# taz.de -- Kontroverse um Doku „Naza“: Die Sache mit der Staatsbürgerschaft
       
       > Israelische Minister wollen Yuval Abraham für dessen Doku „Naza“
       > ausbürgern. Beim repressiven Umgang mit der Staatsbürgerschaft war gerade
       > Deutschland Vorreiter.
       
 (IMG) Bild: Yuval Abraham und Rachel Szor blicken in ihrer Doku auf israelische Kriegsverbrechen in Gaza
       
       Die israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor standen 25
       Minuten auf der Bühne des Filmfestivals in Venedig, sichtlich unbehaglich
       und peinlich berührt, während das Publikum sie letzten Donnerstag mit
       Beifall feierte. Ihr Dokufilm „Naza“ – das hebräische Militärkürzel für
       „Kollateralschaden“ – wurde in Zusammenarbeit mit der britischen
       Tageszeitung The Guardian produziert. Er zeigt Interviews mit israelischen
       Soldaten, vor allem aus Einheiten des Militärnachrichtendiensts, die ihre
       Sicht auf die Systeme und Logiken hinter der KI-basierten
       Tötungsmaschinerie der israelischen Luftwaffe in Gaza erklären.
       
       Nachts, auf einem Dach in Tel Aviv, sieht man nur die Silhouetten der 24
       Interviewpartner. Mit verzerrten Stimmen erzählten sie – teilweise sogar
       stolz –, wie sie massenhaft Ziele im Gazastreifen ausmachten. Dabei war die
       Quote an „Kollateralschäden“ so hoch, dass sie geeignet war, breite Teile
       der palästinensischen Bevölkerung und ihre Lebensgrundlage zu vernichten.
       
       Wie die Israelis Abraham und Szor in einem [1][Artikel für „+972 Mag“]
       erklärten, brauche man ihren Film nicht, um zu verstehen, was Israel in
       Gaza angerichtet hat. Jeder, der „den Bewohnern Gazas zugehört oder
       israelische Führungspersonen einfach beim Wort genommen hätte“, hätte
       erkennen müssen, dass die „massenhafte Tötung palästinensischer Zivilisten
       in Gaza kein tragisches Nebenprodukt“ war, sondern Teil einer genozidalen
       Kriegsführung.
       
       Dennoch wollen sie die Seite der Schreibtischtäter sprechen lassen. Denn
       solche Aussagen, schreiben sie, machen es schwerer, die Verbrechen Israels
       zu leugnen – „eine Leugnung, die es ermöglicht, dass diese Verbrechen bis
       heute fortgesetzt werden“.
       
       ## Aufmerksamkeit für das Ungeheuerliche
       
       Und anscheinend ist ihnen das auch gelungen. Sogar die Süddeutsche Zeitung
       betitelte die [2][Rezension] des Films mit „Wir töten diese Kinder
       absichtlich“. Auch andere Medien, die bis heute die zahlreichen Recherchen
       von Abraham zu israelischer Kriegstechnologie nicht zur Kenntnis genommen
       haben, wurden durch die filmische Fokussierung auf israelische
       Zeugenaussagen endlich eines Besseren belehrt.
       
       Noch wichtiger: Der Film, und vor allem die aggressiven Reaktionen darauf
       haben das Thema auch in die israelische Öffentlichkeit gebracht. Wie
       [3][die israelische Webseite Ynet berichtet], will das Außenministerium
       eine globale PR-Kampagne gegen den Film starten, besonders in den sozialen
       Medien.
       
       Rechte israelische Aktivisten griffen den Film, ohne ihn gesehen zu haben,
       als judenfeindliches Machwerk an. Der Oppositionspolitiker und
       Netanjahu-Gegner Naftali Bennett nannte ihn „eine entsetzliche
       Ritualmordlegende gegen unsere Söhne und Töchter“.
       
       Der Kulturminister Miki Zohar sprach indessen vom „glühenden Selbsthass der
       Filmemacher, die bereit sind, ihrem Vaterland zu schaden, um von den
       Antisemiten der Welt Applaus zu bekommen“. Am Montag bat er offiziell das
       Innenministerium, die Entziehung der Staatsbürgerschaft der beiden Israelis
       zu prüfen, da ihre Aktivitäten eine „Unterstützung des Feindes im Krieg“
       darstellten.
       
       ## Israelkritik und Ausbürgerung
       
       Mit dieser Forderung nach einer Ausbürgerung wird klar, wie die Repression
       gegen propalästinensische Stimmen im Ausland – vor allem durch die
       Instrumentalisierung des Antisemitismusbegriffs – wie ein Bumerang nach
       Israel zurückfliegt und in die Hände nationalistischer Politiker fällt.
       
       Denn es war zuerst die Ampelkoalition mit Habeck und Scholz in Deutschland,
       die mit dem neuen Einbürgerungsgesetz eine Ausbürgerung an ablehnende
       Einstellungen zum Staat Israel koppelte. Diese Meinungen rückte die
       Koalition in die Nähe von Antisemitismus und brachte damit beides zusammen.
       
       Auch im Kulturbereich spielt Deutschland mit Absagen von Veranstaltungen,
       Filmvorführungen oder mit dem Entzug von Förderungen israelkritischer
       Künstler eine Vorreiterrolle, so etwa bei der aktuellen Kampagne gegen die
       Literaturwissenschaftlerin Maha El Hissy als Jurorin des Deutschen
       Buchpreises.
       
       Die deutsche Antisemitismusdebatte erklärt regelmäßig sogar jüdische
       Israelis zu Judenfeinden. Noch weiß man nicht, ob der Film auch in
       israelischen und deutschen Kinos zu sehen sein wird. Als die Berliner
       Yorck-Kinogruppe Abrahams letzten mit dem Oscar gekrönten Film „No Other
       Land“ zeigte, blendete das Unternehmen ein Statement vor dem wachsenden
       Antisemitismus „in unserer Stadt“ ein. Die Aktion war weder mit dem
       Filmteam noch mit dem deutschen Filmverleih abgesprochen.
       
       Hinweis der Redaktion: Eine Formulierung in einer früheren Version des
       Textes hat vermuten lassen können, Abraham und Szor hätten in ihrem Stück
       im 972Mag explizit die Formulierung „Schreibtischtäter“ verwendet. Dem ist
       nicht so. Wir haben die Passage korrigiert.
       
       14 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.972mag.com/naza-exposing-israels-killing-machine-in-gaza/
 (DIR) [2] https://www.sueddeutsche.de/kultur/premiere-gaza-palaestina-israel-lavender-li.3545454
 (DIR) [3] https://www.ynet.co.il/news/article/bkrrqvhfme
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Yossi Bartal
       
       ## TAGS
       
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