# taz.de -- Mögliche Bundespräsidentin Ilse Aigner: Frau Präsidentin wäre dann so weit
> Bayerns Landtagspräsidentin Aigner hat gute Karten im Rennen ums
> Bundespräsidentenamt. Doch noch gibt es Unwägbarkeiten. Eine heißt mal
> wieder Söder.
(IMG) Bild: Ilse Aigner könnte Bundespräsidentin werden, aber da ist ja auch noch Markus Söder und was will der?
Es ist still geworden um Ilse Aigner. Selten wurde die bayerische
Landtagspräsidentin zuletzt in der Öffentlichkeit gesichtet. Allein: Mit
einem politischen Rückzug hat dies nichts zu tun, sondern lediglich mit
ihrem rechten Knie. Dieses machte der CSU-Politikerin schon eine geraume
Weile zu schaffen, Anfang August schließlich nutzte sie die Sitzungspause
des Landtags und unterzog sich einer Operation, ließ sich eine Teilprothese
einsetzen. Danach: Reha und Schonung im Homeoffice.
Immerhin hielt Aigner das Volk via sogenannte soziale Medien [1][und den
Münchner Merkur] über das, was sie über sich ergehen lassen musste, auf dem
Laufenden: Krankengymnastik, Lymphdrainage, Bewegungsbad et cetera. Aber
das Wichtigste: Es geht ihr wieder gut, sie freut sich schon auf die ersten
Wanderungen.
Neben dem medizinischen Erfolg hatte die Zwangspause für Aigner noch etwas
Gutes: Sie ermöglichte ihr, den andauernden Fragen zu entgehen, ob sie denn
nun Bundespräsidentin werden wolle. Denn schon seit zwei Jahren ist sie
regelmäßig für die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier im Gespräch.
Stoisch quittierte sie die Frage stets mit Lächeln und Schweigen.
Und doch: Daran, dass sie das Amt gern übernähme, bestehen für kaum
jemanden Zweifel. Was erstaunlich ist, da sie sich dazu eben nie geäußert
hat. Woran allerdings sehr viele sehr große Zweifel hegen: ob CSU-Chef
Markus Söder sie gern als Bundespräsidentin hätte. Was auf den ersten Blick
ebenfalls erstaunt – da er sich dazu geäußert hat. Die Antwort war: Ja.
Doch bevor man dieses Paradoxon zu ergründen versucht, könnte man sich ja
mal fragen, warum Ilse Aigner überhaupt Bundespräsidentin werden sollte.
Oder besser noch: Man fragt gleich Markus Rinderspacher. Der Mann sitzt
schließlich seit 2018 mit ihr im Präsidium des bayerischen Landtags, ist
ihr Stellvertreter und ganz offensichtlich Aigner-Fan. Ein
leidenschaftlicheres Plädoyer für Aigner als Bundespräsidentin als von dem
Sozialdemokraten wird man auch in der CSU nicht zu hören bekommen, wie man
bei einem Telefonat schnell merkt.
## Sie schlägt aus der Art
Integrität, Dialogfähigkeit, Überparteilichkeit, Regierungs- und
Parlamentserfahrung, eine ausgleichende Persönlichkeit, sympathische
Bürgernähe bis hin zu einer erdverbundenen Natürlichkeit: Rinderspacher
rasselt die positiven Eigenschaften runter, als hätte er sie einstudiert.
Müßig also zu fragen, wen sich Rinderspacher als Bundespräsidentin wünscht.
Nein, es ist keine Sozialdemokratin. „Ich finde, Aigner sollte
Bundespräsidentin werden.“
Auch Politiker anderer Parteien in Bayern, etwa die Grünen-Fraktionschefin
Katharina Schulze oder der stellvertretende Ministerpräsident Hubert
Aiwanger (Freie Wähler), loben Aigner und stehen einer Kandidatur der
CSU-Politikerin offen gegenüber. Tatsächlich ist die 61-Jährige in allen
demokratischen Parteien beliebt. Als die Grünen-Fraktion im Juli den 40.
Jahrestag ihres erstmaligen Einzugs in den Landtag beging, wurde Aigner als
Festrednerin geladen. In der [2][Kampagne „Bavaria ruft!“], einer
Initiative, die mehr Frauen in kommunalpolitische Ämter bringen will,
engagiert sie sich mit Schulze und weiteren Frauen aus allen demokratischen
Parteien.
„Ich finde, dass auch ihr Lebensweg für eine starke Bodenhaftung steht,
nicht etwa für eine elitäre Distanz“, sagt Rinderspacher. „Und genau diese
Nähe zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen macht sie für breite Teile der
Bevölkerung glaubwürdig und nahbar.“ Ilse Aigner schlägt tatsächlich etwas
aus der Art, wenn man sich die erste Riege der bayerischen Politik so
ansieht: Sie hat nicht studiert, ist alleinstehend und kinderlos. Und sie
ist eine Frau, was in der CSU-Fraktion nicht einmal 18 Prozent der
Abgeordneten von sich behaupten können.
Geboren wurde Aigner 1964 in der 10.000-Einwohner-Gemeinde
Feldkirchen-Westerham im Landkreis Rosenheim, wo sie auch aufwuchs. Im
elterlichen Betrieb ließ sie sich zur Radio- und Fernsehtechnikerin
ausbilden, später arbeitete sie als Elektrotechnikerin beim
Hubschrauberhersteller Eurocopter. Als sie 1994 erstmals in den Landtag
gewählt wurde, durfte sie in der konstituierenden Sitzung bereits auf der
Präsidiumsbank Platz nehmen – als eine der zwei jüngsten Abgeordneten des
Hauses. Auf der anderen Seite des Landtagspräsidenten saß der noch zwei
Jahre jüngere Markus Söder.
## Leitkultur und Weltoffenheit
Nach einer Legislaturperiode wechselte Aigner allerdings bereits in den
Bundestag, wo sie von 1998 bis 2013 blieb, seit 2008 als
Landwirtschaftsministerin. 2013 holte sie Ministerpräsident Horst Seehofer
zurück nach Bayern, wo er sie zu seiner Wirtschaftsministerin und
Stellvertreterin machte – in der Hoffnung, sie zu seiner Nachfolgerin
aufzubauen. Ein Plan, der bekanntlich nicht aufging. Nach der Landtagswahl
2018 wurde sie auf Vorschlag von Markus Söder zur Landtagspräsidentin
gewählt.
Als 2017 der Kampf um die Seehofer-Nachfolge entbrannte, galt sie für
einige als aussichtsreiche Kandidatin zumindest für das Amt der
Ministerpräsidentin, doch Aigner wagte sich damals nicht aus der Deckung.
Mancher in ihrer Partei hätte sich damals gewünscht, es hätte eine
Alternative zu Söder gegeben. Seitdem gilt sie als Politikerin, die sich
viele Ämter zutraut, aber wartet, bis sie ihr angetragen werden. Immer mal
wieder wird sie daher auch als „Anti-Söder“ tituliert. Trotz ihres
freundlichen Führungsstils ist Aigner dennoch ein Schwergewicht in der CSU.
Mit dem von ihr geführten CSU-Bezirk Oberbayern verfügt sie über eine
bedeutende Machtbastion.
Aigner, die mit 18 in die Junge Union eintrat, ist konservativ, vermag es
jedoch, Leitkultur und moderner Weltoffenheit gleichermaßen das Wort zu
reden. Wer sie kennt, bescheinigt ihr einen klaren Wertekompass. „In den
letzten Jahren hat sie immer deutlicher Position für demokratische Werte
bezogen“, sagt der Politikwissenschaftler Johannes Steup von der
Bundeswehruniversität München. „Und das ist etwas, was man sich aktuell von
einer Bundespräsidentin wünschen würde: gleichzeitig überparteilich sein
und trotzdem eine klare Kante gegen Extremisten zeigen zu können.“
Als erste Landtagspräsidentin, die es in Bayern mit einer rechtsextremen
Partei im Landtag zu tun hat, muss Aigner regelmäßig Rügen verteilen.
Zusätzlich führte sie in der aktuellen Legislaturperiode Ordnungsgelder
ein. Als im vergangenen Jahr AfD-Fraktionschefin Katrin Ebner-Steiner in
ihrer letzten Rede vor der Sommerpause über Einheimische schwadronierte,
die von „migrantischen Tätern“ ermordet und vergewaltigt würden, und
darüber, dass „das Bild vieler Innenstädte mittlerweile von Dönerläden,
Barbershops, Shisha-Händlern und arabischen …“ – da drehte ihr die
Präsidentin den Ton ab. „So, Frau Kollegin, ich beende das jetzt.“ Der
Umgang Aigners mit der AfD sei sehr konsequent, lobt auch Rinderspacher.
„Sie lässt sich nicht auf der Nase herumtanzen. Diese klare Haltung
gegenüber rechtsaußen hat auch dazu beigetragen, dass sie so hohen Respekt
genießt.“
## „Die CDU will ihre Vormachtstellung behalten“
Diese Strenge ist das eine. Das andere ist Aigners Empathiefähigkeit.
Rinderspacher erzählt von einer Reise nach Bosnien, bei der er die
Landtagspräsidentin begleitet hat. Dort habe ihnen eine Frau, die 22
Mitglieder ihrer Familie beim Völkermord von Srebrenica verloren hat, ihr
Schicksal geschildert. „Und das ist Ilse Aigner sichtbar nahe gegangen. Sie
hat dann sehr spontan die Bosniakin in die Arme genommen.“ Solche Momente
habe er mit Aigner immer wieder erlebt. „Sie tut nicht nur so, als wäre sie
nahbar, sondern sie ist sehr empathisch, empfindet mit.“
Aigner kann mit Leuten. Eine große Rhetorikerin ist sie nicht. Große
intellektuelle Standortbestimmungen à la Weizsäcker, Herzog oder Gauck sind
nicht das ihre. „Natürlich würde Ilse Aigner als Bundespräsidentin dieses
Amt anders ausfüllen als beispielsweise Frank-Walter Steinmeier“, sagt auch
Politologe Steup. Das merke man schon, wenn man die Social-Media-Auftritte
der beiden vergleiche. Der Aigners sei weniger darauf ausgelegt, möglichst
korrekt zu sein, sondern darauf, mit jungen Menschen ins Gespräch zu
kommen. Der Dialog mit der Jugend sei ihr in den letzten Jahren sehr
wichtig geworden.
Nicht, dass nicht auch andere Namen für das Amt gehandelt würden: von der
ehemaligen Kulturstaatsministerin Monika Grütters bis zur Autorin Juli Zeh.
[3][Auch die taz hat schon 20 mögliche Kandidatinnen – gegen deren Willen –
in den Ring geworfen.] Inzwischen ist der Name von Bundesbildungsministerin
Karin Prien der, der nach Aigners noch am häufigsten fällt.
In der Bundesversammlung haben Union und SPD genug Stimmen, um im Januar
eine Kandidatin durchzubringen. So liegt es nun zunächst an den Parteichefs
Friedrich Merz und Markus Söder, einen gemeinsamen Vorschlag vorzulegen. Es
spricht einiges dafür, dass dieser Aigner lautet.
## Was will Söder?
Gelaufen ist das Rennen jedoch nicht. Vieles hängt mit der
Machtkonstellation zwischen den Unionsparteien zusammen. „Die CDU“, sagt
Steup, „ist gerade innerhalb der Union sehr darauf bedacht, ihre
Vormachtstellung gegenüber der CSU zu behalten.“ In ihrem jetzigen Zustand
könne sie sich aber auch nicht leisten, die CSU vor den Kopf zu stoßen.
Insofern könnte das Zugeständnis des Bundespräsidentenamts an die CSU ein
guter Schachzug sein, um die CSU auf Linie zu halten.
Aber – und so kommen wir doch noch auf die eingangs aufgeworfene Frage
zurück – will das CSU-Chef Söder überhaupt? „Wenn Ilse Aigner möchte, hat
sie meine volle Sympathie und Unterstützung“, sagte er im April. Seitdem
üben sich die Beobachter der bayerischen Politik in Motivsuche: Will Söder
eine potenzielle Rivalin loswerden, nach Berlin abschieben? Will er die
CSU-Basis befrieden, die nach den schlechten Ergebnissen bei den
Kommunalwahlen im März schlecht auf ihren Chef zu sprechen war? Oder
wünscht er gar, dass durch das frühzeitige Nennen des Namens, dieser
letztendlich verbrannt sein würde?
Denn dass es dem Machtpolitiker Söder in der Angelegenheit nicht um die
Person Aigner, sondern einzig und allein um die Person Söder geht, ist
jedem klar. Und die meisten Söder-Exegeten sind nach wie vor der Ansicht,
dass der Mann immer noch auf eine Gelegenheit wartet, Kanzler zu werden.
Sollte sie sich bieten, sollte daher tunlichst keine Parteifreundin
Bundespräsidentin sein. Denn zwei CSUler in den höchsten Ämtern der
Republik? Schwer vorstellbar. Der Ministerpräsident steht also vor einem
doppelten Dilemma: Geht Aigner nach Berlin, stärkt ihn das daheim –
minimiert aber voraussichtlich seine Träume von der Kanzlerschaft. Und
umgekehrt.
Von Ilse Aigner jedenfalls wird man künftig wieder mehr hören. Am Mittwoch
leitet sie schon mal die erste Plenarsitzung nach der Sommerpause.
28 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.merkur.de/politik/leider-nicht-meine-staerke-ilse-aigner-spricht-ueber-ihre-reha-geduld-ist-94465259.html
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(DIR) Dominik Baur
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