In Venedig gefeiert, zu Hause angefeindet: Yuval Abraham und Rachel Szor nahmen vor zwei Wochen in Venedig den Jury-Preis entgegen
dpa Bei den Filmfestspielen in Venedig wurden der Film bei seiner Premiere
mit 25-minütigem Applaus bedacht, in Israel wird er – obwohl ihn dort noch
keiner gesehen hat – von Armee und Regierung scharf angegriffen: [1][Die
Gaza-Dokumentation „Naza“ der beiden jüdischen Filmemacher Yuval Abraham
(31) und Rachel Szor (32)] kommt jetzt in die deutschen Kinos. Ab November
werde sie dann kostenlos online zu sehen sein, kündigten die beiden
kürzlich an. In Venedig gewann der Film den Spezialpreis der Jury.
Die Filmemacher greifen sich in ihrer 80 Minuten langen Dokumentation vor
allem einen Aspekt heraus: das System, das hinter der israelischen
Kriegsführung stehen soll – in all seiner Effizienz. „Naza“ leitet sich vom
hebräischen Ausdruck „Nezek Agavi“ für Kollateralschaden ab. Nach
Darstellung eines im Film befragten Soldaten bezeichnet das Kürzel im
Militär die geschätzte [2][Zahl der Zivilisten, die bei einem Angriff
sterben] könnten.
Die Ausführungen der anonymen Zeugen sollen beschreiben, wie Ziele
ausgesucht werden und wie Entscheidungsprozesse vor einer Bombardierung von
Wohngebäuden ablaufen. Dabei schildern einige der im Film Befragten auch
den Einsatz von künstlicher Intelligenz.
## Über den Dächern von Tel Aviv
Aufgenommen nachts auf den Dächern von Tel Aviv, interviewt Abraham laut
eigener Aussage 24 Mitglieder des israelischen Geheimdienstes. Ihre Stimmen
sind verfremdet, ihre Gesichter unerkennbar im Schatten. Die britische
Zeitung The Guardian hat den Film mitproduziert und zuvor investigativ zu
den Vorwürfen recherchiert. Sie beruft sich darauf, alle journalistischen
Standards eingehalten zu haben.
Ein Protagonist erzählt, dass bei manchen israelischen Luftangriffen 20, 30
oder 300 Palästinenser als Kollateralschäden in Kauf genommen und getötet
worden seien. „Einmal gab es die Genehmigung, 500 Menschen bei einem
Angriff auf ein menschliches Ziel zu töten“, so der Mann. „Ich kann auf ein
Haus klicken und sehen, wie viele Menschen Schaden nehmen, wenn ich es
bombardiere.“ Er nimmt ein Blatt Papier und skizziert. „Man sieht es so:
Wohnung 6, 5. Stock, Ahmed und seine Familie werden sterben.“
Einen Tag vor der Preisverleihung am 12. September wies die israelische
Armee die Vorwürfe zurück und stellte die Glaubwürdigkeit der 24 anonymen
Zeugen infrage. Manche Aussagen beträfen Entscheidungen, über die
Angehörige niedrigerer Dienstränge keinen Überblick haben könnten. Die
Armee kritisierte, ihr sei der Film nicht vorab vorgelegt worden, um die
Vorwürfe zu erwidern.
## Israels Armee weist die Vorwürfe zurück
Laut Armee seien auch Angriffe abgebrochen worden, sobald der absehbare
zivile Begleitschaden im Missverhältnis zum militärischen Vorteil stehe –
so wie es das humanitäre Völkerrecht vorschreibt. Die im Film dargestellte
systematische Hinnahme hoher ziviler Opferquoten gehöre nicht zur
israelischen Militärdoktrin. Ob einzelne Angriffe diese Grenze
überschritten, lässt sich aus den Stellungnahmen der Armee und den
Filmszenen allein nicht beurteilen.
Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde in Gaza
sind während des knapp dreijährigen Krieges [3][bislang rund 74.000
Palästinenser getötet worden]. Auch die israelische Armee bezweifelt die
Zahl nicht mehr, kritisiert aber, die Behörde würde nicht zwischen
Zivilisten und Kämpfern unterscheiden. Israelische Militärvertreter
bezifferten die Zahl der im Gazastreifen getöteten Kämpfer Mitte September
auf mehr als 24.000. Unabhängig überprüfen lässt sich diese Angabe nicht.
Zu den Vorwürfen über den Einsatz von künstlicher Intelligenz sagte
Armee-Sprecher Effi Defrin, Entscheidungen über die Auswahl und Genehmigung
von Angriffen würden ausschließlich von menschlichem Personal getroffen und
nicht von künstlicher Intelligenz.
## Mit Entzug der Staatsbürgerschaft gedroht
Kulturminister Miki Zohar von der Likud-Partei bezeichnete die Arbeit der
Filmemacher als „Landesverrat“ und forderte, ihnen die Staatsbürgerschaft
zu entziehen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte
Gesetzesvorhaben gegen Menschen an, die israelische Soldaten oder den Staat
im Ausland verleumdeten. Obwohl kaum jemand in Israel den Film bisher
gesehen hat, wurden die beiden Regisseure und ihre Familie [4][das Ziel von
Morddrohungen und rechter Hetze]. Vor dem Elternhaus der Regisseurin Rachel
Szor versammelten sich rechtsradikale Aktivisten
Die [5][israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem] stellte sich
dagegen an die Seite der Filmemacher. Gemeinsam mit weiteren Organisationen
wandte sie sich gegen Drohungen und mögliche Schritte gegen Abraham, Szor
und ihre Quellen.
## Wie israelische Medien reagieren
Der israelische Journalist Nadav Eyal schreibt auf X: Die Vorbereitung auf
einen Luftangriff auf ein Ziel sei langwierig und komplex. An jedem Angriff
seien über 100 Personen beteiligt, noch bevor der Pilot zum Einsatz komme.
Nur wenige von ihnen, wenn überhaupt, hätten den vollständigen Überblick.
Amos Harel von der linksliberalen Zeitung Ha’aretz teilt die Einschätzung,
Israel habe im Gazastreifen Kriegsverbrechen begangen. Was während einiger
Kampfhandlungen geschehen sei, sei an sich schon grausam und beunruhigend
genug. Es verpflichte, die Situation direkt anzuschauen und Selbstreflexion
zu betreiben.
Kritik kommt von einer früheren israelischen Geisel: Omer Shem Tov schreibt
im Wall Street Journal, der lange Applaus habe sich wie „ein Hagel aus
Messern“ angefühlt. Nicht, weil der Film palästinensisches Leid zeige – das
sei real und verdiene, gesehen zu werden. Er fühle sich hingegen nicht
gesehen. 505 Tage habe er in Hamas-Gefangenschaft verbracht – „entführt,
ausgehungert und gefoltert“. „In dieser Geschichte bin vielleicht auch ich
‚Naza‘, ein Kollateralschaden“, so Shem Tov.
## Wie Palästinenser und arabische Medien reagieren
In arabischen sozialen Medien wird dagegen unter anderem die Zivilcourage
der beiden Filmemacher hervorgehoben. Die in London ansässige
Nachrichtenwebsite „Middle East Eye“ schreibt, „Naza“ leiste unschätzbare
Arbeit in einer Zeit, in der die anhaltende Gewalt sowohl im Gazastreifen
als auch im besetzten Westjordanland weiterhin als normal hingenommen
werde.
Laut der in London herausgegebenen Tageszeitung Al-Arabi Al-Dschadid wird
in Teilen der arabischen Debatte problematisiert, dass westliche
Öffentlichkeit offenbar stärker auf israelische Zeugenaussagen reagiere als
auf jahrelange palästinensische Zeugnisse.
28 Sep 2026
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