# taz.de -- Massenproteste der Gewerkschaften: Über 175.000 gegen Sozialabbau
> Zum Aktionstag für den Erhalt des Sozialstaats und gegen die Reformpläne
> von Kanzler Merz gehen bundesweit viele Menschen auf die Straße. Allein
> in Essen mehr als 18.000.
(IMG) Bild: Auch in Stuttgart sind Menschen auf die Straße gegangen, um für ihre Rechte zu kämpfen
Essen taz | Ein Meer aus Fahnen und Transparenten weht am frühen
Samstagnachmittag auf dem zentralen Burgplatz der Ruhrgebietsmetropole
Essen. Weit mehr als 10.000 Menschen demonstrieren hier, mitten im
bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen, gegen den drohenden
Sozialabbau und damit gegen die als unausgegoren und ungerecht empfundenen
[1][Reformpläne der Bundesregierung von CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz].
„Solidarität statt Sozialkahlschlag“, „Merz macht Kahlschlag – wir machen
Widerstand“ oder schlicht „Tax the Rich“ steht auf den Plakaten, die die
Menschen hochhalten. Die Linke ist stark vertreten, auch die
Marxistisch-Leninistische Partei hat mobilisiert. Fahnen der Grünen sind
nur vereinzelt da. Von der SPD oder gar der CDU ist nichts zu sehen.
Zu den [2][Protesten aufgerufen hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB)
mit seinen acht Einzelgewerkschaften] – und der kann einen klaren Erfolg
verbuchen: Gehofft hatten die Organisator:innen auf 10.000
Teilnehmer:innen – gekommen sind nach DGB-Angaben 18.000. Die Polizei
schätzt die Zahl der Protestierenden auf rund 12.000.
Hauptrednerin in Essen ist die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi – und die
macht schon seit Monaten gegen die Kürzungspläne von CDU und SPD mobil.
„Der Fokus der derzeitigen Bundesregierungspolitik ist falsch“, erklärte
die DGB-Chefin schon im Vorfeld. „Jeden Tag“ werde über Sozialkürzungen
geredet. Nötig sei dagegen eine „aktive Industriepolitik“ – also
Investitionen und der Schutz von Jobs in Deutschland und Europa etwa gegen
unfaire, staatlich massiv subventionierte Konkurrenz aus China.
Die schwarz-rote Bundesregierung signalisiere stattdessen, „man könne die
Wirtschaft stärken, indem man Arbeitsrechte beschneidet“, kritisiert
Fahimi, die selbst Sozialdemokratin ist, Generalsekretärin ihrer Partei war
und danach als Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und
Soziales amtierte. Dabei sei der Sozialstaat „kein Geschenk der Politik und
der Arbeitgeber“, erklärt die DGB-Vorsitzende auf der Bühne am Essener
Burgplatz – sondern „hart erarbeitet“.
Zwar seien auch die Gewerkschaften „bereit für Veränderung“, erklärt Fahimi
– „aber nicht, indem unsere Rechte geschliffen, unsere soziale Sicherheit
gekürzt und unsere Lebensleistung entwertet werden“. Ähnlich hatte zuvor
schon der Vorsitzende des DGB in Nordrhein-Westfalen, Thorben Albrecht,
eingeheizt: „Wir müssen das verteidigen, was wir uns erkämpft und
erarbeitet haben“, mahnte Albrecht. „Und wir müssen so laut sein, dass man
uns in Berlin hört.“
Was das konkret bedeutet, hat der DGB schon im [3][Aufruf zu den Protesten
am Samstag] ausbuchstabiert: Demonstriert wurde nicht nur für „eine Rente,
die zum Leben reicht“. Auch an abschlagsfreien Rentenzahlungen nach 45
Beitragszahlungen wollen die Gewerkschaften mit ihren bundesweit immer noch
knapp sechs Millionen Mitgliedern festhalten.
Gefordert werden auch die Beibehaltung des Achtstundentages, den die
Regierung Merz durch eine Neufassung des Arbeitszeitgesetzes zugunsten
einer flexibleren „Wochenarbeitszeit“ abschaffen will, oder mehr
Investitionen in eine zukunftsfähige Infrastruktur durch mehr Steuern auf
hohe Vermögen. Auch das in der Bundesregierung offenbar vorherrschende
Misstrauen gegenüber Arbeitnehmer:innen, dass sich in der
„Zwangskrankschreibung am 1. Tag“ manifestiere, steht in der Kritik der
Gewerkschaftsbewegung.
Überhaupt: Besonders Merz verbreite [4][„falsche Mythen“ zur
Unbezahlbarkeit des Sozialstaats, kritisieren die Gewerkschaften]. Bei den
Sozialausgaben liege Deutschland „im internationalen Vergleich nur im
Mittelfeld“, argumentiert der DGB mit Verweis auf [5][eine Studie der
gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung]. Auch laut Statistischem
Bundesamt lägen Deutschlands Sozialausgaben gemessen am
Bruttoinlandsprodukt heute nicht höher als vor 10 Jahren. Die Aussage des
Kanzlers, „der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben“, sei „mit dem, was wir
volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar“, ist für den DGB
deshalb nichts anderes als „eine glatte Lüge“.
Bei den Protestierenden auf dem Essener Burgplatz kommt das gut an: „Ich
habe die Nase voll“, sagt etwa die 57-jährige Kirstin Zeidler. „Wer 45
Jahre malocht hat, hat die Rente verdient.“ Die Bundesregierung mache „eine
Politik an der Bevölkerung vorbei“, findet auch die Demonstrantin Alexandra
Ebert. Gerade von der mitregierenden SPD ist sie enttäuscht: „Die lassen
sich einbinden, sind viel zu wenig wehrhaft – dabei hätten die doch die
Bevölkerung hinter sich“, findet die Dortmunderin.
Was Ebert wie viele andere außerdem sorgt: Merz treibe „die Leute in die
Arme der Rechtsextremen“, fürchtet sie. Beschrieben wird diese Sorge auch
auf vielen selbstgemachten Transparenten der Demonstrierenden: „Politik für
Reiche = AfD 43,8 Prozent“, steht auf einem als Erinnerung an das
Wahlergebnis der Rechtsextremen in Sachsen-Anhalt. „Spalten Kürzen Rechts
wählen“ auf einem anderen.
„Die Scheiß-AfD ist keine Arbeiterpartei“, sagt auch der ehemalige
Gewerkschaftssekretär Michael Müller, der gerade in Rente gegangen ist.
„Die sammeln nur die Wut und den Frust der Leute ein“, ärgert sich Müller,
der 30 Jahre im 2014 geschlossenen Opel-Werk in Bochum gearbeitet hat und
dort Betriebsrat war. Die Zivilgesellschaft aus Initiativen und Verbänden
müsse viel stärkere Bündnisse gegen die Rechtsextremen bilden, findet der
65‑Jährige. Dennoch sei auch eine Großdemo wie in Essen wichtig, findet er:
„Das zeigt einem, dass man nicht allein ist.“
Dabei war der Protest mitten im Ruhrgebiet nur eine von 15 Aktionen, zu der
die Gewerkschaften bundesweit aufgerufen hatten. Weitere Demos gab es etwa
auch in Berlin, Leipzig, Magdeburg, Frankfurt am Main, Hamburg und Bremen.
In [6][Hannover forderte der Hauptredner Michael Vassiliadis], Vorsitzender
der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IGBCE), eine neue
Schwerpunktsetzung in der Reformpolitik: „Seit Monaten fährt die Politik
beim Krisenmanagement konsequent neben der Spur. Mit Einschränkungen bei
Rente, Krankschreibungen oder Arbeitszeit belastet sie ausschließlich die
Beschäftigten, bringt uns aber beim Turnaround unserer Wirtschaft kein
Stück voran“, kritisierte Vassiliadis.
Aktuell verliere Deutschlands Industrie 15.000 Arbeitsplätze – pro Monat,
warnte der IGBCE‑Chef. „Was da wegbricht, sind gute, tariflich abgesicherte
Arbeitsplätze und Wertschöpfung, die unser Gemeinwesen finanziert. Unsere
Leute bringt das zurecht auf die Zinne“.
Weitere Rednerin in Hannover war die Gesamtbetriebsratsvorsitzende von
Volkswagen, Daniela Cavallo – [7][VW-Chef Oliver Blume will bis 2030
offenbar 50.000 weitere Arbeitsplätze streichen, davon 35.000 in
Deutschland]. Die [8][Zukunft der VW-Werke in Hannover, Emden und Zwickau]
gilt damit weiter als ungewiss – und damit die ganzer Regionen. Die
Arbeitgeberseite habe „den Anstand verloren“, bilanzierte Cavallo deshalb:
„Es geht um einen Angriff auf unsere Arbeitszeiten, unsere
Arbeitsbedingungen, auf unsere Gesundheit, auf unser Entgelt-Niveau und auf
unsere Rente“ – und das mache sie „wütend, weil ich es als einen echten
Verrat empfinde“.
Vertreten war die Autobranche auch bei den Protesten in Eisenach, wo mit
Marko Schurig auch ein Vertreter der IG Metall im Opel-Werk Eisenach
sprach. Auch dieser Standort steht wie der [9][Gesamtkonzern Stellantis
oder Ford in Köln] durch die Krise der Automobilindustrie stark unter
Druck.
Bundesweit seien rund 175.000 zum Aktionstag gegen den Sozialabbau
gekommen, bilanzierte der DGB in einer ersten Stellungnahme – die immer
wieder bemühte Erzählung vom Siechtum der Gewerkschaften als
Massenorganisationen, denen die Mitglieder wie etwa den Kirchen in Scharen
davonlaufen, ist offenbar falsch. Deutlich macht das auch [10][die Zahl der
Organisierten.]
Ende 2025 waren in Deutschland noch immer 5.432.306 Menschen Teil einer
DGB-Gewerkschaft – trotz Sterbens ganzer Industriezweige wie des Bergbaus,
trotz der Vereinzelung von Arbeitenden in den immer mehr werdenden prekären
Dienstleistungsjobs sind das nur 10 Prozent weniger als 2015 zuvor.
Die Gewerkschaften als Machtfaktor komplett ignorieren kann Kanzler Merz
damit ebenso wenig wie die amtierenden SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil und
Bärbel Bas: Schon am Samstag mahnte der DGB, die Demonstrierenden hätten
ein „deutliches Zeichen“ für einen Politikwechsel gesetzt – „für einen
starken Sozialstaat, sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und den
Schutz von Arbeitnehmerrechten“.
26 Sep 2026
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