# taz.de -- Männer für Frauenrechte: „Ich kann Feminismus nicht leben“
       
       > Autor Patrick van Lier sagt, dass Männer keine Feministen sein können.
       > Umso wichtiger sei es, dass sie sich feministisch positionieren.
       
 (IMG) Bild: Frauen protestieren, vielleicht stehen die Männer derweil am Herd oder räumen auf?
       
       taz: Herr van Lier, sind Sie Feminist? 
       
       Patrick van Lier: Nein. Ich bin ein [1][Mann mit feministischer
       Einstellung]. Feminist*in zu sein, setzt für mich voraus, Teil einer
       marginalisierten Gruppe zu sein. Ich bin der Prototyp eines Profiteurs:
       weiß, groß, gut situiert, ein hetero cis Mann. Ich spüre mit keiner Faser
       meines Lebens irgendwelche Nachteile, nirgendwo, denn ich laufe mit
       maximalem Rückenwind durch die Gegend. Und das kann ich am Ende des Tages,
       egal wie sehr ich mich bemühe, nicht abschütteln. Deshalb kann ich
       Feminismus nicht leben. Ich kann und sollte mich aber trotzdem mit
       Feminismus auseinandersetzen.
       
       taz: Was verlieren Männer durch Feminismus? 
       
       Van Lier: In erster Linie: [2][Privilegien]. Privilegien zu haben,
       bedeutet, immer mit ein bisschen Rückenwind durch die Gegend zu laufen. Das
       sind Machtverhältnisse, die ich bewusst aufgebe oder versuche aufzubrechen.
       Wenn ich nicht mehr über andere Personen um mich herum – meistens
       marginalisierte Gruppen oder Frauen – bestimmen kann, dann verliere ich an
       Macht.
       
       taz: Und was gewinnen Männer durch Feminismus? 
       
       Van Lier: Ich nenne jetzt mal nur ein paar der Dinge: Authentizität,
       Beziehungen auf Augenhöhe, seelische Gesundheit, Rückhalt und vor allem
       Zukunftsfähigkeit. Konservativ sein bedeutet Stillstand. Feminismus ist ein
       gesellschaftliches Thema, das wir alle anpacken müssen, um uns als
       Gesellschaft weiterzuentwickeln. Aber man sollte sich als Mann nicht mit
       Feminismus auseinandersetzen, weil man daraus irgendwelche individuellen
       Vorteile gewinnt. Man sollte es tun, weil es das Richtige ist.
       
       taz: Aber Sie gewinnen doch ganz individuelle Vorteile. Sie haben ein Buch
       geschrieben und verdienen Ihr Geld mit dem Thema. 
       
       Van Lier: Ich weiß, dass ich mit dem, was ich tue, mehr Männer erreiche,
       als eine Frau es je könnte. Gerade auf Instagram gibt es viele
       Creator*innen, die deutlich länger und wissenschaftlich fundierter zu
       Feminismus arbeiten und bei Weitem nicht meine Reichweite haben. Natürlich
       finde ich das doof. Frauen haben es schwerer, in die Position zu kommen,
       damit Geld zu verdienen.
       
       Ich habe diese Themen nicht erfunden, sondern profitiere davon, dass sie
       bereits von Frauen bespielt wurden. Aber ich nutze meine Privilegien, um
       feministische Themen voranzubringen. Natürlich reproduziere ich damit auch
       patriarchale Strukturen. Aber wäre es besser, gar nichts zu machen? Ich
       kann das Patriarchat nutzen, um [3][patriarchale Strukturen] aufzubrechen,
       und das halte ich für nötig.
       
       taz: Und sexistische Männer werden wohl nicht auf eine Frau hören. 
       
       Van Lier: Aber auf einen großen, dicken, bärtigen Mann vielleicht schon. Am
       Ende des Tages wurden wir doch alle in einem patriarchalen System
       sozialisiert. Es liegt an uns allen, festzustellen, dass wir daraus
       ausbrechen können und wollen. Das ist ein großer, langer Prozess. Auch ich
       mache noch immer viele Sachen falsch.
       
       taz: In einer Welt voller [4][Alphamänner], Incels und Datingcoaches: Wie
       bekommt man junge Männer dazu, sich mit Feminismus auseinanderzusetzen?
       
       Van Lier: Viele junge Männer sind sich unsicher über ihre Rolle in der
       Gesellschaft. Die kann man gut abholen, indem man sagt: Hey, du willst
       eigentlich was Gutes tun und glaubst, dass du [5][was Männliches tun
       musst]. Geh nicht den einfachen Weg. Es ist völlig in Ordnung, dass auch
       andere die Dinge dürfen, die du darfst. Es ist nicht leicht zu sagen: Ich
       finde es zwar cool, dass ich Rückenwind habe, aber eigentlich sollte ich
       das nicht cool finden. Zu erkennen, dass ich als Mann mit Vorteilen durch
       die Welt gehe und [6][andere mein Leben mittragen], ist beschämend.
       
       An dem Punkt gibt es zwei Möglichkeiten: Du kannst weitermachen wie bisher,
       oder du gehst mit Haltung durch die Welt. Das fängt schon im Kleinen an:
       Wenn ich mit Freunden zusammensitze und der eine haut wieder einen
       sexistischen Spruch raus, dann darf ich auch mal sagen: [7][Halt’s Maul].
       Es geht hier einfach ganz stumpf um das Richtige.
       
       10 Sep 2026
       
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