# taz.de -- Premiere für Bundestrainer Klopp: Erster Stresstest für den Verpackungskünstler
       
       > Jürgen Klopp weiß das Remis gegen die Niederlande in der Nations League
       > bestens zu verkaufen. Noch wird mehr über ihn als über Fußball
       > gesprochen.
       
 (IMG) Bild: Nationalmotivator an der Linie: Jürgen Klopp bei seinem ersten Einsatz als Bundestrainer
       
       Wieder eine tolle Nachricht von Jürgen Klopp! Zum Schlimmsten ist es in
       Amsterdam nicht gekommen bei seiner mit so großer Spannung erwarteten
       Premiere als Trainer des deutschen Nationalteams. Fast zehn Minuten hatte
       er schon das Spiel im Presseraum der Johan-Cruyff-Arena vor seinem inneren
       Auge gedreht und gewendet, als er erklärte: „Das Schlimmste, was von allen
       negativen Szenarien hätte passieren können, wäre gewesen, wenn wir heute
       das beste Spiel in unserer gemeinsamen Zeit absolviert hätten. Denn dann
       wären alle anderen schlechter geworden. Das hätte ich nicht gerne gesehen.
       So haben wir viel Spielraum für Verbesserungen.“
       
       Oder anders gesagt: Es gibt viel Raum für Vorfreude im deutschen
       Männerfußball. Der artistisch schöne Ausgleichstreffer zum 1:1 durch den
       Niederländer Cody Gakpo in der Nachspielzeit konnte die deutsche Stimmung
       nur ein wenig trüben, weil er letztlich doch nur die Liste der möglichen
       Verbesserungen um einen weiteren Punkt bereicherte: Wie bringe ich eine
       Führung kurz vor Schluss über die Runden.
       
       So gesehen war der insgesamt recht wacklige und wilde Auftritt der
       deutschen Elf zum [1][Nations-League-Auftakt] nur hilfreich. Und vor den
       Journalisten hob der Bundestrainer sowieso die Stärken hervor. Es sei so
       viel dabei gewesen in dieser Partie, „womit wir super arbeiten können“,
       begeisterte sich der Bundestrainer.
       
       ## Gewinnender Typ
       
       Das sind übrigens typische Klopp-Momente. Es drängte sich wieder einmal der
       Gedanke auf: Der Mann kann einfach nur gewinnen. Das ist jedenfalls auch
       das, was bei den Menschen in den letzten Jahren hängen geblieben ist und
       ihm in den vergangenen Wochen eine Erlöserrolle beschert hat, die weit über
       den Fußball hinausgeht.
       
       Das hat wiederum auch mit der Ausgangslage zu tun, die für einen, der die
       weniger guten Momente eines Fußballspiels bestens zu verkaufen weiß,
       prächtig ist. Nach dem wiederholt kläglichen WM-Ausscheiden des DFB-Teams,
       dieses Mal Ende Juni gegen Paraguay im Sechzehntelfinale, hatte das
       negative Denken Hochkonjunktur. Und so wurde die Fußballelf schnell zum
       Sinnbild eines verlorenen Landes, in dem eh nichts mehr funktioniert. Wer
       sollte dieses deutsche Team nicht schlagen können? Die Zukunft wollte sich
       lieber keiner genauer ausmalen.
       
       Jetzt sitzt da nur knapp drei Monate später ein mittlerweile geradezu
       Angehimmelter auf dem Podium, der Optimismus wie Freibier ausschenkt und
       sich mithilfe einer Basecap Bescheidenheit und Gemeinsinn auf seine Stirn
       hat schreiben lassen: „Einer von 83 Millionen“
       
       ## Mann des Wortes
       
       Die Mütze mit dem Schriftzug ist ein neues Markenzeichen von Klopp, das
       [2][bei der bemerkenswerten Vorstellung seines exorbitant großen Aufgebots]
       vergangene Woche erstmals zur Aufführung kam. Denn bevor die deutsche Elf
       nach dem WM-Frust mit gelungenen Aktionen glänzen konnte, hatte Jürgen
       Klopp gefühlt schon die absolute Mehrheit in diesem Land hinter sich
       gebracht.
       
       Erstaunlich wenig brauchte es dafür: Worte statt Taten. Bei der Vorstellung
       seines 44-Mann-Kaders entfachte er mit seiner lässigen Art, Optimismus zu
       verbreiten, eine Aufbruchsstimmung, die offenkundig eine Sehnsucht in
       diesem Land bediente, die den Fußball übersteigt. [3][Sein eingeschobenes
       Kurzreferat zu einem möglichen positiven Patriotismus] in Abgrenzung zur
       AfD verstärkte den Effekt besonders. Ein Leitartikler der Wochenzeitung Die
       Zeit begeisterte sich danach am „Fest ermutigender Adjektive“, der
       Bild-Chefautor war von Klopps Rede zu Tränen gerührt, wie das Blatt selbst
       berichtete.
       
       Klopp ist ein Mann des Wortes. Viele hören ihn gern reden, was ihn zum
       präsentesten Werbegesicht des deutschen Sports gemacht hat, dem fast alles
       abgekauft wird. Nur als er sich in die Dienste des österreichischen
       Brauseherstellers stellte, der den Fußball als Marketingtool nutzt, nahmen
       ihm das einige übel. Aber die vergangenen Wochen reichten schon, dass das
       nahezu in Vergessenheit geraten ist.
       
       Mit einem gehörigen Dezibelabstand wurde Klopp in der Amsterdamer Arena von
       den deutschen Fans bei der Verlesung aller Namen durch den Stadionsprecher
       am meisten gefeiert. Der Star im DFB-Team sitzt zweifelsohne auf der
       Trainerbank.
       
       Könnte er nicht auch einen Kader von 83 Millionen Deutschen trainieren und
       braucht es statt eines Bundeskanzlers nicht ohnehin eher einen
       Motivationscoach? Diese Fragen drängten sich nach dem Hype der letzten
       Woche auf.
       
       ## Ungute Erinnerungen
       
       Die Partie gegen die Niederlande hat die Realitätssinne wieder etwas
       geschärft. Es ist vor allem die Klopp’sche Verpackung der Leistungen des
       Nationalteams, die so glänzt. Völlig vergessen war, wie schnell sich die
       deutsche Defensive auseinanderspielen lässt. Die eine oder andere
       WM-Erinnerung wurde aber am Donnerstagabend schmerzlich aufgefrischt. Der
       niederländische neue Coach Xavi hatte jedenfalls nicht unrecht, im Duell
       der Neuanfänger hatte sich sein Team die besseren Gelegenheiten erspielt.
       
       Aber es verbieten sich natürlich Zwischenzeugnisse nach nur einer
       gespielten Partie. Jürgen Klopp wies am diesem Donnerstagabend zu Recht
       darauf hin: „Um eine eigene Art des Fußballs zu entwickeln, braucht es mehr
       als zwei Trainingstage.“ Und er forderte: „Wir müssen jetzt tiefer gehen.“
       Es wird nach den nächsten Länderspielen der deutschen Auswahl zwangsläufig
       mehr über Inhalte als über Optimismus gesprochen werden.
       
       Und dass Klopps Ansprachen energie- und selbstbewusstseinsspendend sein
       können, das war in Amsterdam durchaus zu sehen. Besonders sprang das beim
       Debütanten Philipp Treu vom SC Freiburg ins Auge, der die größte
       Problemzone des deutschen Fußballs, die rechte Außenverteidigerposition,
       mit dem richtigen Maß von Eifer und Verstand über 90 Minuten beeindruckend
       souverän ausfüllte.
       
       Auf seine bissig geführten Zweikämpfe reagierte sein Coach mehrmals mit
       geballter Faust. Treu war das beste Beispiel dafür, dass Klopp Spieler
       durchaus stark reden kann. Was die Emotionalität und Einsatzbereitschaft
       angeht, überzeugte übrigens das ganze Team. Und damit ist bei dem
       Bundestrainer schon einmal viel gewonnen.
       
       Aber das Verbreiten von positivem Denken und Optimismus wird nur eine
       Facette der Arbeit von Jürgen Klopp sein. [4][Es dürfte in den nächsten
       Wochen wieder mehr über Fußball gesprochen werden]. Und das ist vielleicht
       auch nicht das schlimmste Szenario.
       
       25 Sep 2026
       
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