# taz.de -- Memoiren von Francis Fukuyama: Ein missverstandener Sozialdemokrat
> In seinen Memoiren bleibt Politikwissenschaftler Francis Fukuyama seiner
> These treu: Die liberale Demokratie ist die beste aller Staatsformen. Sie
> bedarf nur Ausbesserungen.
(IMG) Bild: Kein Neocon mehr: Francis Fukuyama
Als vor 35 Jahren „Das Ende der Geschichte“ erschien, prophezeite Ralf
Dahrendorf dem Autor Francis Fukuyama, dieser werde ein intellektuelles
„One Hit Wonder“ bleiben. Fukuyamas These, dass nach dem Fall der Mauer die
Menschheit mit der weltweiten Verbreitung der liberalen Demokratie ihren
politischen Endzustand erreicht habe, schien zu plakativ, zu simplistisch
und zu marktschreierisch. Die Vollendung der Manifest Destiny, der Adaption
der Demokratie amerikanischen Zuschnitts rund um den Globus, so glaubte
Dahrendorf, fände gewiss in den USA unter Lesern unterschiedlicher
politischer Couleur Beifall. Für den Rest der Welt stellten sich die Dinge
hingegen oft komplexer und chaotischer dar.
Dahrendorf behielt zugleich Recht und Unrecht. Fukuyama blieb ein reger und
geachteter Teilnehmer großer politischer Debatten. Er publizierte zum
Verfall politischer Ordnungen, zu Post- und Transhumanismus und schlug
inmitten der Attacken von Rechts und von Links eine [1][Bresche für den
Liberalismus]. In den vergangenen Jahren ist er gefragter Sprecher und
Interviewpartner zu den Auswüchsen des Rechtspopulismus.
Andererseits folgte auf „[2][Das Ende der Geschichte“] auch kein großer
intellektueller Wurf mehr, kein bahnbrechender neuer Gedanke. Stattdessen
hielt Fukuyama eisern an seiner These fest, auch wenn natürlich weiterhin
historische Ereignisse passierten, darunter so folgenreiche wie 9/11 oder
die Rückkehr machtgetriebener Geopolitik.
## Vom Neocon zum Sozialdemokraten
Nun hat der mittlerweile 73-jährige Fukuyama seine Memoiren geschrieben, in
denen er ein für alle Mal zu erklären versucht, warum er noch immer daran
glaubt, dass die Geschichte zu Ende ist. Gleichzeitig – und vielleicht
weitaus spannender -erläutert er, wie er trotz des Festhaltens am selben
Weltbild im Verlauf der vergangenen 35 Jahre einmal quer über das
politische Spektrum gerutscht ist. Der einstige intellektuelle Held der
Neocons bezeichnet sich heute als Sozialdemokraten.
Mit seiner These vom Ende der Geschichte im Jahr 1989 und dem globalen
Triumph der amerikanischen Demokratie war Fukuyama, der beim Studium in
Paris die französische Theorie zu hassen gelernt hatte, der Darling der
Neokonservativen. Bill Kristol und Norman Podhoeretz waren seine besten
Freunde, später sogar Figuren wie Paul Wolfowitz. Sein intellektueller
Mentor war Alan Bloom, der sich in seinem eigenen One Hit Wonder, „The
Closing of the American Mind“ über den grassierenden Relativismus und den
Verlust des eurozentrischen Kanons an amerikanischen Universitäten
beklagte. Fukuyama wurde von der konservativen Rand Corporation finanziert
und schrieb für das Hausblatt der US Neocons, „Commentary“.
Doch mit der Irak-Invasion und des immer weiter ausufernden Debakels des
vermasselten „Nation Building“ entfremdete sich Fukuyama zunehmend von
seinem Neocon-Zirkel. Es ärgerte ihn, dass seine These als Rechtfertigung
für ein derart fehl geleitetes Abenteuer missbraucht wurde. Durch die
Ignoranz gegenüber den kulturellen Kontext im [3][Nahen Osten] und vor
allem die Unterschätzung gesunder staatlicher Institutionen durch die
Kriegstreiber fühlte er sich missverstanden. In ihrer dogmatischen
Staatsfeindlichkeit hatten die Neocons unterschätzt, wie wichtig für die
Ausbildung einer funktionierenden Demokratie Institutionen und Bürokratien
seien. Weder im Irak noch in Afghanistan waren diese jedoch besonders
robust gewesen.
Damit begann seine politische Migration vom inneren Zirkel der Bush
Administration zum Obama Unterstützer und schließlich zum Linksliberalen.
Sein Glaube daran, dass die liberale Demokratie das Endstadium der
Geschichte ist, bleibt jedoch unerschüttert.
Die menschliche Gesellschaft kenne keine höhere Organisationsart, die
liberale Demokratie biete ein Maß an individueller Freiheit und an
Wohlstand, wie keine andere Staatsform, wiederholt er beharrlich. Was heute
noch an Fortschritt zu leisten ist, liegt in der Perfektionierung des
Modells, mühselige Reformen zur Minimierung sozialer Ungleichheit etwa oder
eines anhaltenden systemischen Rassismus. Es ist die Art von Arbeit, die
keine Helden gebiert, es gibt keine großen Ideale mehr, für die man sterben
könne.
Stattdessen lebten wir in der Ära des „letzten Menschen“, wie er sich auch
selbst im Titel seiner Memoire bezeichnet. Der letzte Mensch ist ein Wesen,
das bastelt und verbessert, das in Gremien sitzt, das sich über
Partikularprobleme wie die mangelnde Effizienz großer Organisationen
Gedanken macht. Ihre Aufgabe besteht im unermüdlichen Ausbau und der
Reparatur des Hauses, in das wir am Ende der menschlichen Entwicklung alle
gemeinsam eingezogen sind. Umstürzler und Idealisten hingegen haben
ausgedient.
Die Bastelarbeit an dem Haus, das gesteht Fukuyama ein, ist mitunter
beträchtlich. Die massive wirtschaftliche Ungleichheit in unseren
Gesellschaften zu mindern, die schlimmsten Folgen des Klimawandels
abzuwenden – all das seien Herkulesaufgaben. Um sie zu bewältigen, müssen
unsere Staaten systemimmanente Probleme, wie etwa das, was er die
„Vetokratie“ nennt, lösen. Gemeint ist damit die Art, wie sich unser
politisches System selbst lahm legt.
## Kämpfe anzetteln aus Langeweile
Noch bedenklicher findet er jedoch die Tatsache, dass viele Menschen sich
mit der Rolle des „letzten Menschen“, der keine großen moralischen Aufgaben
mehr habe, nicht abfinden können. So erklärt Fukuyama Links-und
Rechtspopulismus: Die Menschen wollen Kämpfe anzetteln, weil sie die
Langeweile einer bequemen modernen Konsumgesellschaft nicht aushalten.
Auch das andere große Problem unserer Zeit, die Rückkehr des Autoritarismus
leitet Fukuyama aus seiner hegelianischen Geschichtsphilosophie ab. Laut
Fukuyamas Lieblings Hegel-Exegeten Alexandre Kojeve ist die treibende Kraft
der Geschichte der Kampf des Menschen um Anerkennung. In einer Gesellschaft
zu leben, in der sich alle Mitglieder als gleich anerkennen, sei jedoch
genauso eine Überforderung für den letzten Menschen, wie das Fehlen von
Idealen. Despoten, Rassisten aller Art, Fremden- und Frauenhasser, wollten
eben nicht als gleich anerkannt werden, sondern als etwas Besseres.
Megalothymie nennt Fukuyama dieses Phänomen.
Dennoch bekommt man bei der Lektüre von Fukuyamas Memoiren das wohlige
Gefühl, dass im Großen und Ganzen doch alles in Ordnung ist. Die Menschheit
hat das Schlimmste hinter sich, der Rest sind mindere Ausbesserungen. Und
aus der Makroperspektive der Weltgeschichte mag das ja auch so aussehen.
Aus der Froschperspektive der Erdenbewohner, die von den Problemen der Zeit
betroffen sind, ist es freilich schwer, so entspannt zu bleiben.
9 Oct 2026
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