# taz.de -- UN-Resolution für bessere Weltkarten: Eine Frage der Welt-Anschauung
> Weltkarten prägen unser Bild der Welt. Die Vereinten Nationen versuchen
> jetzt auf Initiative Afrikas, eine historische Verzerrung zu korrigieren.
(IMG) Bild: UNO empfiehlt die Auswechslung: die Mercator-Projektion von 1569 soll international der Equal-Area-Projektion von 2018 weichen
Die Erde ist keine Scheibe. Keine zweidimensionale Darstellung der Welt
gibt die dreidimensionale Realität korrekt wieder. Diesem Dilemma begegnen
Kartografen seit Jahrhunderten unterschiedlich. Einen möglichst genauen
Bezug zur Wirklichkeit sollten Weltkarten aber schon haben, das ist seit
der Renaissance eigentlich Konsens. Man könnte das für ganz einfach halten
– ist es aber nicht. Wer je einen Globus betrachtet hat, wird sofort
merken, wie anders die Welt sich präsentiert als auf jeder flachen
Weltkarte.
Die Antarktis und Grönland sind überraschend winzig, das riesige Afrika
drängt seinen kleinen nördlichen Nachbarn Europa fast an den Rand. Auf
gebräuchlichen europäischen Weltkarten hingegen ist es andersherum. Da sind
die polaren Weltregionen riesig, Afrika schrumpft auf ein Anhängsel
Europas. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat nun am 4.
September [1][einen neuen internationalen Standard für Weltkarten
beschlossen].
Zukünftig sollen alle Länder und Erdteile flächentreu dargestellt werden.
Die [2][„Equal Earth Projection“] soll geraderücken, was fast alle
Weltkarten bisher falsch machen: Je weiter ein Land vom Äquator entfernt
ist, desto größer erscheint es. Der bekannteste internationale Standard,
die sogenannte [3][Mercator-Projektion], ist das extremste Beispiel. Sie
macht Grönland so groß wie Afrika, Europa erstreckt sich über eine ähnliche
Fläche wie sein südlicher Nachbarkontinent. Sibirien ist riesengroß, die
Antarktis eine schier endlose Weite.
Dass das alles nicht so genau stimmen kann, ist den meisten Menschen
irgendwie klar. Aber wie vollkommen falsch es ist, das erstaunt so gut wie
alle, die darauf hingewiesen werden. Afrika ist in Wahrheit 14-mal größer
als Grönland, das bloß der Fläche Saudi-Arabiens entspricht. Afrika ist so
groß wie Russland, China und die USA zusammengenommen.
## Wenn 40.000 gleich 13.700 ist
Die Mercator-Projektion, im Jahr 1569 für die europäische Seefahrt
entwickelt, hat in der Navigation den unersetzlichen Vorteil, dass sie
winkeltreu ist. Eine gerade Linie auf einer Mercator-Karte entspricht einer
geraden Linie auf dem Globus. Der Kniff: [4][Die Längengrade] verlaufen auf
der Karte immer parallel zueinander. In der Realität konvergieren sie an
den beiden Polen und Richtung Äquator gehen sie immer weiter auseinander.
Am Äquator entspricht ein Längengrad einer Entfernung von 60 Seemeilen,
rund 111,3 Kilometer. An Nord- und Südpol beträgt die Entfernung Null.
Am Äquator beträgt der tatsächliche Erdumfang rund 40.075 Kilometer. Am 50.
Breitengrad, auf dem zum Beispiel Mainz liegt, sind es rund 25.730, am 70.
Breitengrad, in dessen Nähe die Nordküsten von Alaska und Kanada verlaufen,
nur noch rund 13.700. Aber auf einer Mercator-Karte sind alle diese
Entfernungen gleich. Um das zu ermöglichen, werden die Breitengrade immer
weiter auseinandergezogen, die abgebildeten Gebiete werden immer größer.
Die Schifffahrt und auch die Luftfahrt braucht winkeltreue Karten. Aber
Karten sind nicht nur Mittel zur Navigation, sondern sie beinhalten auch
eine Darstellung der Welt. Für unterschiedliche Zwecke benötigt man
unterschiedliche Mittel. Ein verzerrtes Bild der Welt produziert ein
verzerrtes Weltbild. Würden so viele Menschen Russland für überwältigend
allmächtig halten, wenn sie sehen könnten, dass das Land eigentlich in
Afrikas Sahara- und Sahelzone hineinpasst?
Würde US-Präsident Donald Trump so beharrlich Grönland beanspruchen, wenn
er wüsste, dass es in Wirklichkeit gar kein Kontinent von der Größe Afrikas
an zentraler Stelle zwischen Amerika und Europa ist, sondern eine Insel
kleiner als Algerien am Nordostrand Kanadas? Es gab schon viele Versuche,
sich von der als imperial wahrgenommenen Mercator-Projektion zu lösen, und
ab etwa den 1970er Jahren wurde sie immer seltener.
## Die Regression auf dem Smartphone
Aber dann kam das Internet. Google Maps und ähnliche kartografische Dienste
funktionieren nur mit Mercator, denn nur damit lässt sich vergrößern und
verkleinern, ohne ansonsten etwas verändern zu müssen. Bei Menschen, die
nur das für Wirklichkeit halten, was sie auf ihrem Smartphone sehen können,
verursacht das eine gigantische Regression. Sie sehen die Welt wieder in
imperialen Zusammenhängen. Sie sehen die Erde als Scheibe.
„Das historische Erbe kartografischer Verzerrungen der Kontinentalgrößen
hat kognitive, bildungsbezogene, kulturelle, geopolitische und
sozioökonomische Auswirkungen“, heißt es nun in der [5][Resolution
80/L.104] der UN-Generalversammlung. Den Text brachte Togo im Namen der
Afrikanischen Union ein. Togos UN-Botschafter sprach von einem Schritt zu
„größerem Verständnis, Respekt und Frieden zwischen den Nationen“. Einzig
die USA stimmten dagegen. Das Vorhaben sei Teil eines „radikalen
ideologischen Projekts“, so die Begründung.
Die Debatte war nicht frei von Misstönen. Weil auf der in New York
vorgelegten Weltkarte die Krim nicht als Teil der Ukraine erscheint – sie
erscheint auch nicht als Teil Russlands, sondern ist irgendwie selbständig
geworden – enthielt sich die Ukraine sowie aus Solidarität auch Estland,
Georgien, Litauen und Moldau. Und weil Kosovo draufsteht, enthielt sich
Serbien.
Das Projekt, der Wiedereinführung imperialer Weltansichten durch die großen
Techkonzerne etwas entgegenzusetzen, darf aber nicht an Staatsgrenzen
scheitern. Die [6][Originalkarte von Equal Earth], 2018 entwickelt, enthält
lediglich geografische Umrisse. Seit Jahren trommelt eine Initiative
„[7][Correct The Map“] für bessere Weltkarten. In Deutschland weist das
Entwicklungsministerium BMZ darauf hin, dass es Equal Earth [8][bereits
seit dem Frühjahr benutze]. Frankreichs Außenministerium kündigte das jetzt
als neuen Standard an. Im Auswärtigen Amt sieht man allerdings nach wie vor
verzerrte Karten, wenngleich selten die Mercator-Projektion. Und auch unter
Journalisten gibt es erstaunlich hartnäckigen Widerstand.
Die UN-Resolution ruft nun nicht einfach zur allgemeinen Übernahme von
Equal Earth auf. Sie verlangt „Bewusstseinsbildung in Bildung, Wissenschaft
und Medien“. Man darf gespannt sein.
6 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://press.un.org/en/2026/ga12779.doc.htm
(DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Equal_Earth_projection
(DIR) [3] https://en.wikipedia.org/wiki/Mercator_projection
(DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/Longitude
(DIR) [5] https://docs.un.org/en/A/80/L.104
(DIR) [6] https://equal-earth.com/equal-earth-projection.html
(DIR) [7] https://correctthemap.org/fr/
(DIR) [8] https://www.bmz.de/resource/blob/297490/die-welt-wie-sie-ist.pdf
## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
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