# taz.de -- Mieten-Kampf in Spanien: Solidarität nach Zwangsräumung von 87-Jähriger
       
       > Ausgelöst durch einen besonders krassen Fall, protestieren Zehntausende
       > gegen hohe Mieten in Spanien. Die Regierung steht unter Druck, Linke
       > fordern Enteignungen.
       
 (IMG) Bild: Das Protestcamp mitten in Madrid gegen die spanische Wohnungskrise soll erst mal stehen bleiben
       
       Nicht eine Maricarmen mehr“ und „Wir sind alle Maricarmen“, rufen die
       Kundgebungsteilnehmer am Samstag in Madrid, immer wieder. Es war die größte
       von mehreren Dutzend Protestveranstaltungen in ganz Spanien in den
       vergangenen Tagen. Laut Veranstaltern nahmen daran 300.000 Menschen teil,
       laut der Regierung 25.000. Die Menschen prangerten die Wohnungsnot und die
       Spekulation mit Wohnraum an.
       
       Auslöser war die Zwangsräumung der 87-jährigen María del Carmen Abascal,
       die alle nur Maricarmen nennen, am vergangenen Mittwoch. Die Polizei
       prügelte sich zum Gebäude vor. Die gehbehinderte Frau wurde auf einer
       Krankenbahre aus der Wohnung getragen, in der sie seit 70 Jahren lebte.
       Diese Bilder schockierten und lösten eine Welle der Empörung aus, wie sie
       Spanien seit den Kürzungen in der Eurokrise Ende der 2010er Jahre nicht
       mehr gesehen hat.
       
       „Der Fall Maricarmen war der endgültige Funke für den Flächenbrand“, sagt
       Gonzalo Álvares vom „sindicato de inquilinas“, der Mieterinnengewerkschaft,
       die zu Protesten gerufen hat. Das fortgeschrittene Alter und ihre starke
       Behinderung machten daraus den entscheidenden Fall von jährlich 25.000
       Zwangsräumungen in Spanien, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
       
       500 Euro Miete hatte Maricarmen zuletzt gezahlt. Das war möglich, weil sie
       unter ein altes Mietrecht aus den 1950er Jahren fiel, da sie seit jeher
       ununterbrochen in der Wohnung gelebt hatte. Dann kaufte die
       Immobiliengesellschaft Urbagestión das Gebäude. Mit juristischen
       Winkelzügen erhöhten die neuen Besitzer die Miete auf 2.650 Euro. Mit einer
       Rente von 1.350 Euro im Monat kann Maricarmen das nicht bezahlen, nicht
       einmal die herabgesetzten 1.650 Euro, die die Firma später verlangte. Die
       Rentnerin, klagte, verlor und wurde geräumt.
       
       ## Das Camp bleibt
       
       Nach der Kundgebung am Samstag blieben 150 Protestierende über Nacht an der
       Puerta del Sol und schlugen ihre Zelte auf. Unter ihnen auch Álvares. Am
       Sonntag führten sie Diskussionen und hielten Arbeitsgruppen ab. Viele
       Menschen besuchten das Camp, das Erinnerungen an den 15M, die
       Platzbesetzung der Empörten im Mai 2011 auslöst.
       
       Das Camp wird erst einmal bleiben. Die Mieterinnengewerkschaft will damit
       Druck aufbauen. Denn am Dienstag wird die Regierung auf einer
       Kabinettssitzung über neue gesetzliche Maßnahmen zur Lösung der Wohnungsnot
       beraten. Und es soll auch darum gehen, wie Fälle wie der von Maricarmen
       künftig verhindert werden können.
       
       „Wohnungen dürfen keine Finanzprodukte und Ware mehr sein“, verlangt
       Álvares. „Die Mieten müssen eingefroren werden“, fordert er. Der 27-jährige
       Verkäufer bezahlt für seine Einzimmerwohnung in Madrid 990 Euro pro Monat.
       Alle fünf Jahre wird sein Mietvertrag erneuert. Unbefristete Mietverträge,
       wie sie die Mieterinnengewerkschaft fordert, gibt es in Spanien nicht. Die
       Angst, aus der Wohnung zu müssen, weil die Miete mit dem neuen Vertrag zu
       sehr steigt, ist für Mieter hier Alltag.
       
       Dabei ist eine Wohnung in Spanien eigentlich ein Bürgerrecht. „Alle Spanier
       haben das Recht auf eine menschenwürdige und angemessene Wohnung“, heißt es
       in der Verfassung aus dem Jahr 1978. Demnach „schafft die öffentliche Hand
       die erforderlichen Voraussetzungen und erlässt die entsprechenden
       Vorschriften zur Verwirklichung dieses Rechts“. Etwas, was ganz
       offensichtlich nicht der Realität entspricht.
       
       Das Unternehmen Urbagestión kaufte die Wohnung, in der Maricarmen in der
       Nähe des Madrider Stadtparks Retiro lebte, 2018 für 240.000 Euro.
       Mittlerweile ist sie, laut Medienberichte über 800.000 Euro wert. Es ist
       ein Beispiel dessen, was auf dem Wohnungsmarkt geschieht. Ganze Gebäude
       wurden in Städten wie Madrid, Barcelona, aber auch Valencia, Málaga oder
       Palma de Mallorca von Fonds aufgekauft, um sie später teuer wieder an den
       Markt zu bringen oder sie als Ferienwohnungen zu vermieten.
       
       ## 70 Prozent Mietsteigerungen
       
       Auf der Kundgebung waren vor allem junge Menschen. Sie und Familien mit
       Kindern haben besonders große Probleme, wenn es darum geht, eine Wohnung zu
       finden. In vielen Städten stiegen Mieten und Kaufpreise unaufhaltsam und
       haben längst Höhen erreicht, die sich nur noch sehr, sehr gut Verdienende
       leisten können. So stiegen etwa in Madrid die Mieten in den letzten sieben
       Jahren um 70 Prozent, der Kaufpreis um 60 Prozent. Die Lohnsteigerung
       betrug im Durchschnitt im gleichen Zeitraum gerade einmal 14 Prozent.
       
       Die Linkskoalition unter dem Sozialisten Pedro Sánchez steht vor einer
       Zerreißprobe. Denn der kleinere der beiden Koalitionspartner, das
       [1][linksalternative Wahlbündnis Sumar], will endlich entschlossen gegen
       die fondos buitre, Geierfonds, vorgehen. Selbst von Enteignung ist die Rede
       – mit dem Wahlerfolg der Linken in Berlin vor Augen. Als erster Schritt
       fordert Sumar die Enteignung der Wohnung, in der Maricarmen lebte, um sie
       ihr zurückzugeben. Die Sozialisten wollen davon nichts wissen. Sie suchen
       gemäßigtere Maßnahmen.
       
       Egal, was am Dienstag herauskommt, ob ein neues Wohnungsdekret vor dem
       Parlament Bestand hat, ist mehr als ungewiss. Die Regierung braucht die
       Stimmen aller Parteien außer [2][der rechten Partido Popular (PP)] und der
       rechtsextremen VOX, um eine Mehrheit hinter sich zu versammeln. Dabei gibt
       es mindestens zwei unsichere Kandidaten.
       
       Die Mitte-rechts-Partei aus dem Unabhängigkeitslager Kataloniens – Junts –
       ist wirtschaftsliberal und stellt sich vor jeher eher hinter die großen
       Wohnungseigentümer als hinter die Mieter. Und die linksalternative Podemos
       hat bereits angekündigt, keine Kompromisse eingehen zu wollen. „Wir werden
       nichts mehr schlucken. Es ist an der Zeit, dass die fondos buitre schlucken
       müssen“, sagt die Podemos-Abgeordnete im EU-Parlament Irene Montero. Doch
       damit nicht genug der Probleme: Wohnungspolitik ist Regionensache. Die
       Zentralregierung gibt Rahmenbedingungen vor. Ob diese dann angewandt werden
       oder nicht, ist Sache der Regionalregierungen.
       
       So sieht ein Gesetz der Linkskoalition aus dem Jahr 2023 vor, Stadtteile
       und Gemeinden, in denen die Bewohner durchschnittlich mehr als 30 Prozent
       des Familieneinkommens für Miete ausgeben, zu Gebieten mit „angespannter
       Wohnungslage“ zu erklären, um so die Miete zu deckeln. Die Hauptstadtregion
       Madrid, wo die rechte PP regiert, wendet das Gesetz nicht an.
       
       „Wir werden nicht in den Markt eingreifen“, erklärt die Regionalpräsidentin
       Isabel Díaz Ayuso immer wieder. Denn das würde den Wohnungsmarkt erst recht
       aus dem Gleichgewicht bringen. Und das, obwohl dort, wo Regionalregierung
       tatsächlich eingreifen, wie etwa in Katalonien oder im Baskenland, die
       Mieten in den „angespannten Stadtteilen und Dörfern“ deutlich zurückgehen.
       
       27 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Missbrauchs-Vorwuerfe-in-Spaniens-Linke/!6044981
 (DIR) [2] /Drei-Koenigs-Fest-in-Spanien/!6143238
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reiner Wandler
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Spanien
 (DIR) Mieten
 (DIR) Solidarität
 (DIR) Demos
 (DIR) GNS
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Nach Zwangsräumung in Madrid: Seniorin darf in Wohnung zurück
       
       Zehntausende hatten gegen die Zwangsräumung einer 87-Jährigen protestiert,
       die ihre Wohnung nach 70 Jahren verlassen musste. Jetzt kann sie
       zurückkehren.
       
 (DIR) Parteitag nach der Wahl: Linkspartei macht den Weg für Sondierungen frei
       
       Nach der Wahl kommt es in der kommenden Woche zu Gesprächen zwischen
       Linkspartei, Grünen und SPD. Kritik an der Sondierungsgruppe zogen die
       Genossen zurück.
       
 (DIR) Reproduktionsmedizin in Spanien: Mutterschaft und/oder Karriere
       
       Spaniens Fußballverband will Spielerinnen das Einfrieren von Eizellen
       finanzieren. Ein feministischer Erfolg?
       
 (DIR) Ansturm auf Ceuta: Spaniens Regierungschef Sánchez bleibt Antworten schuldig
       
       Der spanische Ministerpräsident hat sich den Fragen der Opposition zum
       Ansturm auf Ceuta im Juli gestellt. Die rechten Parteien trieben den
       Sozialisten dabei vor sich her.