# taz.de -- Ed Sheeran bricht sein Schweigen: In Ungnade gefallen
       
       > In Irland wird der Eklat um Ed Sheeran besonders heiß debattiert. Der
       > Sänger selbst spricht bei einem Konzert in den USA erstmals von einem
       > „Fehler“.
       
 (IMG) Bild: Hat ungewollt neue, rechtsradikale Freunde gewonnen: Ed Sheeran, hier bei einem Auftritt in New Orleans
       
       Mit seinen roten Haaren würde er auf das Cover eines irischen Reiseführers
       passen. Und Ed Sheeran, der in England geboren und aufgewachsen ist, sagt
       von sich, er fühle sich kulturell gesehen als Ire. Seine Familie
       väterlicherseits stammt von der Insel, er verbrachte als Kind viele Urlaube
       dort und machte dort seine ersten musikalischen Gehversuche. „Musikalisch
       gesehen ist es quasi mein zweites Zuhause“, sagt er. „Ich würde sagen,
       Irland ist der Ort, an dem ich musikalisch am erfolgreichsten bin.“
       
       Doch das war einmal. Denn die Liebesaffäre der Iren mit Sheeran hat einen
       Knacks bekommen, nachdem der Rapper Macklemore vorige Woche [1][als
       Vorgruppe für seine „Loop“-Welttournee ausgebotet] wurde – auf Anweisung
       des Veranstalters. Die Begründung: Macklemore hatte bei einem gemeinsamen
       Konzert im US-Bundesstaat New Jersey auf der Bühne „Free Palestine“ gerufen
       und zu „Hind’s Hall“ – einem Song über Hind Rajab, die 2024 von der IDF
       ermordete Fünfjährige – Bilder der Zerstörung aus dem Gazastreifen gezeigt.
       
       Nach Macklemores Rauswurf sagten alle anderen Vorgruppen – der Ire Aaron
       Rowe, der irisch-amerikanische Künstler Finneas und der Däne Lukas Graham
       sowie Sheerans Begleitband Beoga – aus Solidarität mit Macklemore ihre
       Teilnahme an Sheerans Tour ab. Darüber hinaus entschied ein irischer
       Radiosender, bis auf Weiteres keine Sheeran-Songs mehr zu spielen. Sheerans
       Follower-Zahl auf Instagram sank binnen 24 Stunden um fast 150.000, der
       ebenfalls irischstämmige Macklemore dagegen gewann mehr als 750.000 hinzu.
       
       ## Diagnose: Rückgratlosigkeit
       
       Die Reaktion seiner Begleitmusiker sei eine Demütigung für Sheeran, schrieb
       die Guardian-Journalistin Laura Snapes. Denn diese Musiker hätten viel mehr
       zu verlieren als der steinreiche Sänger, der mit Hits wie „Shape of You“
       über 150 Millionen Tonträger verkauft hat. Doch die hätten kapiert, dass
       der Verzicht auf finanzielle und berufliche Vorteile nötig sei, um
       Charakter zu zeigen und sich gegen einen Völkermord und gegen Milliardäre
       zu stellen, die die Meinungsfreiheit unterdrücken.
       
       Sheeran behauptete zunächst, er habe nichts mit dem Rauswurf zu tun:
       „Macklemores Vertrag für die Tour lief mit dem Veranstalter, nicht mit
       mir.“ Er selbst spreche auf der Bühne nicht über Politik: Allerdings trat
       Sheeran 2022 beim „Concert for Ukraine“ auf, unterzeichnete einen offenen
       Brief an Theresa May zum Brexit und unterstützte das Gleichstellungsgesetz
       in den USA.
       
       Der Unterschied besteht darin, dass all diese Positionierungen im Westen
       als wenig kontrovers angesehen werden. Das ist [2][bei Statements zu Gaza
       anders]. Der Medien-Professor David Hesmondhalgh sagt: „Sheeran wollte an
       Glaubwürdigkeit gewinnen, indem er sich mit einem Künstler wie Macklemore
       in Verbindung bringt, dessen Image auf starkem politischem Engagement
       beruht.“ Daher wirkten seine Bekenntnisse zur Neutralität jetzt
       rückgratlos.
       
       ## Viele Iren solidarisieren sich mit Palästina
       
       In Irland ist die Solidarität mit Palästina sehr ausgeprägt, weil man sie
       mit den eigenen Erfahrungen mit dem britischen Kolonialismus und dem
       irischen Unabhängigkeitskampf verbindet. Der Dubliner Songwriter Aaron Rowe
       sagte, als Ire wisse er nur zu gut, was Völkermord, erzwungene Hungersnot
       und gewaltsame Besatzung bedeuten: „Ich muss mir selbst und meinen
       Vorfahren treu bleiben, die sich der Kolonialisierung widersetzt und für
       die Freiheit gekämpft haben, die ich heute in Irland genieße.“
       
       John Pavlovitz, ein ehemaliger US-amerikanischer Jugendpastor und Autor,
       schrieb in einem offenen Brief an Sheeran: „Hey, Ed Sheeran, es ist einfach
       nur traurig, dass du angesichts der Größe der Bühne und der Reichweite des
       Mikrofons, die dir anvertraut wurden, und angesichts der Stimme, die dir
       gegeben wurde und die so laut für bedrohte Menschen erklingen könnte, jetzt
       an einer solchen moralischen Stimmlosigkeit leidest.“
       
       Die [3][treibende Kraft hinter dem Rauswurf Macklemores war der Israeli
       American Council]. Dessen Geschäftsführer Elan Carr behauptete, „Free
       Palestine“ sei „ganz eindeutig ein Aufruf zur Auslöschung des Staates
       Israel und des jüdischen Volkes.“ Carr übte Druck auf den Milliardär Robert
       Kraft aus, dem das Gillette Stadium in Massachusetts gehört. Der wiederum
       versammelte einige der anderen Stadionbesitzer hinter sich, und gemeinsam
       stellten sie ein Ultimatum: Wenn Macklemore dabei sei, würden alle
       Auftritte abgesagt.
       
       Kraft ist mit Donald Trump befreundet und ein bedeutender Sponsor Israels:
       Benjamin Netanjahu sagte 2019 bei einer Preisverleihung zu Ehren von Kraft,
       dass „Israel keinen treueren Freund hat“. Kraft ist auch ein Freund von
       Sheeran. Dieser trat 2022 auf Krafts Hochzeitsfeier auf und bezeichnete den
       Milliardär als „super lieb“. Nun üben sich alle in Harmonie: Macklemore hat
       eine Million Dollar seiner Einnahmen aus der „Loop“-Tour humanitären
       Organisationen in Gaza zugesagt. [4][Sheeran und Kraft zogen nach] und
       haben jeweils zwei Millionen Dollar für „Hilfeleistungen in der Region“
       zugesagt.
       
       ## Es tue ihm „so, so leid“, sagt Sheeran
       
       Noch peinlicher als der Rückzug seiner Co-Musiker dürfte für Sheeran jedoch
       der Beifall aus der rechtsextremen Szene gewesen sein. Die Engländerin Lucy
       Connolly, die 2024 wegen Anstiftung zum Rassenhass zu 30 Monaten Gefängnis
       verurteilt worden ist, schrieb auf X: „Ich unterstütze Ed Sheeran!“ Und der
       rassistische Rechtsextremist Tommy Robinson verkündete ebenfalls auf X, er
       unterstütze Sheeran – und „Fuck Palestine“.
       
       Bei seinem ersten Konzert nach dem Eklat um seinen Kollegen Macklemore
       äußerte sich Ed Sheeran am Samstag erstmals bei einem Konzert in
       Philadelphia an der Ostküste der USA. Vor dem Stadion, in dem das Konzert
       stattfand, hatten sich US-Medienangaben zufolge einige propalästinensische
       Demonstranten versammelt.
       
       „Was im Gazastreifen passiert, ist katastrophal und nicht zu rechtfertigen
       und unverhältnismäßig“, brachte er seine Trauer „angesichts des Ausmaßes
       der Zerstörung und des Verlustes des Lebens von Zivilisten und des Lebens
       von Kindern“ im Gazastreifen zum Ausdruck. Auch die „systematische
       Ungerechtigkeit“ im Westjordanland dürfe „nicht ignoriert werden“.
       
       Sheeran sagte zudem, er habe „schwierige Entscheidungen“ treffen müssen und
       mache „Fehler“. Das tue ihm „so, so leid“.
       
       20 Sep 2026
       
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