# taz.de -- Angst vor „Überfremdung“: Das schmutzige Geheimnis
       
       > Es gibt kein Zurück in die Zeit westlich-weißer Dominanz. Antifaschismus
       > muss die notwendige mentale Anpassung an die neuen Realitäten vermitteln.
       
 (IMG) Bild: Hinaus in die Fremde, reisen, fremde Kulturen kennen lernen und zuhause erträumt man sich eine vermeintliche 50er Jahre Idylle
       
       Die meisten Deutschen glauben, der Anteil chinesischer Direktinvestitionen
       betrage hierzulande 33 Prozent – während er tatsächlich bei 1 Prozent
       liegt. Der Einfluss Chinas auf das hiesige Leben wird also, [1][einer
       Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung] zufolge, weit
       jenseits der Realität verortet. Beim Lesen dachte ich sofort daran, wie der
       Anteil von Muslimen regelmäßig grotesk überschätzt wird. Was beides
       verbindet: Es handelt sich um Feindbilder. Und bei der Angst vor
       Überfremdung ist stets eine Portion Wahn am Werk.
       
       Doch es geht um mehr. Wenn sich Sozialproteste als rassistischer Hass
       äußern, dann sei es der Rechten gelungen, Verteilungskonflikte zwischen
       oben und unten in einen Kampf zwischen innen und außen umzudeuten, [2][so
       formuliert es der Soziologe Klaus Dörre]. Dieses Außen können dann hiesige
       Migranten oder Muslime sein oder andere, die im Innenraum des properen
       Deutschseins nicht geduldet sind. Doch handelt das rechte Ressentiment
       meines Erachtens gleichermaßen vom großen Außen, von der Echokammer
       veränderter Weltverhältnisse.
       
       Die besondere Unerbittlichkeit und die Nachhaltigkeit, die den
       gegenwärtigen Rassismus von anderen Wellen früherer Jahrzehnte
       unterscheiden, speisen sich aus dem globalen Kontext. Sie entstammen einem
       Gefühl von Verlust, das keineswegs nur eingebildet ist. CDU-Bundeskanzler
       Friedrich Merz polemisierte neulich, das Kürzel AfD bedeute Abstieg für
       Deutschland. Aber ist nicht der Zustrom zu dieser Partei eher eine Reaktion
       auf dessen realen Abstieg?
       
       In die Abenddämmerung der westlichen Gesellschaften hinein habe ich vor
       sieben Jahren ein Buch mit dem Titel [3][„Der lange Abschied von der weißen
       Dominanz“] geschrieben. Es reflektierte die Veränderungen während meiner
       eigenen Lebenszeit seit den Tagen, als in meiner Schulklasse nur Kinder mit
       beige-braunen Haaren saßen. Und war von der Hoffnung getragen, es könne ein
       reflektiertes Abschiednehmen geben, nach 500 Jahren europäischer Dominanz.
       
       ## Rasante Veränderung globaler Rangordnungen
       
       „Das Wort Abschied setzt voraus, dass es Handelnde gibt. Andernfalls wäre
       nur von der Vertreibung aus der weißen Dominanz zu reden, ein Prozess, der
       ohnehin im Gange ist. Ich möchte zu einem tätigen Abschiednehmen ermuntern
       und zum Annehmen von Neuem, ohne Furcht“, schrieb ich damals.
       
       Die turbulente Entpuppung einer Einwanderungsgesellschaft steht in
       Zusammengang mit größeren Fragen, die unser Weltbild und unserer Bild von
       uns selbst betreffen, denn die Vorstellungen vom Eigenen und vom Fremden
       sind gleichermaßen Fantasien über unseren Platz auf dieser Erde, ob bewusst
       oder unbewusst: „Weiße Europäer und Europäerinnen müssen heute [4][einen
       historischen Abstieg verkraften], und sie werden das hoffentlich tun, ohne
       in Faschismus zu verfallen.“
       
       Der Begriff Faschismus schien damals noch gewagt und irgendwie fern. Sieben
       Jahre später ist mein Buch nicht mehr im Handel und sein Thema brennender
       denn je.
       
       Zwischen den beiden zurückliegenden Wahlwochenenden, die als schicksalhaft
       für Deutschland hochgejazzt wurden, tagte der [5][BRICS-Gipfel in
       Neu-Delhi]. 20 Staaten, die mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung
       vertreten, einigten sich dort auf einen umfangreichen politischen Katalog.
       Nicht die USA oder die EU brachten Derartiges zuwege, sondern Indien. Ganz
       offenkundig ändern sich Rangordnungen und Prioritäten, und die
       Schnelligkeit, in der das geschieht, verläuft wie eine Parallelkurve zum
       rasanten Aufstieg der AfD.
       
       ## Opfersein als wirkmächtigste rechte Identitätspolitik
       
       Und doch wird bei uns der globale Moment kaum zur Erklärung herangezogen.
       Lieber stochert man in früheren Zeiten herum, borgt sich bei Hegel den
       Begriff der „unbestimmten Negation“ zur Analyse des Wählerhirns. Nur wenige
       sehen klarer. Die Philosophin Eva von Redecker spricht von der
       [6][Verteidigung eines „Phantombesitzes“]: Gekränkte Besitzansprüche seien
       in Wirklichkeit „Überlegenheitsansprüche, die auf vergangene Herrschaft
       verweisen“. Ähnlich sieht es der Politikwissenschaftler Ingar Solty: Der
       [7][Absturz des Westens und der Aufstieg Chinas] verursachten eine Kränkung
       des kollektiven Narzissmus.
       
       Opfersein ist die wirkmächtigste rechtsradikale Identitätspolitik; sie
       rechtfertigt die eigene Verrohung und macht aus Aggression einen Akt der
       Notwehr. Deshalb liegt heute latent Gewalt in der Luft bei denen, die sich
       aus der geistigen Geografie einer weißen Überlegenheit vertrieben fühlen –
       sie mag in der eigenen Fantasie immer noch so überproportioniert aussehen
       wie auf einschlägig verzerrten Landkarten, [8][deren Korrektur die
       Vereinten Nationen gerade beschlossen haben].
       
       Der Widerstand gegen Migration fungiert bei all dem, um einen freudschen
       Begriff zu variieren, als Deck-Ressentiment für alles unbegriffen Rumorende
       – weshalb die AfD vor allem in Gegenden mit wenig Zugewanderten reüssiert.
       Das Geraune von der Remigration schürt die Illusion, die Verhältnisse seien
       wenigstens im nationalen Maßstab reversibel. Doch für die Wiedererlangung
       verlorener globaler Bedeutung gibt es nicht mal ein hypothetisches Rezept.
       Und wenn die Parteien der [9][sogenannten politischen Mitte] versprechen,
       unsere Privilegien aus einer angestammten imperialen Lebensweise zu
       verteidigen, dann verschieben sie damit nur die notwendige mentale
       Anpassung an neue Realitäten.
       
       Die Tatsache, dass jene Weltverhältnisse, die ein beträchtlicher
       Prozentsatz der Deutschen zurückhaben will, unwiderruflich verloren sind,
       wird wie ein schmutziges Geheimnis behandelt. Ein ehrlicher Antifaschismus
       müsste dreimal am Tag eine simple Wahrheit verabreichen: Es gibt kein
       Zurück in ein Zeitalter westlich-weißer Dominanz. Und wer davon träumt,
       täte besser daran, seine oder ihre Energie in die Bildung der eigenen
       Kinder zu stecken, um sie fit zu machen für eine Welt, in der es keineswegs
       mehr à priori von Vorteil ist, weiß zu sein.
       
       24 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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