# taz.de -- „Ein Stück Land“ in Oldenburg: Kühe, Klagen, Klimawandel
> Am Staatstheater Oldenburg präsentiert in „Ein Stück Land“ eine
> bäuerliche Familiengeschichte. Es geht aber auch um drängende, aktuelle
> Agrardebatten.
(IMG) Bild: Zu ästhetisiert: Es gibt in „Ein Stück Land“ viel Kluges zu hören, aber die Szene lassen einen kalt
Niedersachsen feiert sich gern als Agrarland Nummer eins in Deutschland.
Laut Landwirtschaftsministerium in Hannover würde mehr als die Hälfte der
Fläche zur [1][Produktion von Lebensmitteln] genutzt, 135.000 Menschen
brächten in 35.500 Betrieben jährlich Waren im Wert von 18 Milliarden Euro
auf den Markt.
Dass ihre Lebenssituation und die Bedingungen der Lebensmittelerzeugung auf
den Bühnen des Landes eine Rolle spielen, kann aber nicht behauptet werden.
Das ändert jetzt das Staatstheater Oldenburg: Joachim Gottfried Goller
bringt „Ein Stück Land“ von Miriam V. Lesch zur Uraufführung.
Angedeutet ist ein Bauernhof und die Bühne ist als Erinnerungs- wie auch
Debattenraum leergeräumt für die recherchierten Probleme der Branche sowie
das Weiterdenken über nachhaltigen Umgang mit der Biosphäre. Das bindet
Lesch in eine Familienerzählung ein.
Nebeldunkel und in düstere Kammermusik getaucht kommt die Vorgeschichte
daher. Harte Arbeit, ein entbehrungsreiches Leben stellen eine Bäuerin
(Caroline Nagel) und ihre Magd (Franziska Werner) leidvoll wortkarg und
auch mal mit Tränen in den Augen dar. Dagegengesetzt sind Szenen aus dem
Hier und Heute: Die Mutter des Bauers Mo (Gerrit Frers) ist gestorben,
seine als Wissenschaftler ins urbane Leben und als Entwicklungshelferin in
Krisenregionen abgewanderten Geschwister kommen vorbei, um den Nachlass zu
ordnen.
## Keine heile Bullerbü-Welt
Verbindende Relikte sind Omas Tage- und Mamas Kochbuch sowie im
Geschwistergedächtnis herumgeisternde Bilder einer scheinbar heilen
Bullerbü-Welt. Trotzdem blendet niemand die Realität industriell genutzter
Agrarwüsten aus, diese Monokulturen auf totgespritzten Böden, die
[2][Massentierhaltung mit ihrer Freisetzung von Treibhausgasen und
Gülle-Verklappungen], die Landflucht, Klimawandel, Ausbeutung der
Erntehelfer und so weiter.
Aber für Mo ist der Hof sein Zuhause, seine Welt. Viehfutter und Kartoffeln
baut er an, betreibt Milchwirtschaft und Biorinderzucht. [3][Mit den
Großhöfen] kann er allerdings nicht mehr mithalten und er hat Schulden.
Dazu trägt jemand Milch in einer Aldi-Tüte herein, ja, das Preisdumping der
Discounter macht das Melken unrentabel. Zudem wird geklagt, dass Bürokratie
Zeit und Bio-Auflagen viel Geld kosten und alles teurer werde.
Bruder Lou (Klaas Schramm) fordert [4][einen Strukturwandel], etwa eine
Ferien-auf-dem-Bauernhof-Idylle herzurichten oder das Land
genossenschaftlich zu bewirtschaften: „Alte Getreidesorten sind voll im
Trend, Obst zum Selberpflücken.“ Schwester Toni (Julia Friede) argumentiert
aus ökologischer Perspektive für Renaturierung, sie würde den einst
trockengelegten Boden wieder unter Wasser setzen: „Hier liegt eine
gesamtgesellschaftliche Verantwortung direkt unter unseren Füßen.“ Mo will
aus Selbstwertgefühlen heraus kleinbäuerlich weiterarbeiten.
Lesch dekliniert durch, was gerade diskutiert wird, und mischt dabei
wissenschaftliche Details, Gedanken, Erlebnisse, Träume, Sehnsüchte und
Bauernweisheiten zu einer Sichtweisen-Collage, verfasst in einem schönen
kühlen Tonfall, gewürzt mit leisem Humor.
In der Aufführung ist der Humor allerdings unterbetont, auch wenn Figuren
mal Gemüsehüte tragen. Sie bleiben distanziert in ihrer Denkblase und
einander fremd. Die Regie animiert die Thesenträger:innen zumeist nur
zu dialogisiertem Aufsagetheater. Hinzu gesellt sich die tierische
Generalabrechnung eines Schweins, einer Kuh und eines Huhns. Die drei
monologisieren, wie sie vom mythischen Wesen zur kapitalistischen
Fleischressource und zum Hochleistungsproduzenten entwürdigt wurden.
## Menschen und Tiere gleichberechtigt
Das Huhn stellt sich vor: Ausgebrütet von einer Wärmelampe, mit fünf
Monaten in den Legebetrieb, täglicher Futterverbrauch 110 Gramm, 300 Eier
pro Jahr. Nach 14 Monaten ist Schluss, die Sonne hat es nie gesehen.
Das Beste am Stück: Alle Menschen und Tiere kommen in ihren Anklagen und
Zukunftsentwürfen gleichberechtigt zu Wort. Klar ist am Ende daher, dass
nichts klar ist. Nur dass es so wie jetzt nicht weitergehen kann. Wie im
Vorgängerstück „Wald“ wird noch ein sprachfantasievoller Ausflug gewagt, in
dem die Natur das ihr enteignete Land zurückerobert, indem sie alles
überwuchert. Es rieche nach Tod, wird zum Finale mehrdeutig behauptet.
Die Atmosphäre der Aufführung aber ist eine andere. Der Abend riecht nach
nichts, weil er nicht lebt. Die ästhetisierten Szenen mit all dem
Kunstschnee, Heuregen, feinen Illuminationen und den präzisen
Verlautbarer:innen lassen einen kalt. Sie bieten mit den apart
formulierten Einlassungen auf die Komplexität des einstigen, heutigen und
möglicherweise zukünftigen Bauernalltags aber reichlich anregendes
Zuhörfutter.
5 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jens Fischer
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(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Landwirtschaft
(DIR) Niedersachsen
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