# taz.de -- Parlamentswahl in Schweden: Knappe Kiste, Ausgang ungewiss
       
       > Schwedens rot-grüne Opposition liegt nach der Parlamentswahl
       > voraussichtlich vorne. Doch ob daraus eine neue Regierung wird, ist
       > völlig offen.
       
 (IMG) Bild: Trüber Blick für Rechtspopulisten: Die Schwedendemokraten, hier Vorsitzender Jimmie Åkesson am Wahlabend, verlieren Stimmen
       
       Huch! Das war knapper als erwartet. Auch am Tag danach ist in Schweden noch
       unklar, welcher politische Block denn nun die Parlamentswahl gewonnen hat.
       Der Vorsprung der rot-grünen Opposition gegenüber dem
       liberal-konservativ-rechten Lager um Ministerpräsident Ulf Kristersson ist
       so klein, dass immer noch buchstäblich jede Stimme zählt. Auch jene, die
       erst am Mittwoch ausgewertet werden, etwa die der Auslands-Schweden, die an
       einer der Botschaften gewählt haben.
       
       Als die Wahllokale am Sonntag um 20 Uhr schlossen, sah es zunächst anders
       aus: Die sogenannten Exit-Polls, ein aus Befragungen vor Wahllokalen
       errechneter Trend, ließ die Opposition etwa eine Stunde lang wie den
       sicheren Wahlsieger aussehen. Dann kam nach Auszählung von 100 Wahlbezirken
       die erste Prognose des schwedischen Fernsehens SVT – und plötzlich lag die
       Opposition nur noch mit einem einzigen Mandat vor dem rechten
       Regierungslager. [1][Am Montagmorgen waren es dann 3 Mandate]. Seitdem
       steht es 176 zu 173 im kommenden Stockholmer Reichstag. Diese knappe
       Führung beruht auf nur rund 28.000 Stimmen.
       
       Nicht alles aber blieb ungewiss an dem plötzlich zum Mega-Wahlkrimi
       gewordenen Wahlabend. Eine frühe Erkenntnis: Die rechtspopulistischen
       Schwedendemokraten müssen überraschend starke Verluste einstecken. Die
       Partei, die gerade vier Jahre als Mehrheitsbeschaffer großen Einfluss auf
       die Regierungspolitik hatte, ist verlieren nicht gewöhnt. Seit ihrem Einzug
       ins Parlament 2010 ging es für sie stets bergauf.
       
       Nun ist Schluss damit: Sie büßten knapp 3 Prozentpunkte ein und stehen nach
       vorläufigen Zahlen bei 17,6 Prozent. Damit verlieren sie auch ihren Status
       als zweitgrößte Partei – diesen übernehmen wieder Kristerssons Moderate mit
       knapp 20 Prozent. Auch deren kleine Koalitionspartner Christdemokraten
       (6,2) und Liberale (5,4) legen zu. Dass die Liberalen es überhaupt über die
       4-Prozent-Hürde schaffen würden, war lange unklar und wurde am Wahlabend
       als Sensation bejubelt. Ein offensives Werben um taktische Wähler hatte
       offenbar Erfolg – teilweise auf Kosten der Schwedendemokraten.
       
       ## Sozialdemokraten ohne klares Programm
       
       Was ebenfalls schon früh klar wurde: Neben den Rechtspopulisten sind die
       Sozialdemokraten die einzige Partei, die Verluste hinnehmen muss.
       [2][Oppositionsführerin Magdalena Andersson] konnte den lange deutlichen
       Vorsprung der Links-Grünen in den Umfragen nicht in einen klaren Wahlsieg
       ummünzen. Im Gegenteil – ihre Partei muss mit einem historisch schlechten
       Wert klarkommen. Sie liegt nur noch bei etwa 28 Prozent, zweieinhalb
       Prozentpunkte unter dem Ergebnis von 2022.
       
       Als Ursache gilt ein Wahlkampf, in dem Andersson weniger auf ein klar
       sozialdemokratisches Programm als auf ein halbgares Werben um die
       politische Mitte setzte. Das soll nun nicht wenige ihrer Wähler zur
       Linkspartei getrieben haben – die mit 1,5 Prozentpunkten Zugewinn (jetzt
       bei 8,2 Prozent) quasi als Wahlsiegerin dasteht. Was sie daraus machen
       kann, ist allerdings noch völlig offen.
       
       Denn selbst wenn es beim Vorsprung der vier Oppositionsparteien bleibt,
       womit man derzeit rechnet, ist noch lange nicht klar, wer Schweden als
       Nächstes regiert. Alle vier zusammen hätten die Mehrheit – aber eine
       Koalition von Zentrumspartei in der Mitte bis zur Linkspartei ganz links
       ist quasi undenkbar. Die Sozialdemokraten könnten sich theoretisch mit
       Zentrumspartei und Grünen einigen und im Parlament auf
       Linkspartei-Unterstützung setzen. Minderheitsregierungen haben in Schweden
       Tradition, auch die aktuelle fand dafür ihre eigene Form.
       
       Nur hatte die Linke noch am Wahlabend ihre Forderung wiederholt: Wenn eine
       Regierung von ihren Stimmen abhängig ist, will sie auch in dieser Regierung
       sitzen. „Unsere Wähler sind genauso viel wert wie die der anderen“, sagte
       Vorsitzende Nooshi Dadgostar auf der Linken-Wahlparty dem Sender SVT.
       
       ## Rot-grüne Gespräche haben bereits begonnen
       
       Eine Koalition mit der Linkspartei? Dann lieber Neuwahlen, so lautet die
       Haltung von Zentrumschefin Elisabeth Thand Ringqvist. Dass es so weit
       kommt, gilt jedoch als unwahrscheinlich. Schwedens Parteien sind knappe
       Ergebnisse gewohnt und finden meist in letzter Minute einen Kompromiss,
       meinte ein SVT-Wahlexperte. Wie dieser aussehen könnte, wusste er
       allerdings auch nicht.
       
       Auf der rechten Seite gibt sich Ulf Kristersson noch nicht geschlagen. Nach
       diesem knappen Wahlergebnis bei gleichzeitigen Zugewinnen für ihn und seine
       beiden Koalitionspartner will er sich auch selbst auf die Suche nach neuen
       Möglichkeiten machen. Schwedische Medien berichteten bereits am Wahlabend,
       dass er Magdalena Andersson nicht zu einem Wahlsieg gratulieren werde,
       solange ihre Regierungsoptionen unklar seien.
       
       Das ist der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Lagern: Hätte die
       rechte Seite gewonnen, wäre alles klar gewesen. Sie hätten ihre gemeinsame
       Politik fortgesetzt – diesmal mit Ministerposten [3][für die
       Schwedendemokraten]. Ihr Kurs: harte Linie gegen Migranten, strenge
       Kriminalitätsbekämpfung, liberale Wirtschaftspolitik, Klimaschutz als
       Randthema.
       
       Unter den rot-grünen Parteien haben die Gespräche am Montag bereits
       inoffiziell begonnen. Ende September tritt der neue Reichstag das erste Mal
       zusammen. Ob Magdalena Andersson bis dahin eine Mehrheit hinter sich
       versammeln kann – und wie eine von ihr geführte Regierung aussehen könnte
       –, bleibt die spannende Frage.
       
       14 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wahlkrimi-in-Schweden/!6212829
 (DIR) [2] /Magdalena-Andersson/!5809567
 (DIR) [3] /Rechte-Schwedendemokraten/!6135323
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anne Diekhoff
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schweden
 (DIR) Wahl in Schweden
 (DIR) Schwedendemokraten
 (DIR) Sozialdemokraten
 (DIR) GNS
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Parlamentswahl in Schweden: Junge Schweden stoppen Populisten
       
       Nach der Wahl in Schweden ist vieles unklar, aber eins immerhin nicht: Die
       Schwedendemokraten verlieren an Zustimmung, zum ersten Mal überhaupt.
       
 (DIR) Schweden vor der Wahl: Rauer Ton im hohen Norden
       
       Am Sonntag wählt Schweden und kann sich für links oder rechts entscheiden.
       Gesundheitssystem, Wirtschaft und Arbeitslosigkeit dominierten den
       Wahlkampf.
       
 (DIR) Schweden vor den Wahlen: Mit niedlichen Hummeln um Wähler kämpfen
       
       Am Sonntag wählt Schweden. Die rechten Schwedendemokraten zeigen sich
       besonders selbstbewusst – nach vier Jahren nahe der Macht. Ein Besuch am
       Wahlstand.