# taz.de -- Elif Eralp gewinnt Berlin-Wahl: „Eine von uns wird Bürgermeisterin!“
> Zum ersten Mal hat unser Kolumnist in Deutschland gewählt. Seine Freude
> über das Wahlergebnis wird von den politischen und medialen Folgen
> getrübt.
(IMG) Bild: Elif Eralps Erfolg weckt bei vielen Berlinerinnen und Berlinern ein neues Gefühl politischer Zugehörigkeit
Herr Präsident, ich habe ein Update für Sie: Ich durfte in Deutschland zum
ersten Mal wählen. Und zum ersten Mal hat die Person gewonnen, [1][der ich
meine Stimme gegeben habe]. Nach mehr als 15 Jahren, in denen meine Stimmen
mit beeindruckender Konstanz an unterlegene Kandidaten gingen.
Trotzdem muss ich sagen, dass das Wählen in Deutschland anders ist als in
der Türkei. Ein zittriges X mit einem Kugelschreiber statt eines
unumkehrbaren Stempels oder das Fehlen der Unterschrift, dass ich meinen
Wahlzettel tatsächlich in die Urne geworfen habe, sei’s drum. Was ich nicht
gesehen habe, waren Anspannung, Misstrauen und die völlig entgleiste Wut,
wie ich sie von den Wahlorten in der Türkei kenne. All das sollte erst
kommen, nachdem die Ergebnisse feststanden.
Vielleicht, Herr Präsident, denken Sie jetzt, dass ich mich in diesem Land
noch immer nicht vollständig integriert habe. Doch die Geschichte, die mich
vor dieser Wahl am meisten interessiert hat, war die Beteiligung der
[2][Türkischen Arbeiterpartei (TİP)] am Wahlkampf der Linken. Gemeinsam
zogen sie von Tür zu Tür und hörten sich die Probleme der Menschen an. Und
wissen Sie, worum es dabei meistens ging? Nicht um Palästina oder Israel,
sondern um steigende Mieten, Müll, den öffentlichen Nahverkehr und die
hohen Lebenshaltungskosten.
## Keine Überraschung und trotzdem Aufregung
Als die Wahlergebnisse bekannt gegeben wurden, ging ich aus Neugier zum
Ballhaus Rixdorf am Kottbusser Damm, das inzwischen in manchen Medien fast
schon als Hort von Clans und Terroristen gehandelt wird. Als die ersten
Prognosen verkündet wurden, ging ein gewaltiger Jubel durch den Saal. Auf
kurze Siegesreden folgte dünne Musik. Trotz der miserablen Akustik tanzten
Migras zum dumpfen Saz-Klang Halay, während daneben Deutsche mit ihrer
gewohnt unbeholfenen Körperkoordination mittanzten. Kurz darauf verließ ich
den Ort, ohne dass etwas passierte.
Das Wahlergebnis hat mich nicht überrascht. Viele Menschen, mit denen ich
in den vergangenen Monaten gesprochen hatte, wollten die Linke wählen. Es
wurde mobilisiert, um Menschen, die bislang nie gewählt hatten, an die
Urnen zu bringen. Selbst SPD-Familien in dritter Generation, deren Kinder
vielleicht schon sehr jung „Willy Brandt ist unser Vater“ gehört hatten,
wollten diesmal Elif Eralp wählen. Ich hoffe, Herr Präsident, dass Sie das
nicht ärgert.
Am nächsten Tag herrschte unter Menschen mit türkischen Wurzeln eine ganz
andere Aufregung: „Eine von uns wird Bürgermeisterin!“ Bisher hatten diese
Menschen erfolglos versucht, sich mit einem gewissen Grünen zu
identifizieren.
Offensichtlich wollen sich jetzt alle – nicht nur in Deutschland, sondern
auch in der Türkei – Elif Eralp als eine der Ihren aneignen. Je nachdem, wo
man hinschaut, ist sie Türkin, Alevitin, Tscherkessin, Kurdin, Anatolierin,
Migrantin oder Deutsche. Selbst Menschen, die sich sonst kaum für Politik
interessieren, waren glücklich. Vielleicht einfach deshalb, weil sie sich
seit langer Zeit zum ersten Mal über etwas freuen konnten.
[3][Während man der Linken Clan- und Terrorismusverbindungen vorwarf],
haben Sie in Hattingen gemeinsam mit Jugendlichen Kartoffeln geschält.
Ehrlich gesagt war mir die Meldung darüber lieber als die, die in den
vergangenen Tagen die deutschen Medien dominierten. Wenn Begriffe wie
„Terrorunterstützer“ benutzt werden, um politische Parteien zu
diskreditieren, muss ich unweigerlich an die Türkei der AKP denken.
Halb im Scherz frage ich mich, ob als Nächstes – wie es in der AKP-Türkei
wäre – die Immunität aufgehoben und das Mandat entzogen wird. Am nächsten
Morgen lese ich, dass eine ehemalige Polizistin von den Grünen etwas
Ähnliches fordert: Die Linke solle einen Abgeordneten aus der Fraktion
ausschließen und er sein Mandat abgeben.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, dass eine
ehemalige Polizistin von den Grünen die Aufhebung der Immunität und den
Entzug des Mandates gefordert hätte. Das ist falsch. Die entsprechende
Stelle wurde korrigiert.
24 Sep 2026
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## AUTOREN
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