# taz.de -- Schweden vor der Wahl: Rauer Ton im hohen Norden
> Am Sonntag wählt Schweden und kann sich für links oder rechts
> entscheiden. Gesundheitssystem, Wirtschaft und Arbeitslosigkeit
> dominierten den Wahlkampf.
(IMG) Bild: Wer macht das Rennen? Jimmie Åkesson, SD-Parteiführer (l.), oder Magdalena Andersson, Parteivorsitzende der Sozialdemokraten (r.)?
Rechts oder links? Am Sonntag wählt Schweden ein neues Parlament. Die
Frage, welche Seite gewinnt, ist besonders brisant, seitdem „rechts“ in
Schweden nicht mehr nur für klassisch-konservativ steht, sondern die
Schwedendemokraten mit einschließt. Die Rechtspopulisten könnten nach ihrem
bereits 2022 erfolgten Vorrücken [1][ins politische Machtzentrum] nun
erstmals auch eigene Minister stellen.
Bislang standen sie noch an der Seitenlinie, hatten als offizieller
Mehrheitsbeschaffer für die Regierung aber bereits starken Einfluss auf
deren Politik. Der Name Tidö-Regierung verweist auf den Ort, an dem diese
Zusammenarbeit ausgehandelt wurde. Angeführt wird sie von den Moderaten des
Ministerpräsidenten Ulf Kristersson, in einer Koalition mit Liberalen und
Christdemokraten.
Nach vier Jahren schien der Opposition, mit Magdalena Anderssons
Sozialdemokraten an der Spitze, die Rückkehr an die Macht sicher. Doch im
Endspurt des Wahlkampfs schrumpfte der Vorsprung des Mitte-Links-Blocks von
zeitweise zweistelligen Prozentzahlen immer weiter. Laut der jüngsten
Umfrage im Auftrag des schwedischen Rundfunks SR liegt das rechte Spektrum
nur noch 3,2 Prozent zurück. Demnach kommen die Tidö-Parteien zusammen auf
47,6 Prozent, die rot-grüne Seite mit Sozialdemokraten, Zentrumspartei,
Grünen und Linkspartei zusammen auf 50,8 Prozent.
## „Recht und Ordnung“
Einigkeit über den richtigen Umgang mit einem Sieg herrscht auf dieser
Seite allerdings nicht – mit der Linkspartei wollen die Sozialdemokraten
eigentlich auch weiterhin nicht regieren. Es wird über Möglichkeiten in der
Mitte spekuliert. Mit knapp 29 Prozent sind die Sozialdemokraten immer noch
größte Partei in Schweden. [2][Zweitstärkste Kraft sind mit rund 20 Prozent
längst die Schwedendemokraten], zu denen viele ehemalige Sozi-Wähler
gewechselt sind.
Die Tidö-Regierung war 2022 mit dem Ziel angetreten, mit der
Bandenkriminalität aufzuräumen – „Recht und Ordnung“ ist das Schlagwort.
Zugleich wurde das Problem immer wieder direkt mit der migrantischen
Bevölkerung in Verbindung gebracht. Das zweite große Ziel war, auch in der
Migrationspolitik „aufzuräumen“.
Die Zahl der Morde durch organisierte Kriminalität ist während der
Mandatsperiode zurückgegangen. Kriminologen sehen tatsächlich in der
verbesserten Polizeiarbeit den entscheidenden Faktor und weniger bei
gesetzgeberischen Maßnahmen wie deutlich härteren Strafen. Dass kriminelle
Ausländer ausgewiesen werden sollen, ist im Land kein Streitthema. [3][Auch
darüber, dass Schweden nicht zurückkehren sollte zu seiner früher sehr
großzügigen Aufnahmepolitik,] herrscht weitgehend Konsens.
Aber die Tidö-Migrationspolitik hatte weitreichendere Folgen. In
Kombination führten mehrere Gesetzesänderungen dazu, dass viele längst
integrierte und arbeitende Menschen plötzlich ihre Aufenthaltserlaubnis
verloren. Kritiker warnen, dass es den Schwedendemokraten im Prinzip darum
gehe, so viele „nicht-ethnische“ Schweden wie möglich loszuwerden. Und
davor, dass sie immer radikaler werden würden, je mehr Macht sie bekämen.
## „Schweden wäre ein völlig anderes Land“
Im Fall eines Wahlsieges des rechten Blocks fordert SD-Parteiführer Jimmie
Åkesson mindestens zwölf Ministerposten. Für einen Teil der Gesellschaft
ist es das Hauptthema, dass dies verhindert wird. In den sozialen Medien
meldeten sich jetzt in den Tagen vor der Wahl viele Kulturschaffende zu
Wort und erinnerten daran, dass die Schwedendemokraten immer wieder
Journalisten verunglimpften, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schrumpfen
wollten und wissenschaftliche Erkenntnisse als Meinungen abfertigten.
Oppositionsführerin Magdalena Andersson spricht davon, dass Schweden ein
völlig anderes Land wäre, sollten die Schwedendemokraten – „eine
rechtsextreme Partei, die von Neonazis gegründet wurde“, die nächste
Regierung dominieren. In der Bevölkerung stehen das Gesundheitssystem und
die schwedische Wirtschaft weit oben auf der Liste der wichtigsten
Wahlthemen. Die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, ist der aktuellen Regierung
nicht geglückt, aber dafür hat sie die Benzinpreise gesenkt.
Es wird in diesen Wochen in Schweden viel über den rauen Ton geklagt, der
auch die scheinbar unendlich vielen parteipolitischen Fernsehdebatten
prägt. Für viele ein weiterer Grund, den Wahltag herbeizusehnen. Ganz nach
dem Motto: Dann ist das endlich erledigt und man kann wieder über etwas
anderes sprechen. Die Wahllokale sind am Sonntag von 8 bis 20 Uhr geöffnet.
Neben dem Parlament werden am Sonntag auch die politischen Führungen der
Regionen und der Kommunen neugewählt.
12 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anne Diekhoff
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