# taz.de -- Winfried Kretschmann im Ruhestand: „Ich habe mir die AfD nie umfassend vorgeknöpft“
       
       > 15 Jahre lang war Winfried Kretschmann Ministerpräsident in
       > Baden-Württemberg. Ein Gespräch über Versäumnisse, Sokrates und den Kampf
       > mit dem Tablet.
       
 (IMG) Bild: Kretschmann in seinem Garten, in dem er als Heimwerker Mobiliar und Brunnen selbst gebaut hat
       
       Im Sigmaringer Stadtteil Laiz befindet sich das Bauernhaus von Winfried
       Kretschmann, 78. Vor hundert Jahren betrieben hier die Großeltern seiner
       Frau Gerlinde das Wirtshaus „Zum Lamm“. Hier wohnen die Kretschmanns seit
       50 Jahren, und hier empfängt der ehemalige Grüne Ministerpräsident von
       Baden-Württemberg zu einem der ersten Interviews nach seinem Ausscheiden
       aus dem Amt. Eigentlich müsste die Werkstatt aufgeräumt werden, erzählt er,
       aber wenn man da erst mal anfängt … Wir setzen uns hinters Haus. Den Garten
       will er nach einem Volkshochschulkurs jetzt noch naturnäher bepflanzen. Die
       Sitzecke hat er selbst gezimmert, ein Brunnen plätschert. 
       
       taz: Herr Kretschmann, so ohne die Last des Amtes müssten Sie doch jetzt
       ein recht sorgenarmes Leben führen? 
       
       Winfried Kretschmann: Na ja, man muss sich erst mal zurechtfinden. Das
       größte Problem im Moment ist das IT-Zeugs – Tablet und so. Wenn du irgendwo
       draufkommst, taucht ein Fenster auf, das krieg ich nicht weg und dann bin
       ich hilflos. Vorher war immer jemand da, der wusste, wie es geht. Ich kann
       nur damit umgehen, wenn die Dinge so funktionieren, wie sie es immer tun.
       Sonst wird es echt stressig. Aber wenn jetzt schon die IT-Tech-Giganten vor
       der eigenen Technologie warnen, ist das natürlich auch bezeichnend.
       
       taz: Es gibt den Vorwurf, Politiker seien abgehoben. Merken Sie jetzt, wo
       Sie keinen Apparat mehr haben, der Ihnen vieles abnimmt: Da ist was dran? 
       
       Kretschmann: Jein. Außer diesem IT-Zeug lernt man den neuen Alltag ja
       schnell. Ich sitze halt jetzt auf dem Laizer Gartenfest bei den Leuten und
       nicht mehr am Honoratioren-Tisch. Und ich merke, es ist ein Unterschied, ob
       man an diesem Tisch ein Thema intensiv bespricht oder ob man drei Stunden
       Alltagsgespräche führt.
       
       taz: Und interessiert Sie das, was die Leute so erzählen? 
       
       Kretschmann: Schon, aber: Ich vermisse auch die Menschen, mit denen ich
       während meiner Amtszeit Diskurse geführt habe, auf sehr hohem Niveau. Das
       ist ja ein großes Privileg dieses Jobs, dass du jeden einladen kannst, mit
       dem du gerne sprechen willst, und nahezu alle nehmen die Einladung an. Den
       Politikbetrieb an sich aber vermisse ich nicht.
       
       taz: Treffen Sie sich denn nicht regelmäßig mit politischen Weggefährten? 
       
       Kretschmann: Doch, aber die sind natürlich oft sehr eingespannt, wenn sie
       noch aktiv sind. Da ist der Politikbetrieb schon auch ein wenig entrückt,
       weil die Politik mit der Presse in einem politisch-medialen Komplex ist.
       
       taz: Also doch die da oben, die unter sich bleiben? 
       
       Kretschmann: Mag sein, aber nicht im Sinne von Verschwörungstheoretikern,
       sondern eher in der Frage, ob alle Debatten dort immer dem entsprechen, was
       die Menschen in ihrem Alltag umtreibt. Ich habe das den Journalisten oft
       unter die Nase gerieben: Die Leute fragen mich nie etwas von dem, was ihr
       mich in der Landespressekonferenz fragt. Gar nie.
       
       taz: Wie muss man sich Ihren Alltag jetzt vorstellen? Haben Sie ein Guilty
       Pleasure? 
       
       Kretschmann: Was ist das?
       
       taz: Eine verschämte Leidenschaft, die man nicht so gern zugibt. 
       
       Kretschmann: Eigentlich nicht. Ich spiele allerdings ein bisschen viel
       Binokel im Netz. Das ist ein schwäbisches Kartenspiel. Kann sein, dass ich
       da ein bisschen süchtig bin.
       
       taz: Sie gelten als leidenschaftlicher Heimwerker. 
       
       Kretschmann: Das gehört für mich zum traditionellen Landleben, mit dem ich
       groß geworden bin. Man macht alles, was man kann, selber. Die Bank, auf der
       Sie gerade hocken, der Tisch, der Brunnen da hinten – habe alles ich
       gebaut. Der Brunnen läuft übrigens immer nur, wenn meine PV-Anlage
       Überschuss produziert.
       
       Der Brunnen besteht aus einer Gießkanne, die Wasser speit, darunter steht
       auf einem Schild „Panta Rhei“, das ist Altgriechisch und heißt: „Alles
       fließt“. 
       
       taz: Respekt. 
       
       Kretschmann: Im Haus renoviere ich gerade einen Raum, damit ich meinen Kram
       dort hinstellen kann und dann endlich – nach 50 Jahren – mein eigenes
       Zimmer mal herrichte.
       
       taz: Wie lesen Sie Zeitung ohne Amt? Weniger? 
       
       Kretschmann: Ja, manche Sachen lese ich einfach gar nicht mehr.
       
       taz: Zum Beispiel? 
       
       Kretschmann: Irgendwelche Feinheiten von Regierungsgeschichten. Aber ich
       lese wieder Bücher, momentan das Sokrates-Buch von Agnes Callard.
       
       taz: Der Untertitel lautet: „Wie man durch ein philosophisches Leben die
       Angst vor fast allem verliert“. 
       
       Kretschmann: Ein grandioses Buch, dermaßen schwer zu lesen und
       anspruchsvoll: Wow. Ich bin auch erst zur Hälfte durch. Und ich glaube,
       Sokrates trifft den Nagel der Zeit auf den Kopf.
       
       taz: Was ist der Nagel der Zeit? 
       
       Kretschmann: Dieser Aufstieg des Rechtspopulismus hat besonders damit zu
       tun, dass immer mehr Leute sich weigern, argumentierende Gespräche zu
       führen. Es fasziniert mich jedenfalls, wieder die Muße zu haben, mich auf
       so was einlassen zu können, ohne dass die Gedanken abschweifen. Das ersetzt
       aber nur defizitär die Gespräche, die ich jetzt nicht mehr habe. Gerade von
       Sokrates weiß man ja: Denken kann man nicht wirklich alleine.
       
       taz: Eine frustrierende Erkenntnis. 
       
       Kretschmann: [1][Hannah Arendt hatte das auch längst so rezipiert]. Wenn du
       immer nur selber denkst, bist du schnell im ständigen Zirkel.
       
       taz: Warum ist das ein Problem? 
       
       Weil aus dem Denken ja etwas folgen sollte. Ich habe immer philosophische
       Bücher gelesen, um damit etwas umzusetzen, also zu handeln. Jetzt lese ich
       nur für die Erkenntnis, das fällt mir unglaublich schwer. Von der Vita
       contemplativa war ich ja als Politiker meilenweit entfernt.
       
       taz: Sie meinen die Fähigkeit zur Untätigkeit, als Gegenentwurf zu Hannah
       Arendts „Vita activa“, zum tätigen Leben? 
       
       Kretschmann: Ich könnte auch jetzt noch einen vollen Terminkalender haben.
       Die Anfragen sind da, aber dann hätte ich ja nicht aufhören brauchen. Und
       die Frage ist, was will ich selber?
       
       taz: Wenn man das wüsste. 
       
       Kretschmann: Ich habe mir drei Felder zum Beackern ausgedacht. Das Erste
       ist Demokratie und wie wir unsere moderne Gesellschaft zusammenhalten, zum
       Beispiel an Schulen. Das Zweite ist die Wissenschaftsfreiheit. Meine letzte
       große öffentliche Veranstaltung als Ministerpräsident war an der Uni
       Hohenheim, an der ich selber studiert habe.
       
       taz: Das war eine Grundsatzrede über die Bedrohung von Fakten und Wahrheit
       durch Desinformation. 
       
       Kretschmann: Das hat die Community gehörig aufgemischt. Ich sehe die
       Wissenschaft von zwei Seiten bedroht, von oben und von unten. Da sind die
       Rechtspopulisten, das Paradebeispiel ist Trump. Aber auch in der
       Bevölkerung breiten sich immer mehr Wissenschaftsskepsis und
       Wissenschaftsfeindlichkeit aus, besonders seit der Coronapandemie. Es geht
       mir nicht um einen großen erkenntnistheoretischen Diskurs, sondern um die
       Fragen: Was ist da passiert und wie kommen wir an die Leute ran, die immer
       skeptischer gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen werden? Und der
       dritte Bereich ist sakrale Kunst. Barockkirchen sind meine Leidenschaft.
       Als ich 2011 Ministerpräsident wurde, waren noch 70 Prozent in der
       christlichen Kirche, heute sind es unter 50 Prozent. Das ist ein
       gigantischer Säkularisierungsschub.
       
       taz: Was schwebt ihnen da vor? 
       
       Kretschmann: Viele große sakrale Gebäude, also Kirchen und ehemalige
       Klöster, gehören ja dem Staat. Die Frage ist, wie halten wir diese
       Kunstwerke lebendig in einer sich säkularisierenden Gesellschaft? Da
       arbeite ich in Gremien an Konzepten mit.
       
       Johannes Kretschmann, der Sohn, der in der Nähe wohnt und sich auch bei den
       Grünen engagiert, kommt vorbei. Er bringt hausgebackenen Apfelkuchen und
       fragt nach Kaffeewünschen. 
       
       taz: Sie sagten, das Argument verliere an Kraft. Aus populistischer Sicht
       könnte man wiederum sagen, das Volk hat halt Gefühle, argumentieren ist
       elitär. 
       
       Kretschmann: Das ist eine völlig unsinnige Aussage. Wenn Fakten einfach zu
       Meinungen erklärt werden und umgekehrt, dann ist das nicht nur das Ende
       demokratischer Politik, sondern das Ende einer Gesellschaft in Freiheit.
       Weshalb Immanuel Kant ja der Ansicht war, dass selbst eine Gesellschaft von
       Teufeln ein Lügenverbot hätte …
       
       taz: … weil auch für das Böse alles zusammenbricht, wenn es keinen
       Unterschied zwischen wahr und falsch gibt … 
       
       Kretschmann: Ja.
       
       taz: An den Tischen, an denen Sie jetzt mit Leuten über ihre Krankheiten
       sprechen, wird da noch argumentiert? 
       
       Kretschmann: Natürlich. Der zwanglose Zwang des besseren Arguments ist im
       öffentlichen Diskurs in einer schweren Krise, vor allem in der digitalen
       Sphäre. Aber die Alltagsgespräche sind davon eigentlich nicht betroffen, da
       werden Argumente weiter anerkannt.
       
       taz: Was ist der Hauptgrund, warum das vernünftige Argument im öffentlichen
       Diskurs auf dem Rückzug ist? 
       
       Kretschmann: Das hat wahrscheinlich mit der digitalen Revolution zu tun,
       sicher auch mit der Globalisierung und einfach der Komplexität der Dinge –
       sowohl technisch wie auch politisch. Das sind fundamentale Änderungen in
       einer unglaublichen Geschwindigkeit. Und das Netz ist natürlich ein Boden
       für Demagogen, für Leute, die Tatsachen im wahrsten Sinne des Wortes nicht
       wahrhaben wollen. Dazu kommt die Funktionslogik sozialer Medien: Die
       Algorithmen spülen vor allem Inhalte nach oben, die Gefühle wie Wut, Angst
       oder Hass befeuern. Da geht es dann eben um Emotion statt Sachlichkeit, um
       Provokation statt Ausgewogenheit und Konflikt statt Kompromiss.
       
       taz: Ulrich Siegmund von der AfD in Sachsen-Anhalt hat neulich im Fernsehen
       gesagt, die rechten Influencer seien für ihn das, was für Luther der
       Buchdruck gewesen ist. 
       
       Kretschmann: Da ist sicher etwas dran. Die Reformation wäre ohne Buchdruck
       nicht denkbar gewesen, der Nationalsozialismus nicht ohne Volksempfänger.
       Die gesellschaftlichen Revolutionen haben sich immer mit solchen großen
       Kommunikationsrevolutionen verbunden.
       
       taz: Was bedeutet das für den Umgang mit Populisten? 
       
       Kretschmann: Das Ignorieren und Anprangern ist offenbar gescheitert. Damit
       hält man die Wähler nicht von denen fern. Im Gegenteil scheinen Radikalität
       und Ausgrenzung in gewissen Teilen sogar zu mobilisieren. Wir müssen sicher
       weiter darauf bestehen, dass mit diesen Leuten nicht zusammengearbeitet
       wird, aber wir müssen mit ihnen in die Auseinandersetzung gehen. Und das
       heißt streiten im öffentlichen Raum. Und zwar richtig und aktiv und
       dauernd. Der Einzige, der das mal prominent gemacht hat, war [2][Boris
       Palmer].
       
       taz: Wofür er stark gescholten wurde: Er würde die Rechtsextremen
       salonfähig machen. Und auch Palmer ist es nicht gelungen, alle Fakes
       spontan im Gespräch zu entlarven. 
       
       Kretschmann: Ja, der Palmer, der ja zu den stärksten Argumentierern der
       Republik gehört, ging nach Selbsteinschätzung nicht als Sieger vom Platz.
       Das kann auch gar nicht sein, wenn man das zum ersten Mal macht.
       
       taz: Nun merkt man bei Gesprächsversuchen, dass man auch mit vermeintlich
       starken Argumenten zum vereinten Europa und der Notwendigkeit von
       Einwanderung nicht weit kommt. Sie schätzen, dass 15 Prozent der
       Bevölkerung einfach Nationalisten sind. 
       
       Kretschmann: Der Nationalismus ist das gefährlichste politische Gift der
       Moderne. Wenn man sich Trump und solche Leute anschaut: Für die ist der
       Aufhänger immer Fremdenfeindlichkeit. Weil man damit was zum Klingen
       bringen kann. „Der Andere“, „der Fremde“, das meint jetzt nicht nur
       Migranten, sondern alle Leute, die irgendwie anders sind und denken. Diese
       Fremdheit gegenüber Neuem, gegenüber anderen Gruppen: Diese Tiefengrammatik
       darf man nicht unterschätzen.
       
       taz: Die sind nicht erreichbar für zukunftsorientierte Politik? 
       
       Kretschmann: Patriotismus ist für sich erst mal legitim. Wobei ich
       bezweifeln würde, dass die Rechtspopulisten wirkliche Patrioten sind. Ein
       Patriot möchte, dass es seinem Land gut geht, und redet es nicht kaputt.
       Aber wenn ich Tatsachen nicht mehr zur Kenntnis nehme, die meine
       Weltanschauung stören, wird der Patriotismus zur Ideologie. Der
       Nationalismus ist eine gefährliche Ideologie. Da ist der Rubikon
       überschritten. Das ist das, was die AfD praktiziert. [3][Ulrich Siegmund]
       etwa gibt Antworten, die einer kritischen Prüfung einfach nicht
       standhalten.
       
       taz: Zum Beispiel? 
       
       Kretschmann: Auf das Argument, dass wir Zuwanderung brauchen wegen
       Krankenhäusern, Altenheimen und so weiter sagte er: Wir können doch den
       anderen Ländern die Leute nicht wegnehmen.
       
       taz: Das klingt erst mal hochmoralisch. 
       
       Kretschmann: Es ist kein schlechtes Argument. Aber auf das zugrundeliegende
       Problem, den Fachkräftemangel, hat er sich damit nicht eingelassen. Unser
       Gesundheitssystem würde doch ohne Ärzte, und Pflegekräfte aus dem Ausland
       zusammenbrechen. Und: Warum leugnen alle Nationalisten den Klimawandel?
       
       taz: Weil das Problem nicht national zu lösen ist. 
       
       Kretschmann: Genau, da versagt also das Nationale von vorneherein. In einer
       zentralen Frage, die die Leute ja jetzt spüren, schlägt sie das förmlich
       aus ihrem Gehäuse raus und deshalb müssen sie das leugnen. Darum geht es:
       Wenn Parteien Tatsachen nicht als solche anerkennen, wie willst du da eine
       Koalition machen? Ich muss allerdings auch nachträglich als Fehler
       betrachten: Ich habe nie die große Rede im Landtag gehalten und mir die AfD
       mal umfassend vorgeknöpft.
       
       taz: Das bereuen Sie? 
       
       Kretschmann: Ja, das hätte ich in 15 Jahren schon konsequenter machen
       sollen.
       
       taz: Ihr Nachfolger [4][Cem Özdemir] hat vorgeschlagen, die AfD vor die
       Wahl zu stellen, eine deutschnationale Partei im Rahmen der Verfassung zu
       werden oder, wenn sie auf dem völkischen Höcke-Pfad bleibt, sie zu
       verbieten. Was halten Sie davon? 
       
       Kretschmann: Das ist genau das, was ich sage: Wir sollten die nicht einfach
       nur ablehnen, sich über die empören, die beschimpfen. Man muss genau
       argumentieren.
       
       taz: Sie wären auch für die Einleitung eines AfD-Verbotsverfahren? 
       
       Kretschmann: Darüber haben die zu befinden, die im Amt sind, denn nur die
       können über die AfD mehr wissen, als aus öffentlichen Quellen zugänglich
       ist. Aber es gibt halt Grenzen in der Bundesrepublik Deutschland. Die
       verfassungsmäßige Ordnung ist die minimale Moral, die Minima Moralia von
       Adorno.
       
       taz: Kann man mit der Özdemir-Argumentation Leute erreichen? 
       
       Kretschmann: Ja, aber nur, wenn das, wie er auch immer betont, der Beginn
       einer wirklichen Auseinandersetzung ist. Die muss man persönlich führen.
       Wir haben mit den Völkischen unsere Erfahrungen aus der Geschichte. Da kann
       man schon fragen: Ist es legitim, aus Protest Nationalisten und Völkische
       zu wählen, obwohl man weiß, wo solche Gedanken hinführen? Die Artikel des
       Grundgesetzes als Minima Moralia sind die Lehre aus der elementaren
       Geschichtserfahrung von uns Deutschen: Darauf darf man schon pochen, man
       muss es sogar. Joschka Fischer sagt, „die AfD will ein Europa vor
       Adenauer“. Super Formulierung. Damit ist man voll im Argumentationsdiskurs
       und der Frage: Was war das eigentlich für ein Europa vorher? Es war
       nationalistisch, ein Europa der Kriege. Es ist wichtig, auch beim
       Argumentieren sokratisch zu denken.
       
       taz: Was heißt das? 
       
       Kretschmann: Sokratisch denken heißt, man darf nicht das schwächste
       Argument des Gegners nehmen, um darauf herumzuklopfen. Man muss sich das
       härteste Argument vornehmen. Wir suchen also das beste Argument des Gegners
       und setzen uns damit auseinander. Dann bekommen die Debatten ein ganz
       anderes Niveau.
       
       taz: Was wäre das bei der AfD? 
       
       Kretschmann: Zum Beispiel das Argument von Siegmund: Dass wir Leute aus
       anderen Ländern holen, die die dort selbst brauchen, ist erst einmal ein
       starkes Argument. Das ist keine bloße Dummheit. Das wird man ihm als Motiv
       für die Migrationspolitik der AfD nicht abnehmen, aber das Argument steht
       erst einmal für sich.
       
       taz: Wir sind auch deshalb gegenüber der AfD in der Defensive, weil wir
       dachten, nach dem Nationalsozialismus findet niemand mehr Gefallen an
       Brutalität als politischem Mittel. 
       
       Kretschmann: Ja, das verstört mich auch. Und im Letzten bleibt es mir ein
       Rätsel. Vielleicht müssen wir akzeptieren: Es ist diese Weigerung, zu
       denken, wie sie Hannah Arendt beim Holocaust-Funktionär Adolf Eichmann
       festgestellt hat. Sie ist dafür scharf angegangen worden. Aber an ihrer
       These ist schon etwas dran. Denken ist eine Verantwortung für jeden. Das
       steht jedem zur Verfügung.
       
       taz: Praktizierende Christen wählen immer noch signifikant weniger AfD.
       Woran liegt das? 
       
       Kretschmann: Das Konzil von Nicäa kam vor 1700 Jahren zu dem Beschluss:
       Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Ich habe neulich für
       meine säkularen Jugendfreunde eine Führung im Kloster Zwiefalten gemacht.
       Dort ist die einzige farbig gefasste Skulptur in der ganzen Kirche der
       Bettler, der den heiligen Martin trifft. Dieser Bettler ist nach der
       Legende Jesus selbst. Das ist die Pointe: In jedem Menschen kann uns Gott
       begegnen. Daraus folgt die Würde jedes einzelnen Menschen, gerade auch des
       geringsten. Jetzt erleben wir, wie die Funktionäre der AfD versuchen, die
       Menschenwürde wegzuputzen.
       
       taz: Sie sind gläubiger Katholik. Ist zwischen Aufklärung, Hannah Arendt
       und dem Glauben an die jungfräuliche Geburt nicht ein eklatanter
       Widerspruch? 
       
       Kretschmann: Ich mache es mal mit dem Philosophen Leibniz: Warum ist etwas
       und nicht nichts? Was ist der tiefste Grund von Wirklichkeit? Wer glaubt,
       lässt sich darauf ein, dass sich die Welt nicht einfach aus Materie selbst
       erklärt. Warum folgt die Natur Gesetzen? Warum ist sie nicht chaotisch?
       Woher kommt Ordnung? Dies dem Geistigen, also Gott zuzuschreiben, ist eine
       Grundentscheidung. Man nennt sie Glauben. Aber es gibt bei mir auch ein
       Vielleicht. Neulich hat mich jemand gefragt: Wenn Ihr Leben ein
       Fragezeichen wäre, was wäre die Frage? Ich sagte: Gibt es Gott wirklich?
       Denn für mich als aufgeklärter Mensch bleibt ein Zweifel. Anders ist
       Glauben für mich nicht möglich.
       
       taz: Agnostiker halten Gott zumindest für möglich. Reicht das nicht? 
       
       Kretschmann: Jürgen Habermas hat uns dafür einen neuen Begriff geschenkt:
       religiös unmusikalisch. Das ist ein grandioser Begriff, mit dem die Kirche
       arbeiten sollte, um wieder mehr Gehör zu finden. Nicht jeder wird zu einem
       Virtuosen wie der Dirigent Barenboim, aber so ein bisschen Blockflöte kann
       man schon lernen.
       
       taz: Sokrates hat gesagt, der Sinn des Lebens sei es, den Sinn des Lebens
       zu suchen. Sehen Sie das auch so? 
       
       Kretschmann: Nicht nur. In der Bibel steht: Wenn ihr mich von ganzem Herzen
       sucht, werde ich mich finden lassen. Sisyphos als glücklicher Mensch, das
       kennen wir. Aber ich will schon auch etwas finden.
       
       9 Oct 2026
       
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