# taz.de -- Philip Manow über Parteiensysteme: Ist es doch die Wirtschaft?
> Der Soziologe Philip Manow bricht mit den herkömmlichen Deutungsmustern
> der Populismusforschung. Die Ursachen von Radikalisierung sieht er im
> Ökonomischen.
(IMG) Bild: Zwischen EU-Befürwortern und -Gegnern tut sich ein tiefer Graben auf
Seit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hält die bürgerliche Mitte in
Deutschland gespannt den Atem an. Doch auch in Mecklenburg-Vorpommern und
Berlin bestätigte sich der Trend: Die Ränder gewinnen, die Mitte stürzt ab.
Unter den vielen Analysen dieses Phänomens, die von einer Krise der
Demokratie bis zur Faschisierung der Gesellschaft reichen, ist Philip
Manows Buch „Spaltungslinien“ sicher eine der interessantesten.
Auf 141 Seiten stellt der Autor das herrschende Paradigma der
[1][Populismusforschung] in Frage. Mit beißender Ironie führt Manow die
gängigen kulturellen Deutungen vor, nach denen die Wählerschaft besonders
rechtspopulistischer Parteien ihre eigenen ökonomischen Interessen nicht
verstünde und sich zudem von engstirnigen Vorurteilen leiten lasse.
Dieses Paradigma diene, so Manow, vor allem der „bürgerlichen Linken“, die
„faktisch-praktisch einverstanden mit den spätkapitalistischen
Verhältnissen scheint, die sie so grundlegend zu kritisieren glaubt“. Statt
den Interessenkonflikt mit der Arbeiterklasse anzuerkennen, moralisiere sie
ihn. „Die Behauptung vom exklusiv kulturellen Charakter unserer Konflikte
erleichtert es denen mit den ‚falschen Interessen‘ zu behaupten, schuld
seien die mit den falschen Werten“.
## Sozioökonomische Folgen der Migration
Manow hält mit der These dagegen, dass hinter dem Siegeszug populistischer
Parteien ökonomische Motive stehen. So habe etwa das Migrationsthema
offensichtliche verteilungspolitische Konsequenzen, die Wohnraum,
Arbeitsplätze und Sozialleistungen betreffen. Die Arbeiterschaft würde also
nicht AfD wählen, weil sie rassistischer ist, sondern weil sie von den
sozioökonomischen Folgen von Migration stärker betroffen sei.
Die neue Hauptachse politischer Konflikte verlaufe nicht mehr zwischen
links und rechts, sondern zwischen den Gewinnern und den Verlierern der
[2][Entmachtung des Nationalstaats]. Sowohl links- als auch
rechtspopulistische Parteien seien sich in einer entscheidenden Sache
einig: ihrer Skepsis gegenüber dem supranationalen Projekt.
Dabei verweist Manow vor allem auf die ökonomischen Konsequenzen dieser
Entwicklung. So machte es die neue Freizügigkeit in Europa leicht für
Unternehmen, ihren Standort zu wechseln. In der Folge lieferten sich die
Mitgliedsstaaten seit den 90ern einen Unterbietungswettbewerb, der zu
historisch niedrigen Unternehmenssteuersätzen führte.
## Faktische Entmachtung nationaler Politik
Durch Gesetzgebung der EU sei es den Parteien der Nationalstaaten oft gar
nicht mehr möglich, eine arbeitnehmerfreundliche Wirtschaftspolitik zu
machen. Supranationale Regelungen führten also zur faktischen Entmachtung
nationaler Politik. Und nicht mal diese Entmachtung selbst stehe zur Wahl,
weil alle etablierten Parteien in der entscheidenden Frage der europäischen
Integration dieselbe Position vertreten.
Verläuft die neue Spaltungslinie zwischen EU-Befürwortern und -Gegnern,
bedeutet das auch, dass sich Linke und Rechte auf derselben Seite des
politischen Grabens wiederfinden. Und so behauptet Manow folgerichtig, dass
sich die Ränder einander annähern. Nicht nur würden sich linke Parteien
kulturpolitisch nach rechts bewegen (siehe BSW), sondern das
wirtschaftspolitische Programm rechtspopulistischer Parteien rücke auch
zunehmend nach links – das heißt, auf ArbeitnehmerInnen zu, jedenfalls
sofern sie keine Migrationsgeschichte haben. Hier allerdings scheint die
Empirie nicht ganz zu seiner sonst so überzeugenden Theorie zu passen.
Nicht nur zeigen Manows eigene Zahlen, dass etwa der Front National
wirtschaftspolitisch zwar zeitweilig nach links gerückt war, inzwischen
aber wieder rechter verortet ist als noch 2007. Le Pens Forderung nach
einem Renteneinstieg mit 60 etwa entpuppte sich als nicht sehr langlebig.
Es fragt sich auch, welche Partei in den Jahren von Finanzkrise und
Coronahilfen wirtschaftspolitisch noch weiter nach rechts gerückt sein
soll?
## Wahlprogramm der AfD
Auch ein Blick in das Wahlprogramm der AfD zeigt, dass daraus der
Neoliberalismus keineswegs „weitgehend verschwunden“ ist. „Staatliche
Eingriffe in den Markt sollen auf ein Minimum reduziert werden“, steht dort
gleich zu Beginn.
Die meisten von Manows Beispielen für eine linke Wirtschaftspolitik
entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Versprechen, die sich von der
Oppositionsbank bequem machen lassen, so lange man nicht zu erklären
braucht, wo das Geld dafür herkommen soll. So tritt die AfD für höhere
Renten ein, eine längere Bezugszeit für Arbeitslose, die lange eingezahlt
haben, oder mehr Kitaplätze. Alles Maßnahmen, die zwar netto mehr Geld für
ihre Wählerschaft bedeuten würden, aber an der eigentlichen
Vermögensverteilung im Land wenig rütteln.
Schaut man sich hingegen die Steuerpolitik an, die einen grundlegenderen
Effekt haben könnte, formt sich ein anderes Bild. Die AfD will jede Form
von Vermögens- oder Erbschaftssteuer abschaffen. Und auch
„Unternehmenssteuern sind im internationalen Vergleich zu hoch“, heißt es
im Wahlprogramm.
## Gegen die eigenen ökonomischen Interessen
Die Tatsache, dass viele AfD-WählerInnen gegen ihre ökonomischen Interessen
wählen, kann Manow also nicht ganz wegargumentieren. Das gelingt auch nicht
durch das Wiederholen der Frage, wieso die Rechtspopulisten denn eine
Wirtschaftspolitik gegen die Interessen ihrer eigenen Klientel verfolgen
sollten.
Tatsache ist, dass sie es tun und gerade dadurch oft salonfähig werden. So
wirbt Jordan Bardella vom Front National offen mit wirtschaftsliberalen
Positionen um die konservative Mitte. Blendet man dagegen ab, droht die
mögliche Koalition aus rechter Kulturpolitik und Neoliberalismus, wie sie
die zweite Trump-Ära prägt, aus dem Blick zu geraten.
So erfrischend der Fokus auf das Ökonomische ist, so sehr droht er das
neoliberale Narrativ zu übernehmen, das unsere Entscheidungen a priori für
identisch mit unseren Interessen erklärt. Demnach können wir in Abwesenheit
von klarem äußerem Zwang eigentlich gar nicht gegen unsere Interessen
handeln.
## Manipulation des Wahlverhaltens
Diese Erzählung blendet aber andere Einflussnahmen auf unsere
Willensbildung aus. Etwa die real begrenzten Optionen, oder dass uns
bereits als Kindern beigebracht wird, uns als KleinunternehmerInnen zu
identifizieren, oder dass Microtargeting im Netz gezielt unser
Wahlverhalten manipuliert.
Auch andere Fragen bleiben in Manows Essay offen. Zum Beispiel, ob eine
stärkere Integration hin zu einer gemeinsamen europäischen Fiskalpolitik
nicht auch Vorteile für die Arbeiterschaft haben könnte. Einer
EU-Unternehmenssteuer könnten die Unternehmen kaum entkommen, ohne den
gesamten europäischen Absatzmarkt zu verlieren. Andererseits blieben
Freizügigkeit und Wettbewerbsförderung wohl der Wesenskern der EU, selbst
wenn eine gemeinsame Fiskalpolitik realpolitisch möglich wäre. Davon
profitieren die Unternehmen am meisten, und die gut ausgebildeten
Schichten, die weder ökonomisch, noch beruflich an einen bestimmten Ort
gebunden sind.
Trotz der offenen Fragen gelingt Manow ein dringend notwendiger
Perspektivwechsel auf den Populismus. Seine Analyse der ökonomischen und
politischen Probleme, die die Entmachtung von Nationalstaaten mit sich
bringt, ist erhellend. Aus ihr lässt sich lernen, die politischen Gegner
wieder ernst zu nehmen. Dass er bisweilen übers Ziel hinausstürmt, ist
dabei verzeihlich: Wer sich mit einem Paradigma anlegt, muss Anlauf nehmen.
2 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hanno Rehlinger
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