# taz.de -- „Bewaffneter Streik“ in Kolumbien: Stille in Santa Marta – und der Präsident kommt mit Waffe
> In Kolumbiens Karibikstadt Santa Marta übt eine Gruppe von Paramilitärs
> den „bewaffneten Streik“. Geschäfte und Schulen sind geschlossen, Busse
> brennen.
(IMG) Bild: Die Geschäfte in Santa Marta in Kolumbien mussten schließen, da deren Besitzer von kriminellen Gruppen dazu gezwungen wurden
Santa Marta ist am Mittwoch eine Geisterstadt. Die Karibikstrände sind
[1][wie leergefegt], die Straßen ebenfalls, die meisten Geschäfte sind
geschlossen. Wer nicht aus dem Haus muss, bleibt daheim. Es ist der zweite
Tag des „bewaffneten Streiks“, den die Selbstverteidigungstruppen der
Autodefensas Conquistadoras de la Sierra Nevada (kurz ACSN) ausgerufen
haben. Wer sich nicht fügt, dem droht Gewalt.
Am Freitag um 7 Uhr Ortszeit soll der Streik enden, [2][verkündet die
Gruppe auf X]. Nicht nur die 600.000-Einwohner:innenstadt Santa Marta ist
betroffen, auch die Sierra Nevada, die Karibikstrände und die
Bananengegenden der benachbarten Provinzen. Auch ein Attentat auf die
Bahnstrecke des Kohlekonzerns Cerrejón wurde möglicherweise von der ACSN
verursacht. Hinzu kommen schon seit Montag Straßensperrungen auf der
Haupttransportader Troncal del Caribe.
Der Streik ist eine Reaktion der Paramilitärs auf den Tod von José Luis
Pérez Villanueva – alias „Cholo“. Er starb während einer Polizeioperation
am Montag in der Sierra Nevada und ist der Stellvertreter des obersten
Anführers der paramilitärischen Gruppe. Unter den sieben Toten vom Montag
war auch Ricardo Andrés Rodríguez Martínez, ein unschuldiger 18-jähriger
Landarbeiter, [3][sagt seine Mutter] – und auch die ACSN. Und eben nicht
der Sohn von Freddy Castillo Carrillo, alias „Pinocho“, wie die
Sicherheitskräfte sagen.
## Der öffentliche Nahverkehr fällt komplett aus
Am Dienstag war [4][Santa Marta] schon so gut wie tot. Videos zeigen, was
Zeugen berichten: Vor allem Minderjährige fahren auf Motorrädern durch die
Stadt und kontrollieren, dass sich die Geschäfte an das Öffnungsverbot
halten – und schießen. Nach allem, was bekannt ist, gab es keine Toten und
Verletzten. Aber Busse und Taxis brennen, Geschäfte werden demoliert,
Universitäten besetzt. Der öffentliche Nahverkehr ist komplett ausgefallen,
die Schulen bleiben geschlossen.
Die Gouverneurin des Departamentos Magdalena, María Margarita Guerra, und
der Bürgermeister von dessen Hauptstadt Santa Marta, spielen den
bewaffneten „Streik“ herunter. Die Gouverneurin bestreitet seine Existenz
sogar. Guerra rief die Geschäfte auf, wieder zu öffnen. Es könne nicht
sein, dass „zwei Typen auf einem Motorrad“ alles lahmlegten. Bürgermeister
Carlos Pinedo verhängte ein [5][48-stündiges Verbot, auf dem Rücksitz eines
Motorrads mitzufahren]. Denn dort sitzen in der Regel die Schützen und
Auftragsmörder. Zuvor hatte er Motorräder auf den Straßen verboten – eine
Ansage, an die sich die ACSN nicht hielt.
Die Selbstverteidigungstruppen der Sierra Nevada sind auch bekannt als „Los
Pachenca“. Schätzungsweise 700 Kämpfer sind Teil der paramilitärischen
Gruppe mit einem weiten Netz an Milizionären. Das Gebiet, in dem sie aktiv
sind, ist riesig. Ihre Macht erstreckt sich wie die namensgebende Sierra
Nevada de Santa Marta über drei Provinzen: Magdalena, La Guajira und Cesar.
In letzterer sind sie auch im Süden in der Grenzregion zu Venezuela aktiv –
wo sie in Konflikt mit der ELN-Guerilla stehen. An der Karibikküste und in
den Bergen kämpfen sie vor allem mit den Gaitanistischen
Selbstverteidigungskräften Kolumbiens (AGC).
## Gruppe idealisiert Ästhetik des Mordens
„Wer die Berge beherrscht, beherrscht auch die Ebenen“, sagt Lerber Dimas.
Der Anthropologe forscht seit Jahren zum bewaffneten Konflikt in der
kolumbianischen Karibikregion und zu indigenen ländlichen Gruppen in der
Sierra Nevada. Er ist Teil der Gruppe für interdisziplinäre Friedens- und
Konfliktforschung am Lateinamerika-Institut der FU Berlin und leitet die
Plattform der Menschenrechtsverteidiger der Sierra Nevada. Am Dienstag war
er selbst mehr als fünf Stunden eingeschlossen.
Die ACSN sind Teil der 60 Jahre alten Geschichte des Paramilitarismus in
der Karibik – und auch auf [6][Tiktok, Instagram, Facebook, X und Whatsapp]
aktiv – in der Regel mit Klarnamen und Bild. Dort idealisieren sie eine
bestimmte Männlichkeit und eine Ästhetik des Mordens. Über die sozialen
Medien haben sie auch den bewaffneten Streik verkündet.
Ihr Geld verdienen sie mit Drogenhandel – aber vor allem mit
Schutzgelderpressung. Ihre wichtigste Einnahmequelle ist allerdings der
Tourismus, wo sie horrende Schutzgelder eintreiben. Sie sind aktiv in einer
Region, in der einige der bekanntesten internationalen Attraktionen liegen:
der Nationalpark Tayrona, der Wandertrek zur archäologischen Stätte Ciudad
Perdida, der Strandort Palomino und in den Bergen das Dorf Minca, ein
beliebter Ort für Aussteiger:innen. Die Tourist:innen sind, ohne es zu
wissen, auch gute Kund:innen der Paramilitärs, weil diese den
Mikrodrogenhandel beherrschen, aus dem etwa Marihuana stammt. Hinzu kommt
eine „Kriegssteuer“ von 10 Prozent, wenn man zum Beispiel Eigentum verkauft
– und Strafgelder für alles, was das Zusammenleben nach Meinung des ACSN
beeinträchtigt.
Santa Marta gehört zu den 50 gewalttätigsten Städten der Welt.„Viele hier
mögen den Paramilitarismus, weil er ihrer Meinung nach ihre Probleme löst,
weil er in geschäftlichen Angelegenheiten sehr nachsichtig ist“, sagt
Lerber Dimas. Dies alles in einer Gegend, in der der Staat schwach ist –
oder mit den Kriminellen unter einer Decke steckt.
## Auch der Präsident bewaffnet sich
[7][Präsident Abelardo de la Espriella] war Dienstagnacht nach Santa Marta
gereist und besuchte dort, umgeben von Soldaten, Polizisten und einer
Sicherheitskarawane, ein Viertel. Alle Anwohner:innen hatten sich in
ihren Häusern verbarrikadiert. Bilder zeigen, dass er an der Hüfte eine
Waffe trug. Noch nie in der Geschichte Kolumbiens wurde ein demokratisch
gewählter Präsident gesehen, der mit Waffe am Gürtel in einer Stadt
patrouillierte. Für Kolumbianer:innen, die ihn gewählt haben, ist das ein
Zeichen von Autorität und Einsatz für die öffentliche Ordnung. Für andere
schwächt dieser Auftritt die Institutionen.
„Die fatale Botschaft ist, dass sich alle, selbst der Präsident, bewaffnen
müssen“, sagt Lerber Dimas. Wie ein „kleiner Paramilitär“ sei der Präsident
aufgetreten. Und dies sagt er auch: „Ein Bandit, der sich nicht unterwirft,
den erlegen wir, wie es das Recht besagt“, heißt es in einem Video des
Präsidenten aus der Karibikstadt Barranquilla, bevor er von dort nach Santa
Marta aufbrach.
Bis Dienstagnachmittag gegen 16 Uhr waren kaum staatliche Sicherheitskräfte
auf den Straßen zu sehen. Sicherheitsexperte und Senator Ariel Avila
schreibt das zwei Dingen zu: Angst und Korruption bei Polizei und Militär –
und vor allem in der Politik. Die rund 1.000 Polizisten und Soldaten, die
de la Espriella zur „Militarisierung“ nach Santa Marta schickte, kamen erst
später.
Und am Mittwoch, als der Präsident längst wieder weg war, blieben trotzdem
die meisten Geschäfte geschlossen, allen Appellen der Gouverneurin und des
Bürgermeisters zum Trotz. „Denn wer sich nicht an den Streik hält, der muss
die Konsequenzen der ACSN fürchten, wenn die Militarisierung in ein paar
Tagen wieder vorbei ist und sie mit dem Problem wieder alleine sind“, sagt
Dimas. Also Mord und Strafzahlungen.
25 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.instagram.com/reel/DdosQ24uhWl/ZA==
(DIR) [2] https://x.com/ACSN_oficial/status/2102974063140340133/photo/1
(DIR) [3] https://www.instagram.com/p/DdpW33HON1f/
(DIR) [4] /Alternative-Klimakonferenz/!6173744
(DIR) [5] https://www.instagram.com/p/DdoXbraR7nV/
(DIR) [6] https://www.lasillavacia.com/red-de-expertos/red-de-la-paz/las-redes-sociales-sirven-al-control-criminal-y-al-testaferrato/
(DIR) [7] /Kolumbien-verschaerft-Waffenrecht/!6212841
## AUTOREN
(DIR) Katharina Wojczenko
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