# taz.de -- Tagebuch aus Armenien: Nach der Flucht kommt das große Spiel
> In Armenien haben sich Migranten aus Russland zusammengetan, um der
> Gesellschaft zu helfen. Sie kümmern sich um den Spielplatzbau.
(IMG) Bild: Spielplatz in der armenischen Stadt Gjumri
„Eins, zwei, drei … achtzehn. Und auf dem Rückweg müssen wir dieselben 18
Stufen noch einmal überwinden“, sagt Julija Anfilatowa und versucht, wieder
zu Atem zu kommen. Die zierliche fünffache Mutter trägt den schweren
Kinderwagen Stufe für Stufe nach oben. Jeden Tag. Nur um mit ihrer kleinen
Tochter das Haus verlassen zu können.
Seit fast vier Jahren sind selbst die einfachsten Dinge für sie zu einer
Herausforderung geworden – einkaufen, spazieren gehen oder einen Arzttermin
wahrnehmen. Der Weg beginnt und endet jedes Mal mit 18 Treppenstufen.
Nach dem Ausbruch des russischen [1][Kriegs] in der Ukraine zog Julija
gemeinsam mit ihrem Mann und ihren vier Kindern von Russland [2][nach
Armenien]. Das fünfte Kind wurde bereits in Armenien geboren. Dass die
Familie blieb, hatte einen einfachen Grund.
„Das Erste, was mir in Armenien aufgefallen ist, war die Liebe zu Kindern“,
erzählt sie. „Es spielt keine Rolle, wie alt ein Kind ist, welches
Geschlecht oder welche Nationalität es hat. Wenn man mit seinem Kind
spazieren geht oder in einem Café essen möchte, kümmern sich plötzlich alle
darum. Sie nehmen das Kind auf den Arm, spielen mit ihm oder schenken ihm
Aufmerksamkeit, während man selbst in Ruhe eine Tasse heißen Kaffee trinken
kann. Armenien ist ein Land der Herzlichkeit.“
Doch neben dieser Offenheit bemerkte Julija schnell auch die andere Seite.
Es fehlt an vielem, was den Alltag von Familien erleichtert: Rampen,
barrierefreie Verkehrsmittel, Taxis mit Kindersitzen, familienfreundliche
Freizeitangebote – und oft sogar sichere Spielplätze.
## Mit viel Eigeninitiative
Anstatt sich damit abzufinden, beschloss sie, selbst aktiv zu werden. Aus
ihren Erfahrungen als Mutter entstand die Initiative „Yerevan for Kids“.
Ihr Ziel ist es, sichere und inklusive Spielplätze in Jerewan und anderen
Städten Armeniens zu schaffen.
Seit rund zwei Jahren arbeitet die Initiative mit Stadtverwaltungen,
Unternehmen und privaten Unterstützern zusammen. Zum Team gehören
Architekten, Stadtaktivisten sowie Fachleute für Marketing und
Fördermittel. Alles sind russische Migrant:innen und sind vor [3][Putins
Repressionen] nach Armenien geflohen. Gemeinsam beraten sie Kommunen,
entwickeln Konzepte für inklusive Spielplätze, begleiten Bauprojekte und
organisieren Spendenkampagnen.
Eines der ersten Projekte war eine interaktive Karte aller Spielplätze in
Jerewan. Sie dokumentiert ihren Zustand, macht Mängel sichtbar, unterstützt
die Stadtplanung und hilft Eltern dabei, geeignete Spielplätze zu finden.
Es folgten weitere Projekte: öffentlichen Spielplatze in den Provinzen.
Insgesamt sollen dafür 15 Millionen Armenische Dram, das sind umgerechnet
etwa 35.500 Euro, gesammelt werden. Rund 12.000 Euro wurden bislang
gespendet.
Julija ist mit ihrer Überzeugungsarbeit erfolgreich. Dennoch hat sich
ausgerechnet in ihrem eigenen Alltag bislang wenig verändert. Noch immer
nimmt sie den Kinderwagen auf den Arm, trägt ihn Stufe für Stufe nach unten
und zählt dabei leise mit: „Eins, zwei, drei … achtzehn.“
[4][Sona Martirosyan] ist Journalistin und lebt in Jerewan (Armenien). Sie
war Teilnehmerin eines [5][Osteuropa-Workshops der taz panterstiftung].
Aus dem Armenischen von [6][Tigran Petrosyan.]
Durch Spenden an die [7][taz panterstiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
11 Sep 2026
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## AUTOREN
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