# taz.de -- Stickstoff bedroht Trinkwasser: Umweltschützer und Wasserwerke wollen schärfere Düngeregeln
       
       > Zu viel Nitrat aus Düngern belastet das Grundwasser und kann Trinkwasser
       > verteuern. Doch Agrarminister Rainer plant, die Düngevorschriften zu
       > lockern.
       
 (IMG) Bild: Könnte ein Problem fürs Grundwasser sein: Ein Maisfeld mit jungen Pflanzen wird mit Gülle gedüngt
       
       Umwelt- und Wasserverbände fordern, zum Schutz des [1][Trinkwassers] das
       Düngerecht zu verschärfen statt, wie von Agrarminister Alois Rainer
       geplant, zu lockern. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft
       (BDEW) sowie BUND, Greenpeace, Umwelthilfe, Naturschutzring und Grüne Liga
       verlangen in einem aktuellen Positionspapier unter anderem eine sichere
       Rechtsgrundlage zur Festlegung „Roter Gebiete“. Dort ist zu viel der
       Stickstoffverbindung Nitrat aus Düngern im Grundwasser, sodass die
       Landwirte die Düngung reduzieren müssen. Zudem wollen die Organisationen,
       dass Agrarbetriebe in einer Nährstoffbilanz festhalten müssen, wie viel
       Stickstoff und Phosphat sie potenziell in die Umwelt abgeben.
       
       Denn zu hohe Nitratkonzentrationen machen zum Beispiel Grundwasser [2][als
       Quelle für Trinkwasser ungeeignet]. Schließlich kann die Substanz im Körper
       über Nitrit zu krebserregenden Stoffen umgewandelt werden. In mit Nitrat
       belasteten Regionen droht Trinkwasser den Verbänden zufolge um bis zu 62
       Prozent teurer zu werden, weil die Versorger in Technik investieren müssen,
       um verschmutztes Wasser aufzubereiten. Rund jede vierte
       Grundwassermessstelle des EU-Nitratmessnetzes in Deutschland habe zuletzt
       den Schwellenwert von 50 Milligramm pro Liter überschritten.
       „Hauptverursacher der Stickstoffüberschüsse, aus denen Nitrat in das
       Grundwasser gelangen kann, ist die Landwirtschaft“, so die Organisationen.
       
       Doch die Bundesländer setzen die Roten Gebiete nicht mehr durch. Denn das
       [3][Bundesverwaltungsgericht urteilte] im Oktober 2025 unter anderem, dass
       die Länder sich für solche weitgehenden Düngebeschränkungen nicht wie
       bisher nur auf eine bloße Verwaltungsvorschrift des Bundes stützen dürfen.
       
       Die Verbände fordern daher: „Der Bund muss die angekündigte
       Gebietsausweisungsverordnung zügig in Kraft setzen, damit die Länder die
       Gebiete wie vorgesehen bis Ende 2026 neu ausweisen können und die Auflagen
       ab Beginn der Düngesaison 2027 wieder greifen.“
       
       Die wichtigste Auflage in den Gebieten war bisher, dass Landwirte 20
       Prozent weniger Stickstoffdünger benutzen, als die Pflanzen offiziell
       benötigen. Der Deutsche Bauernverband hat das kritisiert, da dann die
       Erntemenge sinke. Außerdem würde im Weizen häufig der Proteingehalt fallen,
       sodass er nicht mehr als Backweizen, sondern nur noch als billigerer
       Futterweizen verkauft werden könne.
       
       ## Wie viel Stickstoff braucht Mais wirklich?
       
       Doch die Verbände bemängeln, „dass die empfohlenen Bedarfswerte für die
       Kulturen systematisch zu hoch angesetzt sind“. Bei Mais beispielsweise
       lägen sie bis zu 20 Prozent über dem tatsächlichen Stickstoffbedarf. Das
       Papier verlangt deshalb: Die Werte zur Düngebedarfsermittlung „müssen auf
       Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse überarbeitet und die
       Datenquellen offengelegt werden“.
       
       Um zu ermitteln, wer zu viel düngt und wer sich an die Regeln hält, soll
       den Verbänden zufolge eine „Betriebliche Nährstoffbilanz“ verbindlich
       eingeführt werden. Sie müsse erfassen, wie viel Stickstoff und Phosphor
       durch Dünger auf den Hof kommen und wie viel etwa in Form von Produkten
       abfließt. Die Differenz landet langfristig in der Umwelt.
       
       Minister Rainer aber hat 2025 die Pflicht aufgehoben, diese
       „Stoffstrombilanz“ zu berechnen. Jetzt will er [4][im Düngegesetz] auch die
       Möglichkeit streichen, so eine Bilanz per Verordnung vorzuschreiben. Der
       CSU-Politiker hält die Stoffstrombilanz für ein „[5][Bürokratiemonster]“.
       Der Nationale Normenkontrollrat hat errechnet, dass die Agrarunternehmen
       [6][4,8 bis 5,3 Stunden] für die Aufstellung der Bilanz aufwenden müssten –
       pro Jahr.
       
       Rainer will nun aber ein „Wirkungsmonitoring“ einführen, wohl um die
       EU-Kommission zufriedenzustellen, die Deutschland bereits erfolgreich vor
       dem [7][Europäischen Gerichtshof verklagt] hat, weil es gegen die
       EU-Richtlinie zum Schutz der Gewässer vor Nitrat aus der Landwirtschaft
       verstoßen hatte. Dieses Monitoring könne aber nicht die Nährstoffbilanz
       ersetzen, so die Verbände. Denn es beruhe nur auf Daten von Testbetrieben
       und Modellen. Nötig sei aber eine Bilanz für die Mehrheit der Höfe, sodass
       auch Ausnahmen von den Düngebeschränkungen für sich korrekt verhaltende
       Betriebe möglich würden.
       
       21 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Trinkwasser/!t5015864
 (DIR) [2] https://environment.ec.europa.eu/document/download/f13c2730-914c-4434-a159-d15f60a26118_en?filename=Executive%20summary%20of%20the%20Nitrates%20Directive%20Evaluation.pdf&prefLang=de
 (DIR) [3] https://www.bverwg.de/241025U10CN1.25.0
 (DIR) [4] https://dip.bundestag.de/vorgang/zweites-gesetz-zur-%C3%A4nderung-des-d%C3%BCngegesetzes/334564?term=d%C3%BCngegesetz&f.wahlperiode=21&rows=25&pos=2&ctx=d
 (DIR) [5] https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/weniger-burokratie-mehr-kontrolle-das-andert-sich-beim-dungegesetz-20025142.html
 (DIR) [6] https://dserver.bundestag.de/btd/18/127/1812731.pdf
 (DIR) [7] https://infocuria.curia.europa.eu/tabs/affair?sort=AFF_NUM-DESC&searchTerm=%2522C%252D543%252F16%2522&publishedId=C-543%2F16
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jost Maurin
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Düngemittel
 (DIR) Landwirtschaft
 (DIR) Trinkwasser
 (DIR) Alois Rainer Landwirtschaftsminister
 (DIR) Ammoniumnitrat
 (DIR) BDEW
 (DIR) Greenpeace
 (DIR) Deutsche Umwelthilfe
 (DIR) Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) EU-Kommission zur Nitratrichtlinie: Überdüngung mit Nitrat kostet die Allgemeinheit Milliarden
       
       Verschmutztes Grundwasser, Algenblüten, Gift – die Schäden durch zu viel
       Stickstoffdünger kosten die Allgemeinheit bis zu 182 Milliarden Euro pro
       Jahr.
       
 (DIR) Umweltschäden durch Überdüngung: Dein Billigbrötchen killt Fische in der Ostsee
       
       In der Ostsee sterben immer wieder massenhaft Fische, weil verwesende Algen
       den Sauerstoff rauben. Ein Grund: Düngemittel aus der Landwirtschaft.
       
 (DIR) Gerichtsurteil zu Überdüngung: Bundesregierung muss gegen Grundwasserbelastung handeln
       
       Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) muss etwas gegen zu hohen
       Nitrateinsatz unternehmen. Das entschied das Bundesverwaltungsgericht nun.