# taz.de -- Rot-Grün-Rot in Berlin: Reißt euch zusammen, Genoss:innen!
> Nach ihrem Erdrutschsieg hat die Linke das Recht, rote Linien zu ziehen.
> Ob Rot-Grün-Rot gelingt, hängt davon ab, ob die SPD sich an ihre neue
> Rolle gewöhnen kann.
(IMG) Bild: Werner Graf, Elif Eralp und Steffen Krach
Eindeutiger könnte das [1][Berliner Wahlergebnis] nicht sein: Schwarz-Rot
wurde aus dem Amt gewählt, CDU und SPD wurden für ihre Politik sowohl im
Land als auch im Bund abgestraft. [2][Die neue tonangebende politische
Kraft in der Hauptstadt ist die Linkspartei], die mit 25,7 Prozent ihr
Ergebnis mehr als verdoppelt. Eine Kenia-Koalition aus CDU, Grünen und SPD
ist zwar rechnerisch weiterhin möglich, aber nicht nur politisch denkbar
schwach, sondern als Koalition der Wahlverlierer auch demokratisch
problematisch. Es scheint in Berlin nur eine politische Zukunft zu geben:
Rot-Grün-Rot.
Viele schauen jetzt auf die Linkspartei und fragen sich, ob das Bündnis
wirklich gelingen kann. Und ja, es stimmt: Teile der Linken hadern mit der
Regierungsbeteiligung. Am Freitag will die Partei einen Sonderparteitag nur
zu der Frage abhalten, ob überhaupt Sondierungen aufgenommen werden. Dass
es dort zu einem „Nein“ kommt, ist aber maximal unwahrscheinlich:
Vermutlich wird der Parteitag lediglich eine Bühne sein, noch einmal die
dicken roten Linien der Linken zu unterstreichen, allem voran die
Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen.
Und ob es der SPD und den Grünen gefällt oder nicht: Dazu, diese roten
Linien zu ziehen, ist die Partei mit diesem Wahlergebnis mehr als
berechtigt. Für die Linke sind diese roten Linien sogar
überlebensnotwendig. Als sich systemkritisch gebende Partei steht sie unter
dem besonderen Druck, zu beweisen, dass die Übernahme politischer Macht
auch wirklich für nachhaltige Veränderungen genutzt wird. Stehen die
Chancen dafür gut, wird es auch eine Parteimehrheit für eine
Regierungsbeteiligung geben.
Ob das progressive Politikbündnis doch noch scheitert, liegt deshalb
mindestens im gleichen Maße auch an der Frage, ob sich die
Koalitionspartnerinnen der Linken zusammenreißen können. In der SPD steht
man vor der Herausforderung, sich in kurzer Zeit einen Realitätscheck zu
verpassen und zu verstehen, dass man nicht mehr die große Staats- und
Berlinpartei ist, sondern ein nochmals geschrumpfter Juniorpartner eines
Dreierbündnisses – und als solcher nicht deren zentrales Anliegen
verhindern kann.
Damit das gelingt, müssen die Linken der SPD natürlich auch etwas anbieten
– aber wenn es am Ende doch an der Vergesellschaftungsfrage scheitert, wird
nicht die Maßlosigkeit der Linken, sondern die Selbstüberschätzung der SPD
dafür verantwortlich sein. Hinzu kommt die Frage, wie stark sich SPD und
Grüne in den kommenden Wochen in einem Diskurs über Antisemitismus in der
Linken verbeißen, der längst weit über die Fakten hinaus zu einer Kampagne
geworden ist.
Die gute Nachricht lautet: Schaffen es alle drei Parteien, sich auf das
Wesentliche zu konzentrieren, ist ein gemeinsames politisches Projekt für
ein sozial gerechteres Berlin zum Greifen nah. Das wäre ein Berlin, in dem
abzockende Vermieter:innen bestraft werden und der Wohnungsmarkt
reguliert wird, in dem die Verkehrswende vorangetrieben wird, wo
Beschäftigte fair bezahlt werden und wo Klimaschutz wieder ernst genommen
wird. Eigentlich doch eine Vision, für die sich ein paar Kompromisse lohnen
könnten.
21 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
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