# taz.de -- Musikalischer Waldspaziergang: Der Sound des grünen Fingers
       
       > Eine Osnabrücker Wahrnehmungswerkstatt sensibilisiert für Zwischentöne –
       > ob nun aus der Natur kommen, dem Straßenverkehr oder Musikinstrumenten.
       
 (IMG) Bild: Beinahe die Geräusch der Natur: Cellist Willem Schulz beim musikalischen Waldspaziergang in Osnabrück
       
       Es ist schön hier oben, so schön, als hätten sich sämtliche englische
       Landschaftsmaler des 18. Jahrhunderts zusammengetan, um aus dem Osnabrücker
       Schinkelberg ein romantisches Idealbild zu machen. Nur die fünf fiesen
       Nager, die auf einem blutroten Comicschild der Stadtverwaltung drohend ihre
       Zähne blecken, stören dabei ein bisschen: „No rubbish – no rats!“
       
       Auf dem Programm steht hier heute die [1][Wahrnehmungswerkstatt „Lauschend
       Wandern“]: zwei Stunden kontemplatives, kollektives Schweigen beim
       horchenden Gang unter winddurchrauschten Buchen und Kastanien, auf
       Talpfaden und Wiesenkuppen, entlang an Brombeerdickichten und hübsch
       drapierten Findlingen, durch moosiges Wurzelwerk und Reste alter Hohlwege.
       „Atmet hinein in die Landschaft!“, sagt Kurator Dirk Manzke zu Beginn,
       Professor für Stadt- und Freiraumplanung an der Hochschule Osnabrück.
       „Lasst kommen, was passiert!“
       
       Dann übergibt er Willem Schulz die Führung. Der Experimental-Cellist lockt
       die 30 Teilnehmenden in die Natur. An seiner Seite sind Johanna Geith,
       Susanne Schulz und Hartmut Koehler, Viola und Violine. Was sie spielen,
       mitunter allein und mitunter gemeinsam, mitunter geplant und mitunter
       spontan, ist feinsinnig und hypnotisch. Mal imitiert ihr Spiel den Ruf der
       Vögel, dann wieder das Knarren der Baumstämme.
       
       Schön ist das. Doch wer auf Idylle hofft, geht fehl. Der Schinkelberg ist
       zwar einer von [2][Osnabrücks „Grünen Fingern“], naturnahen Freiräumen, die
       das Innere der Stadt sternförmig mit dem Umland verbinden. Aber das
       Stadtviertel, das er überragt, ist ein Zeugnis der Industrialisierung. Er
       liegt an Wohnbebauung und Gewerbe – zwischen Eisen- und Autobahn – und das
       ist unüberhörbar. Hinzu kommt: Freiräume sind umkämpft. Manzke, der heute
       für den Verein für Baukultur Osnabrück hier ist, geht es darum, sie zu
       schützen.
       
       Die MusikerInnen schreiten, chanten, umkreisen einander, verbergen sich im
       Geäst, trennen sich, spielen in der Ferne halb nur für sich, stehen auf
       Hügeln vor dramatischen Himmeln, machen Gebüschlichtungen zu ihrer Bühne.
       Halten sie an Wegkreuzungen inne und umringen die Teilnehmenden, dann
       signalisiert das: Seht euch um! Der Zauber, der euch umgibt, ist groß!
       
       Dabei hat der Nachmittag auch skurrile Momente – nicht alle davon sind
       unbedingt beabsichtigt. Wir kommen an offiziellen Feuerschalen und
       Grillasche-Entsorgungsstationen vorbei, direkt neben ihnen ebenso
       offizielle Warnungen: Lagerfeuer verboten! Grillen verboten! Wie Feuer ohne
       Feuer gehen soll, Grillen ohne Grillen? Ein Mysterium. Auch das wird zur
       Bühne, Ratten inklusive.
       
       Höchst seltsam ist der blausilbrige Slip im Unterholz zu Füßen des
       Fernmeldeturms, der zwar Osnabrücks höchstes Gebäude ist, aus
       Waldperspektive aber kaum auffällt. Ob die MusikerInnen das Kleidungsstück
       bemerken, als sie sich vor dem Tor des Turms aufreihen, ist nicht
       überliefert.
       
       Offen bleibt auch die Frage, warum jemand auf die Idee kommt, am Parkplatz
       – nur drei Schritte neben einem absurd gigantomanischen Mülleimer –
       Einkaufstaschen am Wegesrand zu entsorgen, von Action bis Kaufland, mit
       verfaulten Äpfeln drin.
       
       Aber der Rest hat Magie. Schulz tanzt mit seinem Cello, andächtig, spielt
       es fast über Kopf, sein langes Haar weht theatralisch im Wind. Und obwohl
       der Stadtlärm um uns nicht wirklich fort ist, vom Motorradgebrüll bis zur
       Sirene, verschwindet er. Das Rascheln der Blätter unter unseren Füßen tritt
       hervor, das Knacken der Äste, das Wispern des Winds in den Gräsern.
       
       Manche der Zuhörenden setzen sich auf den Boden, blicken in den Himmel,
       schließen die Augen, umarmen einander. Sie lehnen verträumt an Bäumen,
       spüren den Tropfen des Regens nach, der fast unmerklich fällt. Sie lauschen
       – auch der Stille. Durch die Langsamkeit, in der wir uns bewegen, wirkt der
       Naturraum um uns, obwohl nicht groß, unendlich.
       
       26 Sep 2026
       
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