# taz.de -- Gewalt im Westjordanland: „Es ist ein staatliches Projekt“
> Yair Dvir von der Menschenrechtsorganisation B'Tselem sagt: Israel
> arbeite daran, die Palästinenser in Enklaven zu drängen. Die Welt müsse
> Handeln.
(IMG) Bild: Ein Palästinenser baut einen Zaun um sein Zuhause – zum Schutz vor gewalttätigen Siedlern
taz: Herr Dvir, die Menschenrechtsorganisation B'tselem hat jüngst einen
Bericht zur Situation im Westjordanland veröffentlicht. Er spricht von
„ethnischer Säuberung“ in dem besetzten Gebiet. Woran machen Sie das fest?
Yair Dvir: In den letzten Jahren, und zwar schon vor dem 7. Oktober, hat
Israel 74 palästinensische Gemeinschaften von ihrem Land vertrieben – durch
Gewalt von Siedlermilizen und des Militärs, [1][Hausabrisse und
Bewegungseinschränkungen.] Unser Bericht identifiziert diese ethnischen
Säuberungen und die israelische Übernahme palästinensischen Landes als
zentrale Mechanismen zur Beseitigung einer zusammenhängenden
palästinensischen Gesellschaft. Hinzu kommen wirtschaftliche
Strangulierung, Gewalt und Tötungen, [2][Bewegungseinschränkungen] sowie
Angriffe auf soziale und politische Institutionen.
taz: Was steckt hinter dieser Gewalt?
Yair Dvir: Das sind nicht bloß einzelne Gewalttaten von Siedlern. Es ist
ein staatliches Projekt. Ihr Ziel ist es, die Palästinenser in zunehmend
isolierte und schrumpfende Enklaven zusammenzudrängen. Gleichzeitig soll
sie die dauerhafte israelische Kontrolle über das gesamte Westjordanland
ausweiten und festigen.
taz: Welche Lösungen schlagen Sie konkret vor, um die Gewalt gegen
Palästinenser:innen zu stoppen und gleichzeitig Israelis vor
möglichen Terroranschlägen zu schützen?
Yair Dvir: Solange das System in dieser Region auf dem Konzept der
Vorherrschaft jüdischer Israelis beruht, und der Vorstellung, dass es hier
nur für eine einzige Gemeinschaft Platz gibt, wird sich die Gewalt weiter
verschärfen. Die Palästinenser sind die Hauptleidtragenden dieses Systems,
[3][doch auch für jüdische Israelis wird das Leben zunehmend unerträglich.]
Der einzige Weg zu echter Sicherheit für alle besteht darin, das
[4][Apartheid-Regime] abzuschaffen. Und es durch ein demokratisches System
zu ersetzen, das auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle hier
lebenden Menschen gründet. Sicherheit lässt sich nicht durch die gewaltsame
Unterdrückung und die Auslöschung eines Volkes erreichen.
taz: Was heißt das konkret?
Yair Dvir: Unser Bericht schreibt keine genaue politische oder
diplomatische Lösung vor. Er beschreibt die heutige Realität und das
politische Projekt, das Israel im Westjordanland vorantreibt. Das bedeutet,
noch mal: die Beseitigung der palästinensischen Kollektivität durch die
Zerstörung jener materiellen, sozialen und politischen Grundlagen, die ihr
ermöglichen, weiter als Gesellschaft zu existieren. Während der gesamte
Raum unter israelische Kontrolle gebracht wird.
Dies ist keine Warnung vor der Zukunft. Diese Beseitigung geschieht jetzt,
vor unseren Augen. Israel schafft Fakten vor Ort, die immer schwieriger
rückgängig zu machen sind.
taz: Ist diese israelische Herangehensweise, die Sie beschreiben, eine
Folge des Massakers palästinensischer Milizen am [5][7. Oktober 2023]?
Yair Dvir: Diese Logik prägt die israelische Politik seit der
Staatsgründung. Israel hat lange darauf hingearbeitet, eine jüdische
Kontrolle über das gesamte Gebiet zu etablieren.
Unter der aktuellen Regierung, insbesondere seit dem [6][7. Oktober,] sind
allerdings wir in eine neue Phase eingetreten. Langjährige politische
Maßnahmen laufen nun schneller, gewaltsamer und ungehemmter ab. Die alten
Schranken sind weg und das Projekt der Übernahme des Westjordanlands wird
auf systematischere und offenere Weise vorangetrieben.
Hochrangige israelische Politiker versuchen nicht mal mehr, das Ziel zu
verbergen. Manche bezeichnen diese Zeit als historische Chance, als
„Wunder“, die ihnen ermöglicht, ihre „Vision“ voranzutreiben. Und die
internationale Gemeinschaft ermöglicht das.
taz: Was erwartet B'Tselem nun von der internationalen Gemeinschaft?
Yair Dvir: Die internationale Gemeinschaft weiß, was im Westjordanland
geschieht. Die Frage ist, ob sie bereit ist, von Verurteilungen zu
Konsequenzen überzugehen. Politische, [7][militärische],
[8][wirtschaftliche] und [9][diplomatische] Unterstützung machen es Israel
möglich, so fortzufahren. Regierungen müssen aufhören, diese Verbrechen zu
ermöglichen, und die völkerrechtlichen Instrumente nutzen, um Palästinenser
zu schützen.
15 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Serena Bilanceri
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