# taz.de -- Repressionen in Tunesien: Mangel an Wasser und Pressefreiheit
> Tunesische Behörden gehen immer schärfer gegen Journalisten und
> Aktivisten vor. Die Verhaftung von Mohamed Yousfi gilt als Höhepunkt der
> Repressionen.
(IMG) Bild: Die Inhaftierung des Journalisten Mohamed Yousfi und der Krisensommer in Tunesien ist für viele ein Wendepunkt
Der tunesische Sommer war geprägt von [1][Temperaturen bis zu 50 Grad,
regelmäßigen Stromausfällen, immer wieder unterbrochener Wasserversorgung]
und dem Mangel an Mineralwasserflaschen. An vielen Orten reagierten die
Bürger mit Straßenprotesten und wutentbrannten Klagen in sozialen Medien.
Im ganzen Land wird im Familienkreis und unter Freunden darüber diskutiert,
wie die Folgen des deutlich spürbaren Klimawandels abgemildert werden
können. Allein in Krankenhäusern und Gefängnissen waren Dutzende Menschen
an Überhitzung gestorben. Doch eine öffentliche Kritik über die mangelhafte
Infrastruktur findet aus Angst vor Repression kaum statt.
Als der Journalist Mohamed Yousfi Anfang September das Gebäude des
Radiosenders Express FM im Zentrum von Tunis betreten wollte, war seine
Stimmung gut. Der wohl zurzeit bekannteste Podcaster des Landes und
Chefredakteur des Investigativmagazins Al Qatiba wollte über den
[2][Krisensommer sprechen, der vielen im Land wie eine Art historischer
Wendepunkt vorkommt].
Yousfi ist zwar als Kritiker von Präsident Kais Saied bekannt, aber
niemand, der einen Systemsturz will. Das Gespräch auf Express FM sollte
eine Analyse der Lage werden. Doch vor dem Gebäude fingen ihn mehrere
Polizisten ab und brachten ihn in die Haftanstalt Mornagia.
## Haft wegen staatlicher Kritik
Die Vorwürfe gegen ihn ähneln denen gegen Dutzende andere Journalisten und
Aktivisten, die in den letzten Monaten verhaftet und verurteilt wurden.
Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen wurde gegenüber 50
prominente Medienschaffende in Tunesien ermittelt, mindestens 5 sitzen
derzeit in Untersuchungshaft oder wurden zu langjährigen Haftstrafen
verurteilt. Wie viele Bürger wegen kritischer Äußerungen strafrechtlich
verfolgt wurden, weiß niemand.
2022 hatte Präsident Saied den sogenannten Erlass 54 eingeführt. Damit
können Gerichte die Verbreitung von Falschmeldungen und persönliche
Verunglimpfungen mit jahrelanger Haft bestrafen. Seitdem ist die Angst,
durch Kritik ins Visier der Ermittlungsbehörden zu geraten, enorm
gestiegen. Human Rights Watch, das Internationale Komitee zum Schutz von
Journalisten oder Amnesty International fordern das Ende oder mindestens
die Reform des Dekrets.
Die Verhaftung von Aktivisten, die sich für Migranten oder
gesellschaftliche Minderheiten einsetzten, ist dabei in den letzten Jahren
eher mit Gleichgültigkeit hingenommen worden. Viele Tunesier ziehen
weiterhin einen Präsidenten vor, der den Ruf hat, nicht korrupt zu sein und
sich als Kritiker der mächtigen Wirtschaftskartelle gibt. Das Ausbleiben
vieler von ihm angekündigter Wirtschaftsreformen macht er mit
populistischen Appellen und Warnungen vor dunklen Mächten wett.
Das Staatsfernsehen Watania übernimmt die Narrative. Aufnahmen einer
aufgebrochenen Tür und ein neben einem Stromwandler gefundenes Stofftuch
wurden als Beweise dafür genommen, dass unbekannte Dritte hinter der Serie
von Stromausfällen stecken. Experten des staatlichen Stromproduzenten Steg
sagen hingegen, man habe die Behörden im Frühjahr vor bestehenden
technischen Problemen und mangelnder Wartung gewarnt.
## Empörung der Bevölkerung steigt
Doch die Verhaftung von Mohamed Yousfi könnte ein ähnlicher Einschnitt sein
wie der Zusammenbruch der Infrastruktur während der sechswöchigen
Hitzewelle. Die Empörung der Bevölkerung darüber, dass man über ein
offensichtliches und jede Familie betreffendes Problem nicht sprechen darf,
steigt deutlich an.
Human Rights Watch sieht den Fall als vorläufigen Höhepunkt einer Welle von
Repressionen. In einem Anfang September veröffentlichten Bericht
beschreiben sie Dutzende Fälle von staatlichem Vorgehen gegen NGOs. Demnach
wurden 47 tunesische Aktivisten in Untersuchungshaft genommen, 10 sitzen
seit mehr als vierzehn Monate im Gefängnis.
Darunter sind angesehene und landesweit bekannte Vertreterinnen der
Zivilgesellschaft. Das politische Engagement vieler engagierter Bürger
hatte das Land zum Leuchtturm des Arabischen Frühlings gemacht. Frauen wie
Sadia Mosbah und Sonia Dahmani sind auch in Beirut oder Bagdad bekannt und
haben Kämpferinnen für Frauen- und Minderheitenrechte inspiriert. Mosbah
hatte etwa in den letzten Jahren an der Umsetzung eines
Antidiskriminierungsgesetzes mitgearbeitet und sich für die Rechte von
Migranten eingesetzt.
## Unabhängiger Journalismus als Störfaktor
Wegen dem Erhalt von Geldern aus dem Ausland und finanzieller
Unregelmäßigkeiten wurde die 66-jährige Mosbah im März zu acht Jahren
Gefängnis verurteilt. Fünf Mitarbeiter von Organisationen, die sich für
Migranten einsetzten, sind laut Human Rights Watch zu langjährigen
Haftstrafen verurteilt worden, während internationale und tunesischen
Journalisten keine Genehmigungen erhalten, um über Migration und die
Zeltstädte bei Sfax unabhängig zu berichten.
Journalisten und Beobachter stehen als Störfaktor der offiziellen Narrative
im Visier, glauben viele Rechtsanwälte. Bassem Trfi, einer der
Rechtsanwälte der verurteilten TV-Kommentatorin Sonia Dahmani, sieht das
Verfahren als „schreiende Ungerechtigkeit“ und den Versuch, „Kritik an der
Behandlung von Migranten aus Subsahara-Afrika zum Schweigen zu bringen“.
Mediale Aufmerksamkeit fand auch der Tod des libanesischen Geschäftsmannes
Ali Qasim Qasab, der nach zweimonatiger Haft im Mornaguia-Gefängnis unter
ungeklärten Umständen starb. Die Tunesische Liga für Menschenrechte (LTDH)
dokumentierte diesen Sommer den Tod von 23 Gefangenen, die an der Folge der
Hitze in ihre Zellen gestorben sein sollen.
Zunehmend lebensbedrohlich soll die Situation von Wael Naouar und vier
Mitstreitern sein, die sich seit dem 16. August in einem Hungerstreik
befinden. Die in Untersuchungshaft sitzenden Aktivisten hatten zwei
Sumud-Hilfskonvois nach Gaza organisiert und tausende Unterstützer
mobilisiert. Auch ihnen werden finanzielle Unregelmäßigkeiten vorgeworfen,
ohne dass bisher Details öffentlich bekannt wurden.
## Immer mehr Tunesier wollen weg
Dass auch Prominenz nicht schützt, musste der Radiomoderator Haythem el
Mekki erleben. Er hatte sich während des Höhepunktes der Migrationskrise im
letzten Jahr über die Zustände im Leichenschauhaus des Krankenhauses von
Sfax beklagt. Dort wurden Leichen von Migranten gelagert, die auf dem Weg
nach Italien [3][auf dem Mittelmeer verunglückten]. Am 15. Juli wurde er zu
einem Jahr Gefängnis verurteilt. Vor dem Berufungsverfahren setzte er sich
ins Ausland ab – wie so viele vor ihm.
Wochen zuvor waren die Investigativjournalisten Zied el Heni und Khaoula
Boukrim ohne Revisionsmöglichkeit verurteilt worden. Boukrim soll vier
Jahre für kritische Facebook-Posts hinter Gittern verbringen. Die
Internationale Journalismus-Föderation und andere Organisationen fordern
ihre Freilassung, sowie die der TV-Kommentatorin Sonia Dahmani, die eine
Bemerkung in einer Talkshow mit zwei Jahren Haft bezahlt.
Dabei hatte Dahmani nur darauf hingewiesen, dass die Jugend Tunesiens das
Weite sucht und nicht nur die Migranten für die wirtschaftlich angespannte
Lage verantwortlich sind. Ihre Verurteilung konterkariert die
Antimigrationsstrategie der EU in Nordafrika. Denn immer mehr engagierte
Tunesier wollen nur noch eins: weg.
16 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mirco Keilberth
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