# taz.de -- Buch über rechte Radikalisierung: Dominanzdeutsche mit Männlichkeitskomplex
> Ein Sammelband liefert brisante Erkenntnisse zur Frauenfeindlichkeit
> rechter Milieus und zur Gleichgültigkeit gegenüber Opfern rechter Gewalt.
(IMG) Bild: Selbstinszenierung am Rand einer AfD-Veranstaltung in Quedlinburg
Die extreme Rechte agiert immer erfolgreicher, wissenschaftliche Forschung
zu der Frage, wie sie funktioniert, ist daher weithin willkommen. Der
Sammelband „Dynamiken rechter Radikalisierung. Ideologische Verflechtungen
und historische Kontinuitäten“ enthält eine Reihe von Beiträgen, die
soziologische und sozialpsychologische Perspektiven zusammenführen. Eine
zentrale Fragestellung ist nicht zu erkennen, eher entsteht der Eindruck,
dass sich hier unterschiedliche Forschungsprojekte lose zu einer
Publikation gruppieren. Dennoch lohnt die Lektüre unbedingt. Besonders die
Aufsätze zur Frauenfeindlichkeit rechter Milieus und zur verbreiteten
Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern rechter Gewalt fördern brisante
Ergebnisse zutage.
Rechte Gruppierungen setzen nicht allein Migrant:innen, Jüd:innen und
Homosexuelle herab, auch Frauen haben hier keinen guten Stand, wie Lena
Mertens und Jennifer Degner-Mantoan in ihren Literaturarbeiten feststellen.
Die Frauenfeindlichkeit der extremen Rechten hängt den beiden Autorinnen
zufolge mit einem geteilten Ideal unangreifbarer Männlichkeit zusammen.
Dessen Unerreichbarkeit und die dadurch entstehenden internen Spannungen,
so Mertens, fördern Gewalttätigkeit nach außen wie nach innen.
Degner-Mantoan nimmt die Rechtsterroristen von Oslo, Utoya, Toronto,
Christchurch, Halle und Hanau in den Blick, die, wiewohl Einzeltäter, ihrer
Überzeugung nach einem international vernetzten gemeinsamen Milieu
zuzurechnen sind. Wie Mertens sieht auch sie ein Ideal autonomer,
überlegener Männlichkeit am Werk, Frauen wird hingegen die Rolle
unterlegener Bewunderinnen zugeteilt. Diese groteske Zuspitzung des
traditionellen Geschlechterverhältnisses betrachtet Degner-Mantoan
einerseits als Folge von Besonderheiten der männlichen psychosexuellen
Entwicklung; andererseits setzen ihr zufolge die zunehmende Prekarisierung
und der neoliberale Zeitgeist das ohnehin illusionäre
[1][Männlichkeitsideal] unter Druck. Misogynie und Gewalt erscheinen den
rechten Tätern schließlich als geeignetes Mittel einer imaginierten
„Resouveränisierung“ des Mannes.
Degner-Mantoan wirbt für geschlechterreflektierende Bildungsangebote, für
Gewaltprävention und Krisenintervention als Maßnahmen gegen die Zunahme
extremer rechter Gewalt. Vor allem aber hält sie es für dringend notwendig,
gegen die zunehmende wirtschaftliche und gesellschaftliche Ungleichheit
anzugehen.
Der aktuelle Boom der Tradwives kommt dem Frauenbild der extremen Rechten
natürlich entgegen. Janina Drewes untersucht die Selbstdarstellung einiger
[2][Tradwives] bei TikTok und arbeitet unterschwellige Verweise auf gängige
rechte Verschwörungserzählungen heraus.
Im letzten Teil des Bandes widmen sich mehrere Beiträge dem skandalösen
Umstand, dass den Opfern rechtsextremer Gewalt so wenig Beachtung,
Anerkennung und Mitgefühl zuteil wird. Nele Fuchs schließt sich in ihrer
Literaturarbeit der Auffassung an, dass Gefühlserbschaften aus der Zeit des
Nationalsozialismus den Mangel an Mitgefühl mit den Opfern und eine
heimliche Identifikation mit den Tätern zur Folge haben.
Mit dem Beitrag von Charlie Kaufhold enthält die Aufsatzsammlung ein
Highlight engagierter psychoanalytischer Sozialforschung zum
Rechtsterrorismus. Die Sozialpsychologin geht von der Frage Ismail Yosgats,
Vater des vom NSU ermordeten Halit Yosgat, aus, warum eine Empörung der
deutschen Öffentlichkeit angesichts der Mordserie ausblieb, und untersucht
informelle Gespräche, die nach der Selbstenttarnung der Mörder in einer
deutschen und einer türkischen Gesprächsrunde geführt wurden.
In Scherzen und Fehlleistungen erkennt Kaufhold Hinweise auf unbewusste
Einstellungen der Gesprächsteilnehmer:innen. Dabei zeigt sich, dass die
deutschen Sprecher:innen in ihrer Identität als Deutsche verunsichert
sind, weil sie in den rassistisch motivierten [3][Morden des NSU] die
nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands wiederaufleben sehen.
Ihre Verunsicherung bekämpfen die Deutschen ausgerechnet dadurch, dass sie
rassistische Vorurteile gegen Türk:innen mobilisieren.
Die türkischen Gesprächsteilnehmer:innen wiederum sehen sich – als
Mitglieder der türkischen Community – selbst durch die Morde verletzt und
bedroht, ohne dass sie das offen aussprechen. Eine Teilnehmerin drückt
indirekt aus, dass sie die ständige Erfahrung des Abgewertet- und
Ausgeschlossenwerdens in Deutschland psychisch nicht verarbeiten kann.
Kaufhold zitiert die psychologische Einsicht, dass ein gesellschaftlich
verursachtes Trauma nur dann repariert werden kann, wenn es auch
gesellschaftlich anerkannt wird, muss jedoch feststellen, dass genau das
nicht stattfinden kann, solange Deutsche die Verunsicherung ihrer Identität
durch Rassismus abwehren. Erst wenn sich die „Dominanzdeutschen“ mit den
rassistischen Elementen im eigenen Denken und Fühlen auseinandersetzen, so
Kaufhold, kann die notwendige Anerkennung der Verletzung stattfinden.
Rassismus muss dort bekämpft werden, „wo er unserem Herzen so nah ist“,
zitiert Kaufhold den türkischen Anwalt Daimagüler – und überlässt damit
einem Vertreter der Opfer das letzte Wort.
31 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Zwei-Sachbuecher-zum-Maennlichkeitsdiskurs/!6174619
(DIR) [2] /Roman-Heimat-von-Hannah-Luehmann/!6107466
(DIR) [3] /Jugendbuch-zu-NSU-Sie-erzaehlen-von-ihrem-Kampf-um-Gerechtigkeit/!6116666
## AUTOREN
(DIR) Renate Kraft
## TAGS
(DIR) Politisches Buch
(DIR) Rechtsruck
(DIR) Rollenbilder
(DIR) Misogynie
(DIR) Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)
(DIR) Schwerpunkt Rassismus
(DIR) GNS
(DIR) männertaz
(DIR) Schwerpunkt Frankfurter Buchmesse
(DIR) Hausfrau
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Zwei Sachbücher zum Männlichkeitsdiskurs: Furcht und Vorurteil
Die Autorin Nicole List schreibt über „Angst vor Männern“, die Journalistin
Eva Ladipo wirbt dafür, die Verlustängste und Wut der Männer zu ergründen.
(DIR) Jugendbuch zu NSU: Die Kraft der Solidarität
Im Buch „Unser Schmerz ist unsere Kraft“ erzählen Gamze Kubaşık und Semiya
Şimşek, deren Väter vom NSU ermordet wurden, von ihrem Kampf um
Gerechtigkeit.
(DIR) Roman „Heimat“ von Hannah Lühmann: Den Zeitgeist korrigieren
Hannah Lühmann hat einen Roman über konservative Hausfrauen, sogenannte
Tradwives, geschrieben. Warum sehnen sich junge Frauen nach Heim und Herd?