# taz.de -- Kürzungen bei Kolumbiens Friedensjustiz: Rotstift trifft auf Aufarbeitung
> Die JEP klärt Verbrechen aus Kolumbiens bewaffnetem Konflikt auf. Nun
> drohen Budgetkürzungen und neue Kontrollen ihrer Urteile.
(IMG) Bild: Alejandro Ramelli ist sauer: Der Präsident der Friedensjustiz sieht deren Unabhängigkeit und Arbeit bedroht
Alejandro Ramelli ist sichtlich zornig, als er in der Universidad del
Externado in Bogotá ans Podium tritt. Bis um ein Uhr morgens habe er an der
Presseerklärung gearbeitet, sagt der Präsident der Sonderjustiz für den
Frieden (JEP). Eine massive Budgetkürzung, dazu alle Urteile gegen
Sicherheitskräfte von einem Militärgericht überprüfen lassen – die beiden
Vorschläge der Regierungsparteien seien „der schwerwiegendste Angriff, den
die kolumbianische Übergangsjustiz auf ihre Unabhängigkeit und richterliche
Autonomie erlitten hat“, sagt Ramelli.
Am Tag vor der öffentlichen Rechenschaftsablegung der Sonderjustiz war die
Bombe geplatzt. Senator Enrique Gómez Martínez (Salvación Nacional) hatte
den Vorschlag gemacht, das Budget der JEP um umgerechnet rund 27,58
Millionen Euro zu kürzen. Diese sollen dafür dem Obersten Justizrat
zugeschoben werden, um Richter*stellen und -büros im Land aufzustocken.
„Das ist ein dringendes Bedürfnis. Bei Kosten von vier Billionen (1,1
Milliarden Euro) für die JEP sind ihre Ergebnisindikatoren katastrophal
bedauerlich. Es ist eine Gerichtsbarkeit der Straflosigkeit“, sagte der
Senator. Die Zahl, die der Senator nennt, ist falsch. Die JEP hatte 267
Millionen Euro für 2027 beantragt. Trotzdem bekam Gómez Martínez umgehend
Unterstützung per X vom [1][ultrarechten Präsidenten Abelardo de la
Espriella]. Außerdem wird derzeit im Senat eine Verfassungsreform
behandelt: Ziel ist, eine automatische, gerichtliche Überprüfung der
Urteile der JEP gegen Angehörige der Sicherheitskräfte durch die
Militärstrafjustiz einzuführen. Das Parlament befindet sich gerade mitten
in der Haushaltsdebatte.
Kolumbiens neuer Präsident, Abelardo de la Espriella, ist Gegner des
Friedensabkommens zwischen Farc-Guerilla und kolumbianischem Staat – und
des Sondergerichts für den Frieden. Das historische Abkommen von 2016
bedeutete nach etwa 50 Jahren bewaffnetem Konflikt das Ende der größten
Guerilla des Kontinents. Rund 14.000 Männer und Frauen legten die Waffen
nieder – die überwiegende Mehrheit ist bis heute im zivilen Leben
geblieben.
Das Abkommen beinhaltet für beide Seiten Verpflichtungen – und schuf das
„Umfassende System für Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und
Nichtwiederholung“. Es soll die Verbrechen aufklären und bestrafen, die
staatliche Sicherheitskräfte und Farc begingen. Im Zentrum stehen
allerdings die Opfer und ihr Recht, die Wahrheit und Wiedergutmachung zu
erfahren. Teil des Systems ist das Sondergericht für den Frieden. Wer zur
Wahrheitsfindung und Reparation beiträgt, bekommt Straferleichterungen.
## Möglichkeiten für Opfer und Täter
Die Opfer hatten in den Prozessen der JEP die Möglichkeit, oft nach
Jahrzehnten zum ersten Mal die Täter direkt zu fragen, ihren Zorn und ihre
Trauer loszuwerden. Die Täter, die oftmals Jahrzehnte mit ihrer Schuld
getragen und auf rechtliche Klärung gewartet haben, können auspacken. In
den live übertragenen Anhörungen kam es oft zu bewegenden Szenen: Täter,
die um Vergebung bitten, Opfer, die verzeihen.
Beide Seiten werden psychologisch begleitet, die Transportkosten
übernommen, die Anhörungen teils in abgelegenen Gegenden des Landes
durchgeführt, Personenschutz für alle Beteiligten bezahlt, die in Gefahr
sind. Das alles kostet Geld – genauso wie die Umsetzung der Strafen. Die
gehen bis zu 20 Jahre Gefängnis, können aber auch direkte Wiedergutmachung
nach den Wünschen der Opfer bedeuten: Gedenkstätten aufbauen, Landminen
entfernen, Straßen bauen.
Das alles steht jetzt auf dem Spiel, schilderte Gerichtspräsident Ramelli.
Die Budgetkürzung würde die eh schon unterfinanzierte JEP praktisch zum
Erliegen bringen. „Dies würde Tausende von Menschen schutzlos zurücklassen,
deren Rechte, Sicherheit und Leben durch die Gerichtsbarkeit geschützt
werden“, sagte Richter Ramelli.
Die Sonderjustiz brachte in ihrer Arbeit Verbrechen der Farc und der
Sicherheitskräfte ans Licht, die viele in Kolumbien am liebsten unter den
Teppich kehren würden. Bei der Farc gehören dazu die Zwangsrekrutierung von
Kindern, sexuelle Verbrechen und die Verfolgung indigener Ethnien. Bei den
staatlichen Sicherheitskräften sind es Details zu den außergerichtlichen
Hinrichtungen, die diese an unschuldigen Menschen verübten und diese als
getötete Guerilleros ausgaben, um Quoten zu erfüllen und Prämien zu
kassieren. Live übertragene Anhörungen, in denen [2][ehemalige Soldaten und
Generäle] dieses System schildern, stehen bis heute auf Youtube. Die
Version von den einzelnen „faulen Äpfeln“ im System ist widerlegt.
## Ramelli appellierte an die internationale Gemeinschaft
Was die angeblich mangelnde Effizienz angeht: Das Gericht hat vom
kolumbianischen Rechtssystem 40.000 Akten geerbt – und bis heute kommen
monatlich rund hundert Fälle dazu. Selbst der Internationale
Strafgerichtshof hatte in all den Jahren nur [3][vier Urteile] gesprochen.
Die ersten Jahre bestanden neben seiner Einrichtung und Ermittlungen darin,
Fälle auszusieben, für die das Gericht nicht zuständig ist. Mehr als 1.000
Menschen haben mittlerweile rechtliche Klarheit – die Mehrheit davon sind
staatliche Sicherheitskräfte, die teils Jahrzehnte auf eine Klärung ihrer
Verfahren gewartet hatten. Manche, die unschuldig im Gefängnis saßen, kamen
frei. Etwa 9.000 Menschen warten noch. Dafür bleiben jetzt laut Mandat noch
sechseinhalb Jahre.
Ramelli appellierte an die internationale Gemeinschaft, die
Kürzungsinitiative zu stoppen. Die JEP werde zahlreiche internationale
Institutionen informieren, darunter den UN-Sicherheitsrat, das
UN-Menschenrechtsbüro und den Internationalen Strafgerichtshof.
Neben der Sonderjustiz will die Regierung auch das Budget für die Einheit
zur Suche nach Verschwundenen krass kürzen, ein weiteres Organ, das Teil
des Friedensabkommens ist. 137.000 Menschen gelten bis heute als
verschwunden. Rein rechnerisch blieben für die Suche jährlich pro Person
umgerechnet etwa 383 Euro – unmöglich.
Bei der Rechenschaftsablegung am Freitag ergriff als letztes Lady Johanna
Rosas Morena noch einmal das Mikrofon. Sie sucht bis heute ihren Bruder.
Sie bat die Anwesenden, sich gegen beide Kürzungen einzusetzen. „Wir Opfer
sind sehr besorgt und traurig. Unsere Teilhabe würde dadurch stark
eingeschränkt.“ Auch dank Aussagen vor der JEP gibt es heute mehr Hinweise,
wo gewaltsam Verschwundene verscharrt wurden.
19 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katharina Wojczenko
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