# taz.de -- Chronische Migräne: Achtung, Attacke!
       
       > Migräne ist eine der verbreitetsten Erkrankungen auf der Welt, viele
       > haben weit mehr als Kopfschmerzen. Und für manche verändert sie ein
       > Leben.
       
 (IMG) Bild: Caro Sajok ist 21 Jahre alt und hat an 30 von 30 Tagen im Monat Schmerzen
       
       Sie mag nicht, wenn es zu kalt ist, und auch nicht, wenn es zu warm ist.
       Sie hasst Hörsäle, die Hamburger U-Bahn, große Plätze in Städten. Allgemein
       findet sie alle Orte schrecklich, wo es laut und hell ist. Urlaube mag sie
       auch nicht sonderlich, besonders nicht die Vorbereitungen: Wäsche waschen,
       Koffer packen, vor lauter Aufregung nicht schlafen können und schließlich
       losfahren, ohne zu wissen, wie es an dem Ort überhaupt sein wird, an dem
       sie ihre nächsten Tage oder Wochen verbringt.
       
       Also, Caro Sajok selbst mag das schon, sehr sogar. Nur die Krankheit in
       ihrem Kopf kann das alles nicht ausstehen.
       
       Sajok lebt seit ihrer Kindheit mit Kopfschmerzen. Migräne, so schätzt sie,
       hat sie ungefähr, seitdem sie 13 Jahre alt ist. Früher konnte sie die noch
       gut mit Ibuprofen behandeln, mit der Zeit wurden ihre Beschwerden aber
       immer häufiger und intensiver. Eine endgültige Diagnose hat die 21-Jährige
       Lehramtsstudentin an diesem sonnigen Dienstag Ende Juli erst seit knapp
       zwei Wochen. Genauer: seit dem Tag, an dem sie in die Schmerzklinik in Kiel
       kam, die weltweit erste neurologisch-verhaltensmedizinische Klinik für die
       spezialisierte Behandlung von Migräne. 16 Tage lang dauert nun ihr
       stationärer Aufenthalt. Am 13. Tag sitzt sie auf einer von drei Bänken im
       Schatten des Klinikgartens. Von hier aus kann man die Vögel in den
       Baumkronen zwitschern hören und Fähren beobachten, die auf die nur wenige
       hundert Meter entfernte Kieler Förde zusteuern.
       
       Fragt man Caro Sajok nach dem Zeitpunkt ihrer letzten Migräneattacke,
       presst sie ihre Lippen zusammen und lacht kurz in sich hinein. „Heute“,
       antwortet sie. Heute Morgen? „Ja, also, theoretisch jetzt, aber heute
       Morgen auch.“ Sajok hat blond-rot gefärbte Haare, sie trägt ein langes
       gestreiftes Kleid und goldene Ringe an ihren Fingern. Ihre Stimme ist
       leise, und doch wirkt sie bei allem, was sie sagt, selbstsicher, als könnte
       sie von nichts aus der Ruhe gebracht werden. So auch, als sie erklärt,
       warum sie über die Frage ein bisschen lachen muss: „Ich kann nicht wirklich
       sagen, wann eine Attacke anfängt oder endet, weil ich an jedem Tag im Monat
       Schmerzen habe.“
       
       ## Chronische Migräne bei mehr als 15 Schmerztagen
       
       Migräne zählt weltweit zu den verbreitetsten Erkrankungen, [1][aktuelle
       Studien gehen von 1,2 Milliarden Betroffenen aus]. Allein in Deutschland
       sind laut Expert*innen täglich etwa 900.000 Menschen betroffen. Davon
       haben schätzungsweise 100.000 so schwere Symptome, dass sie hinter
       geschlossenen Gardinen im Bett oder auf dem Fußboden ihres Badezimmers
       liegen, unfähig sich zu bewegen. [2][Etwa 2 Prozent der Weltbevölkerung
       leidet unter chronischer Migräne]. Chronisch ist eine Migräne dann, wenn
       über drei Monate an mehr als 15 Tagen pro Monat Schmerzen auftreten.
       
       Wenn Migränebetroffene von Attacken sprechen, meinen viele weit mehr als
       Kopfschmerzen. Die Wissenschaft unterscheidet zwischen verschiedenen Phasen
       einer Attacke: der Vorphase, die etwa jede*r dritte Betroffene spürt. Sie
       kann mit Müdigkeit, Reizbarkeit oder Heißhunger auftreten, aber auch mit
       ungewöhnlich hoher Motivation und Kreativität. Bei rund 10 Prozent der
       Betroffenen folgt eine sogenannte Auraphase mit vorübergehenden Seh- und
       Sprachstörungen bis hin zu kompletten Gesichtsfeldausfällen. In der Regel
       ist sie nach 20 bis 30 Minuten wieder vorbei.
       
       Die eigentlichen Kopfschmerzen dauern schließlich 4 bis 72 Stunden und
       werden häufig von Appetitlosigkeit und einer Überempfindlichkeit gegenüber
       Reizen begleitet. Viele Betroffene beschreiben sie als pulsierend, hämmernd
       oder pochend. Typischerweise gehen die Schmerzen von einer Seite aus,
       fangen um ein Auge herum oder im Schläfenbereich an und breiten sich über
       Stunden auf andere Bereiche des Kopfs und Körpers aus. Dieser Prozess hat
       der Erkrankung mit hoher Wahrscheinlichkeit ihren Namen gegeben: migrare
       heißt übersetzt wandern. Die Migräne wandert umher.
       
       Bei Caro Sajok kommen die Schmerzen mal von links, mal von rechts, mal von
       vorne oder hinten, häufig kommen sie von allen Seiten gleichzeitig. Ein
       bisschen so wie siegessichere Wikinger, die dabei sind eine Festung zu
       erobern. Im Vollsprint laufen sie auf ihren Kopf zu, bewaffnet mit Pfeil
       und Bogen, Messern, Schwertern und Speeren. Sie marschieren ein, verwüsten
       alles, hauen und stechen in jeden Winkel. „Ab ins Bett, oder ich schieße!“,
       schreien sie Caro Sajok an. Sie ergibt sich immer.
       
       Ob Licht, Geräusche, Gerüche oder Berührungen, Sajok ist in solchen
       Momenten alles zu viel. Häufig ist das Einzige, was hilft, Ruhe und
       Dunkelheit. „Manchmal, wenn ich starke Schmerzen habe, rede ich auch ganz
       viel Blödsinn. Die Worte kommen gar nicht richtig aus meinem Mund raus, so
       wie ich es will“, sagt sie. Unterwegs hat sie immer eine Sonnenbrille und
       Ohrstöpsel dabei, außerdem Tiger Balm, den sie im Klinikgarten aus ihrer
       halbmondförmigen Handtasche kramt. „Das kühlt ein bisschen, und ich nehme
       andere Gerüche nicht mehr so wahr“, sagt sie, während sie sich die Salbe
       auf ihre Schläfe und ein bisschen unter die Nase reibt. Nach ihren Attacken
       sei sie meistens sehr müde.
       
       ## Warmes Licht, Smartphones verboten
       
       30 Schmerztage im Monat: So steht es auch in ihrer Patientinnenakte, die
       Hartmut Göbel in seinem Büro aufbewahrt. Er ist Gründer, ärztlicher
       Direktor und seit 2005 Geschäftsführer der Kieler Schmerzklinik. Auch von
       Göbels Schreibtisch aus kann man die Fähren beobachten. Dreht man sich um,
       schaut man auf ein mehrere Meter hohes und breites Regal voller Bücher. Die
       meisten tragen „Kopfschmerzen“, „Headache“ oder „Migraine“ im Namen.
       
       Mit diesen Begriffen kennt sich der 68-Jährige aus wie kaum ein anderer in
       Deutschland. Von 1989 an baute der Neurologe und Psychologe eine Ambulanz
       für Migräne und andere Kopfschmerzarten an der Uni Kiel auf. 1992 legte er
       [3][durch eine große Bevölkerungsstudie] die Häufigkeit von Migräne in
       Deutschland offen. 1997 gründete er in Kooperation mit der AOK
       Schleswig-Holstein und der Universität Kiel die Schmerzklinik. 2014 wurde
       sie vom Krankenhausbedarfsplan in die Regelversorgung aufgenommen.
       
       Alles hier richtet sich an den Bedürfnissen von Menschen mit Migräne aus:
       Die Wände sind speziell gedämmt, es gibt kein typisches klinisches Licht,
       im Speisesaal sind Smartphones verboten. Patient*innen besuchen
       Schmerzbewältigungstrainings, Sport- und Entspannungskurse sowie
       Therapiesitzungen.
       
       Wegen ihrer Komplexität und Vielseitigkeit sei Migräne in der Wissenschaft
       auch als Enzyklopädie der Neurologie bekannt, erklärt Göbel. „Das Denken,
       Fühlen, die Konzentration, das Gedächtnis, alles wird in Mitleidenschaft
       gezogen.“ Kaum eine Erkrankung sei so behindernd und so unsichtbar
       zugleich. „Menschen brechen sich die Seele aus ihrem Körper und sehen am
       nächsten Tag aus wie das strahlende Leben“, so Göbel. Wer nicht von seiner
       Erkrankung erzählt, wird nicht als krank wahrgenommen – Migräne gleiche
       einer „verborgenen Epidemie“.
       
       Karl Marx, Marie Curie, Serena Williams, Thomas Mann, [4][Heidi Reichinnek]
       – sie alle waren und sind von Migräne betroffen. Lange Zeit galt die
       Erkrankung als Ausrede, so mancher ist noch heute davon überzeugt,
       Betroffene seien Hypochonder oder wollen sich vor der Arbeit drücken. Erich
       Kästner bedient das Vorurteil in seinem Buch „Pünktchen und Anton“: „Nach
       dem Mittagessen kriegte Frau Direktor Pogge Migräne. Migräne sind
       Kopfschmerzen, auch wenn man gar keine hat.“
       
       ## Auch hormonelle Faktoren spielen eine Rolle
       
       Kopfschmerzen, die angeblich gar keine sind: Besonders häufig betreffen sie
       junge Frauen. Dafür verantwortlich [5][sind wissenschaftlichen Hinweisen
       zufolge auch hormonelle Veränderungen], vor allem Schwankungen des
       Östrogenspiegels. Tritt Migräne vor der Pubertät bei Jungen wie Mädchen
       gleichermaßen auf, steigt die Häufigkeit bei Frauen während der Pubertät
       deutlich an. Im Erwachsenenalter sind sie drei- bis viermal häufiger
       betroffen. Auch erleben viele Frauen Migräneattacken rund um ihre
       Menstruation. Während der Schwangerschaft, wenn Hormone über längere Zeit
       stabil sind, verbessert sich ihr Zustand häufig.
       
       Haben die einen nur wenige Attacken pro Jahr – man spricht in diesem Fall
       von episodischer Migräne –, ist bei anderen die Lebensqualität massiv
       eingeschränkt. Häufig verändert sich die Intensität und Frequenz einer
       Migräne über die Zeit, eine episodische Migräne kann phasenweise zu einer
       chronischen werden, oder andersherum. [6][Das Risiko für Angststörungen ist
       bei chronischen Migränepatient*innen laut Studien siebenmal höher
       als bei gesunden Menschen], das für Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
       Herzinfarkte und Schlaganfälle ist ebenfalls deutlich erhöht. 20 bis 25
       Prozent aller Patient*innen leiden unter Depressionen.
       
       Auch die Weltgesundheitsorganisation stuft Migräne [7][als eine der am
       stärksten beeinträchtigenden Erkrankungen für Menschen unter 50 Jahren
       ein]. Für schwere Verläufe sieht die deutsche Versorgungsmedizin-Verordnung
       einen Grad der Behinderung von 50 bis 60 von maximal 100 vor. Etwa 32
       Millionen Arbeitstage gehen laut Studien durch die Erkrankung in
       Deutschland verloren. Dazu kommen erhebliche Verluste durch unbezahlte
       Carearbeit oder in der Pflege von Angehörigen.
       
       Aufrecht sitzt Frieda Oliva auf dem geräumigen Sofa in Hartmut Göbels Büro
       und rechnet. Würde sie an jedem Tag, an dem sie mit Schmerzen aufwacht,
       zuhause bleiben, hätte sie in den vergangenen Monaten im Schnitt 11
       Krankheitstage pro Monat gehabt, schätzt sie. Auch am Wochenende habe sie
       häufig so starke Schmerzen, dass sie nicht vor die Tür gehen kann. Trotzdem
       sei sie mit ihrer Erkrankung an der Eltern-Kind-Kurklinik in Cuxhaven, wo
       die 29-Jährige seit vergangenem Jahr als Sozialpädagogin arbeitet, kaum
       aufgefallen. Bis zu ihrem Klinikaufenthalt in Kiel. Das sei schon in der
       Schule und im Studium so gewesen: „Irgendwie rocke ich trotzdem immer
       meinen Alltag, obwohl es mir eigentlich nicht gut geht.“
       
       Seit sie denken kann, erinnert sich Oliva an Schmerzen, erzählt sie. Lange
       habe sie gedacht, das sei normal. Ärzt*innen hätten ihre Beschwerden
       immer wieder abgetan und ihr Medikamente mit teils starken Nebenwirkungen
       verschrieben – bis sie vor rund fünf Jahren ihre Diagnose erhielt. Trotz
       Migränemedikamenten seien ihre Beschwerden aktuell so stark wie nie.
       Ibuprofen wirke bei ihr „wie Smarties“, erzählt sie. Zu ihren Kopfschmerzen
       kommen häufig Schwindel, Übelkeit, ein Kribbeln in Armen und Beinen, Seh-
       und Wortfindungsstörungen, starke Müdigkeit und gleichzeitiges Herzrasen.
       Vom Aufenthalt in der Schmerzklinik erhoffe sie sich vor allem Tipps, wie
       ihre Psyche das alles besser aushalten kann.
       
       Oliva, die ihre Haare kurz und ihre Kleidung weit trägt, beschreibt sich
       als lebendigen, lebensfrohen Menschen. Wenn sie aber über die emotionalen
       Auswirkungen ihrer Erkrankung sprechen soll, rollt sie ihre Schultern ein,
       nimmt die Brille ab und wischt sich Tränen aus dem Gesicht. „Ich habe oft
       das Gefühl, meine Krankheit nimmt mir mein Leben“, sagt sie. Dankbar sei
       sie vor allem für ihre Partnerin, die immer da sei, sie halte und für sie
       sorge, wenn sie selbst es nicht kann. „Ich packe sie regelmäßig und sage,
       oh Gott, bin ich nicht die schlimmste Belastung überhaupt?“
       
       ## Für Diagnose müssen Ärzt*innen vier Fragen stellen
       
       Caro Sajok und Frieda Oliva seien typische Patientinnen mit typischem
       Krankheitsverlauf, sagt Hartmut Göbel. Damit meint er auch, dass bei beiden
       etliche Jahre ohne Diagnose und ärztliche Hilfe vergangen sind. „Es gibt
       viele Frauen, die rennen Jahrzehnte von Arzt zu Arzt, und niemand kann
       ihnen sagen, was sie haben“, so Göbel. Aber ist die Diagnose wirklich so
       kompliziert?
       
       Eigentlich nicht, könnte man beim Blick in die [8][Internationale
       Kopfschmerzklassifikation (ICHD-3)] meinen, die 2018 in ihrer dritten
       Auflage erschien. Seit 1988 gilt sie weltweit als Standardwerk für
       Kopfschmerzdiagnosen, viele Formen und Ursachen sind über die Jahre
       hinzugekommen.
       
       Um Migräne ohne Aura, also die häufigste Migräneform zu diagnostizieren und
       von anderen weit verbreiteten Kopfschmerzformen wie Spannungskopfschmerzen
       abzugrenzen, heißt es dort: Ist der Kopfschmerz einseitig? Fühlt er sich
       pulsierend an? Ist die Schmerzintensität mittel oder stark? Verstärkt sich
       der Schmerz durch körperliche Aktivitäten? Für eine Diagnose müssen
       Betroffene mindestens fünf Attacken erlebt haben, die 4 bis 72 Stunden
       anhielten, und mindestens zwei dieser Fragen mit einem Ja beantworten
       können. Auch Licht- und Lärmüberempfindlichkeit oder Übelkeit müssen eine
       Rolle spielen.
       
       Was eine eindeutige Diagnose allerdings in vielen Fällen erschwert: Mehrere
       der fast 400 erfassten Arten von Migräne und Kopfschmerzen können
       gleichzeitig oder hintereinander auftreten. Auch kann, wer häufig
       Schmerzmittel einnimmt, einen sogenannten Übergebrauchskopfschmerz
       bekommen. Dabei kommt es zu Veränderungen im Gehirn, Attacken häufen sich,
       Mittel werden wirkungslos. Viele Betroffene können keine präzisen Angaben
       zu ihrem Schmerzverlauf machen, weil in ihrem Kopf alles miteinander
       verschwimmt.
       
       Auch kein Röntgen- oder MRT-Gerät kommt zu einem abschließenden Ergebnis,
       ebenso wird man durch die Linse eines hochprofessionellen Labormikroskops
       vergeblich nach Indikatoren für die Erkrankung suchen. Für eine Diagnose
       unbedingt notwendig ist also eine Ressource, die im medizinischen Alltag
       oft begrenzt ist: Zeit. „Ich muss zum Äußersten der Medizin greifen“, sagt
       Göbel mit leicht ironischem Unterton: „Ich muss wohl oder übel mit den
       Menschen sprechen.“
       
       Als Caro Sajok zum ersten Mal wegen ihren Beschwerden ärztliche Hilfe
       suchte, war sie 14 Jahre alt. Migräne liegt bei ihr in der Familie, auch
       ihre Mutter leidet daran. Mindestens zehn verschiedene Ärzt*innen hätten
       sie über die Jahre besucht, auch ein Neurologe konnte nicht helfen. „Er hat
       mir gar nicht richtig zugehört, hat mich im Prinzip direkt wieder
       rausgeschmissen, als er gehört hat, dass es um Kopfschmerzen geht“,
       erinnert sie sich. „Nehmen Sie doch mal eine Ibu“, rieten Sajok andere und
       empfahlen ihr Wärme im Nacken und Magnesium. Dass sie aufgrund ihres
       Geschlechts diskriminiert wurde, daran will Sajok nicht glauben.
       
       Teil des Diagnoseproblems ist, dass Ärzt*innen, die Menschen mit Migräne
       typischerweise aufsuchen, teils fundamental unterschiedliche Konzepte
       haben, um Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Sehstörungen zu
       klassifizieren und zu behandeln. Allgemeinärzt*innen etwa verschreiben
       Physiotherapie, Augenärzt*innen eine Brille, Orthopäd*innen
       versuchen die Halswirbelsäule einzurenken, Internist*innen behandeln
       den Blutdruck und Frauenärzt*innen empfehlen die Pille.
       
       Alles vergebens, denn Migräne wird, so sehr Betroffene es sich wünschen,
       nicht durch andere Ursachen bedingt. Sie ist die Erkrankung selbst.
       
       ## Das Nichtstun hält sich bis heute als Therapieform
       
       Lange war man da anderer Meinung: In der Antike zum Beispiel ging man davon
       aus, dass böse Geister die Kopfschmerzen auslösen. Knochenfunde zeigen,
       dass Menschen versuchten, diese durch Bohrungen in den Schädel zu befreien,
       ähnlich einer Kaminöffnung im Hausdach. Bei einer anderen Operation
       durchtrennte man den Zornesfaltenmuskel zwischen den Augenbrauen, um für
       mehr Entspannung zu sorgen. Auch legte man Patient*innen nach
       Überlieferungen Gegenstände und sogar Tiere auf den Kopf oder die Stirn,
       die sie zur Ruhe zwingen sollten.
       
       Das erzwungene Nichtstun hält sich bis heute als Therapieform. Denn was
       Migränegehirne besonders macht, ist ihre hohe Empfindlichkeit. Sie
       reagieren früher und schneller auf Reize und gewöhnen sich weniger an sie.
       Der Vorteil hiervon: Sie sind tendenziell aufmerksamer und feinfühliger als
       andere. Der Nachteil: Ihr Nervensystem steht ständig unter Hochspannung.
       „Wenn ich ein eher langsames Gehirn habe, viele Dinge um mich herum nicht
       mitkriege und mir vieles egal ist, dann kriege ich keine Migräne“, sagt
       Göbel. Und mit einem Augenzwinkern: „Vielleicht erklärt sich so auch, warum
       Männer nicht so häufig betroffen sind wie Frauen.“
       
       Bis heute ist nicht abschließend geklärt, warum die Gehirne von
       Migränepatient*innen offenbar anders und in mancher Hinsicht sogar
       besser funktionieren. [9][In der bislang größten Migränestudie mit mehreren
       hundert Proband*innen] machen Forschende die Gene verantwortlich. Die
       Hypothese: Genetisch bedingt verarbeitet das Nervensystem von Betroffenen
       Reize besonders intensiv, wofür es viel Energie benötigt. Kann die nicht
       ausreichend geliefert werden, erweitert das Gehirn mithilfe eines
       Botenstoffs seine Blutgefäße, damit mehr Sauerstoff und Kohlenhydrate zu
       den Nervenzellen gelangt. Dadurch werden die Zellen schmerzempfindlicher
       und lösen Entzündungsreaktionen aus. Das Gehirn versucht sich zu helfen –
       aber setzt sich dabei selbst schachmatt.
       
       Entsteht das Energiedefizit besonders schnell, gerät auch die
       Informationsverarbeitung im Gehirn ins Stocken. Betroffen ist die Sehrinde,
       die sehr hungrig nach Energie ist, hungriger noch als die Leber, das Herz
       oder die Lunge. Ausdruck ihrer Überforderung und Unterversorgung ist die
       Aura: Vor den Augen von Betroffenen beginnt es dann zu flimmern oder
       flackern, es erscheinen Zickzacklinien oder blinde Flecken. Manchen wird
       schwindelig. Körperteile fangen an zu kribbeln. Bei anderen verzerrt sich
       der Raum und auch das eigene Körperbild. Sie denken dann, sie hätten eine
       schmalere Taille oder ihr Arm zöge sich aus wie eine alte Radioantenne. Die
       Wissenschaft spricht von Alice-im-Wunderland-Symptomen.
       
       Wie laut und häufig das Gehirn nach Energie schreit und schmerzt, kommt
       auch auf äußere Faktoren, [10][sogenannte Trigger] an. Das Wort Trigger
       leitet sich aus der früheren Vorstellung ab, dass es bestimmte Auslöser für
       Migräne gibt. Dabei wirken Trigger in manchen Situationen und in anderen
       nicht. Selbst wer penibel darauf achtet, sich nicht zu vielen Reizen
       auszusetzen, regelmäßig zu essen, zu trinken und zu schlafen, kann Migräne
       bekommen. Attacken werden nur wahrscheinlicher, verbraucht der Körper zu
       viele seiner Ressourcen – Kohlenhydrate, Wasser, Sauerstoff – auf einmal.
       
       So ziemlich alles, was Anstrengung für ihren Kopf und Körper bedeutet,
       lässt Caro Sajok lieber bleiben. Lange hat sie Badminton gespielt und
       Anfang des Jahres angefangen zu joggen. „Mein Freund geht joggen, und ich
       dachte, das wäre ja eigentlich ganz cool, das zusammen zu machen. Aber
       jedes Mal danach ging es mir wirklich ganz, ganz schlimm.“ Auch Lesen sei
       für sie oft zu anstrengend, lieber lasse sie sich von einer Serie oder von
       Influencer*innen in ihrem Tiktok-Feed berieseln. „Was natürlich auch
       nicht gut ist, aber es ist halt Ablenkung, ich nehme meine Schmerzen so
       weniger wahr.“
       
       Auf der Liste möglicher Migränetrigger [11][steht Stress auf dem ersten
       Platz, gefolgt von Angst]. Viele Betroffene leiden mehr unter der Angst vor
       der nächsten Attacke als unter dem Schmerz selbst. Auch Alkohol oder
       Wetterumschwünge werden oft als Auslöser genannt. Dabei ist weder der
       Alkohol noch das Wetter an sich das Problem, sondern die abrupte Umstellung
       des Körpers auf eine neue Situation. Alles, was zu schnell kommt, bringt
       ihn aus dem Rhythmus. Wer viel Alkohol konsumiert, nimmt nicht mehr die
       Kohlenhydrate zu sich, die einem Energiedefizit vorbeugen könnten, und
       schläft vielleicht schlechter. Und in Wochen, in denen die Temperaturen
       zwischen 15 und 35 Grad schwanken, in denen schon gesunde Menschen über
       ihren Kreislauf klagen, reagieren Migränegehirne über.
       
       Weniger als die Hälfte der Migränebetroffenen sucht [12][nach Angaben des
       Robert-Koch-Instituts] ärztliche Hilfe auf, [13][nur etwa 10 Prozent
       erhalten laut Studien eine leitliniengerechte Behandlung]. Expert*innen
       begründen das unter anderem damit, dass ihre Beschwerden bagatellisiert
       werden. Eine weitere Rolle spielt, dass häufig die Mütter, Väter oder
       Freund*innen von Betroffenen ebenfalls an Kopfschmerzen leiden und
       Betroffene so das Gefühl bekommen, sie müssten sich selbst therapieren oder
       ihre Schmerzen aushalten – so wie die anderen.
       
       ## Triptane gelten als wirksamste Akutmedikamente
       
       Dabei hat die Kopfschmerzforschung in den vergangenen Jahren enorme
       Fortschritte gemacht. Neue Erkenntnisse zu den Entstehungsmechanismen der
       Migräne haben auch die Therapie revolutioniert.
       
       Erst seit Anfang der 1990er-Jahre können Betroffene ihre Beschwerden
       gezielt mit Migränemedikamenten bekämpfen. Triptane gelten bis heute als
       die wirksamsten Mittel zur Akutbehandlung, je früher man sie in einer
       Attacke einnimmt, desto schneller und effektiver wirken sie in der Regel.
       Nach heutigen Erkenntnissen hemmen sie die Freisetzung von CGRP, jenem
       Botenstoff, den die Nervenfasern im Gehirn bei einer Attacke massenhaft
       freisetzen. Für die Prophylaxe wurden in den vergangenen Jahren spezifische
       Antikörper entwickelt, die sich Betroffene etwa alle vier Wochen unter die
       Haut spritzen. Erenumab wurde 2018 als erster von vier Antikörpern in
       Deutschland zugelassen. Seit 2025 gibt es zudem sogenannte Gepante,
       Tabletten, die den CGRP-Rezeptor blockieren und sowohl akut als auch
       vorbeugend eingesetzt werden können.
       
       Doch bislang gibt es keine Therapie, die allen Betroffenen hilft. Selbst
       die Antikörper [14][wirken nur bei bis zu 60 Prozent der
       Patient*innen]. Die Wissenschaft geht deshalb davon aus, dass nicht
       allein das Eiweiß CGRP für die Entzündungsreaktionen im Gehirn
       verantwortlich sein kann, und forscht aktuell an anderen Botenstoffen.
       Ergänzend zu Medikamenten empfehlen Leitlinien auch nicht medikamentöse
       Verfahren wie Ausdauersport und Entspannungstechniken.
       
       Ann-Christin Hoeltje will die Tablette, die ihr Leben vor Kurzem verändert
       hat, nicht als Wundermittel bezeichnen. Denn seitdem ihre Migräne 2024 nach
       der Geburt ihres zweiten Kinds chronisch wurde, habe sie an
       „verschiedensten Stellschrauben gedreht“: Sie schläft und isst
       regelmäßiger, sie versucht, Stress zu reduzieren. Das erzählt sie während
       einer Fußpflegebehandlung am Telefon. Auch hat sie sich ein
       Neuromodulationsgerät gekauft, das vielen Betroffenen bei Attacken hilft,
       weil es Nerven an der Stirn oder am Oberarm mit schwachen elektrischen
       Impulsen stimuliert.
       
       All das habe dazu beigetragen, die Intensität ihrer Attacken zu lindern, da
       ist sich die 36-Jährige sicher. Medikamente wurden ihr verschrieben, sagt
       sie, hätten bei ihr allerdings entweder nichts gebracht oder Nebenwirkungen
       hervorgerufen. Früher habe sie Triptane ausprobiert, vor zwei Jahren dann
       mit Betablockern angefangen, die die Wirkung des Stresshormons Adrenalin
       hemmen, es folgte das Antidepressivum Amitriptylin, bis ihr schließlich
       Antikörper und zuletzt Botox gespritzt wurden, eine weitere vorbeugende
       Maßnahme zur Behandlung chronischer Migräne.
       
       ## Medikamente ja nicht zu spät einnehmen
       
       Die Lösung für Ann-Christin Hoeltje hieß schließlich Atogepant. Wie gut das
       Medikament, das sie seit Anfang Mai täglich einnimmt, bei ihr wirkt, das
       kann Hoeltje selbst kaum glauben. Im Dezember 2025 hatte sie noch 22
       Attacken in ihrem Kalender dokumentiert, von Januar bis April waren es
       jeweils 16. Im Mai dann 6. Im Juni eine. Im Juli 12, aber eher milde. „Das
       ist nichts im Vergleich dazu, von wo ich komme“, sagt sie. Eine ihrer
       wichtigsten Erkenntnisse aus den vergangenen Jahren sei, Medikamente nicht
       zu spät oder nur im Notfall einzunehmen. „Bei Migräne ist das Aushalten
       leider der größte Fehler, den du machen kannst.“
       
       Über all diese Fortschritte und generelle Fragen zum Thema Migräne klärt
       die Hamburgerin auch die fast 40.000 Menschen auf ihrem Instagramkanal
       „[15][Migräne: du Arsch!]“ auf. Die Resonanz von Betroffenen auf ihre
       Videos, die sie seitdem von sich dreht, überwältigen sie bis heute, erzählt
       sie. „Das ist mein größter Ansporn.“
       
       Dagny Holle-Lee, Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz- und
       Schwindelzentrums in Essen, [16][setzt ebenfalls seit Jahren auf Aufklärung
       über die sozialen Medien]. Auf ihren Kanälen „Migräne Doc“ beantwortet sie
       fast täglich Fragen aus der Community, rund 80.000 Menschen folgen ihr
       inzwischen. Betroffene tauschen sich in den Kommentarspalten über ihre
       Erfahrungen und Behandlungsmöglichkeiten aus und zeigen sich solidarisch
       miteinander. Und sie sind gemeinsam wütend.
       
       Die geplante Gesundheitsreform der Bundesregierung gibt ihnen gute Gründe
       dafür. [17][Künftig soll schon ab dem ersten Krankheitstag eine
       Attestpflicht gelten], heißt es dort, die telefonische Krankschreibung soll
       entfallen. Dabei reicht für Menschen mit Migräne, wie auch für Betroffene
       vieler anderer chronischer Erkrankungen, häufig ein Tag, um ihre
       Beschwerden mit Ruhe und viel Schlaf wieder in den Griff zu bekommen. „Wenn
       man mit einer Migräneattacke noch zum Arzt gehen könnte, um sich
       krankschreiben zu lassen, bräuchte man die Krankschreibung vermutlich gar
       nicht“, sagt Holle-Lee.
       
       Wenn Caro Sajok sich anstrengt, etwa ihre Zähne zusammenbeißt oder ihren
       Nacken versteift, zieht der Smiley auf dem Bildschirm vor ihr seine
       Mundwinkel weit nach unten. Sie sitzt in einem kleinen Besprechungsraum, an
       ihrer Stirn kleben runde Messfühler, die ihre Muskelspannung ermitteln.
       Hinter ihr steht ihre Psychologin Tessa Ladwig. Biofeedback wird der
       Tagespunkt an diesem Nachmittag genannt. „Ziel ist das bewusste An- und
       Entspannen, aus Gedankenkreisläufen rauszukommen. Migräneschmerzen sind
       noch viel schwieriger auszuhalten, wenn eine Anspannung dazukommt“, erklärt
       Ladwig.
       
       Einige Wochen nach ihrem Klinikaufenthalt in Kiel sagt Frieda Oliva in
       einer Sprachnachricht, dass sie mit einer veränderten Haltung
       zurückgekommen sei, sich selbst und ihrer Erkrankung gegenüber. „Dafür bin
       ich sehr dankbar.“ Ihr Zustand sei aber noch immer unverändert schlimm. So
       schlimm, dass sie ihren Job aufgeben musste. Die Rahmenbedingungen bei der
       Arbeit hätten die Attacken extrem angefeuert. Wie es jetzt weitergeht, weiß
       sie nicht. „Aber ich hoffe sehr, dass ich Beruf und Migräne irgendwie
       vereinbart bekomme.“
       
       Caro Sajok wurde inzwischen medizinisch eingestellt, schon zweimal habe sie
       die Antikörperspritze bekommen, die bislang noch keine große Wirkung zeige.
       Ein paar mehr schmerzfreie Stunden seien ihr Ziel, aber sie wolle noch so
       viel mehr als das: ihr Studium erfolgreich abschließen und generell mehr
       Dinge machen können, ohne ständig überlegen zu müssen, ob ihre Erkrankung
       sie zulässt.
       
       „Ich werde mich nicht so einschränken lassen“, sagt sie. „Das ist eine
       Entscheidung, die ich getroffen habe, und das ziehe ich jetzt durch.“
       
       11 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12629824/
 (DIR) [2] https://journals.sagepub.com/doi/10.1111/j.1468-2982.2009.01941.x
 (DIR) [3] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18415393/
 (DIR) [4] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/die-linke-heidi-reichinnek-berichtet-ueber-ihr-leben-mit-migraene-a-77bde79c-26a1-4520-9ed5-8126e71aff11
 (DIR) [5] https://americanmigrainefoundation.org/resource-library/hormonal-menstrual-migraine/
 (DIR) [6] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41265764/
 (DIR) [7] https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/headache-disorders
 (DIR) [8] https://ichd-3.org/de/
 (DIR) [9] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5331903/
 (DIR) [10] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28825314/
 (DIR) [11] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10112828/
 (DIR) [12] https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Journal-of-Health-Monitoring/GBEDownloadsJ/JoHM_S6_2020_Migraene_Spannungskopfschmerz.html
 (DIR) [13] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11334511/
 (DIR) [14] https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1709038
 (DIR) [15] https://www.instagram.com/migraene_du.arsch/?hl=de
 (DIR) [16] https://www.instagram.com/migraene_doc/?hl=de
 (DIR) [17] /Krankschreibung-ab-dem-ersten-Tag/!6194326
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Federl
       
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