# taz.de -- Schweden vor den Wahlen: Mit niedlichen Hummeln um Wähler kämpfen
> Am Sonntag wählt Schweden. Die rechten Schwedendemokraten zeigen sich
> besonders selbstbewusst – nach vier Jahren nahe der Macht. Ein Besuch am
> Wahlstand.
(IMG) Bild: Wahlkampf in Sundsvall: Der Kommunalpolitiker Mats Hellhoff (SD) ist zugleich auch Reichstagsabgeordneter
Ob sie so eine niedliche Hummel haben könne, fragt eine Frau, quasi im
Vorbeigehen. Natürlich, das darf sie. Als Nächstes möchte ein Teenager
wissen, ob die Tabakdosen etwas kosten, aber nein, er könne sich gern eine
nehmen. Über Politik wird dabei nicht geredet am Wahlstand der
Schwedendemokraten. Wozu auch – es gab offenbar keine Fragen, und das
Merchandising wird im Alltag der neuen Besitzer für sich sprechen.
Am 13. September geht Schweden zur Wahl. So wie hier in Sundsvall, 400
Kilometer nördlich von Stockholm, sieht es in diesen Tagen in großen und
kleinen Innenstädten überall im Land aus: Eine Budengasse wie auf der
Kirmes, aber statt Dosenwerfen gibt es politische Parolen. „An deiner
Seite“, titelt die Linkspartei der 100.000-Einwohner-Stadt. „Für deine
Freiheit, für unsere Zukunft“ die Liberalen. „Weniger Ungleichheit schafft
mehr Sicherheit“, sagen die Grünen auf einem Flyer.
Wird Schwedens rechte Regierung – die erste mit direktem Einfluss der
Schwedendemokraten – nach vier Jahren abgewählt? Kommt eine Art Linksruck?
Lange sah es in Umfragen danach aus, aber in den vergangenen Wochen begann
der große Vorsprung des Mitte-links-Parteienspektrums dahinzuschmelzen. Vor
allem die Sozialdemokraten – immer noch die größte Partei des Landes –
verlieren an Zustimmung. Sie sollten aufhören, über Ministerposten und
Parteiunverträglichkeiten zu reden, fordern Kritiker, stattdessen endlich
über ihre Politik. Es mangele an klar erkennbaren sozialdemokratischen
Visionen.
In Sundsvall jedenfalls ist vor allem [1][die Vision der Schwedendemokraten
gut zu erkennen]. An ihrem Stand werden nicht nur Hummel-Aufkleber und
Schnupftabakdosen mit Partei-Logo verteilt. Der ganze Auftritt sieht bunt
und verspielt aus, wie für ein Bilderbuch entworfen. Zwischen Farben und
Bildern finden sich natürlich auch Worte. Ihr Wahlkampf-Motto: „Wir machen
Schweden wieder zu Schweden.“
## Sozialdemokraten wirken fast bieder neben den Rechten
Die Erfolgsgeschichte der Schwedendemokraten, die sich selbst eine
sozialkonservative nationalistische Partei nennt, sie spiegelt sich in
dieser Gasse mit den Wahlständen wider. Die Außenseiterrolle ist längst
Vergangenheit. Deswegen auch die niedliche Hummel: Hummeln können fliegen,
obwohl sie es doch physikalisch gesehen gar nicht können dürften – die
Schwedendemokraten sehen Parallelen zu sich selbst. Die nach Umfragewerten
zweitgrößte Partei des Landes ist hoch geflogen und steht nun mit ihrer
Bude wie selbstverständlich neben den altehrwürdigen Sozialdemokraten. Und
deren Auftritt im klassischen Rot wirkt fast bieder neben dem der
Rechtspopulisten.
Bei den Christdemokraten gegenüber verschenkt man Mineralwasser,
Parteivorsitzende Ebba Busch lächelt vom Etikett der Flaschen. Sie gehörte
jetzt vier Jahre zu diesem Regierungskonstrukt, das die Rechts-außen-Partei
pro forma noch von Ministerien fernhielt, ihr aber als Mehrheitsbeschaffer
großen politischen Einfluss gab. Zusammenarbeit mit Schwedendemokraten?
Normalisiert.
Auf lokaler Ebene sei deren Politik auch ein bisschen anders, „sozusagen
etwas weicher“, sagt Arne Engholm am Liberalen-Stand. Er kandidiert für die
gleichzeitig stattfindende Kommunalwahl und meint, in der Kommunalpolitik
müsse man gemeinsam sehr konkrete Beschlüsse für die Menschen vor Ort
fassen. Das klappe eigentlich gut mit den Schwedendemokraten. Solche
Vertreter, die die Spielregeln nicht kannten und bei Sitzungen
herumschrien, die seien ja irgendwie unauffällig aussortiert worden.
Aber auf nationaler Ebene verstünde er manche Dinge nicht. Zum Beispiel,
warum das Verdienstminimum zum Erlangen einer Arbeitserlaubnis so stark
angehoben wurde. Man könne ja den Eindruck bekommen, sie wollten die Leute,
die weniger verdienen, loswerden.
## Wer soll die dann bremsen?
Seine Partei bangt derzeit um den Wiedereinzug ins Parlament. Den zu
verfehlen, hielte Engholm auch wegen der Schwedendemokraten für eine
„Katastrophe“: „Wer soll die dann bremsen?“, sagt er. Darum sei es doch
gegangen für die Liberalen in dieser Regierung: Bremsklotz zu sein für die
schlimmsten Ideen der Rechtspopulisten. Dass die Schwedendemokraten
überhaupt zu bremsen sind, wird allerdings von politischen Beobachtern
grundlegend angezweifelt.
Engholm ist kommunalpolitisch gut bekannt mit Mats Hellhoff, dem Mann am
Schwedendemokraten-Stand, der dort qua Alter und Erscheinung am meisten
Autorität ausstrahlt. Der sei Polizist gewesen, habe UN-Einsätze mitgemacht
und viel gesehen: Engholm findet ihn einfach gut. Der gehöre auch nicht zu
denen, die alle Menschen mit befristetem Aufenthaltsstatus aus dem Land
jagen wollen.
Der angesehene Hellhof wiederum sagt später: „Eigentlich sind wir uns mit
den Liberalen in den meisten Dingen einig.“ Er ist nicht nur
Kommunalpolitiker, sondern zugleich auch Reichstagsabgeordneter. Das gehe
gut, meint er, mit drei Tagen Stockholm pro Woche. Auch er findet, dass man
auf kommunalem Niveau mit vielen Parteien zusammenarbeiten könnte. Auf
nationaler Ebene gehe es hingegen doch viel um ideologische Fragen. Er sei
vielleicht nicht 100 Prozent mit allem einverstanden, was seine Partei sagt
und tut. „Aber wenn ich unseren Wahlkompass mache, dann sind das immer
mindestens 90 Prozent Übereinstimmung“, sagt der 72-Jährige.
Dass die Schwedendemokraten mit ihrem Vorantreiben einer immer
[2][rigideren Migrationspolitik] unter anderem dafür gesorgt hätten, dass
dringend benötigte Arbeitskräfte in der Pflege ausgewiesen würden,
beschreibt er als Mythos: Von 200.000 Pflegekräften in Schweden riskierten
vielleicht 200 die Ausweisung. Quasi vernachlässigbar, heißt das. „Wir
haben ja nur die Ansprüche verschärft an Menschen, die in Schweden bleiben
wollen“: Er lässt auch das normal klingen, was so viele in im Land
besonders umtreibt.
## Schwedendemokraten sind Bedrohung für Gesellschaft
Ein erheblicher Teil der Gesellschaft will sich mit dieser Normalität nicht
abfinden, und auch der ist in Sundsvall vertreten. Am bescheiden wirkenden
Grünen-Wahlstand, weit weg von dem der Schwedendemokraten, steht Jan-Olof
Strindlund. Der 89-Jährige engagiert sich seit zehn Jahren für die Grünen –
seit er einem Enkelkind bei einer Schularbeit über den Klimawandel geholfen
hat und sich des Themas damit erst bewusst wurde.
Er sieht keinen Grund, den Aufstieg der Rechtspopulisten gelassen zu sehen.
„Alles, was sie sagen, ist: Fahr so viel Auto, wie du willst, und wir
Schweden sind so viel besser als alle anderen“, sagt er. „Das heißt doch
auf lange Sicht, die Zivilisation zu zerstören.“
Dass die Schwedendemokraten eine Bedrohung für die Gesellschaft darstellen,
davor warnen nicht nur die politische Opposition, sondern auch
Menschenrechtsorganisationen, Rechtsexperten und politische Kommentatoren.
Während nicht zuletzt die jetzige Regierung aus Moderaten, Christdemokraten
und Liberalen sowie deren verbliebene Wähler dabei bleiben, es mit einer
weitestgehend normalen Partei zu tun zu haben.
Eine Gruppe Achtklässler auf Wahlprojekt-Ausflug bevölkert plötzlich die
Wahlkampf-Stände in Sundsvall – von allen Partei-Vertretern wollen sie
Antworten auf dieselben Fragen. Und siehe da, es findet sich eine
Übereinstimmung zwischen Schwedendemokraten und Grünen: Das Handyverbot an
Schulen finden beide gut. Eventuell eher eine Generationsfrage als eine von
Parteipolitik.
Petter und Gustav, beide 14 Jahre alt, erzählen, dass an ihrer Schule alle
Jungen rechts seien. „Da geht es nur noch darum, wie weit rechts“, meint
Gustav. Wie erklären sie sich das? „Vor allem mit Influencern auf Tiktok.“
Und wo sehen sie sich selbst? „Ich versuche, mich neutral zu halten“, sagt
Petter, „und einfach allen zuzuhören.“ Wie Schwedens politische Landschaft
aussieht, wenn er das erste Mal wählen darf: Auch das wird wohl schon am
kommenden Sonntag entschieden.
10 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anne Diekhoff
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