# taz.de -- Ein Jahr Hamburger Zukunftsentscheid: Was für ein Aufriss
> Vor einem Jahr wurde in Hamburg entschieden: Die Stadt soll schon 2040
> klimaneutral sein. Dafür muss das städtische Fernwärmenetz massiv
> ausgebaut werden.
(IMG) Bild: Vor der Fernwärme kommt erst die Baustelle: die Osterstraße in Hamburg
Ein paar Zentimeter überdeckt der Sand schon die zwei dicken, schwarzen
Rohre. Zwar geht es hier nur um eine Länge von drei oder vier Metern, aber
sechs Männer stehen da in gelber Weste einige Meter tief und arbeiten sich
beim Verfüllen der offenen Baugrube langsam voran. Rund 200 Meter fehlen
hier noch in diesem Abschnitt. Bis Ende Oktober soll der Straßenbelag
wieder rauf können und dann ist die Osterstraße im Hamburger Stadtteil
Eimsbüttel endlich wieder frei – nach mehr als zwei Jahren.
Baustellen wie diese gibt es zwar schon seit ein paar Jahren in der ganzen
Stadt – doch muss sich das in den kommenden Jahren noch massiv ausweiten.
Muss, weil: Vor einem Jahr, am 12. Oktober 2025, hat [1][die Mehrheit der
rund 1,3 Millionen Wahlberechtigten beim „Hamburger Zukunftsentscheid“
dafür gestimmt, dass die Stadt bereits 2040 klimaneutral zu sein hat.] Nun
gilt ein bundesweit einmalig strenges Klimaschutzgesetz, das die Hamburger
Politik zwingt, in allen Bereichen dafür zu sorgen, den CO2-Ausstoß Stück
für Stück schon bis 2040 gen null zu führen.
Den beiden schwarzen Rohren mit einem Durchmesser von etwa einem Meter
kommt dabei eine entscheidende Aufgabe zu: Durch eines soll bald mindestens
90 Grad heißes Wasser fließen zu Häusern und Wohnungen, die bisher noch mit
Gas oder Öl beheizt werden. „Fernwärme ist eigentlich eine ganz einfache
Technik“, sagt Hendrik Bergmann. „Wir machen Wasser warm, verteilen es
durch das eine Rohr, dem so genannten Vorlauf, zu den Fernwärmekunden – und
nach Übertragung der Wärme an die Kundenanlage fließt es durchs andere
Rohr, dem so genannten Rücklauf, wieder zu uns zurück, wo wir es von Neuem
aufwärmen.“
Bergmann ist bei den Hamburger Energiewerken (HEnW) für das Fernwärmenetz
zuständig. Rund 230 Mitarbeiter:innen sind bei den HEnW für den
Betrieb des rund 900 Kilometer langen Wärmenetzes zuständig. Doch das
städtische Unternehmen wandele sich gerade massiv: „Wir sind bisher nicht
als Unternehmen wahrgenommen worden, das umfangreiche Baumaßnahmen in
Hamburgs Straßen durchführt. Das hat sich nun geändert“, sagt Bergmann.
Rund 13.000 Gebäude sind schon an das Netz angeschlossen. Ein Großteil
davon sind mehrgeschossige Häuserblocks, sodass insgesamt mehr als 260.000
Wohnungen Wärme aus der Ferne erhalten.
Lange wuchs die Zahl der Anschlüsse nur im moderaten Tempo, indem entlang
der bereits verlegten Hauptleitungen angrenzende Häuser ans Netz
angeschlossen wurden. „Früher hatten wir etwa 150 Hausanschlüsse pro Jahr
neu gebaut, jetzt gehen wir hoch auf dauerhaft 400 pro Jahr“, sagt
Bergmann. Bis Ende des Jahrzehnts wollen die HEnW rund 3,5 Milliarden Euro
in die Wärmewende investiert haben. Ganze Quartiere sollen neu erschlossen
werden. Derzeit wird noch rund ein Drittel des Hamburger Wärmebedarfs mit
Fernwärme gedeckt, bis 2040 sollen es knapp 60 Prozent sein. Seitdem die
Stadt im Frühjahr ihre kommunale Wärmeplanung vorstellte, können die
Hamburger:innen auf interaktiven Karten nachsehen, ob ihr Standort
dafür vorgesehen ist.
Geht es um die Wärmewende, ploppt in den Diskussionen meist die Wärmepumpe
als zentraler Hebel für das Gelingen auf. Auf dem Land, in
Einfamilienhäusern wird es auch für alle darauf hinauslaufen, die sich,
auch aus Kostengründen, von Gas und Öl verabschieden wollen. Das gelte,
sagt Bergmann, auch für Hamburgs Stadtränder, wo es mitunter schon fast
dörflich wird. „Fernwärme ist eine Infrastruktur, die – anders als Strom
und Wasser – niemals das gesamte Stadtgebiet abbilden wird“, sagt Bergmann.
Da, wo nur wenige Abnehmer infrage kommen, lohne sich Fernwärme nicht. Doch
je weiter es ins Stadtzentrum geht, je höher die Bevölkerungsdichte ist bis
hin zu mehr als 10.000 Hamburger:innen pro Quadratkilometer, desto
sinnvoller ist der Ausbau des Netzes.
Fast die gesamte Osterstraße mit seinen hippen Boutiquen, Bioläden,
Fachgeschäften und Cafés wurde deshalb mittig aufgerissen. Das sorgte vor
allem im laufenden Jahr für eine Menge Frust: Eigentlich sollten die
Arbeiten schon vergangenes Jahr abgeschlossen sein, doch verzögerte sich
das wegen Problemen bei den Bauarbeiten immer wieder. Die Vollsperrung der
Straße nahm kein Ende, Busse mussten umgeleitet, Radfahrer:innen sich
den wenigen, verbliebenen Platz mit Fußgänger:innen teilen. Mindestens
sechs Geschäfte haben ihren Betrieb wegen der langen Bauarbeiten aufgeben
müssen, berichtete kürzlich der NDR. Auch die übrigen Geschäfte beklagten
massive Umsatzeinbußen.
## Mehr Frust in Aussicht
Auf Frust müssen sich viele weitere Hamburger:innen gefasst machen. Die
hier verlegten Rohre sind Teil einer sogenannten „Spange“, also einer
größeren Trasse, die vom bestehenden Netz abzweigt, um neue Viertel zu
erschließen – nach der Osterstraße geht es noch Richtung Osten weiter. Und
weitere Spangen sind teilweise auch schon in Angriff genommen, etwa hoch
gen Norden in Richtung Flughafen. „Hamburg ist keine Regentenstadt wie
München oder Berlin“, sagt Bergmann. Statt großzügiger breiter Straßen sei
in der Kaufmannsstadt nun mal in den vergangenen Jahrhunderten eher eng
gebaut worden, da komme man um komplette Straßensperrungen kaum umhin. Und:
„Wenn man in Hamburgs Straßen in den Boden baggert, weiß man nie so ganz
genau, was einen erwartet.“ Nicht in Plänen verzeichnete Leitungen,
Fundamente und tonnenweise alte Straßenbahnschienen seien etwa unter der
Osterstraße entdeckt worden.
An diesem umständlichen Ausbau kommt Hamburg allerdings kaum vorbei.
Aktuell sind es noch immer rund 12 Millionen Tonnen CO2, die die Stadt
jährlich ausstößt. Es waren mal deutlich mehr, über 20 Millionen Tonnen im
Jahr 1990. Doch muss der Rückgang nun deutlich beschleunigt werden. Das
durch den Volksentscheid erlassene Klimaschutzgesetz gibt einen jährlichen
Rückgang vor, der etwa für das Jahr 2030 festhält, dass dann nur noch 6
Millionen Tonnen ausgestoßen werden dürfen – halb so viel wie derzeit. Rund
ein Viertel der Emissionen entfällt derzeit allein auf die Wärmeversorgung
von Haushalten. Zusammen mit der gelieferten Wärme für die Industrie sind
es insgesamt rund 40 Prozent der Emissionen.
Ob es mit der Klimaneutralität bis 2040 klappt, dem versuchen weite Teile
der Hamburger Politik mit Skepsis zu begegnen. Die CDU hält es für
unmöglich [2][und will den Volksentscheid einfach durchs Parlament wieder
rückgängig machen;] die SPD zeigt sich auch ziemlich skeptisch – und die
Grünen sind zwar weiter für dieses ambitionierte Klimaziel, nutzen seither
aber jede passende Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass Hamburg die
Klimaneutralität in vielen Bereichen nicht allein beeinflussen könne und
man ja abhängig von Entscheidungen auf Bundes- und Europaebene sei.
Tatsächlich kann Hamburg als Bundesland keine Verbrenner-Autos aus der
Stadt verbannen, um den Verkehr klimaneutral zu machen. Oder dafür sorgen,
dass nur noch Strom aus Erneuerbaren durch das städtische Netz fließt. Oder
der Industrie Grenzen beim Ausstoß von CO2 setzen.
Dank eines schon mehr als ein Jahrzehnt zurückliegenden Volksentscheids
aber kann die Landespolitik Einfluss auf die Dekarbonisierung eines
beträchtlichen Anteils der Wärmeversorgung nehmen. Das Wärmenetz war mal
privatisiert worden, doch die Mehrheit der Hamburger Wahlberechtigten
stimmte 2013 für einen Rückkauf. Durch die Rekommunalisierung können SPD
und Grüne, die in Hamburg seit 2015 zusammen regieren, Einfluss nehmen.
## Der Kunde entscheidet
Das heißt aber nicht, dass Hauseigentümer:innen verpflichtet werden
können, ihr Haus ans Wärmenetz anzuschließen. „Der Kunde entscheidet“, sagt
Bergmann. Für den ist die Fernwärme eine teure Option – im direkten
Betriebskostenvergleich ist sie teurer als Erdgas. Erst im vergangenen Jahr
kündigten die HEnW eine deutliche Preiserhöhung für ihre Kund:innen an.
Die Mehrheit der Hamburger Wohnhäuser ist an das Gasnetz angeschlossen und
befeuert damit die Heizungen. Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher
(SPD) sprach kürzlich erstmals deutlich aus, wie dessen Zukunft angesichts
der Klimaziele aussehen wird: „Das Gasnetz wird sicher irgendwann
abgeschaltet“, sagte er dem Hamburger Abendblatt. Alle ans Gasnetz
angeschlossenen Eigentümer:innen sollten sich also halbwegs
schleunigst darum kümmern, womit sie das Gas ersetzen. Denn nicht nur
aufgrund der steigenden CO2-Bepreisung von Erdgas werden die Kosten schon
vor 2040 steigen: Wenn immer mehr Hausbesitzer:innen zur Wärmepumpe
oder zum Anschluss ans Fernwärmenetz wechseln, verteilen sich die festen
sogenannten Netzentgelte auf immer weniger Kund:innen.
Dass sich das Netz immer weiter unter der Stadt ausbreitet, heißt
allerdings noch nicht automatisch, dass es dem Klima dienlich ist. Die
Wärme muss auch noch klimaneutral hergestellt werden. „2030 sind wir raus
aus der Steinkohle“, sagt Bergmann. Kommendes Jahr geht [3][zuerst das
Kraftwerk Wedel vom Netz,] in vier Jahren dann soll keine Wärme mehr im
Kraftwerk Tiefstack durch Steinkohle erzeugt werden. Stattdessen soll das
heiße Wasser, das durch die schwarzen Rohre unter der Stadt zu den
Hunderttausenden Wohnungen fließt, an vielen Orten und auf viele Weisen
zumindest überwiegend klimaneutral erzeugt werden: Durch
Flusswasserwärmepumpen, durch die Nutzung von Abwärme aus der Industrie im
Hafen oder [4][von Müllverbrennungsanlagen soll das gelingen.]
Das heiße Wasser etwa, das bald unter der Osterstraße in die Wohnungen
fließen soll, wird einige Kilometer entfernt erhitzt: im „Energiepark
Hafen“. Dort wird unter anderem Abwasser des benachbarten Klärwerks als
bislang ungenutzte Energiequelle zur Erhitzung der Fernwärme genutzt.
Mehrere Verteilerpumpen und eine dicke, dämmende Ummantelung der Rohre
sorgen dann dafür, dass das Wasser auf seinem langen Weg unter der Elbe bis
nach Eimsbüttel fließt und heiß bleibt.
Herr Bergmann, also klappt das mit der Klimaneutralität – zumindest was die
Wärmewende angeht durch den [5][Ausbau der Fernwärme?] „Ja, das wird
funktionieren.“ Allerdings könnte es mit dem Jahr 2040 eng werden. „Was wir
bis heute aufgebaut haben, hat 130 Jahre gedauert“, sagt Hendrik Bergmann.
Mit dem Hamburger Rathaus wurde 1887 das erste Gebäude versorgt. „Jetzt
haben wir noch 14 Jahre Zeit, unsere Ziele zu erreichen.“ Das sei ein
Spannungsfeld.
11 Oct 2026
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