# taz.de -- Planer über grüne Fugen in der Stadt: „Die Grünen Finger sollten egofreie Räume werden“
       
       > Osnabrücks „Grüne Finger“ stehen unter Druck, nicht zuletzt durch
       > Bau-Begehrlichkeiten. Dirk Manzke sensibilisiert dafür, wie viel Freiraum
       > wert ist.
       
 (IMG) Bild: Stadtnahe Landschaften: der Belmer Bach in Osnabrück
       
       taz: Herr Manzke, was sind die „Grünen Finger“ in Osnabrück? 
       
       Dirk Manzke: Das sind 13 große, grüne Fugen, die in die Stadt
       hineinreichen, stadtnahe Landschaften. Sie sind sehr divers, sehr
       charaktervoll. Seit Kurzem existiert eine politische Selbstverpflichtung,
       sie zu schützen. Sie hat zwar keinen Rechtsanspruch, aber Verhandlungen
       zwischen Stadtgesellschaft, Wirtschaft und Politik werden dadurch
       sensibler. Das Spannungsverhältnis hat sich in Richtung Ökologie
       entwickelt.
       
       taz: Welche Funktionen haben diese Landschaften? 
       
       Manzke: Das sind [1][Kaltluftschneisen, Starkregenregulierer, Lebensräume,
       Abkühlungsgaranten], Lernräume für ein langsameres Leben. Solche
       Landschaften gibt es sehr selten in einer Stadt. Und wenn man etwas in sie
       hineinbaut, darf das keine Vereinnahmung sein, das muss als Korrespondenz
       funktionieren.
       
       taz: Was kann man in Ihren Workshops zum 100. Jubiläum der grünen Finger
       lernen? 
       
       Manzke: Es geht um die Wertschätzung der Natur. Das erfordert die Lust
       aufzuspüren, zu entdecken, ein In-Resonanz-Gehen mit der Natur, die von uns
       nichts will. Aber wir wollen etwas von ihr, also müssen wir ihr ein
       williger Partner sein. Die Grünen Finger sollten egofreie Räume werden.
       
       taz: Versteht die Stadt, was Sie bewirken wollen? 
       
       Manzke: Das Kulturamt sagte anfänglich, das fällt in den Bereich
       Stadtplanung, die Stadtplanung sagte, das ist Sache des Kulturamts. Das
       zeigt: Dinge, die uns elementar betreffen, brauchen weiterhin
       Kommunikation. Bei den Werkstätten ist es gerade gelungen.
       
       taz: Was erlebe ich in „Lauschend Wandern“? 
       
       Manzke: Eine Klangmischung. Da ist das Stadtrauschen, etwa Autos. Man hört
       seine eigenen Schritte, das Rascheln der eigenen Kleidung, ist mit sich
       selbst in Kontakt und hört die Natur. Hinzu kommen MusikerInnen. Sie führen
       uns akustisch durch die Landschaft, reagieren auf sie und aufeinander. Eine
       leibhaftige, sinnliche Anwesenheit entwickelt sich.
       
       taz: Ein Sicheinlassen auf die Natur? 
       
       Manzke: Das ist faszinierend, wie eine innere Verführung. Lustprojekte wie
       dieses sollten Teil des Stadtalltags werden, für alle.
       
       taz: Wer mitgeht, gibt das Versprechen ab, zu schweigen? 
       
       Manzke: Wir reden ja unausgesetzt heutzutage. Hier hören wir zu. Eine
       andere Art von Gemeinschaft bildet sich dadurch, und das meine ich nicht
       verklärt, esoterisch. Durch das Schweigen entsteht ein Redestau, und was
       die Leute am Zielpunkt sagen, ist dann sehr schön, betroffen und emotional.
       
       taz: Aber die Begehrlichkeiten, das Grün der Städte durch Grau zu ersetzen,
       [2][durch Bebauung], sind groß? 
       
       Manzke: Es gibt eine betriebswirtschaftliche Dominanz, die sich sehr
       neoliberal ausgebreitet hat, [3][eine Dominanz privatwirtschaftlicher
       Interessen, die auch politisch legitimiert werden]. Uns fehlt es an Charme,
       an der Bereitschaft zur Subtilität.
       
       taz: Was ist die größte Konfliktlinie dabei? 
       
       Manzke: Einsicht in die Notwendigkeit. Wir müssen lernen, dass wir
       existenziell gefährdet sind. Wir brauchen Entsiegelung, Verschattung, und
       vieles davon kann jeder von uns selber machen. Im Herbst das Laubfegen
       feiern. Blühwiesen anlegen. Lebendige Gewässerufer schaffen. Der Stadt
       kleine Wildnisse schenken.
       
       taz: Wenn Sie selbst in der Natur unterwegs sind: Was weckt dort am
       nachhaltigsten Ihre Sinne – und Ihr Verstehen? 
       
       Manzke: Ich zeichne viel. Ich zeichne dabei nicht ab, aber ich präge mir
       Situationen ein. Der Blick für Räume verändert sich dadurch. Das verleiht
       Ruhe, Konzentration, Wahrnehmung. Das ist Lustarbeit an sich selbst. Und
       Resonanz.
       
       16 Sep 2026
       
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