# taz.de -- Tagebuch aus Kasachstan: Die schwierige Suche nach den Quellen der Vernunft
       
       > Immer mehr Regierungen verstehen nicht mehr, warum Russland den Krieg
       > gegen die Ukraine führt. Wann kommt die Erkenntnis zu Putin?
       
 (IMG) Bild: Ölquelle in Kasachstan, 2021
       
       Der Krieg in der Ukraine dauert inzwischen seit fast fünf Jahren an, und
       ein Ende ist weiterhin nicht in Sicht. Während all dieser beinahe fünf
       Jahre habe ich keine nachvollziehbare Erklärung dafür gefunden, warum
       Wladimir Putin diesen Krieg entfesselt hat.
       
       Natürlich sind mir seine Motive bewusst: das Streben nach Macht und Geld
       sowie die Verwirklichung persönlicher Ambitionen. Sind mir aber diese
       Motive nachvollziehbar? Nein. Könnte ich, wenn ich meine Interessen im Auge
       habe, auch nur ein einziges Menschenleben opfern? Nein. Würde ich, wenn ich
       Blutvergießen verhindern könnte, dies tun? Ja. Das würde ich. Mit allen mir
       zur Verfügung stehenden Mitteln.
       
       Gerade deshalb ist für mich unbegreiflich, wie im 21. Jahrhundert ein
       derart grausamer Krieg entfesselt werden konnte. Und ich glaube, mit diesem
       Unverständnis bin ich nicht allein. Millionen von Menschen betrachten das
       Handeln Russlands auf dieselbe Weise.
       
       ## Kasachstans Wendung
       
       Zu denjenigen, die den Krieg „nicht verstehen“, hat sich vor Kurzem auch
       der [1][kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew] gesellt. Bei einem
       Treffen mit Wladimir Putin in Omsk erklärte er vor den anwesenden
       Journalisten öffentlich, dass „die Natur dieses Konflikts für viele nicht
       ganz verständlich ist – auch für uns“. In seiner rund vierminütigen Rede
       sprach sich Tokajew zudem dafür aus, den Konflikt einzufrieren und zu
       Verhandlungen auf Grundlage der „Istanbul-Formel 2.0“ zurückzukehren.
       
       Putin saß währenddessen daneben und hörte zu, verzichtete jedoch auf einen
       öffentlichen Kommentar. Stattdessen erklärte er, er werde dem kasachischen
       Präsidenten seine Sicht der Dinge in einem persönlichen Gespräch erläutern.
       
       Hat Tokajews Äußerung die Welt dem Frieden nähergebracht? Meiner Ansicht
       nach: Nein. Schon deshalb nicht, weil Putins Pressesprecher den Vorschlag
       umgehend zurückwies und erklärte, ein Einfrieren des Krieges komme nicht
       infrage.
       
       Der ukrainische Außenminister hingegen bezeichnete Tokajews Appell als
       „realistisch und weise“. Daran lässt sich deutlich erkennen, wer
       tatsächlich an einem Ende des Krieges interessiert ist. Und wer nicht.
       
       ## Das große Interesse an Öl
       
       Doch Kassym-Schomart Tokajew trug seine Antikriegsäußerungen, für die er
       fünf Jahre gebraucht hatte, nicht etwa vor, weil er auf den
       Friedensnobelpreis versessen wäre. Der kasachische Präsident verfolgt dabei
       [2][eigene Interessen].
       
       Sein Friedensappell erfolgte vor dem Hintergrund der zunehmenden
       ukrainischen Angriffe auf die Infrastruktur des Kaspischen
       Pipeline-Konsortiums (CPC). Diese Pipeline ist die wichtigste Exportroute
       für kasachisches [3][Erdöl]: Sie transportiert das Öl von den Förderstätten
       in Westkasachstan bis zum Seehafen Noworossijsk am Schwarzen Meer, wo es
       auf Tanker verladen und auf die Weltmärkte verschifft wird.
       
       Seit einiger Zeit nehmen ukrainische Drohnen dabei sowohl die
       Verladeterminals als auch die Tanker selbst ins Visier. Vom CPC hängen
       jedoch nicht nur Kasachstan und [4][Russland] ab. Störungen beim Ölexport
       treffen auch große westliche Konzerne – darunter amerikanische Unternehmen
       –, die in Kasachstan zu den wichtigsten Erdölproduzenten gehören. Sie
       fördern rund ein Drittel der gesamten kasachischen Ölproduktion. Zu ihnen
       zählt unter anderem auch Chevron.
       
       Auch mehrere europäische Staaten haben ein großes Interesse an stabilen
       Öllieferungen aus Kasachstan. Besonders an Bedeutung gewonnen hat dies seit
       dem Verzicht auf [5][russisches Erdöl.]
       
       Aus all diesen Entwicklungen lässt sich schließen, dass Menschen und
       Staaten aus ganz unterschiedlichen Beweggründen zu der Erkenntnis gelangen
       können, diesen Krieg nicht zu verstehen, und zu einem Ende der
       Kampfhandlungen aufrufen – auf unterschiedlichen Wegen und aus
       unterschiedlichen Interessen heraus.
       
       Die entscheidende Frage ist jedoch, wann derjenige, der diesen Krieg
       begonnen hat, selbst zu der Erkenntnis gelangt, dass es an der Zeit ist,
       ihn zu beenden. Denn allem Anschein nach haben das inzwischen nahezu alle
       verstanden – nur er nicht.
       
       [6][Nikita Danilin] , Jahrgang 1996, ist ein Journalist aus Almaty
       (Kasachstan). Er war Teilnehmer eines [7][Osteuropa-Workshops der taz
       Panter Stiftung]. 
       
       Aus dem Russischen von [8][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch [9][Spenden an die taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       28 Aug 2026
       
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