# taz.de -- Schweden vor der Parlamentswahl: Auf dem Sprung
> Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten könnten der nächsten
> Regierung angehören. Das rechtskonservative Lager hätte keine
> Berührungsängste.
(IMG) Bild: Anhänger der Schwedendemokraten (SD) bei einer Wahlveranstaltung in Göteborg, Schweden
„Sehnst du dich nach Mogadischu? Die Rückkehrprämie hilft dir nach Hause.“
Sie sind weit gekommen, [1][die Schwedendemokraten] mit ihren Wurzeln in
der White-Power-Bewegung und mit Neonazi-Sympathisanten unter den frühen
Vorsitzenden. Im Jahr 2026 sind sie mit so einer Wahlkampf-Botschaft keine
kleine, rechte Randpartei mehr, sondern die zweitstärkste im Land, mit um
die 20 Prozent der Wählergunst. Und sie wollen regieren.
Mitgeprägt haben sie die Regierungspolitik schon in den vergangenen vier
Jahren, als vertraglich verbriefter Mehrheitsbeschaffer der
liberal-konservativen Koalition. In dieser Zeit machte Schweden aus einer
finanziellen Unterstützung in Höhe von 1.000 Euro für Ausländer, die in ihr
Herkunftsland zurückkehren wollen, eine 30.000-Euro Rückkehrprämie. Das
geschah auf Betreiben just der Schwedendemokraten – obwohl unabhängige
Experten davor gewarnt hatten, dass es wenig bringen und stattdessen zur
Spaltung der Gesellschaft beitragen würde.
Im August prangte diese Mogadischu-Botschaft plötzlich an Bussen im
westschwedischen Skaraborg. 20 Busfahrer mit somalischen Wurzeln meldeten
sich aus Protest krank – sie fürchteten sich vor Angriffen und
Beschimpfungen. Das Verkehrsunternehmen ließ die Wahlwerbung schließlich
entfernen und die Schwedendemokraten sprachen von Zensur.
In ihren Anfängen, nach der Gründung 1988, sei die Partei nicht von vielen
Schweden gemocht worden, sagt Politikwissenschaftler Anders Sannerstedt von
der Universität Lund der taz. Sie wurden Rassisten genannt, von den
etablierten Parteien gemieden und hatten kaum Wähler. „Um wachsen zu
können, mussten sie diesen Neonazi-Stempel loswerden.“ Das habe
beträchtliche Zeit gedauert, sei der Partei jedoch schließlich
weitestgehend gelungen.
## Drittstärkste Kraft
2010 schafften die Schwedendemokraten mit 5,7 Prozent erstmals den Sprung
in den Reichstag. Als ersten Wendepunkt für die politische Landschaft des
ganzen Landes sieht Sannerstedt aber die Wahl 2014 an, bei der sie
plötzlich mit 12,8 Prozent drittstärkste Kraft wurden. „Das ging wie eine
Schockwelle durch die anderen Parteien.“ Der Effekt habe sich 2015
verstärkt, als noch einmal sehr viele Menschen auf der Flucht in Schweden
ankamen.
„Es ist so“, sagt der Politikwissenschaftler, „dass der großzügige Blick
auf Flüchtlingspolitik, der in Schweden lange galt, nie die Unterstützung
einer Mehrheit in der Bevölkerung hatte.“ Der wachsende Erfolg der bis
dahin einzigen Partei, die für ein Ende der offenen Migrationspolitik
stand, habe sowohl Sozialdemokraten als auch Moderate und Christdemokraten
zum Umdenken gebracht. „Hätten die nichts geändert, hätten sie wohl noch
mehr Wähler verloren.“
Eine „strammere“ Migrationspolitik wird also nicht erst betrieben, seit die
jetzige Regierung 2022 startete. Aber danach ging es erst richtig los –
sowohl in den Bereichen Kriminalität als auch Migration: starke Erhöhung
von Strafen, Gefängnis schon für Jugendliche, mehr
Überwachungsmöglichkeiten für die Polizei, höhere Mindestgehälter, um eine
Arbeitserlaubnis zu erhalten, erschwerte Familienzusammenführung, die
Pflicht einiger Behörden, Menschen ohne gültige Papiere zu melden, die
Abschaffung des Konzepts „dauerhafte Aufenthaltserlaubnis“.
## Nicht weit voneinander entfernt
Juristen kritisieren nicht zuletzt den hohen Takt der Gesetzgebung und das
Ignorieren der gängigen Untersuchungen und Anmerkungen von unabhängigen
Instanzen. Politikwissenschaftler Sannerstedt glaubt derweil nicht mal,
dass sich [2][die anderen Parteien der liberal-konservativen Seite] sehr
verbiegen müssten, um mit den Schwedendemokraten zusammenzuarbeiten. So
weit seien die gar nicht voneinander entfernt.
Die Schwedendemokraten hoffen unter ihrem langjährigen Vorsitzenden Jimmie
Åkesson nun auf den nächsten politischen Karrieresprung: Denn sollten das
konservativ-rechte Lager doch noch das Rennen machen, werden die
Schwedendemokraten zum ersten Mal eigene Ministerien bekommen.
So ist es besprochen. Für den Fall eines Wahlsieges fordern die
Schwedendemokraten mindestens zwölf Ministerien. Unter den Bewerbern sind
solche, die auch heute noch davon sprechen, dass es in Schweden zu viele
Menschen gebe, die nicht Teil der ethnisch-schwedischen Bevölkerung seien.
10 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Rechte-Allianz-in-Schweden/!6165176
(DIR) [2] /Brandmauer-broeckelt/!6163184
## AUTOREN
(DIR) Anne Diekhoff
## TAGS
(DIR) Schweden
(DIR) Wahl in Schweden
(DIR) Schwedendemokraten
(DIR) Migration
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) GNS
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Parlamentswahl in Schweden: Junge Schweden stoppen Populisten
Nach der Wahl in Schweden ist vieles unklar, aber eins immerhin nicht: Die
Schwedendemokraten verlieren an Zustimmung, zum ersten Mal überhaupt.
(DIR) Wahlkrimi in Schweden: Knappes Rennen, Schwedendemokraten verlieren
Schweden hat am Sonntag gewählt, doch noch sind nicht alle Stimmen
ausgezählt. Schon jetzt steht jedoch fest, dass die Regierungsbildung sehr
schwierig werden wird.
(DIR) Schweden vor der Wahl: Rauer Ton im hohen Norden
Am Sonntag wählt Schweden und kann sich für links oder rechts entscheiden.
Gesundheitssystem, Wirtschaft und Arbeitslosigkeit dominierten den
Wahlkampf.
(DIR) Schwedischer Menschenrechtsexperte: „Man könnte von Rassismus sprechen“
Schwedens rechte Regierung verschärft das Strafrecht und will
Staatsbürgerschaften entziehen. John Stauffer warnt vor dem Abbau des
Rechtsstaats.
(DIR) Umstrittene Grundgesetzänderung: Schweden will Staatsangehörigkeit wieder entziehen können
Menschen mit mehreren Staatsbürgerschaften können künftig die schwedische
wieder verlieren, wenn sie den „vitalen Interessen“ des Landes schaden.
(DIR) Höhere Hürden bis zum schwedischen Pass: „Demokratie aufs Spiel gesetzt“
Bei der Abstimmung zum verschärften Einbürgerungsgesetz ignorieren die
rechtspopulistischen Schwedendemokraten bewusst ein ungeschriebenes Gesetz.