# taz.de -- Reproduktionsmedizin in Spanien: Mutterschaft und/oder Karriere
       
       > Spaniens Fußballverband will Spielerinnen das Einfrieren von Eizellen
       > finanzieren. Ein feministischer Erfolg?
       
 (IMG) Bild: Ana Peleteiro-Compaore aus Spanien während der Leichtathletik-Halleneuropameisterschaften 2025
       
       Profifußball auf höchstem Niveau und Mutter werden, das schließt sich aus.
       Bisher zumindest. Doch jetzt bietet der Königlich Spanische Fußballverband
       (RFEF) seinen Spielerinnen der Nationalmannschaft einen ganz besonderen
       Service an: Die Weltmeisterdamen können künftig [1][Eizellen einfrieren
       lassen und sich so den Kinderwunsch nach ihrer aktiven Zeit] mit Eizelle
       aus jungen Jahren nach künstlicher Befruchtung erfüllen.
       
       „Ein großer Fortschritt“, lobt die Mittelfeldspielerin Alexia Putellas.
       „Der Verband begreift, dass du deinem Land dienst im Widerspruch zu deiner
       biologischen Zeit, dass du nicht aufhören kannst, nicht Mutter werden
       kannst, da du deinen Körper für die Arbeit brauchst“, erklärt die
       Weltfußballerin des Jahres 2022 gegenüber der spanischen Presse. Denn in
       der Zeit, in der viele Frauen ihr erstes Kind gebären – zwischen 25 und 35
       Jahren –, ist auch die Zeit, in der Spitzensportlerinnen ihre beste
       Leistung bringen.
       
       Führt das Einfrieren der Eizellen also endlich dazu, Beruf und Privatleben
       in Einklang zu bringen? Nicht alle sind da so optimistisch wie Putellas.
       „Und wenn eine Maßnahme, die sie uns als feministisch verkaufen, in
       Wirklichkeit zutiefst machistisch ist“, hinterfragt die Athletin Ana
       Peleteiro das Angebot des RFEF und sorgt damit für eine heftige Diskussion.
       „Das Problem ist nicht, Eizellen einzufrieren.
       
       Das Problem ist vielmehr, warum die Institution für die diese Frauen
       arbeiten, ein Interesse daran hat, das Zurückstellen der Mutterschaft zu
       finanzieren“, sagt die Olympiadritte im Dreisprung 2020 in Tokio und
       dreifache Europameisterin. Peleteiro, die in ihrer aktiven Zeit zweimal
       Mutter wurde und sich an die Weltspritze zurückgekämpft hat, warnt davor,
       dass dieses Angebot schnell zum Druckmittel werden könnte: „Was wollen sie?
       Die Mutterschaft ermöglichen oder dafür sorgen, dass sie nicht Mutter
       werden, solange sie aktiv sind?“
       
       Als Alternative schlägt Peleteiro vor, dass Verband und Vereine eine
       Mutterschaftspause finanzieren und den Platz in der Mannschaft erhalten.
       2020 wurde der Mutterschaftsurlaub ausgehandelt und 2025 in den
       Tarifvertrag für Profifußballerinnen aufgenommen. Aber eine Garantie,
       wieder auf den angestammten Platz zurückzukehren, gibt es nicht.
       
       ## Das Ende ihrer Karriere
       
       Marta Corredera weiß dies nur zu gut. Als die Verteidigerin nach einer
       Schwangerschaft 2023 zu Real Madrid zurückkam, hatte eine andere Spielerin
       ihren Posten inne. Sie habe keinen Platz mehr in den Plänen des Clubs,
       wurde ihr mitgeteilt. Es war das Ende ihrer Karriere. „Als Erstes ist
       Normalisierung gefragt“, erklärte sie in einem ausführlichen Gespräch
       gegenüber einer spanischen Nachrichtenagentur. „Eine Sportlerin ist eine
       Frau wie jede andere auch und hat das Recht, schwanger zu werden, Beruf und
       Familie zu vereinbaren und eine Familie zu gründen“, mahnt sie an.
       
       Das Einfrieren von Eizellen löst in Spanien längst nicht nur im
       Spitzensport Diskussionen aus. Viele ganz normal berufstätige Frauen sehen
       sich vor dem Dilemma Mutterschaft und Karriere und finanzieren den
       vermeintlichen Zeitgewinn selbst. Die Spezialkliniken sind sich dessen
       bewusst und nutzen den Frauensport, um für sich zu werben. So etwa auf den
       Trikots des Fußballverein Córdoba CF oder beim Basketballclub Lucentum
       Alicante. Und 2023 unterstützte eine Fruchtbarkeitsklinik Futpro, die
       größten Vereinigung von Fußballspielerinnen in Spanien.
       
       Das Geschäft dieser Kliniken boomt. In den letzten zehn Jahren hat sich die
       Zahl der Frauen, die Eizellen einfrieren lassen, verdreißigfacht. Immer
       mehr Frauen projektieren ihren Kinderwunsch in eine ferne Zukunft und
       hoffen, dass Karriere so weit konsolidiert ist, dass eine Mutterschaft das
       berufliche Weiterkommen nicht mehr gefährdet. Die Zahl derjenigen, die mit
       40 Jahren oder mehr Mutter werden, übertreffen die unter 25.
       
       Umfragen zeigen, mit welchem Widerspruch viele Spanierinnen leben. Laut der
       „Fruchtbarkeitsumfrage“ des [2][spanischen Statistikinstitutes (INE)]
       wünschen sich 72 Prozent der Spanierinnen zwischen 25 und 29 Jahren zwei
       oder mehr Kinder. Doch daraus wird meist nichts. Denn Spanien hat –
       gemeinsam mit Malta – mit gerade einmal 1,1 Kindern pro Frau die niedrigste
       Geburtenrate in der Europäischen Union. Die Zahl der Geburten ist in den
       letzten zehn Jahren um 100.000 pro Jahr zurückgegangen.
       
       ## Was fehlt zum Mutterwerden?
       
       Die Journalistin Diana Oliver, Autorin des Buches „Maternidades precarias“
       (Prekäre Mutterschaft), glaubt nicht, dass die Lösung des Geburtenrückgangs
       darin liegt, das Einfrieren von Eizellen zu normalisieren. „Vielmehr müssen
       wir uns fragen, warum wir diesen entscheidenden Lebensschritt überhaupt
       hinauszögern. Liegt es an fehlender Stabilität? Daran, dass uns im
       Berufsleben Dinge abverlangt werden, die sich nicht mit der Kindererziehung
       vereinbaren lassen? Oder sind es prekäre Arbeitsverhältnisse und die
       schwierige Wohnungssituation?“, sagt sie.
       
       Eine Studie der spanischen Zentralbank zeigt Frauen, die Mutter werden,
       müsse mit Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt rechnen. Im ersten Jahr nach
       der Geburt eines Kindes sinkt das Einkommen von Frauen um 11 Prozent. Das
       der Väter bleibt gleich. [3][Zehn Jahre später beläuft sich der Unterschied
       gar auf 28 Prozent].[4][[Link auf
       https://www.bde.es/wbe/es/publicaciones/analisis-economico-investigacion/do
       cumentos-ocasionales/child-penalty-spain.html]]
       
       „Es liegt auf der Hand – vorausgesetzt, man kann selbst entscheiden, was
       das Beste für einen ist – dass das Einfrieren von Eizellen, nur um sich
       beruflichen Anforderungen anzupassen und produktiver zu sein, nicht als
       gesellschaftlicher Fortschritt für Frauen betrachtet werden kann“,
       kommentiert die größte spanische Tageszeitung El País. Mutter zu werden,
       dürfe weder die Karriere einer Sportlerin noch die irgendeiner anderen Frau
       negativ beeinträchtigen. Das sei aus dem Grundkurs Feminismus.
       
       Dass es auch anders geht, zeigt der Welttennisverband WTA. Dieser
       verabschiedete 2025 eine Regelung für Profispielerinnen. Sie erhalten
       bezahlten Mutterschaftsurlaub und kehren anschließend auf die
       Weltranglistenposition zurück, auf der sie sich vor der Schwangerschaft
       befanden.
       
       17 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Eizellen-einfrieren/!6179771/
 (DIR) [2] https://www.ine.es/dyngs/INEbase/es/operacion.htm?c=Estadistica_C&cid=1254736177006&menu=ultiDatos&idp=1254735573002
 (DIR) [3] https://www.bde.es/wbe/es/publicaciones/analisis-economico-investigacion/documentos-ocasionales/child-penalty-spain.html
 (DIR) [4] https://www.bde.es/wbe/es/publicaciones/analisis-economico-investigacion/documentos-ocasionales/child-penalty-spain.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reiner Wandler
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Sport
 (DIR) Spanien
 (DIR) Mutterschaft
 (DIR) Reproduktionsmedizin
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Alexandria Ocasio-Cortez: Pläne, Zweifel und klare Abgrenzungen
       
       Alexandria Ocasio-Cortez war einmal die Pionierin junger Progressiver bei
       den US-Demokraten. Jetzt ist sie gesetzter und die heute Jungen überholen.
       
 (DIR) Aus PCOS wird PMOS: Ein neuer Name macht Hoffnung
       
       Betroffene und Forschende haben das untererforschte Ovarialsyndrom
       umbenannt. Wie das zu besserer Wissenschaft und Behandlung führen könnte.
       
 (DIR) Social Freezing: Die biologische Uhr snoozen
       
       Immer mehr Frauen lassen ihre Eizellen für eine mögliche spätere
       Schwangerschaft einfrieren. Wieso? Und wer kann sich das leisten?