# taz.de -- Weibliche Genitalverstümmelung: Gegen die Wissenslücke
> Mindestens 230 Millionen Frauen und Mädchen sind von Genitalverstümmelung
> betroffen. Doch es fehlt an medizinischer Expertise. Netzwerktreffen
> sollen das ändern.
(IMG) Bild: Fatuma Musa Afrah, Menschenrechtsaktivistin und Gründerin der NGO „United Action“
Manche Besucher:innen schauen weg, andere verlassen den Raum, als Dr.
Dan mon O’Dey das Video einer Klitoris- und Vulva-Rekonstruktion abspielt,
die er durchgeführt hat. Er zeigt auch Fotos, auf denen gut zu erkennen
ist, wie die [1][Genitalverstümmelung] die weiblichen Genitalien verändert.
Eineinhalb Stunden lang spricht der plastische Chirurg am Freitagvormittag
per Videoschaltung über die medizinische Versorgung von Frauen, die FGM/C
erlebt haben.
Im Autonomen Frauenzentrum Potsdam findet das zweite Netzwerktreffen „Stop
FGM/C“ statt. FGM/C, das steht für Female Genital Mutilation/Cutting, also
die weibliche Genitalverstümmelung oder -beschneidung. Welcher Begriff
treffender ist, bleibt umstritten. Man müsse sich die Situation der
Patientinnen vor Augen führen und sensibel mit ihnen umgehen, erklärt
O’Dey. In Fällen, in denen sie es vielleicht nicht anders kennen, könne es
sinnvoll sein, von Beschneidung zu sprechen. Dennoch handele es sich um
Verstümmelung.
„Ich nenne es Verstümmelung“, sagt auch Fatuma Musa Afrah,
Menschenrechtsaktivistin und Gründerin der [2][NGO „United Action“], die zu
der Veranstaltung eingeladen hat. Das Ziel: Akteur:innen aus
Gesundheitswesen, Verwaltung, Migration, Bildung und Zivilgesellschaft
miteinander zu vernetzen.
## Zu wenig Wissen über weibliche Genitalverstümmelung
Seit Jahrzehnten [3][rekonstruiert O’Dey Klitoris und Vulva von Frauen],
nicht nur nach FGM/C, sondern auch nach Tumorentfernungen oder
Geburtsverletzungen. Derzeit sucht er ein Krankenhaus, um sein Wissen
weiterzugeben. Unter Mediziner:innen fehlt es daran noch immer. „Es
gehört nicht zum Lehrplan“, sagt er. Es mangelt nicht nur an Detailwissen.
Fatuma Musa Afrah berichtet, dass man in einer Klinik, in der sie
netzwerken wollte, nicht einmal wusste, wovon sie sprach.
Veranstaltungen wie das Netzwerktreffen sollen das ändern – und zugleich
das Gespräch über weibliche Geschlechtsorgane fördern. Bei FGM/C
unterscheidet man vier Typen. O’Dey ärgert sich, wenn Kolleg:innen Typ
eins als „nicht so schlimm“ oder „nur ein bisschen weggeschnitten“ abtun.
„Wahnsinn“, sagt er, es gehe nicht darum, die Verletzungen zu gewichten.
Schon Typ eins sei eine „massive Beeinträchtigung“. Dabei handelt es sich
um die Amputation der Klitoriseichel. Was hier geschieht, nennt O’Dey den
„Verlust einer körperlichen Fähigkeit“. Typ zwei umfasst die Entfernung der
Vulvalippen. Bei Typ drei wird die Wunde zugenäht, Typ vier fügt weitere
Verletzungen hinzu.
Es gibt keinen Konsens, keine medizinische Indikation, sagt O’Dey. Die
Folgen sind Schmerzen beim Urinieren, während der Regelblutung, beim Sex.
Hinzu kommt der seelische Schmerz. Ziel sei es, den Patientinnen ein Stück
Normalität zurückzugeben. Er bekommt viel Applaus.
„Ich habe richtig viel gelernt“, sagt eine Frau im Vorbeigehen zu Fatuma
Musa Afrah und bedankt sich. Das Netzwerken, das Weitergeben von Wissen –
es scheint zu wirken. Fatuma Musa Afrah macht weiter.
12 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Genitalverstuemmelung/!t5013518
(DIR) [2] https://www.instagram.com/united_action_wogi/
(DIR) [3] https://www.aerzteblatt.de/archiv/dan-mon-odey-hilfe-fuer-frauen-nach-genitalverstuemmelung-0c197b0a-a0bb-48c4-8011-fda391681e1a
## AUTOREN
(DIR) Annika Danielmeier
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