# taz.de -- Kolumbien liberalisiert Waffenrecht: Der bewaffnete „Gute“ und die Sorge vor mehr Selbstjustiz
> Der ultrarechte Präsident Kolumbiens de la Espriella lockert das
> Waffenrecht. Die Rechte im Parlament feiert, die Opposition kündigt
> Klagen an.
(IMG) Bild: Kolumbiens Präsident Abelardo de la Espriella in Bogotá Anfang September: Der Staatsumbau schreitet voran
Kolumbiens neuer ultrarechter [1][Präsident Abelardo de la Espriella]
bricht mit einem Tabu. In der vergangenen Woche hat er ein Dekret
aufgehoben, das das Tragen von Waffen bisher einschränkte. Doch was
bedeutet das nun? Mehr als 600.000 Bürger:innen mit einem Waffenschein,
der den Besitz und das Tragen einer Waffe regelt, dürfen diese jetzt auch
außerhalb des Hauses mit sich führen. Eine Sondergenehmigung ist dafür
nicht mehr notwendig.
„Jahrelang wurden gesetzestreue Bürger eingeschränkt, während sich
Kriminelle weiterhin illegal bis an die Zähne bewaffneten. Das muss sich
ändern“, begründete der Präsident die Änderung. „Es kann nicht sein, dass
die anständigen Bürger sich nicht verteidigen können.“ 99 Prozent der
Delikte würden mit illegalen Waffen begangen, sagte er in einem Video.
[2][Seine Anhänger:innen applaudierten.] Aber auch der Abgeordnete der
rechten Partei Centro Democrático Jaime Arizabalete pflichtete dem
Präsidenten bei. „Es gibt keinen besseren Weg, einen bewaffneten Bösen
aufzuhalten, als mit einem bewaffneten Guten.“ Die Rechte im Parlament
feiert das neue Waffenrecht, die Opposition kündigte Klagen an.
Seit 2014 hatten alle Präsidenten – ganz gleich von welcher Partei –das
entsprechende Dekret zur Aussetzung der Waffenscheine jährlich wieder neu
unterzeichnet. Ihre Gründe: Mehr Waffen führen zu mehr Verletzten und
Toten. Und als Präsident Guillermo Lasso 2023 im Nachbarland Ecuador das
Recht zum Tragen von Waffen zwecks Selbstschutz liberalisierte, landeten
diese zuhauf in den Händen von kriminellen Banden.
## Bevölkerung soll sich selbst schützen
Das neue Dekret bedeutet nicht, dass alle auf einmal eine Waffe führen
dürfen, geschweige denn, dass Schießereien nicht geahndet werden. Das
Recht, eine Waffe zu besitzen und zu führen, reglementiert und kontrolliert
weiter der Staat. Doch nicht nur für Hugo Acero, Sicherheitssekretär unter
Bogotás Ex-Bürgermeisterin Claudia López, sendet das Dekret eine fatale
Botschaft: Der Staat kann seine Bürger:innen nicht ausreichend schützen
und gibt diese Aufgabe an die Bevölkerung weiter.
Expert:innen bestreiten allerdings, dass mehr Waffen zu mehr Sicherheit
führen. Ganz im Gegenteil, die Gewalt dürfte sogar steigen. Das bekannteste
Beispiel sind die USA – und dort herrscht immerhin Frieden. In Kolumbien
tobt seit mehr als 60 Jahren Krieg – aktuell sind es rund acht bewaffnete
Konflikte. Die kolumbianische Gesellschaft ist von Krieg und Gewalt
geprägt, bis ins Private.
Tatsächlich sind die Todeszahlen durch Streitereien in Kolumbien fast so
hoch wie die durch organisierte Kriminalität, sagt Jorge Mantilla, Experte
für Verbrechen, Sicherheit und Konflikte. 4 von 10 Morden passieren in
Kolumbien im Kontext von Schlägereien auf der Straße oder
Auseinandersetzungen wegen „bürgerlicher Intoleranz“. Vor allem am
Wochenende. Alkohol, zu laute Musik bei den Nachbar:innen, Ärger auf der
Familienfeier – das alles kann eine tödliche Mischung sein.
Der Präsident nutzt diese Stimmung. Sein Ankündigungsvideo zeigt, wie ein
Paar in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá – er sitzt in einem Rollstuhl
– von einem Bewaffneten ausgeraubt wird. Doch Zahlen des
Hauptstadtdistrikts Bogotá belegen eine andere Realität. Gewalttaten haben
abgenommen, das Sicherheitsempfinden allerdings auch. In Bogotá werden die
meisten Überfälle noch ohne Schusswaffen ausgeführt. Aber: Die Hälfte der
Menschen ist bereit, die Justiz selbst in die Hand zu nehmen. 3 von 10
Personen würden sich ein Mittel zur Selbstverteidigung zulegen, da sie
Anzeigen bei der Polizei und das Strafrechtssystem für wirkungslos halten.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universidad Central und der
Universidad Libre.
## Sorge vor höherer Anzahl an Femiziden
Eine weitere Sorge ist, dass die [3][Zahl der Femizide] steigen wird.
Aktuell wird im Schnitt alle 18 Stunden eine Frau getötet. Die Änderung des
Waffenrechts ist nicht nur laut des Rechercheportals Cuestión Pública für
Frauen eine „Todesstrafe mit Ansage“. Die Nichtregierungsorganisation
Temblores warnt: „In einer von männlichem Sexismus geprägten Gesellschaft
können mehr Waffen mehr Macht bedeuten, um Frauen zu bedrohen, zu
kontrollieren, zu töten.“
Viele Menschen befürchten zudem, dass in Kolumbien bald Zustände wie in den
USA herrschen könnten. Am Tag nach der Änderung des Waffenrechts drang ein
17-Jähriger mit einer Waffe in eine Schule in Medellín ein, schoss mehrfach
um sich und verletzte sich am Ende selbst. Sein Ziel soll eine Lehrerin
gewesen sein. Zwei Männer im Alter von 37 und 46 Jahren betraten später die
Einrichtung, nahmen dem Jungen die Waffe ab und verließen die Schule
wieder. Es besteht der Verdacht, dass die beiden zu einer im Viertel
aktiven kriminellen Organisation gehören, die Jugendliche rekrutiert. Die
Tat machte Schlagzeilen und befeuerte die Debatte ums Waffenrecht weiter.
Viele Expert:*innen argumentieren, dass es wichtiger sei, den Kriminellen
die illegalen Waffen abzunehmen, statt Bürger:innen mit legalen Waffen
auszustatten. Doch dies ist eine Aufgabe, die der kolumbianische Staat seit
Jahren nicht unter Kontrolle bekommt. Den rund 700.000 legalen Waffen
stehen je nach Schätzung 3 bis 5 Millionen illegale Waffen gegenüber. 2024
konnte man im Viertel San Bernardo in Bogotá für rund 15.000 Pesos (weniger
als 4 Euro) pro Stunde Waffen mieten. Für Andrés Nieto, Leiter der
Sicherheitsbeobachtungsstelle der Universidad Central, ist die aktuelle
Änderung daher „Augenwischerei“ und ändere nichts am eigentlichen Problem.
2025 flog eine kriminelle Bande in Bogotá auf, die sich bei der Staatsfirma
Indumil mit Waffen eingedeckt hatte, um diese an Auftragsmörder
weiterzuverkaufen. Nach der Ankündigung des Präsidenten vor wenigen Tagen
brach die Webseite von Indumil zusammen. Offenbar wollten viele
Kolumbianer:innen jetzt eine Waffe kaufen.
14 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katharina Wojczenko
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